Sonntag, 2. März 2014

[Konzert] Die Kammer
Support: Meystersinger
Freitag, 14. Februar 2014
Das Bett, Frankfurt

Eher durch Zufall, beim Besuch eines anderen Konzertes, erfuhr ich vor einigen Tagen, dass Die Kammer zum Release ihres zweiten Albums Season 2: Views From The Inside im Frankfurter Bett ein kleines Konzert spielen wollten. Bisher kannte ich die Band nur von vereinzelten Sampler-Beiträgen und hatte mich auch noch nicht wirklich intensiv mit ihrer Musik beschäftigt. Jedoch machte mich die nicht alltägliche Besetzung mit zwei akustischen Gitarren, Schlagzeug, zwei Violinen, Cello und Tuba neugierig. Daher entschloss ich mich kurzerhand, an einem sonst eher ereignislosen Freitagabend, einen Abstecher nach Frankfurt in die Schmidtstraße zu machen. Auf meine Nachfrage wurde mir bestätigt, dass es noch ausreichend Karten an der Abendkasse geben würde. Daher schreckte mich die relativ lange Schlange vor dem Eingang auch nicht sonderlich ab, die sich schon deutlich vor der eigentlichen Öffnungszeit um 20 Uhr gebildet hatte. Kurz nachdem ich meine Karte abgeholt und mich in die Menge der Wartenden eingereiht hatte, öffneten sich auch die Türen und es ging im Gänsemarsch vorwärts. Schließlich hatte ich mich mit dem Gros der Besucher an der Garderobe vorbei in den Saal gedrückt und mir an der Theke eine Kleinigkeit geholt um die Lippen zu befeuchten. Der Innenraum des Bett füllte sich erstaunlich schnell und ich nutzte die kurze Ruhepause zwischen zwei Besucherwellen, um dem schicken „Feinkostladen“ mit dem Merchandise einen kurzen Besuch abzustatten und mir den frisch erschienenen Silberling zu holen. Mittlerweile wurde die Beleuchtung verdächtig heruntergedimmt und ich beeilte mich, mir einen Platz zu sichern, von dem aus ich das Geschehen auf der Bühne gut im Blick haben würde.
Sogar etwas überpünktlich, kurz vor 21 Uhr, betrat dann auch die Vorband die Bühne, um dem Publikum die Wartezeit auf den Hauptact ein wenig zu verkürzen. Meystersinger aus Berlin ist das derzeitige musikalische Projekt der umtriebigen Luci van Org, bei dem sie zusammen mit dem Sänger und Schauspieler Roman Shamov elektronische Musik mit deutschen Texten kombiniert. Alleine optisch fiel das Duo schon deutlich aus dem Rahmen: Gekleidet in etwas merkwürdige weiße Gewänder, mit Schiffchen auf dem Kopf und Leuchtringen an den Fingern, waren die beiden ein echter Blickfang. Als dann noch im Laufe des Auftritts kleine Filmchen, Bilder und sogar ein Pong-Spiel auf die Kleidung projiziert wurde, war die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums garantiert. Auch musikalisch bot die Band eine recht breit gefächerte Palette. So reichten die Stücke von dezenter Hintergrundkulisse bei „Geht´s Dir gut da, wo Du bist?“ über Elektrostücke bis hin zu dem arg Techno-lastigen „Ja, ich will!“ von der letztjährigen Berliner CSD-Parade. Die Texte drehten sich zumeist um Beziehungen mit all ihren Höhen, Tiefen und Variationen, mal melancholisch, mal euphorisch, aber immer mit einem kleinen ironischen Augenzwinkern. Nach leider nur einer halben Stunde setzte die Band dann mit „Am Ende aller Dinge“, meinem Favoriten, einen gelungenen Schlusspunkt unter ihren Auftritt.
Nachdem das Spektakel auf der Bühne vorbei war, hatte ich endlich die Gelegenheit mich ein wenig umzuschauen: Falls das Bett an diesem Abend nicht komplett ausverkauft war, so fehlte zumindest doch nicht mehr allzu viel. Der Versuch mir in der kurzen Umbaupause an der Theke etwas zu trinken zu holen scheiterte dann auch schon im Ansatz kläglich. Zwischen den dichtgedrängten Gästen gab es kaum ein Durchkommen und so zog ich mich, immer noch durstig, wieder auf meinen Platz zurück. Glücklicherweise war die Wartezeit bis zum Auftritt von Die Kammer nicht sonderlich lang und ziemlich genau um 21.30 Uhr betraten die sieben Musiker, für einige von ihnen war der Auftritt in Frankfurt in Heimspiel, die Bühne.
Die Band, um die beiden musikalischen Köpfe und Gitarristen Marcus Testory und Matthias Ambré, startete mit „Slipping Around The Corner“ vom neuen Album durch und präsentierte damit eine reinrassige Folk-Nummer, die das Publikum vom ersten Takt an zum Mitmachen animierte. Ebenfalls aus Season 2: Views From The Inside stammte das etwas ruhigere „Be Careful“, bei dem der Schwerpunkt hauptsächlich auf den Gitarren und dem Schlagzeug lag. Anschließend zeigte die Band mit „The Line Of Last Resistance“, dass sie nicht nur die ruhigen Töne beherrscht, sondern auch durchaus düsterer und rockiger klingen kann. Dazu passend tauschte, zum einzigen Mal an diesem Abend, Dirk Klinkhammer seine Tuba gegen einen E-Bass aus. Etwas älter waren die vier folgenden Stücke, die eine ordentliche Mischung aus Folk, Klassik und Rock boten und bei denen das Publikum nicht still stehen konnte. Schließlich kam Die Kammer mit „The Orphanage“ zu meinem persönlichen Konzerthighlight. Die Geschichte des Mädchens Sophie, welches sich auf die Suche nach einer ominösen Kammer macht, setzte sich auch mit dem darauf folgenden, dreiteiligen Stück „Sophie´s Circus“ fort. Beide Lieder wurden durch kurze Geschichten ergänzt, die vom Synchronsprecher Matthias Keller stimmig vorgetragen wurden. Die Musik passte sich dabei der Thematik durchaus an und hätte auch als Zirkusmusik aus dem vorvergangenen Jahrhundert durchgehen können.
Vor allem Tuba, Glockenspiel und Harmonika nahmen hier eine herausragende Rolle ein und brachten das Publikum dazu, sich im Takt zu wiegen und auch den Refrain lauthals mitzusingen. Nicht ganz so ausgelassen kamen die folgenden Stücke „Praying Mantis“ und „Mirror“ daher, bei denen die drei Streicher und auch die Gitarren die Führung übernahmen. Fast völlig aus dem bisherigen Rahmen fiel dagegen „Riding The Crest“, mit seinen ungewöhnlich harten Gitarren-Akkorden und Vocals die an die frühen Pearl Jam erinnerten. Einen weiteren krassen Schnitt, thematisch und stilistisch, vollbrachte die Band dann direkt anschließend mit der Moritat von der „Sinister Sister“. Die Pfeifeinlage von Marcus Testory und die malträtierten Geigen von Aline Deinert und Matthias Raue machten das Stück zu einem ungewöhnlichen, aber herausragenden, Teil des Konzertes. Mit „Hither and Tither“, einer sehr folkigen Nummer brachte die Band noch einmal richtig Schwung in die Zuschauer, bevor der reguläre Teil des Konzertes nach ziemlich genau 90 Minuten mit „Final Days“ endete. Für dieses Stück gesellten sich auch noch einmal die beiden Meystersinger auf die Bühne und es endete mit der Vorstellung aller Beteiligten. 
Nach nur einer kurzen Pause betraten die Musiker wieder die Bühne für die erste Zugabenrunde. „The Invitation“, von der Band selbst als Anti-Zugabestück und emotionale Gnackwatschn bezeichnet, verpasste, mit seinem intensiven Gitarren- und Streichereinsatz und der melancholischen Grundstimmung, der Laune des Publikums tatsächlich einen herben Dämpfer. Glücklicherweise wurde das Tempo dann mit „Endangered Memories“ wieder ein wenig angezogen und es kam Bewegung in die Zuschauer, die teils schon ein wenig irritiert geschaut hatten. Damit endete dann auch die erste Zugabe und die Band zog sich für eine weitere, ausgesprochen kurze, Pause in den Backstage-Bereich zurück.
Letzte Reserven wurden dann für das Moby-Cover „That´s When I Reach For My Revolver“ mobilisiert, das den Musikern aber auch dem Publikum noch einmal alles abverlangte. Gegen Ende des Stückes mussten die Musiker zwar eine wahre Konfetti-Dusche über sich ergehen lassen, nahmen es aber mit Humor und ließen sich fast gar nicht aus dem Takt bringen. Für einen stimmigen Ausklang sorgte „The Painter Man´s Spell“ mit dem Die Kammer nach fast zwei Stunden und zwei Zugaben schließlich ihren Auftritt beendete.


