Sonntag, 23. Oktober 2022

Semiotics Department Of Heteronyms; Schlachthof; Wiesbaden


[Konzert] Semiotics Department of Heteronyms

Support: M!R!M
Mittwoch, 19. Oktober 2022
Schlachthof, Wiesbaden

 

Einfach mal spontan auf ein Konzert gehen?!?
Es kommt mir fast so vor, als ob diese Zeiten leider vorbei sind. Zahlreiche Absagen, entweder wegen Krankheit, bescheidenem Vorverkauf oder logistischen Problemen machen Bands, und natürlich auch Veranstaltern, schwer zu schaffen. Da muss der Konzertbesuch eigentlich akribisch vorbereitet werden – entsprechend hängt meine Pinwand mit Tickets (teils noch aus dem Jahr 2019) voll. Mein Plan war, erst alle Konzerte „abzuarbeiten“, bevor da etwas Neues hinzukommt.
Eher aus Gewohnheit hatte ich jedoch Sonntag an einer der regelmäßigen Ticketverlosungen des Wiesbadener Schlachthof teilgenommen – und es auch prompt wieder vergessen. Um so überraschter war ich, als ich am Dienstag eine Mail in meinem Postfach hatte. Zwei Karten für den Auftritt von Semiotics Department Of Heteronyms würden an der Kasse auf mich warten. Die spanische Band mit dem sperrigen Namen (oder kurz SDH befindet sich aktuell auf ausgedehnter Europa-Tour und macht in der hessischen Landeshauptstadt halt.

Das Konzert

Der Andrang im Kesselhaus ist überschaubar: Keine 30 Besucher haben sich an diesem trüben Mittwochabend in den kleinen Saal verirrt. Die meisten stehen in Grüppchen zusammen, unterhalten sich und nippen an ihren Getränken. Unvermittelt (aber pünktlich) wird die Hintergrundmusik abgedreht und die Lichter verlöschen.


Ich sehe einige fragende Blicke im Publikum als Jack Milwaukee aka M!R!M die Bühne betritt. Rein optisch könnte der Italiener grade von einem 90er Jahre Rave gekommen sein. Allerdings bleibt keine Zeit sich über den Kleidergeschmack zu wundern. Nach einigen kurzen Handgriffen am Mischpult setzt reinrassiger, sehr entschleunigter Synthie-Pop ein. Ergänzt wird das Ganze bei einigen Stücken durch die live gespielte Gitarre.
Die Vocals sind meist verfremdet und mit großzügigen Halleffekten angereichert. Dabei wechseln sich „normale“ Texte mit sich wiederholenden Satzfetzen ab. Die Melodien sind durchweg eingängig und harmonisch – und stehen eindeutig im Vordergrund. Der Gesang ist stellenweise nur als Flüstern zu hören. Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, ob das so beabsichtigt ist oder ob es da an der Technik etwas hapert. Der höfliche Applaus nach jedem Lied und sich vereinzelt im Takt wiegende Besucher zeigen, dass die Mischung doch gut aufgenommen wird.

Erst im April des Jahres hat M!R!M sein zweites Album, Time Traitor auf den Markt gebracht. Entsprechend konzentriert sich das gut 45minütige Set auf die Stücke dieser Veröffentlichung. Wer sich selbst einen Eindruck von der Musik machen möchte, kann das HIER oder DORT tun.


Nach einer extrem kurzen Umbaupause geht es dann auch schon mit SDH weiter. Im Rampenlicht steht ein großer, schwarzer Koffer, der die Technik der Band enthält. Dahinter bringt sich Sergi Algiz, der Elektroniker des Duos, in Position. Dagegen bleibt der Mikrofonständer weitgehend im Schatten. Daher fällt es fast gar nicht auf, als sich Sängerin Andrea Latorre das Mikrofon schnappt und loslegt. Dieses Schema behält die Band für den Rest des Auftritts bei. Die Sängerin tanzt vor dem schwarzen Bühnenhintergrund, sucht die zahlreichen Schatten auf der Bühne und traut sich nur selten in Richtung Publikum. Die Musik der Spanier pendelt zwischen Dark Wave, Industrial und EBM, wobei sich die Vielseitigkeit von Frau Latorre zeigt. Zarte gehauchte Vocals wechseln sich hier mit aggressiven Textfetzen ab. Ein sehr interessanter Kontrast, der wirklich gut funktioniert. Entsprechend sind im Publikum sogar einige tanzende Menschen zu sehen!


Im Frühjahr hat die Band mit Maybe a Body eine EP mit vier Tracks veröffentlicht. Neben dem Titelstück haben es auch die anderen drei Lieder ins Set geschafft. Aber es gibt bei dem Auftritt auch Material des Debüts Against Strong Thinking zu hören.
Leider ist bereits nach rund 50 Minuten schon wieder Schluss, was ich (und wohl auch das restliche Publikum) sehr schade finde.

Wie war’s?

Sie traut sich doch an den Bühnenrand!

Um es kurz zu machen: ein tolles, wenn auch kurzes, Konzert! Beide Bands hatten spannende elektronische Musik im Gepäck, die ohne diesen Auftritt höchst wahrscheinlich komplett an mir vorbei gegangen wäre. Vor allem die Bandbreite der Stücke von SDH hat mir dabei ausgesprochen gut gefallen. Leider hatte die Band nur noch Schallplatten am Merchandise-Stand. So musste ich am Tag später auf den Download der Tracks zurückgreifen.

Sowohl die Veröffentlichungen von M!R!M als auch Semiotics Department Of Heteronyms gibt es auf der jeweiligen Bandcamp-Seite. Oder auch auf anderen einschlägigen Plattformen.

Vielen Dank nochmal an den Schlachthof Wiesbaden für die Ticket-Verlosung und natürlich die Organisation des Konzertes!

Montag, 1. August 2022

Amphi 2022; Tanzbrunnen; Köln


 
[Festival] Amphi

23. + 24. Juli  2022
Tanzbrunnen,Köln

 

Ich hatte lange überlegt, ob ich in der aktuellen Situation eines der "großen" Festivals besuchen sollte und hatte mich bereits dagegen entschieden. Als dann jedoch eine Bekannte einen Abnehmer für ein Ticket zum Amphi gesucht hat, war die Versuchung dann doch zu groß. Zum einen war ich 2017 das letzte Mal am Tanzbrunnen gewesen, zum anderen fällt auch in diesem Jahr mein Urlaub wieder flach. Zudem hielt das Line-Up einige Leckerlis bereit.

Eigentlich hatte ich für den Freitag meine Anreise mit der Bahn geplant - trotz der eher mittelprächtigen Erfahrungen vom New Waves Day. Sehr kurzfristig hat sich jedoch eine Freundin dazu bereit erklärt, mich auf der Fahrt mit dem Auto einzusammeln - nochmal vielen Dank dafür! So kam ich erstaunlich früh und entspannt direkt am Hotel an.

Nach einer kurzen Verschnaufpause machte ich mich auf den Weg in die Stadt. 2019 war ich zum letzten Mal in Köln – dies auch nur für ein Konzert. Und ich war natürlich neugierig, wie die Stadt die Krise überstanden hat. Einige liebgewonnene Geschäfte und Restaurants sind tatsächlich verschwunden, aber immerhin steht der Dom noch! Auch die meisten meiner regulären Anlaufpunkte sind immer noch dort, wo sie sein sollten.

Nachdem ich den Nachmittag so recht schnell und angenehm verbracht habe, geht es zurück zum Hotel, um mich auf das Abendprogramm vorzubereiten.

Das Festival

Freitag, 22. Juli 2022

Vor dem eigentlichen Festival steht traditionell das Warm-Up! Die Party auf dem Schiff ist natürlich schon lange ausgebucht, aber es gibt ja noch das Theater auf dem Festivalgelände. Und so mache ich mich voller Schwung und Elan Freitag Abend per S-Bahn auf den Weg Richtung Tanzbrunnen. Allerdings hat sich auch auf dem Messegelände in den letzten Jahren einiges geändert. Gewohnte Wege mussten Gebäuden und Tiefgaragen weichen, ehemals freie Durchgänge sind durch Zäune hermetisch abgeriegelt und eine Beschilderung gibt es auch nicht. Zahlreiche orientierungslose schwarz gewandete Gestalten stolpern ebenfalls durch die Gegend - immerhin bin ich nicht alleine. Nach einigen Umwegen, Sackgassen und einer "Abkürzung" durch den Deutzer Bahnhof erreiche ich schließlich doch das Rheinufer und wenige Minuten später das Festivalgelände.
Obwohl es an der Bändchenausgabe recht voll ist, geht es zügig voran und schon bald habe auch ich mein Band am Handgelenk. Jetzt brauche ich nur noch eine Karte für die gleich stattfindende Warm-Up-Party. Das Kontingent geht zwar schon zur Neige, aber ich ergattere noch ein Ticket.

Aufwärmen mit Sven Friedrich

Das Theater ist gut gefüllt und die Stimmung ausgelassen - nach zwei Jahren Amphi-Abstinenz verständlich. An den Reglern wechseln sich Sven Friedrich und Ronan Harris ab und legen eine wilde Mischung, zumeist elektronischer, Musik auf. Besonders freut mich, als ein Remix von The KLF durch die Boxen wummert - schon seit Jahrzehnten nicht mehr gehört! Das Publikum hat sichtlich Spaß an der Party und feiert nach Kräften. Dabei vergeht die Zeit schnell und kurz nach Mitternacht wird es bereits für mich Zeit, den Rückweg ins Hotel anzutreten. Der öffentliche Nahverkehr ist um diese Uhrzeit keine wirkliche Option, auch Taxen sind nur wenige vor Ort. So entscheide ich mich für den Fußweg. Der Marsch entlang des Rheinufers und über die, für den Verkehr gesperrte, Deutzer Brücke dauert tatsächlich keine halbe Stunde.

Samstag, 23. Juli 2022

Nach einer relativ kurzen, unruhigen Nacht brauche ich etwas Anlaufzeit, um wieder in die Gänge zu kommen. Ein kleiner Bummel durch das Georgs-Viertel mit einem Abstecher in den örtlichen Supermarkt bietet sich dazu an. Gegen Mittag bin ich dann wieder soweit, um mich ins Getümmel zu stürzen - sonderlich eilig habe ich es jedoch nicht. Die Schlange vor dem Einlass ist überschaubar, die Kontrolle geht schnell und unproblematisch. Allerdings werde ich darauf hingewiesen, dass der Müsli-Riegel in meiner Tasche ein No-Go ist.

Schatten ist Mangelware

Als ich auf dem Gelände ankomme, haben Nachtblut grade mit ihrem Auftritt begonnen. Vor der Bühne ist es bereits erstaunlich voll - was aber auch daran liegen kann, dass es hier etwas Schatten gibt. Ich verschaffe mir erstmal einen kurzen Überblick und lasse mir dabei von den derben Gitarrenriffs die letzte Müdigkeit aus dem Schädel blasen. Nach zwei, drei weiteren Stücken unmittelbar vor der Bühne, mache ich mich daran das Festival-Gelände zu erkunden. Seit meinem letzten Besuch vor fünf Jahren hat sich erstaunlich wenig geändert: Das große Zelt mit Kunsthandwerk und Merchandise, die einzelnen Stände mit Kleidung und Accessoires und natürlich die zahlreichen Wagen mit Essen und Getränken sind so, wie ich sie in Erinnerung habe. Neu sind dagegen gleich zwei Stände mit Festival-Merchandise - an denen bis Sonntag Nachmittag reger Betrieb herrscht. Auch der kostenlose Trinkwasserspender ist wieder im Einsatz - angesichts der Temperaturen (und der Getränkepreise) eine hervorragende Entscheidung.