Viele der Besucher waren offensichtlich noch nicht in der Stimmung nach Hause zu gehen und so leerte sich der Saal nur schleppend. Immerhin hatten sich die Reihen nach gut einer Viertelstunde soweit gelichtet, dass ich mein Leergut abgeben konnte. Den Versuch, noch ein zweites Mal zum Merchandise durchzudringen und mir eines der schicken T-Shirts zu sichern gab ich jedoch schnell wieder auf, da sich hier immer noch viele Besucher drängten und darauf warteten die Unterschriften der Band zu ergattern. So lange wollte ich jedoch nicht mehr warten, daher machte ich mich, ein wenig müde und immer noch durstig, langsam auf den Heimweg.

Alles in allem habe ich den spontanen Ausflug ins Bett wieder einmal nicht bereut. Für einen durchaus fairen Preis bekamen die Zuschauer rund zweieinhalb Stunden spannende, abwechslungsreiche Musik von zwei glänzend aufgelegten Bands sowie einen gut gelaunten und redseligen Frontmann, der fast jedes Stück ausführlich, wenn auch mit einem etwas gewöhnungsbedürftigen Akzent, anmoderierte. Auch die Verantwortlichen bei der Licht- und Tontechnik machten einen sehr soliden Job und konnten sogar Sonderwünsche, wie beispielsweise nach existentialistischer Beleuchtung, problemlos erfüllen. Der Abend hat einmal mehr bestätigt, warum der kleine Frankfurter Club zu meinen liebsten Konzert-Locations zählt.
 

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