Stahlmann bei der Arbeit

Mittlerweile rocken Stahlmann die Mainstage - mich zieht es jedoch schon bald in den Schatten des Theaters. Dort machen sich grade Alienare daran, den ersten Festivaltag zu eröffnen. Auch hier ist der Innenraum gut gefüllt, so dass ich mich diskret am Hallenrand aufhalte. Die Band kommt mit ihrem gefälligen Synthie-Pop offensichtlich gut an - und ich sehe sogar einige Besucher vor der Bühne tanzen. Ich für meinen Teil genieße einfach die Atmosphäre und die eingängigen Stücke.

Als ich das Theater wieder verlassen will, wird mir vom leicht gereizten Sicherheitspersonal mitgeteilt, dass ich den Ausgang nutzen muss, der mich mitten aufs Festivalgelände bringt. Dummerweise liegt besagter Ausgang im Innenraum des Theaters, jenseits der Besuchermassen, ist nicht ausgeschildert und durch dunkle Vorhänge verdeckt - vielleicht nicht die beste Entscheidung. Diese Regelung ändert sich glücklicherweise im weiteren Verlauf des Amphi - was auch wieder für Entspannung bei den Türstehern sorgt.

Nach einem kurzen Abstecher nach draußen an den Rheinstrand geht es auch schon wieder zurück an die Theater Stage. Dort spielen mittlerweile Empathy Test vor brechend voller Halle ihr Set. Musikalisch finde ich die Band recht gut, kann mich aber mit dem Gesang von Isaac Howlett nicht wirklich anfreunden. Daran ändert auch der Live-Auftritt des Londoner Trios leider nichts. Aber eigentlich bin wegen der nachfolgenden Band an der Bühne.

Rome – mein Highlight

Mittlerweile habe ich Rome schon in den unterschiedlichsten Besetzungen gesehen - vom Akustik-Solo-Auftritt von Jerome Reuter bis hin zum Sextett. Diesmal stehen die luxemburgischen Musiker zu dritt auf der Bühne und spielen die gewohnte Mischung aus Chanson und Neofolk. Wahrscheinlich das ruhigste Konzert des ganzen Festivals, aber für mich gleichzeitig das beste. Überraschenderweise ist das Theater nur halb voll - was mir aber in diesem Moment sehr entgegenkommt. Nach fast einer Stunde verabschiedet sich die Band von der Bühne und ich mache noch einen kurzen Abstecher an die (vermeintlich) frische Luft. Die Sonne knallt mit unverminderter Stärke weiter auf das Festivalgelände und die wenigen Schattenplätze sind übervoll. Nach einer kurzen Pause am Strand, mit Mesh als Hintergrundmusik, schließe ich mich einigen Bekannten an, die erneut ins Theater gehen.

Hier stehen als nächstes die Elektroniker von [:SITD:] auf dem Programm. Im Gegensatz zu vorhin ist der Innenraum proppevoll und ich fühle mich merklich unwohl bei dem Geschiebe. Daher flüchte ich mich an eine der Theken und versuche ein koffeinhaltiges Kaltgetränk zu erwerben. Das Personal (immerhin zu sechst) ist jedoch offensichtlich mit dieser Aufgabe komplett überfordert, so dass ich nach gut 20 Minuten sowohl die Schlange, als auch die Theater Stage entnervt verlasse.

Tolle Aussicht und kühle Getränke

Mittlerweile hat sich bei mir ein leichtes Hunger-Gefühl eingestellt. Die Auswahl ist nicht übermäßig breit gefächert, aber ausreichend: Pommes, Burger, Pizza, Nudeln, Wurst oder Falafel. Ich entscheide mich für das Letztere und schließe mich einigen Freunden an, die mir unter einem Baum ein lauschiges Plätzchen freigehalten haben. Während wir uns dort stärken, liefern Mono Inc. den passenden Soundtrack für dieses improvisierte Picknick.

Schließlich wird es Zeit, sich Gedanken um die letzte Band des Abends zu machen. Zur Auswahl stehen VNV Nation auf der Main Stage, She Past Away auf der Orbit Stage und schließlich The Birthday Massacre auf der Theater Stage. Letzten Endes entscheide ich mich für die Kanadier, da ich die beiden anderen Bands schon häufiger gesehen habe.

Das Theater ist brechend voll, als The Birthday Massacre mit gut 15 Minuten Verspätung die Bühne betreten. Frontfrau Chibi kreischt, flüstert, singt und unterhält sich dazwischen mit dem Publikum. Die Musiker rackern sich an den Instrumenten ab und unterstützen ihre Sängerin nach Kräften. Das Konzert macht wirklich Spaß - sowohl der Band als auch dem Publikum. Jedoch ist die Temperatur in der Halle ist mittlerweile unangenehm und das Gewimmel zu dicht, so dass ich mich langsam zurückfallen lasse. Die letzten beiden Stücke sehe ich mir schließlich vom Vorraum aus an, der eine erstaunlich gute Sicht auf die Bühne bietet.

Recht schnell nach dem Auftritt verläuft sich die Menge. Das Theater ist zwar zur After-Show-Party gut besucht, bietet aber noch genügend Freiräume. So entschließe ich mich, den Abend hier ausklingen zu lassen. DJ Gillian legt ein buntes Sammelsurium mit Schwerpunkt der 1980er Jahre auf - teils rare Remixe, gelegentlich auch Cover-Versionen. Trotz des anstrengenden ersten Festivaltages gibt es noch genug Besucher, die ausgelassen tanzen und heftig feiern. Für mich ist jedoch wieder kurz nach Mitternacht Schluss - immerhin erwartet mich morgen noch ein anstrengender Tag! Die Temperaturen sind zwar mittlerweile etwas angenehmer, dennoch ist der Heimweg schon deutlich mühsamer als am Vortag.

Sonntag, 24. Juli 2022

In der Nacht kann ich erneut kaum schlafen und döse die meiste Zeit vor mich hin. Auch eine kalte Dusche, Berieselung mit einem Shopping-Kanal oder die Lektüre des mitgeführten Buches ändern daran nichts. Als der Wecker klingelt, habe ich gefühlt überhaupt nicht geschlafen und bin entsprechend gerädert. Etwas Koffein, Zucker und Kohlenhydrate stellen mich jedoch wieder einigermaßen her, so dass der zweite Festivaltag starten kann.

Bisher habe ich die Orbit Stage nur von außen betrachten können - dass soll sich nun ändern. Glücklicherweise liegt das Schiff nur wenige Meter von meinem Hotel entfernt, so dass zumindest die Füße geschont werden. Die Mittagssonne brennt gnadenlos auf das Oberdeck, aber geschützt durch Schirme lässt es sich hier gut aushalten. Bis zur ersten Band ist noch ein bisschen Zeit und so genieße ich die relative Ruhe, betrachte den erschreckend flachen Rhein und die Touristen, die am Ufer entlang flanieren.

Pünktlich betreten Perfection Doll die Bühne. Das Trio aus Leipzig spielt eine Mischung aus Rock und Electro, die aber für mich nicht wirklich funktioniert. Nach drei oder vier Liedern ist daher Schluss und ich mache mich auf die Suche nach dem Shuttle-Bus zum Tanzbrunnen. Dabei muss ich nur den zahlreichen schwarz gekleideten Menschen folgen, die sich auf dem Bürgersteig entlang schieben. Den ersten Bus verpasse ich, doch ist die Taktung so kurz, dass praktisch direkt das nächste Shuttle an der Haltestelle eintrifft. Durch die Sperrung der Deutzer Brücke muss der Fahrer auf die Severinsbrücke ausweichen, was einen erheblichen Umweg bedeutet. Immerhin kühlt der Fahrtwind etwas und die Sitze sind ausgesprochen bequem.

Nach gut 15 Minuten stehe ich wieder am Tanzbrunnen und bahne mir einen Weg an die Theater Stage. Hier sind V2A mitten in ihrem Set. Die postapokalyptische Mischung aus Industrial und EBM entwickelt trotz der relativ frühen Stunde ordentlich Druck. Die Musik gefällt nicht nur mir sehr gut, denn der komplette Innenraum ist in Bewegung. An diese Stelle bedauere ich es, nicht den ganzen Auftritt mitbekommen zu haben.

Danach zieht es mich nach draußen an die Hauptbühne, wo es mit derber Elektronik weiter geht. Aesthetic Perfection zeigen, dass man auch mit farbenfroher Kleidung sehr finstere Musik machen kann. Insgesamt liefern Daniel Graves und seine bei Mitstreiter eine sehr ordentliche Show ab.

Während die Bühne für Samsas Traum vorbereitet wird, besorge ich mir eine Schale mit Pommes Schranke und ziehe mich wieder in den Schatten zurück. Ich kann sogar ein kleines Fitzelchen der Bühne sehen, während ich esse! Aber hinaus in die pralle Sonne traue ich mich nicht. Dafür ist die Akustik recht gut und ich genieße das Set, das praktisch ein Best-Of aus 25 Jahren Bandgeschichte darstellt.

Wir spielen „Finde den Sänger“

Bei Suicide Commando, einem meiner Festival-Highlights, habe ich mir vorgenommen, möglichst nahe an die Bühne zu gehen. Doch schon nach wenigen Minuten merke ich, dass das keine wirklich gute Idee ist. Die Sonne knallt mit unverminderter Härte auf den Platz, Schatten ist Mangelware und es ist richtig voll. Zudem bereitet mir mein Kreislauf Probleme, so dass ich mich nach gut der Hälfte des Auftrittes ein Stück weit zurück ziehe. Vor der Bühne wird dagegen weiterhin ordentlich gefeiert - was ich nun aus sicherer Entfernung beobachte.

Direkt nach dem letzten Lied mache ich mich auf den Weg zum Shuttle-Bus, da ich unbedingt Cat Rapes Dog auf der Orbit Stage sehen will. Lange Zeit war es still um die Schweden und ich bin gespannt, wie die Rückkehr auf die Bühne funktioniert. Ich habe den Eindruck, dass die Musik rockiger geworden ist und nicht mehr die Elektronik im Vordergrund steht. Bei den ersten Stücken sitzen zwar die Vocals noch nicht so ganz, was aber nicht wirklich stört. Sowohl Galerie als auch Innenraum sind gut besucht - allerdings nicht so voll, wie ich es erwartet habe. Insgesamt ein wirklich gelungener Auftritt und ich bereue nicht, dafür Diary of Dreams oder Sono verpasst zu haben.

Im klimatisierten Schiff

Eigentlich soll London After Midnight mein Festival-Abschluss werden, daher geht es direkt wieder in den Bus zurück zum Tanzbrunnen. Aber als ich an der Theater Stage ankomme, hat sich dort bereits eine lange Schlange gebildet. Glücklicherweise sitzen Bekannte auf einer Bank vor dem Eingang und haben Plätze freigehalten. Während sich also vor der Bühne alles eng zusammendrängt, sitze ich entspannt in der angenehm warmen Abendluft, nuckele an meinem Getränk und knabbere Nachos. Ein bisschen Musik dringt zwar nach draußen, aber diese Ruhephase ist nach dem anstrengenden und sehr, sehr heißen Tag dringend notwendig.

Nach dem Ende des Auftrittes leert sich das Theater erwartungsgemäß schnell und die Vorbereitungen für die letzte Party des Festivals laufen. Den ersten Slot übernehmen Lo-Renz und Jeanny aus Hannover. Hier gibt es wieder elektronische Musik in ihrer kompletten Bandbreite auf die Ohren. Einige Konzertgänger haben tatsächlich noch genug Energie zum Tanzen - bei mir reicht es immerhin zum rhythmischen Mitwippen. Aber gegen 1 Uhr ist dann endgültig Schluss und es geht wieder Richtung Hotel, während im Theater noch bis in die frühen Morgenstunden gefeiert wird.

Wie war's?

Nach den zweieinhalb Tagen habe ich deutlich gemerkt, dass ich nicht mehr im Training bin. Zu Hause angekommen, bin ich einfach nur platt - was erst im Laufe der folgenden Woche wieder besser wird. Dennoch hat es gut getan auf ein Festival zu gehen, Leute zu treffen und die Atmosphäre in sich aufzunehmen. Von der vielen, zumeist recht guten, Musik ganz zu schweigen. Zwar habe ich mich nicht so richtig ins Getümmel getraut und auch nur vier komplette Auftritte gesehen, dennoch hat es sich insgesamt gelohnt. Wie gewohnt hat das Amphi einen recht guten Mix der "schwarzen" Musikstile geboten. Auch die Auswahl von relativ unbekannten Bands neben Szene-Größen hat wieder gut gepasst - selbst wenn einige Bands gefühlt überall spielen. Insgesamt haben die Veranstalter in den vergangen zwei Jahren nichts verlernt und wieder ein rundum gelungenes, sehr familiäres Festival auf die Beine gestellt.

Der Dom steht noch

Auf Grund des niedrigen Wasserstandes musste die Anlegestelle der MS RheinEnergie (mit der Orbit Stage) vom Tanzbrunnen kurzfristig auf die andere Rheinseite verlegt werden. Ein Problem, mit dem die Veranstalter schon mehrfach zu kämpfen hatten. In diesem Jahr wurde es zusätzlich durch die Bauarbeiten auf der Deutzer Brücke erschwert. Trotz des gut funktionierenden Shuttle-Services hat mich dies doch abgeschreckt, häufiger auf die Orbit Stage zu wechseln. Keine Ahnung, ob es eine andere Lösung gibt, aber es wäre wirklich schön, wenn das gesamte Festival an einem Ort wäre.

Das Sicherheitspersonal war sehr gut organisiert, von einigen wenigen Ausnahmen freundlich und hilfsbereit und der Situation durchaus gewachsen. Leider konnte man das nicht von allen Catering-Ständen behaupten. Grade im Theater war es eine mittelschwere Katastrophe ein Getränk zu bekommen oder sein Leergut abzugeben. Die Stände draußen auf dem Gelände hatten die Lage dagegen deutlich besser im Griff. Dass die Preise nach zwei Jahren ohne größere Veranstaltungen angezogen haben, ist durchaus nachvollziehbar. Allerdings erreichen sie für mich langsam die Schmerzgrenze - zudem verstehe ich nicht, warum Soft-Drinks teurer als Bier und Wasser sein müssen. Das Essen war dagegen bezahlbar und wohl auch insgesamt recht lecker. Zumindest habe ich aus meinem Bekanntenkreis nichts Gegenteiliges gehört.

Mittwoch, 29. Juni 2022

New Waves Day 2022; Turbinenhalle; Oberhausen


[Festival] New Waves Day

18. Juni  2022
Turbinenhalle, Oberhausen

Wie so viele andere Karten auch hängt das Ticket zum New Waves Day schon seit geraumer Zeit an meiner Pinwand und setzt Staub an. Doch nach zweijähriger Wartezeit sollte dem Festival in der Oberhausener Turbinenhalle nichts mehr im Wege stehen. In der Zwischenzeit hatte sich das Line-Up mehrfach geändert. Dies schreckte mich allerdings nicht ab – die beiden Sachen, auf die es mir ankam standen weiterhin ganz oben.
Nun musste ich mich nur noch um die logistischen Details kümmern. Ein Zimmer im In Hostel Veritas war schnell gefunden: Günstig, zentral gelegen und in Laufweite des Veranstaltungsortes. Für Hin- und Rückfahrt sollte das theoretisch großartige 9€-Ticket zum Einsatz kommen. In der Praxis gestaltete sich die Anreise jedoch als mittelschwere Katastrophe, die nicht nur mein Nervenkostüm übel zerrüttete, sondern auch den Zeitplan für den Abend komplett über den Haufen warf. Das nächste Mal nutze ich dann doch lieber wieder mein Auto!

Das Festival

Die kurze Strecke von meiner Unterkunft zur Turbinenhalle lege ich zu Fuß zurück. Angesichts der prallen Sonne und Temperaturen jenseits der 30° Celcius nicht unbedingt die beste Idee. Bis zur Öffnung der Tore ist es noch ein bisschen hin und ich geselle mich zu einigen anderen Festivalgängern, die einen der wenigen schattigen Plätze auf dem Gelände gefunden haben. Hier machen bald die ersten Gerüchte von der Absage von Blancmange und einer Änderung der Running Order die Runde.

Glücklicherweise findet der Einlass dennoch bereits um 14 Uhr statt und so bringe ich mich vor der Mittagssonne in Sicherheit. In Form von ausgedruckten, an verschiedene Wände geklebten Seiten gibt es auch eine ausführliche Erklärung zur Situation. Durch zahlreiche Flugausfälle in Großbritannien konnten Blancmange nicht hinüber aufs Festland kommen. Für Zug oder Auto waren diese Ausfälle zu kurzfristig - daher wird der Auftritt ersatzlos gestrichen. Schade, aber leider nicht zu ändern.

Die Zeit bis zum Konzertauftakt nutze ich, in dem ich mich zuerst mir Verzehrbons versorge, solange der Ansturm noch überschaubar ist. Eine Sache, die ich im letzten Jahr beim Etropolis gelernt habe. Nachdem ich einen Teil der Bons direkt in Flüssigkeit umgesetzt habe, verschaffe ich mir einen ersten Überblick. Im Eingangsbereich der Stand mit den Bons, eine Bar und das Merchandise. Hinten in der Ruhehalle haben sich einige Freßbuden und zwei Stände mit „schwarzem“ Krimskrams, Platten, Kleidung und Dekosachen eingerichtet.


Kurz nach 15 Uhr gehen Reptyle auf die Bühne. Das Quintett aus Bielefeld spielt gitarrenlastigen Goth Rock, wie er in den frühen 1990er angesagt war. Der Schwerpunkt des gut halbstündigen Sets liegt auf dem, im letzten Jahr erschienenen, Album Decrypt the Void. Aber auch das eine oder andere Stück aus der mittlerweile 20jährigen Bandgeschichte kommt zu seinem Recht. Die Zuschauerresonanz ist verhalten, wirkliches Gedränge herrscht in der Halle auch noch nicht. Mir gefällt der Auftritt ganzgut - zum einen mag ich den Stil der Band, zum andern tut es einfach wieder einmal gut, auf einem Festival zu sein.

Die halbstündige Umbaupause finde ich persönlich etwas zu lange - immerhin haben wir ja noch ein sportliches Programm vor uns. Dennoch nutzte ich die Pause, um meinen Getränkevorrat wieder aufzufüllen. Die Temperatur in den Hallen ist mittlerweile merklich angestiegen, aber immerhin ist man vor der knallenden Sonne draußen in Sicherheit.


Obwohl noch ein wenig Zeit ist, mache ich mich schon relativ früh wieder auf den Weg in die große Halle. Ein hübsches Plätzchen direkt am Gatter ist schnell gefunden. Whispers in the Shadow hatte ich zu Beginn ihrer Laufbahn öfter live gesehen und die Band in guter Erinnerung behalten. Auch hier bekommt der Hörer ein sehr Gothic-lastiges Set geboten, großzügig angereichert mit einigen Wave-Elementen. In Ermangelung wirklich neuer Veröffentlichungen muss altes Material, darunter der eine oder andere kleinere Club-Hit, herhalten - was aber nicht negativ auffällt. Die Band liefert insgesamt einen ordentlichen, relativ schnörkellosen Auftritt ab. Nur schade, das sich immer noch wenige Besucher in die Turbinenhalle verirren. Für den zweiten Teil des Sets verlasse ich das direkte Bühnenumfeld und suche mir ein Plätzchen in der Nähe des Mischpultes. Hier ist der Sound merklich besser - besonders Keyboards und der Gesang kommen zur Geltung. Nach gut einer Dreiviertelstunde ist der Auftritt vorbei und wieder ist eine halbe Stunde für den Umbau veranschlagt.

Zeit genug, um mir das Essensangebot in der Ruhehalle näher anzuschauen. Da ich aus meinen Fehlern gelernt habe, frage ich zuerst einige der anderen Konzertbesucher nach ihrer Meinung. Hier wird mir übereinstimmend von den Nudeln abgeraten, dafür seien Pizza und Pommes durchaus empfehlenswert. Ich entscheide mich für die frittierten Kartoffelstäbchen - zu einem sehr annehmbaren Preis. Der Genuss hält sich zwar in einem überschaubaren Rahmen, aber die liefern ausreichend Salz, Kohlenhydrate und Fett. Derart gestärkt gönne ich mir noch einen Becher Wasser und mache mich wieder auf den Weg zur Bühne.


Mittlerweile ist merklich mehr los - dennoch erreiche ich meinen "Stammplatz" ohne größere Probleme. Der Soundcheck ist zwar noch in vollem Gang, wird aber quasi mit in das Set von And also the Trees eingebaut. Zugleich präsentiert die Band ein optisches Novum: Sänger Simon Jones trägt tatsächlich ein weißes Hemd! Bisher waren die Musiker (und fast das komplette Publikum) ausschließlich in schwarz gewandet. Musikalisch ist die dienstälteste Band des Festivals eher im Bereich des Post Punk anzusiedeln. Allerdings wird den Keyboards viel Raum gegeben und auch eine Klarinette kommt gelegentlich zum Einsatz. Die Vocals, mehr gesprochen als gesungen, sind in meiner Ecke der Bühne kaum zu verstehen, so dass ich mich schon bald wieder in Richtung Mischpult aufmache.

Mittlerweile macht mir mein ein wenig Kreislauf zu schaffen, so dass ich den Rest des Sets von außerhalb der Halle höre. Die Sonne hat sich zwischenzeitlich weitgehend hinter den Gebäudekomplex verzogen und es mangelt nicht an Schatten - ich finde sogar eine Sitzgelegenheit. Zusammen mit der (erneut) halbstündigen Umbaupause verschafft mir das Gelegenheit, mich ein wenig zu erholen.


Um den Auftritt der nächsten Band vorzubereiten, haben die Roadies alle Hände voll zu tun. The Cassandra Complex fahren schweres Gerät auf. Übermannsgroße Scheinwerferkonstruktionen und eine erhöhte Plattform für die Elektronik machen optisch etwas her. Zumindest zwei Drittel der Halle sind gut gefüllt, als die vier Musiker die Bühne betreten. Die letzte Veröffentlichung der Band, das Album The Plague, ist erst wenige Wochen alt. Entsprechend liegt hierauf der Schwerpunkt des, ebenfalls 45minütigen, Sets. Der etatmäßige Gitarrist ist am gleichen Tag Vater geworden, deswegen muss ein Ersatzmann in die Saiten greifen. Dieser macht seine Arbeit durchaus ordentlich und liefert zugleich einige lockere Show-Einlagen. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Sängern sucht Rodney Orpheus den Kontakt mit dem Publikum und hat zu fast jedem Stück eine Kleinigkeit zu erzählen. Das gestaltet den Auftritt sehr kurzweilig und macht zudem die Band sympathisch. Neben dem schon erwähnten neuen Material gibt es auch das eine oder andere ältere Stück zu hören. Der Schwerpunkt der Musik liegt auf der Elektronik, aber auch rockige Elemente haben ihren Platz.

Direkt nachdem die Band sich in den Backstage-Bereich verabschiedet hat, betritt eine Mitarbeiterin des Veranstalters mit unglücklichem Gesichtsausdruck die Bühne. Die Dame hat anscheinend das kurze Streichholz gezogen und verkündet, dass The Damned aufgrund zweier Corona-Fälle nicht auftreten können. Das sorgt beim Publikum für lange Gesichter - sind doch einige Besucher (beispielsweise ich) in erster Linie deswegen hier. Ein Ersatz ist in der Kürze der Zeit natürlich auch nicht zu finden - so bleibt nur, zu improvisieren. Das Set der kommenden Band wird deutlich verlängert und der Hauptact vorgezogen. Und um auch den Ausfall der dritten Band zu kompensieren verspricht der Veranstalter, sich etwas zu überlegen...


Entsprechend ist meine Stimmung beim nachfolgenden Auftritt von Pink Turns Blue etwas gedrückt. Das Trio um Sänger Mic Jogwer liefert eine solide Show, bekannte Stücke wechseln sich mit neuem Material ab. Allerdings kommt bei meinem Standort am Gatter praktisch kein Gesang an. Erst nach einem Wechsel in den Innenraum der Halle wird der Sound deutlich besser. Das Publikum feiert die Band nach Kräften, was von dieser jedoch weitgehend ignoriert wird. Die drei Musiker spielen stoisch ihr Programm herunter. Insgesamt fühlt sich dieser Auftritt für mich eher merkwürdig an - ich mag die Musik, aber wirklich Stimmung will (zumindest bei mir) nicht aufkommen. Dennoch warte ich geduldig und werde mit Stücken wie "Walking on both sides", "Your Master is calling" und "Michelle" zum Abschluss belohnt. Das versöhnt mich wieder ein wenig mit der Band.

Während der letzten Umbaupause ertränke ich meinen Frust über den Ausfall von The Damned in noch mehr Wasser. Mittlerweile ist die Turbinenhalle so aufgeheizt, dass ich es praktisch sofort wieder ausschwitze. Auf dem Weg vor die Bühne fallen mir die zahlreichen zertretenen Kunststoff-Becher auf, die überall herumliegen. Die wenigen, ungünstig verteilten Mülleimer sind schon lange voll und da es kein Pfand gibt, lassen die Besucher sie einfach an Ort und Stelle fallen. Ich bin sicher, dass es dafür eine Lösung gibt, die diese unnötigen Mengen an Plastik-Müll vermeidet.
Auf der Bühne werden hektisch Stahlkonstruktionen umher geschoben, Teppich verlegt und die Strahlerbatterien in Stellung gebracht. Die Roadies haben den wahrscheinlich undankbarsten Job des Abends, sorgen aber routiniert dafür, dass alles reibungslos klappt.


Schließlich ist es soweit und die Lichter verlöschen - bis auf ein bedrohliches rotes Glühen auf der Bühne. Ein kurzer Blick über die Schulter zeigt, dass die Halle nun fast voll ist. Schlagzeuger und Keyboarder erklimmen ihre jeweiligen Plattformen auch Bassist und Gitarrist nehmen ihre Positionen ein. Endlich betritt Gary Numan selbst die Bühne und eröffnet das Set mit "Intruder", dem Titeltrack seines aktuellen, sehr erfolgreichen Albums. Hier wird auch der größte Unterschied zwischen den vorangegangenen Bands deutlich. Während diese ihrem Stil im Laufe der Jahre weitgehend treu geblieben sind, hat Herr Numans Musik rein gar nichts mehr mit dem unterkühlten Wave vom Beginn seiner Karriere zu tun. Viel mehr dröhnt brachialer Industrial Metal aus den Boxen. Ungewohnt, aber nach den eher dezenten Klängen von Pink Turns Blue eine willkommene Abwechslung. Passend zu den letzten Alben haben Kleidung, Beleuchtung und Show eine post-apokalyptische, dystopische Thematik. Der Sänger tobt, trotz seines fortgeschrittenen Alters, wild über die Bühne und rackert sich am Mikrofon ab. Bassist und Gitarrist stehen dem wenig nach und unterstützen ihren Frontmann nach Kräften. Dieser Wechsel des musikalischen Schwerpunktes macht auch vor alten Hits wie "Cars" oder "Are Friends Electric?" nicht halt. Melodie und Grundstruktur sind zwar noch erkennbar, rocken aber nun genau so, wie der Rest des Sets. Nach gut 90 Minuten und einer längeren Zugabe ist dann jedoch Schluss und die Musiker verabschieden sich von der Bühne. Damit endet auch der offizielle Teil des diesjährigen New Waves Day.

Nachdem ich mir draußen ein wenig die angenehm frische Nachtluft um die Nase habe wehen lassen, schließe ich mich den anderen Konzertbesuchern an und mache mich auf den Weg zur After-Show-Party. Eigentlich ist es nur ein kurzer Fußweg über den Parkplatz bis zum Kulttempel, allerdings versperren Bauzäune die Durchgangsmöglichkeiten. Die Gruppe vor mir löst das Problem auf einfache Weise und wuchtet das Gatter beiseite. Andere folgen diesem Beispiel und schon ist eine Abkürzung geschaffen.
Musikalisch machen die DJs dort weiter, wo der New Waves Day aufgehört hat. Die Stimmung ist gut, die Atmosphäre gemütlich und die Getränke preiswert. Obwohl ich praktisch schon den ganzen Tag unterwegs bin, habe ich dennoch Spaß und halte erstaunlich lange durch. Als ich mich schließlich auf den Weg zu meiner Unterkunft mache, dämmert es bereits.


Wie war's?

Streng genommen hatte der New Waves Day mit der namensgebenden Musikrichtung nicht wirklich viel gemein. Der einzig "echte" Vertreter des Genres, Gary Numan, hat sich musikalisch deutlich weiterentwickelt. Die restlichen Bands waren eher im Gothic Rock oder Post Punk zu Hause. Die Veranstalter haben dennoch ein Line-Up zusammengestellt, dass  etwas für Nostalgiker bereit hält, aber bei weitem keine reine Retro-Show ist. Fast alle Künstler haben in diesem oder dem letzten Jahr neues Material veröffentlicht. Dass drei der angekündigten neun Bands teils extrem kurzfristig ausgefallen sind, war nicht nur für die Besucher ärgerlich, sondern sicherlich auch für die Organisatoren. Denen kann man keinen Vorwurf machen - die aktuelle Situation ist nach wie vor schwierig und unsicher. Einzig die Kommunikation hätte etwas besser sein können. Die Homepage des Festivals, normalerweise meine erste Anlaufstelle für Informationen, lieferte keinerlei Hinweise auf die Verschiebungen und kurzfristigen Absagen. Auch die wenigen Zettel, die in der Halle an verschiedene Wände geklebt waren, konnten das nicht ausgleichen.

Die Stimmung unter den Besuchern war weitgehend gut, die Kommunikation untereinander freundlich und entspannt. Die richtige Atmosphäre für ein kleines, aber feines Festival. Etwas schade fand ich dagegen, dass eine Interaktion der Bands mit dem Publikum praktisch nicht stattfand. Gelegentlich kam ein "Thank You" oder "Dankeschön" oder die Ankündigung eines Titels - die meiste Zeit jedoch spielten die Musiker ihr Programm herunter. Die einzige löbliche Ausnahme davon stellte Rodney Orpheus von The Cassandra Complex dar. Von technischer Seite aus gab es wenig zu meckern. Wie erwähnt war der Sound direkt an der Bühne nicht immer optimal, dafür im Innenraum durchgängig sehr gut.

Sonntag, 15. Mai 2022

Marc Almond; Capitol; Offenbach


[Konzert] Marc Almond

13. Mai  2022
Capitol, Offenbach

 

Eigentlich war die kleine Deutschland-Tour von Marc Almond als Promo für das 2020 erschienene Album Chaos and a Dancing Star gedacht. Nach „nur“ drei Verlegungen und mit etwas über zwei Jahren Verspätung konnte das Auftakt-Konzert im Offenbacher Capitol nun endlich stattfinden. Für mich allerdings von Vorteil, da die vorangegangenen Termine bei mir ausnahmslos nicht geklappt hätten. So machte ich mich relativ kurzentschlossen am frühen Freitagabend auf den Weg nach Offenbach, um den ersten der vier Auftritte in Deutschland zu sehen.

Das Konzert

Die vierköpfige Begleitband, bestehend aus Schlagzeug, Bass, Piano/Keyboard und Gitarre betritt die blau ausgeleuchtete, neblige Bühne. Nach einer kurzen Pause tritt dann auch Marc Almond, ganz in schwarz gekleidet, ans Mikrofon.

Ohne Einleitung geht es direkt mit „The Stars We Are“ vom gleichnamigen 1988er Album los. Danach folgen die eigentliche Begrüßung und eine kurze Anmoderation des Sängers, bevor es mit „Tears Run Rings“ aus dem gleichen Jahr weitergeht. Bei beiden Stücken stimmt die Balance zwischen dem Gesang und den Instrumenten nicht ganz. Vor allem Klavier und Schlagzeug sind phasenweise doch sehr mächtig. Direkt im Anschluss verschwindet Herr Almond hinter der Bühne. Kurz darauf taucht er wieder auf – allerdings mit Sonnenbrille. Die Bühnenbeleuchtung macht ihm anscheinend zu schaffen.


Weiter geht es mit „Black Sunrise“ vom letzten Solo-Album. Hier sitzen grade die hohen Töne stellenweise nicht richtig – was jedoch fortschreitenden Verlauf des Konzertes deutlich besser wird. Eine herausragende Rolle übernimmt bei dem Lied der Gitarrist Neil Whitmore (eher bekannt als Neil X). Nicht nur singt er Backing Vocals und Refrain, sondern spielt zum Ende ein tolles Solo. Die Studio-Version kann man sich HIER anhören. Vom gleichen Album stammt auch „When the Stars are Gone“ – von dem ich leider nicht sooo viel mitbekomme. Die kleine Gruppe, die vor mir sitzt, unterhält sich angeregt über irgendwelche Familienneuigkeiten. Etwas ruhiger wird es dann, als sich die halbe Reihe verabschiedet, um ihren Plausch wohl an der Theke fortzusetzen.

Trotz des Titels ist „Bitter Sweet“ eine der eher lockeren Nummern des Sets. Und tatsächlich erheben sich einige der Gäste von ihren Sitzen und tanzen (wenn auch verhalten) vor ihren Stühlen und in den Gängen. Mittlerweile hat sich das Gleichgewicht zwischen Gesang und Instrumenten eingependelt.
Im Anschluss plaudert Marc Almond ein wenig über Auftritte und Touren und entschuldigt sich für etwaige Anlaufschwierigkeiten. Immerhin sei dies das erste Hallenkonzert der Band seit über zwei Jahren.


„Under Your Wing“, veröffentlicht 2001, dreht gehörig an der Drama-Schraube; Streicher vom Band verstärken diesen Eindruck. Für mich zwar eines der schwächeren Stücke des Sets, aber dem restlichen Publikum gefällt es anscheinend. Die folgenden „Dreaming of Sea“ und „Hollywood Forever“ stammen wieder vom aktuellen Solo-Album, während „Sandboy“ auch schon zehn Jahre alt ist. Die Stücke sind allesamt etwas ruhiger gehalten und leben vom Zusammenspiel zwischen Gesang und Piano. In diese, eher verhaltene, langsamere Phase des Konzertes reiht sich „Little Dreamer“, eine Live-Premiere nahtlos ein.

Mit „Black Heart“, ursprünglich aufgenommen 1983 mit Marc and the Mambas (und nebenbei eines meiner Lieblingsstücke), kommt deutlich mehr Schwung in das Set. Die musikalische Untermalung liefert neben Flamenco- und Country-Elementen ein orgelndes Keyboard und druckvolleren Gesang.

Vor gut zwei Wochen haben Soft Cell, das Synthie-Pop-Duo, mit dem der Sänger in den frühen 1980er Jahren bekannt wurde, neues Material veröffentlicht. Happiness Not Included, das erste Album der Band seit 2002, konnte sich relativ hoch in den britischen Charts platzieren. Grund genug, zwei der Stücke live zu spielen. „Purple Zone“, eine Kooperation mit den Pet Shop Boys, präsentiert sich hier als minimalistische Klavier-Ballade. Ein maximaler Kontrast zum Album-Track und für mich eindeutig die bessere Variante. Das Publikum ist zwar beim Refrain noch nicht ganz textsicher – aber das gibt sich hoffentlich bei kommenden Auftritten. Bei „Light Sleepers“ bekommt dagegen die ganze Band etwas zu tun. Besonders die entspannte Gitarrenarbeit hinterlässt hier einen bleibenden Eindruck.


Danach folgt eine ganze Reihe älterer, bekannter Stücke, beispielsweise „The Days of Pearly Spencer“ und „Something’s Gotten Hold of My Heart“. Beides Cover-Versionen, zählen sie zu den größten Erfolgen in Marc Almonds Solo-Karriere. Besonders freut mich, dass auch „Bedsitter“ seinen Platz in der Setlist gefunden hat.

Mit „Chaos“ und „Slow Burn Love“ gibt es die letzten zwei Stücke von Chaos and a Dancing Star zu hören. Beide sind ungewöhnlich optimistisch und schwungvoll, so dass dem Großteil des Publikums keine Gelegenheit bleibt, sich wieder zu setzen. Neil X unterstützt erneut beim Gesang, während die anderen Mitglieder ihr Können unter Beweis stellen.

Den Abschluss des regulären Teils des Auftrittes übernimmt „Jacky“, das wahrscheinlich schnellste und tanzbarste Stück des ganzen Konzertes. Für das Jacques Brel-Cover wird wieder einmal auf Streicher vom Band gesetzt, die dem Lied seine charakteristische Struktur verleihen.
Anschließend verabschiedet sich die Band rasch von der Bühne, nur um genauso schnell wieder aufzutauchen.

Nach einigen Worten zu den Auswirkungen der Pandemie auf Künstler und Veranstalter, Dankesworten an die Techniker und etwas Smalltalk startet die Zugabe. „John, I’m Only Dancing“, im Original von David Bowie sticht vor allem durch die akustische Gitarre und das psychedelische Keyboard hervor. Darauf folgt das unvermeidliche Highlight des Konzertes: „Tainted Love“ – für mich die Definition von Synthie-Pop! Aber auch mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboard funktioniert das Stück hervorragend. Mittlerweile steht tatsächlich der ganze Saal und sogar auf der Empore wird ausgiebig getanzt.



Mit „Say Hello, Wave Goodbye“ neigt sich das Konzert seinem unvermeidlichen Ende entgegen. Das Publikum ist nun auch textsicher und unterstützt den Sänger nach Kräften. Schließlich folgt noch die Vorstellung der vier Mitmusiker: Für Piano und Keyboards zuständig Martin Watkins, den Name des Bassisten habe ich leider nicht verstanden, am Schlagzeug Hugh Wilkinson und schließlich an den Gitarren Neil X. Meines Wissens nach alles langjährige Weggefährten von Marc Almond.

Entgegen meiner Vermutung war dies jedoch nicht das Ende des Sets – eine letzte Cover-Version folgt. „Children of the Revolution“ präsentiert sich ungewohnt rockig und braucht sich nicht zu verstecken. Vor allem die Gitarre trägt hier die Hauptlast, während Bass und Schlagzeug die Zwischenparts dominieren.

Erst danach endet das fast zweistündige Konzert und die Halle leert sich fast augenblicklich. Die meisten Gäste finden sich anschließend an der Bar ein, um den Abend entspannt ausklingen zu lassen. Nach einem kurzen Plausch mit Bekannten und einem letzten Getränk mache ich mich dann auch recht zeitnah auf den Heimweg.

Wie war’s?

Im Nachhinein bin ich froh, doch nicht auf das Konzert ins Düsseldorfer Stahlwerk gegangen zu sein. Die leicht plüschige und heimelige Atmosphäre des Capitol kam dem Auftritt doch sehr entgegen. Der bestuhlte Saal passte ebenfalls zum eher gesetzten Alter des Publikums. Die Beleuchtung blieb meist dezent und war in kühlen Tönen gehalten. Wenn dann jedoch mehrfarbige Spots oder Lichtspiele zum Einsatz kamen, war der Effekt umso größer. Der Sound war meist gut und ausgewogen, lediglich am Anfang gab es einige Abstimmungsschwierigkeiten, so dass der Gesang phasenweise schlecht zu verstehen war. Nach zwei Stücken hatten aber sowohl die Band als auch die Techniker die richtige Balance gefunden.


In den gut zwei Stunden gab es Pathos, Drama, ein wenig Kitsch, aber auch grandiosen Pop und die eine oder andere rockige Nummer. Der Schwerpunkt des Sets lag, wie ursprünglich geplant, auf den Stücken von Chaos and a Dancing Star. Dennoch gab es genug Raum für einige Klassiker, Cover-Versionen und Raritäten. Ein besonderes Schmanckerl waren natürlich die beiden Lieder vom neuen Soft Cell-Album – die hier, glaube ich, ihre Live-Premiere hatten. Insgesamt eine sehr gelungene Auswahl, die sich über 40 Jahre und verschiedene Genres erstreckte.

Es war keine Frage, wer beim Konzert im Mittelpunkt stand: Marc Almond und seine grandiose Stimme. Einzig mit Neal X teilte er sich gelegentlich das Rampenlicht. Der Rest der Band blieb die meiste Zeit dezent im Hintergrund und erledigten ihren Job – das allerdings sehr ordentlich. Die zahlreichen kleinen Anekdoten und Erklärungen zu den verschiedenen Stücken machten den Sänger sehr sympathisch und gaben dem Konzert eine persönliche Note.

Im direkten Vergleich gefallen mir die meisten Stücke live tatsächlich besser als in der jeweiligen Studio-Version. Ob dies nun am Ambiente des Konzerts, an der Interpretation oder der Bühnenpräsenz von Marc Almond lag, lässt sich schlecht definieren – wahrscheinlich war es eine Kombination daraus.

Und wer schnell ist, kann noch eines der beiden verbliebenen Deutschland-Konzerte in Berlin besuchen…

Vielen Dank an Lars Berndt Events für die die schnelle Akkreditierung und natürlich die Organisation dieses tollen Konzertes.

Dienstag, 5. November 2019

SPIEL '19

[Messe] SPIEL '19
24. bis 27. Oktober 2019
Grugahallen, Essen


In schöner Regelmäßigkeit plagen mich, pünktlich zur SPIEL Mitte/Ende Oktober gesundheitliche Probleme. Allerdings hält dies mich auch in diesem Jahr nicht davon ab, den langen Weg nach Essen anzutreten. Unterkunft und Pressekarte sind schnell organisiert, auch einige Termine bei Verlagen kann ich problemlos kurzfristig arrangieren. Die Hauptarbeit besteht jedoch darin, meine To-Do-Liste vorzubereiten. Schon Wochen vorher ziehe ich mir Informationen zu Spielen und Verlagen bei, durchstöbere Ankündigungen und gehe noch einige offene Punkte des letzten Jahres durch. Darüber vergeht die Zeit bis zur Messe erstaunlich - beinahe erschreckend - schnell.

Endlich ist es soweit! Die letzten Vorräte sind eingekauft, die Akkus frisch geladen und der Tank ist voll. Die Fahrt nach Essen gestaltet sich ungewöhnlich ereignislos, lediglich ein kurzer Stau bei Bonn hemmt mein Vorankommen. Glücklicherweise habe ich ausreichend zeitlichen Puffer eingeplant und erreiche die Halle pünktlich.


Mittwoch, 23. Oktober 2019
 

Um 11 Uhr eröffnet Dominique Metzler vom Friedhelm Merz Verlag, dem Veranstalter der Messe, die traditionelle Pressekonferenz zur 37. SPIEL. Im Zentrum stehen natürlich die abgeschlossenen Umbaumaßnahmen der Gruga-Hallen. Mittlerweile nimmt die Ausstellungsfläche einen Platz von 86.000 qm ein - eine Verdoppelung innerhalb der letzten sechs Jahre. Gut 1.200 Aussteller präsentieren über 1.5000 Neuheiten, auch eine Besucherzahl um die 200.000 wird erwartet. Damit setzt die Messe ihren jahrelangen Wachstumstrend auch 2019 in allen Bereichen fort.

Nachdem es in den letzten Jahren immer wieder zu starkem Gedränge an den Eingängen und chaotischen Zuständen in den Parkhäusern kam, haben die Veranstalter auch hier gegengesteuert. Die Einlassorganisation wurde angepasst, um die Stoßzeiten, besonders am Messebeginn abzufedern. Dabei hilft ein zusätzlicher Eingang, aber vor allem die wesentlich zahlreicheren Ordner.

Die Pressekonferenz

Doch nicht nur räumlich hat sich auf der diesjährigen SPIEL etwas getan. Die in den letzten Jahren eher spärlich vertretene Comic Action ist nicht mehr Teil der Messe. Ich vermute, dass dies hauptsächlich den zahlreichen Comic Conventions geschuldet ist, die bundesweit stattfinden. Dafür sind jedoch eine ganze Reihe anderer Aktionen hinzugekommen. So findet bereits am Mittwoch die Preview Night statt, bei der 65 Verlage ihre Neuheiten zur Verfügung stellen. Die 550 Plätze für die Spieler waren innerhalb weniger Minuten vergeben. Ebenfalls neu ist am Freitag der Educators Day. Diese Veranstaltungsreihe richtet besonders an Pädagogen und dreht sich um den Einsatz von Brettspielen, beispielsweise in Schulen und eine Reihe weiterer Themen. Dazu gibt es ergänzende Veranstaltungen und Vorträge mit unterschiedlichen Schwerpunkten.


Im Rahmen der Pressekonferenz wird auch der innoSPIEL für ein besonders originelles Spielkonzept verliehen. Nominiert waren das Kartenspiel KeyForge von Asmodee, das Deduktionsspiel Detective von Pegasus Spiele und schließlich Ab durch die Mauer von Zoch, das den Preis gewinnt. Die Auszeichnung Deutscher Spielepreis konnte Flügelschlag von Feuerland mit nach Hause nehmen, der Preis für das Kinderspiel gewinnt Concept Kids Tiere von Repos. Daran schließen sich einige allgemeine Informationen zur Entwicklung des Spielmarktes an, beispielsweise Umsatzzahlen, Verbreitung und aktuelle Trends.


Nach gut einer Stunde endet dieser offizielle Teil. Anschließend macht sich die ganze Horde auf den Weg in den Keller zur Neuheitenschau. Dort haben zahlreiche Verlage ihre Spiele aufgebaut und stehen für Fotos, Interviews und Erklärungen bereit. Ich nutze die Gelegenheit, verschaffe mir einen ersten Überblick und ergänze meine Liste entsprechend. Viele Verlage setzen hier ihre Spiele spektakulär in Szene, beispielsweise Last Bastion, das von einer Horde Monster präsentiert oder Detective, bei dem ein Tatort nachgestellt wird. Aber vor allem sind es hier die kleinen, ausländischen Verlage, die mich interessieren. Meist hat man nur hier Gelegenheit, in Ruhe einen Blick auf alle Veröffentlichungen zu werfen - im Trubel der Hallen ist dies nicht immer möglich.

Alle Neuheiten im Überblick
Am Hallenrand entdecke ich HeidelBÄR Games, die in diesem Jahr so etwas wie ein Comeback feiern. Mit Wordsmith, Letter Jam und weiteren Spielen hat der Verlag zudem gleich eine ganze Reihe von neuen Titeln am Start. Vor allem die Roboter-Prügelei Volt gefällt mir dabei ausgesprochen gut. Bei Kosmos richtet sich mein Hauptaugenmerk auf die Neuauflage des Catan-Ablegers Sternenfahrer. Aber auch die neuen Titel der EXIT-Reihe schaue ich mir genauer an. Pegasus Spiele haben wieder eine ganze Palette von Neuheiten am Start. Vor allem die Präsentation von Kitchen Rush und das bereits erwähnte Detective stechen dabei heraus. Aber auch viele kleinere Titel sind auf den Tischen ausgebreitet. Schließlich mache ich noch einen Abstecher zu Iello die mit Ishtar ein recht ungewöhnliches Gärtner-Spiel präsentieren. Dagegen sorgt Ninja Academy für eine eher lockere Spielatmosphäre - und kommt auf meine Einkaufsliste.

Anschließend laufe ich die Gänge ab, schaue mir immer wieder Spiele an, die mir ins Auge fallen und tausche mich mit den Kollegen aus.


Schließlich habe ich genug gesehen und schlendere in die eigentlichen Messehallen. Bevor am nächsten Tag der übliche Wahnsinn beginnt, will ich mir noch einen Überblick verschaffen. Im Rahmen der Neustrukturierung befinden sich zahlreiche Stände nicht mehr an ihrem gewohnten Ort. Bei der Gelegenheit besuche ich noch einige Bekannte, die grade dabei sind, ihre Stände aufzubauen.


Donnerstag, 24. Oktober 2019
 

Schon bei der Anreise am ersten richtigen Messetag macht sich das neue Konzept der Veranstalter bemerkbar. Die Verteilung des Verkehrs auf die verschiedenen Parkhäuser verläuft deutlich flüssiger als in den Jahren zuvor. Auch direkt vor den Hallen leiten zahlreiche Ordnungskräfte die Besucherströme in geordnete Bahnen. Hier ist es vor allem der zusätzliche Eingang, der sich positiv bemerkbar macht. So komme ich stressfrei und sehr pünktlich in den Messehallen an - eine spürbare Verbesserung.

Freundliches Standpersonal
Meinen ersten Termin habe ich erst gegen Mittag. So bleibt mir noch genug Zeit, zumindest einen Teil meiner Einkaufsliste abzuarbeiten. Glücklicherweise habe ich mir bereits am Vortag einen Überblick verschafft und so habe ich keine Schwierigkeiten, meine Ziele zu finden. Zuerst führt mich mein Weg in Halle 4 zu Lumberjacks Studio. Bereits im letzten Jahr wollte ich mir deren charmantes, sehr makabres und auf einem Comic basierendes Spiel La Petite Mort zulegen. Leider war damals nur eine französische Version erhältlich. Da am Stand noch nicht viel los ist, unterhalte ich mich noch ein wenig mit dem Autor des Spiels. Ich bin tatsächlich der Erste, der die englische Variante in der Hand hält. Schnell lasse ich mir noch eine kleine Signatur in die markante Verpackung stricheln und ziehe dann weiter. Auch bei den Schweizern von Kampfhummel Spiele gibt es etwas zwei Neuheiten, die in meine Tasche wandern. Die Trinkspiel-Erweiterung zu Kampf gegen das Spießertum ist ganz frisch, ebenso wie das schnelle Kartenspiel Arschlochkind. Eine schnelle Testrunde, die pädagogisch wertvolle Spielidee und die schicke Aufmachung machen zumindest neugierig. Das Spiel wandert in meinen Rucksack - den angebotenen Schnaps lehne ich allerdings dankend ab.

Langsam muss ich mich auf den Weg zurückmachen, allerdings bleibt mir noch Zeit für einen kurzen Abstecher zu iDventure. Schon am Vortag ist mir deren Cluebox ins Auge gefallen. Dabei handelt es sich um einen kleinen Quader aus Holz, den es zu öffnen gilt. Keine Anleitung, keine Lösungsvorgaben - nur einige kryptische Hinweise finden sich auf den sechs Seiten des Würfels. Sicherlich kein Spiel für mich, dazu bin ich viel zu ungeduldig, aber eine der originellsten Ideen der diesjährigen Messe. Stattdessen begnüge ich mich dem dritten Teil der Detective Stories, der ebenfalls neu im Verlagsprogramm ist.
Auf dem Rückweg fallen mir die ungewöhnlichen langen Schlangen auf, die sich um einige Stände gebildet haben. Beispielsweise bei Feuerland oder AEG stehen die Besucher in Dreierreihen um an die begehrten Spiele, Erweiterungen und Promos zu kommen.
 

Dann geht es jedoch für mich zu meinem ersten Termin in den Saal Brüssel. Hier haben sich Asmodee einquartiert, um ihre Neuheiten abseits des normalen Messetrubels vorzustellen. Viel Platz zum Spielen ist leider nicht, dafür kann das freundliche Personal aber umfangreiche Auskünfte erteilen. Besonders einige der dicken Brocken haben es mir angetan, beispielsweise die deutsche Version von Betrayal at the House on the Hill. Ich bin ein großer Fan des Spiels, das bereits vor einigen Jahren auf Deutsch angekündigt wurde. Die Spieler erforschen dabei gemeinsam ein Spukhaus, irgendwann wird jedoch einer zum Verräter. Alleine die Ausstattung von Cthulhu: Death May Die ist beeindruckend. Eine Handvoll halb wahnsinniger Investigatoren versuchen hier die Schrecken des Cthulhu-Mythos zu bannen. Während das Spiel sowohl auf Deutsch, wie auch auf Englisch bereits im Laden erhältlich ist, muss ich mich noch bei der Auslieferung des Crowdfundings etwas gedulden. Thematisch in eine ganz ähnliche Richtung geht Letzte Stunde, der neueste Zuwachs aus den Arkham Horror Files. Hier müssen die Spieler verhindern, dass der Campus der Miskatonic Universität von Monstern überrannt wird. Ebenfalls im Fokus steht die aktuelle Erweiterung des Deckbuilding-Kartenspiels KeyForge, zu der auch einiges Zubehör präsentiert wird. Mit Obscurio gibt es ein frisches Bilderrätsel des französischen Verlags Libellud zu sehen. Bei Black Angel durchstreifen die Spieler an Bord eines Raumschiffes die Galaxis und in Yggdrasil Chronicles müssen sie als nordische Gottheiten Ragnarök verhindern.

Superhelden-Prügelei
Bei der Vielzahl der Neuerscheinungen habe ich mich bei Asmodee doch länger aufgehalten als ursprünglich geplant. Glücklicherweise habe ich es nicht weit, bis zum Stand von moses., die wieder an gewohnter Stelle in Halle 3 zu finden sind. Während auf der einen Seite in großer Runde eine Partie black stories live gespielt wird, werfe ich in einer ruhigen Ecke einen Blick auf die aktuellen Veröffentlichungen. Gleich zwei Rennspiele hat der Verlag auf die Messe mitgebracht. Crash Test Bunnies ist ein Karten-Lege-Spiel mit putzigen Kuscheltieren und schnellen Entscheidungen. Dagegen ist das Würfelspiel Caracho deutlich strategischer und richtet sich an eine etwas ältere Zielgruppe. Einige hübsche Mechaniken werden hier mit verdeckten Rollen kombiniert - durchaus reizvoll und unterhaltsam. Ebenfalls um Würfel dreht sich Beam Me Up, im weitesten Sinne ein weiteres Rennspiel. Vor allem der Ärgerfaktor hat mir gut gefallen - sicherlich ein Würfelspiel, das bei mir auf den Tisch kommen wird. Mit Small Talk Bingo hat der Verlag schließlich auch ein Kommunikationsspiel im Programm. Dabei unterhalten sich zwei Mitspieler über ein vorgegebenes Thema und die anderen streichen Begriffe ab, die im Gespräch vorkommen. Nach diesem kurzen Überblick zieht es mich weiter durch die Hallen, wirklich viel habe ich ja noch nicht gesehen.

Es sind zwar noch gut zwei Stunden bis zum Ende des ersten Messetages, doch einige Besucher haben sich anscheinend bereits auf den Heimweg gemacht. Das gibt mir die Gelegenheit, tatsächlich noch eine Demorunde zu suchen. Meine Wahl fällt nach kurzer Überlegung auf Wolfenstein: The Boardgame. Beim Dungeon-Crawler von Archon Studios handelt es sich um einen recht weit fortgeschrittenen Prototypen, basierend auf den bekannten Computer- bzw. Konsolenspielen. Die Figuren machen, wie vom Hersteller gewohnt, einen sehr guten Eindruck. Das Spiel selbst ist dagegen eher einfach gehalten und nutzt Abläufe, die aus zahlreichen anderen Vertretern des Genres bekannt sind - nett, aber leider auch nicht mehr. Geplant ist eine Finanzierung über Crowdfunding. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist. Die Vorgängerfirma Prodos hatte in dieser Hinsicht nicht den besten Ruf.

Schnäpchenjäger unter sich

Und wenn ich schon in dieser Gegend bin, kann ich bei der Gelegenheit auch eine Vorbestellung abholen. Wie praktisch jedes Jahr haben Sphinx Spiele eine Neuveröffentlichung mit cthuloider Thematik dabei. Als Anführer eines okkulten Zirkels müssen die Spieler in Rituale des Wahnsinns ihre Kultisten an einem Ritualplatz versammeln, um eine Gottheit des Mythos zu beschwören. Trotz der finsteren Hintergrundgeschichte liefert der Verlag wieder ein lockeres, witziges Spiel mit charmanten Illustrationen ab.


Eigentlich hätte ich noch ein bisschen Zeit, aber da ich mich später noch mit Bekannten treffe (und vorher kurz die Füße hochlegen will) verlasse ich die Gruga-Halle bereits vor dem offiziellen Messeschluss. Der Feierabendverkehr ist weitgehend abgeklungen, so dass auch der obligatorische Stau sehr überschaubar ausfällt. Schnell verstaue ich die Errungenschaften des ersten Messetages und mache mich bereit für das Oberhausener Nachtleben.


Freitag, 25. Oktober 2019
 

Wie schon am Vortag komme ich praktisch ohne Stau zum Parkhaus. Da noch etwas Zeit bis zum Einlass ist, gehe ich noch einmal meine Liste durch und ergänze einige Dinge, die mir am Vortag aufgefallen sind. Vorsichtshalber organisiere ich mir im Pressezentrum ein Schließfach - es ist doch etwas mühsam, alle Einkäufe den ganzen Tag mit sich herum zu schleppen.

Ich beginne den Tag in der nahezu verwaisten Neuheitenschau - phasenweise schlendere ich alleine durch die Reihen. Hier kann ich mir nochmals in aller Ruhe die Spiele anschauen und auch die Materialien in die Hand nehmen und begutachten. Bei dieser Tour fallen mir die Artworks zu Barpig und seiner Erweiterung After Hours ins Auge und ich nehme mir vor, später eine Testrunde zu spielen. Bis ich noch einige Fotos geschossen habe, ist der erste Besucherandrang an den Eingängen bereits abgeebbt. Auf dem Weg zu Schmidt Spiele treffe ich noch eine Bekannte, bei der ich mich fest schwätze. Grade noch rechtzeitig zu meinem Termin kann ich mich losreißen. Traditionell richtet sich das Programm des Berliner Verlages an eine etwas jüngere Zielgruppe, so dass ich bei bayala oder Benjamin Blümchen dankend abwinke. Viel interessanter ist dagegen für mich die Vorstellung von Inseln im Nebel. Hier erkundet jeder Spieler mit seinem Ballon eine Insel und muss verschiedene Punkte ansteuern. Das Spiel macht sowohl optisch als auch spielerisch einen überzeugenden Eindruck und ich nehme mir die Zeit für eine kurze Einführungsrunde. Auch auf das Kartenspiel HiLo und das knallige Würfelspiel Noch mal so gut! werfe ich einen Blick - beide sind interessant, allerdings nicht unbedingt für meine Spielrunden geeignet. Dagegen spricht mich Kakerlaken Sushi viel eher an. Ganz in der Art seiner zahlreichen Vorgänger müssen die Spieler auch bei diesem Kommunikationsspiel ihre Hirnwindungen verknoten.

Klassiker in neuem Gewand

Wenn ich schon in Halle 3 bin, kann ich auch gleich einen Abstecher zu Abacusspiele machen. Einen Termin habe ich zwar nicht, trotzdem finde ich jemanden, der mir einen ausführlichen Überblick der Messeneuheiten gibt. Die beiden Krimi-/Rätsel-Serien Sherlock und Deckscape erhalten Zuwachs, den ich genauer unter die Lupe nehme. Am Spielprinzip (nachzulesen beispielsweise HIER) ändert sich dabei nichts, allerdings liefern die Autoren nun eine größere Bandbreite an Themen ab. Ähnlich gelagert ist eine weitere Serie, die auf der SPIEL Premiere hat. Bei Decktective - Rose Rosen wird die Spielschachtel zum Tatort. Diesen müssen die Spieler nun untersuchen, um den Fall zu lösen. Ein originelles Konzept, das wir demnächst sicherlich einmal ausprobieren werden. Eine weitere Neuheit ist, Dank ihrer knalligen Verpackung, kaum zu übersehen. Bei TEAM3 handelt es sich um ein kooperatives Kommunikations- und Bauspiel. Sehr einfache, ungewöhnliche Mechaniken, Verständigungsprobleme und die spaßige Grundidee sprechen mich direkt an.

Auf dem Weg zu meinem nächsten Ziel mache ich kurz beim riesigen Stand von Asmodee / Fantasy Flight Games halt, der beinahe die Hälfte der Halle 1 einnimmt. In den Vitrinen stehen die Neuheiten der verschiedenen Star Wars-Titel, aber auch ein Superhelden-Skirmish kann schon angetestet werden. Da jedoch sämtliche Spieltische besetzt sind und die Schlangen an den beiden Shops eine beeindruckende Länge haben, halte ich mich hier nicht übermäßig lange auf. Die meisten Sachen habe ich bereits beim Pressetermin genauer unter die Lupe nehmen können.

Für den Rest des Tages steht einzig die Halle 6 auf meinem Programm. Hier haben sich, wie bereits in den Jahren zuvor, die meisten Rollenspiel- und Tabletop-Verlage niedergelassen. Am Stand des britischen Tabletop-Herstellers Games Workshop gibt es neben den Vorstellungen der Spielsysteme, beispielsweise Warhammer Underworlds: Beastgrave und einem Ausblick auf kommende Miniaturen auch ein kleines Speedpainting. Für mich eine gute Gelegenheit, mich ein wenig zu setzen und seit langer Zeit wieder einmal den Pinsel zu schwingen. Ein Space Marine, begrenzte Zeit und eine eingeschränkte Farbpalette machen das Ergebnis nicht wirklich vorzeigbar. Doch ist dies immerhin die erste Figur, die ich in diesem Jahr bemalt habe. Nur wenige Schritte entfernt, beim Verlag Martin Ellermeier kann man nicht nur einen Blick in die Zeitschriften Mephisto und Tabletop Insider werfen, es gibt auch Gelegenheit Demorunden für das venezianische Skirmish-Tabletop Carnevale zu spielen. Das Spiel selbst hatte ich bereits vor einigen Monaten auf einer anderen Veranstaltung angetestet, aber die schicke Messefigur und eine Gondel wandern in meinen Rucksack.

Tentakel sind praktisch
Nebenan, bei Stronghold Terrain gibt es ebenfalls eine Sonderminiatur. Gedacht für das SAGA-Tabletop, hole ich mir die Fantasy-Interpretation von Lemmy Kilmister, bevor ich weiter zu Freebooter Miniatures gehe. Die Veröffentlichung des Mannschaftsbuches zu Freebooter's Fate liegt noch nicht allzu lange zurück. Daher erwarte ich auch keine spektakulären Neuheiten, als ich den Stand der Piraten-Crew besuche. Dafür gibt es allerdings den obligatorischen Rum und einen ersten Blick auf die Miniaturen der kommenden Schatten-Fraktion.

Ich schlendere weiter durch die Gänge und klappere die Stände von meiner Liste ab. So werfe ich bei der Redaktion Phantastik einen Blick in das neue Abenteuer zum viktorianischen Detektivrollenspiel Private Eye oder gönne mir ein paar Figuren aus dem Programm von Legends of Signum. Daneben finde ich noch einige Kleinigkeiten zur Miniaturenbemalung, beispielsweise ein Tutorial für Chibi-Figuren, neue Farbsets oder eine Nasse Palette.

Als Tagesabschluss steht noch eine kleine Testrunde an. Meine Wahl fällt dabei auf das kooperative cthuloide Brettspiel Cultistorm. Im letzten Jahr habe ich das Crowdfunding von Purple Meeple Games verpasst - jetzt ergibt sich vielleicht doch die Gelegenheit, mir das Spiel zuzulegen. Die spektakuläre Ausstattung und tolle Illustrationen machen einen sehr guten Eindruck. Allerdings stehen bei mir im Schrank bereits zahlreiche Spiele mit identischer Thematik und ähnlichen Abläufen. Daher, und in Anbetracht meines bereits geschrumpften Messebudgets, verzichte ich schließlich nach reiflicher Überlegung darauf.
Mittlerweile ist es spät geworden und ich muss mich beeilen, mein Schließfach zu leeren. Auf dem Weg zu meiner Unterkunft decke ich mich noch mit Vorräten für den nächsten Messetag ein. Auch etwas zu essen wäre nicht schlecht - immerhin verspüre ich ein leichtes Hüngerchen. Ausnahmsweise habe ich an diesem Abend kein Programm, sondern flätze mich gemütlich im Sessel und sichte meine Errungenschaften. Tatsächlich sind einige wirklich interessante Spiele dabei und ich freue mich auf den nächsten Spieleabend, um sie auszuprobieren.


Samstag, 26. Oktober 2019
 

Traditionell ist Samstag der Tag mit den meisten Messebesuchern - und auch dieses Jahr bildet dabei keine Ausnahme. Glücklicherweise bin ich vor dem großen Andrang bereits vor Ort und kann mir das Spektakel der Toröffnung aus sicherer Entfernung anschauen. Ich kann ja verstehen, dass die Besucher aufgeregt sind und ihr Geld loswerden wollen, allerdings ist das kein Grund, rücksichtslos durch die Gänge zu rennen und dabei alle und jeden aus dem Weg zu räumen.

Heroische Helden gegen fiese Monster
Nachdem das am Vortag so gut mit der Miniaturenmalerei funktioniert hat, versuche ich auch heute mein Glück - diesmal am Stand des spanischen Farbenherstellers Acrylicos Vallejo. Das Niveau liegt hier ein ganzes Stück höher als beim Space Marine - was in erster Linie an der fachkundigen Anleitung liegt. Nach einer guten Stunde habe ich einen ganz ansehnlichen Beholder zustande gebracht und ziehe weiter. Für heute habe ich mir eine Art Themenschwerpunkt gesetzt - Tower-Defence-Spiele. Bereits in der Neuheitenschau am Mittwoch ist mir Last Bastion von Repos ausgefallen und nun nehme ich mir die Zeit für eine Testrunde. Vier Spieler müssen in diesem kooperativen Spiel die letzte Zuflucht der Menschen (und Zwerge, Elfen, Halblinge) gegen finstere Monsterhorden verteidigen. Dabei helfen die Fähigkeiten der Zivilisten, der geschickte Einsatz von Ressourcen und natürlich Würfelglück. Umgekehrte Vorzeichen hat dagegen Village Attacks des britischen Herstellers Grimlord Games. Zwar ist auch dieses Spiel kooperativ, aber die Spieler übernehmen die Rolle von Monstern und Schurken, die sich gegen die aufgebrachte Dorfbevölkerung zur Wehr setzen müssen. Neben seiner wirklich großartigen Ausstattung kann das Spiel mit detaillierten Abläufen und Spieltiefe aufwarten - außerdem mag ich es, den Bösen zu spielen. Aktuell läuft eine Crowdfunding-Aktion für die erste große Erweiterung. Das letzte Spiel, dass ich mir zu diesem Thema anschaue, ist derzeit noch in der (fortgeschrittenen) Entwicklungsphase. Auch bei Knight Tales gilt es, mit tapferen Recken ein Dorf vor fiesen Monstern zu retten. Das Spiel von Voodoo Games setzt auf Synergieeffekte zwischen den Spielern und den bedachten Einsatz von Würfeln. Etwas mehr Tiefe bekommt das Spiel dabei durch das Ressourcenmanagement, das den Spielern mehr Optionen an die Hand gibt. Auch hier wird in absehbarer Zeit eine Crowdfunding-Kampagne folgen.

Die Galeria ist keine Abkürzung
Damit ist meine Aufnahmefähigkeit, was Regeln angeht, fürs Erste erschöpft. Daher trifft es sich ganz gut, dass noch ein weiterer Termin in meinem Kalender steht. Iello gehört für mich jedes Jahr zu den Highlights - sowohl in Nürnberg, als auch in hier Essen. Während man im opulent ausgestatteten regulären Ausstellungsbereich die aktuellen Neuheiten ausgiebig antesten kann, gibt es im Händler- und Pressebereich einen Ausblick auf die kommenden Veröffentlichungen. Nach dem üblichen Smalltalk und den Frotzeleien über deutsche und französische Gewohnheiten habe ich endlich Gelegenheit die Prototypen in Augenschein zu nehmen. Dabei ist es vor allem King of Tokyo - Dark Edition das meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Leider darf mein Gesprächspartner noch nicht übermäßig viel zum Spiel verraten - auch die enthaltenen Monster sind noch unter Verschluss. Allerdings verfügt das Spiel über eine neue Mechanik, neue Ausrüstung und über eine sehr stimmige, finstere Aufmachung. Der Veröffentlichungstermin ist für das kommende Frühjahr angedacht - ich bin gespannt. Daneben steht mit The Vth Element eine Erweiterung für das knackig schwere Magierspiel The Big Book Of Madness. Keinen wirklichen Tiefgang, dafür einige lustige Runden verspricht Flyin' Goblin. Dabei müssen die namensgebenden Plagegeister mittels einer Wippe in die Räume einer Burg katapultiert werden. Mit Break The Code und Time Bomb Evolution sind auch zwei Deduktions- und Rätselspiele im Programm des französischen Verlages. Während das eine ungewöhnlich schlicht daherkommt, überzeugt das andere wieder mit tollen Illustrationen und liebevoller Aufmachung. Beide funktionieren jedoch als lockere "Zwischenmahlzeit" für kleinere Spielergruppen. Schließlich habe ich auch hier genug gesehen und setze meinen Weg fort.

Auf meiner Liste sind nur noch wenige Punkte übrig. Eigentlich wollte ich mir diese für den letzten Messetag aufheben, aber ich liege noch gut in der Zeit und bin leidlich fit. So bahne ich mir meinen Weg zurück in Halle 6 und hole ein weiteres vorbestelltes Spiel ab. Kraken Ataken ist eine lockere Schatzjagd des polnischen Verlags Titan Forge, eigentlich bekannt für ihre Miniaturen. Aber Grundidee und Aufmachung fand ich so gelungen, dass ich mir das Grundspiel nebst Erweiterung habe zurücklegen lassen. Nun können wir bei Gelegenheit als tentaklige Tiefseeungeheuer Schätze von Piratenschiffen stehlen. Direkt nebenan bei Warlord Games dreht sich alles um napoleonische Seeschlachten in Black Sails. Die Schiffe sehen großartig aus, auch das Spielprinzip macht einen soliden Eindruck - allerdings schreckt mich ein weiteres Tabletop-System doch ab. Oktoberfest von Fat Fox Games hat es dagegen leider nicht auf die Messe geschafft - darauf hatte ich mich eigentlich gefreut! Auch bei Modiphius schaue ich vorbei - auch wenn das Spiel, was ich haben wollte, noch nicht fertig ist. Stattdessen begutachte ich die Neuerscheinungen für das Fallout-Tabletop, die nächste Inkarnation von Vampire: The Masquerade und das Elder Scrolls-Spiel. In einem beinahe unmenschlichen Akt der Selbstbeherrschung beschränke ich meine Einkäufe nur auf zwei Miniaturen. 

Ausgelassene Stimmung
Mittlerweile neigt sich auch der dritte Messetag seinem Ende entgegen. Allerdings habe ich noch ein bisschen Zeit, die ich für einen schnellen Ausflug in Halle 5 nutze. Inmitten der allgemeinen Aufbruchsstimmung, bekomme ich eine rasche Einführung in das Partyspiel Barpigs. Sicherlich nicht für jede Spielerrunde geeignet, aber sehr spaßig - vor allem mit steigendem Alkoholpegel. Schnell packe ich das Spiel mitsamt der Erweiterung in meinen Rucksack und begebe mich zurück zu meinen Bekannten. Diese haben mittlerweile ihren Stand für die Nacht fertig gemacht und so können wir direkt zum Abendprogramm übergehen. Wie bereits im letzten Jahr geht die Fahrt zur Burger-Braterei des Vertrauens in Essen.

Obwohl es schon ziemlich spät ist, als ich meine Unterkunft erreiche, und ich schrecklich müde bin, packe ich dennoch meine Sachen zusammen. Während ich die letzten Spiele in den Taschen verstaue, frage ich mich, wann ich die ganzen Sachen gekauft habe. Eigentlich hatte ich mir dieses Jahr etwas mehr Zurückhaltung verordnet. Glücklicherweise ist es bis zur nächsten SPIEL ja noch ein bisschen hin!


Sonntag, 27. Oktober 2019
 

Der letzte Messetag bricht an!
Meine Termine sind alle erledigt, auch meine Einkaufsliste ist praktisch abgearbeitet. So bleibt mir eigentlich nur noch, ein wenig durch die Halle zu schlendern, auf der Suche nach etwas wirklich Außergewöhnlichem. Obwohl ich eigentlich in den vergangenen Tagen jeden Gang mehrfach durchlaufen habe, finde ich immer noch Spiele, die mir gänzlich unbekannt sind. So beispielsweise Wurst Case Scenario bei dem die Spieler als intelligente Wurst dem Fleischwolf entkommen wollen oder Soviet Kitchen, das mit ähnlichen Zutaten, aber einem völlig anderen Spielprinzip aufwarten kann. Für Proberunden fehlt mir mittlerweile allerdings der Nerv, das Ende meiner Aufnahmefähigkeit ist erreicht.


Die Ausbeute

Stattdessen wage ich mich an diesem Tag zum ersten Mal in einige der zahlreichen "Resterampen". Hier kann ich einige Spiele ergattern, die ich schon seit Jahren suche - und das zu einem geradezu lächerlichen Preis.


Es ist zwar noch relativ früh am Tag, aber ich habe ja noch die lange Heimfahrt vor mir. So mache ich mich schließlich schwer bepackt auf den Weg zu meinem Wagen und kehre den Messehallen den Rücken - bis zum nächsten Jahr.


Das Fazit

Wie jedes Jahr habe ich viel zu wenig geschlafen, zu viel Geld ausgegeben und bin unzählige Kilometer gelaufen. Auch brauchte ich einige Tage um die ganzen Eindrücke zu ordnen und zu verarbeiten - von der obligatorischen Messeerkältung einmal ganz abgesehen. Für mich sehr erfreulich war, dass es nicht das eine dominierende Thema gab. Einhörnern, Zombies, Steampunk oder Cthulhu waren zwar überreichlich vorhanden, aber eben in einer ausgewogenen Mischung. Praktisch für jeden Spielertyp, jedes Genre und jedes Budget gab es mehr als genug Auswahl. Natürlich kann ich im Rahmen dieser Nachlese nicht auf jedes Spiel eingehen, dass ich gesehen habe - daher habe ich mich auf einige ausgewählte Veröffentlichungen beschränkt. Vor allem bei solch einer Veranstaltung sind für mich Spiele der kleineren Verlage interessant. Daher liegt hier auch mein besonderer Fokus. Dabei habe ich einige spannende neue Spielkonzepte gesehen, tolle Ausstattungen und eindrucksvolle Präsentationen - aber vor allem viele Menschen, die Spaß am Spielen haben!

Seit einigen Jahren wächst die Anzahl der Aussteller, die Spielezubehör liefern. Waren es zu Beginn nur Würfel und Kartenhüllen, hat sich das Angebot beständig erweitert. Inlays für die unterschiedlichsten Brettspielboxen, Würfeltürme, Transporttaschen und Spielunterlagen sind hinzugekommen. Auch Anbieter von eigens gebauten, teils ausgesprochen luxuriösen, Spieltischen präsentieren ihre Produkte auf der SPIEL. So kann jeder Spieler, die nötigen Finanzmittel vorausgesetzt, das perfekte Spielzimmer für seine Bedürfnisse einrichten. Ebenfalls ungewohnt ist die verstärkte Präsenz von Produktionsfirmen, die das Spielmaterial für die eigentlichen Verlage herstellen. Druckereien und Logistiker waren dabei ebenso vertreten, wie die Hersteller von Spielfiguren. Da ich mich (beruflich bedingt) sehr für diesen Aspekt der Spieleentwicklung interessiere, war es für mich spannend, mir auch dort Informationen zu holen.

Eines der Highlights
Auffällig, ist die abnehmende Halbwertzeit vieler Spiele. Titel, die noch vor ein oder zwei Jahren hochgejubelt und teuer verkauft wurden, finden sich zuhauf in den Ramschkisten. Natürlich gibt es dagegen auch Spiele, die nach Jahren kaum im Preis sinken, beispielsweise Abalone. Auf der einen Seite finde ich diese Entwicklung schade, entwertet sie doch die Spiele an sich. Andererseits freue ich mich darüber - so kann ich für relativ kleines Geld die Lücken in meiner Sammlung schließen.

Sehr wahrscheinlich haben die zahlreichen Crowdfunding-Kampagnen ihren Teil dazu beigetragen, das viele Spiele auf den Markt drängen. Einige der Verlage nutzen die Messe, so zumindest mein Eindruck, einzig als Werbekampagne für den nächsten Kickstarter. Dabei wird häufig mehr Wert auf die Ausstattung gelegt; ein originelles Konzept oder funktionierende Spielmechaniken bleiben dabei gelegentlich leider auf der Strecke.


Eine der größten Neuerungen war das Einlasskonzept des Friedhelm Merz Verlag. Die Verantwortlichen haben sich die Kritik der letzten Jahre wirklich zu Herzen genommen und die Abläufe deutlich optimiert. Keine kilometerlangen Staus auf den Zufahrtsstraßen, wenig Gedränge vor den Hallen und ein flüssiger Einlass haben dafür gesorgt, dass der Stresspegel auf einem überschaubaren Niveau bleibt. Auch die Charity-Aktionen, der viertägige Live-Stream und das umfangreiche Nebenprogramm haben die diesjährige SPIEL aus meiner Sicht aufgewertet. Dafür nochmals vielen Dank an die Verantwortlichen!