Dienstag, 5. November 2019

SPIEL '19

[Messe] SPIEL '19
24. bis 27. Oktober 2019
Grugahallen, Essen


In schöner Regelmäßigkeit plagen mich, pünktlich zur SPIEL Mitte/Ende Oktober gesundheitliche Probleme. Allerdings hält dies mich auch in diesem Jahr nicht davon ab, den langen Weg nach Essen anzutreten. Unterkunft und Pressekarte sind schnell organisiert, auch einige Termine bei Verlagen kann ich problemlos kurzfristig arrangieren. Die Hauptarbeit besteht jedoch darin, meine To-Do-Liste vorzubereiten. Schon Wochen vorher ziehe ich mir Informationen zu Spielen und Verlagen bei, durchstöbere Ankündigungen und gehe noch einige offene Punkte des letzten Jahres durch. Darüber vergeht die Zeit bis zur Messe erstaunlich - beinahe erschreckend - schnell.

Endlich ist es soweit! Die letzten Vorräte sind eingekauft, die Akkus frisch geladen und der Tank ist voll. Die Fahrt nach Essen gestaltet sich ungewöhnlich ereignislos, lediglich ein kurzer Stau bei Bonn hemmt mein Vorankommen. Glücklicherweise habe ich ausreichend zeitlichen Puffer eingeplant und erreiche die Halle pünktlich.


Mittwoch, 23. Oktober 2019
 

Um 11 Uhr eröffnet Dominique Metzler vom Friedhelm Merz Verlag, dem Veranstalter der Messe, die traditionelle Pressekonferenz zur 37. SPIEL. Im Zentrum stehen natürlich die abgeschlossenen Umbaumaßnahmen der Gruga-Hallen. Mittlerweile nimmt die Ausstellungsfläche einen Platz von 86.000 qm ein - eine Verdoppelung innerhalb der letzten sechs Jahre. Gut 1.200 Aussteller präsentieren über 1.5000 Neuheiten, auch eine Besucherzahl um die 200.000 wird erwartet. Damit setzt die Messe ihren jahrelangen Wachstumstrend auch 2019 in allen Bereichen fort.

Nachdem es in den letzten Jahren immer wieder zu starkem Gedränge an den Eingängen und chaotischen Zuständen in den Parkhäusern kam, haben die Veranstalter auch hier gegengesteuert. Die Einlassorganisation wurde angepasst, um die Stoßzeiten, besonders am Messebeginn abzufedern. Dabei hilft ein zusätzlicher Eingang, aber vor allem die wesentlich zahlreicheren Ordner.

Die Pressekonferenz

Doch nicht nur räumlich hat sich auf der diesjährigen SPIEL etwas getan. Die in den letzten Jahren eher spärlich vertretene Comic Action ist nicht mehr Teil der Messe. Ich vermute, dass dies hauptsächlich den zahlreichen Comic Conventions geschuldet ist, die bundesweit stattfinden. Dafür sind jedoch eine ganze Reihe anderer Aktionen hinzugekommen. So findet bereits am Mittwoch die Preview Night statt, bei der 65 Verlage ihre Neuheiten zur Verfügung stellen. Die 550 Plätze für die Spieler waren innerhalb weniger Minuten vergeben. Ebenfalls neu ist am Freitag der Educators Day. Diese Veranstaltungsreihe richtet besonders an Pädagogen und dreht sich um den Einsatz von Brettspielen, beispielsweise in Schulen und eine Reihe weiterer Themen. Dazu gibt es ergänzende Veranstaltungen und Vorträge mit unterschiedlichen Schwerpunkten.


Im Rahmen der Pressekonferenz wird auch der innoSPIEL für ein besonders originelles Spielkonzept verliehen. Nominiert waren das Kartenspiel KeyForge von Asmodee, das Deduktionsspiel Detective von Pegasus Spiele und schließlich Ab durch die Mauer von Zoch, das den Preis gewinnt. Die Auszeichnung Deutscher Spielepreis konnte Flügelschlag von Feuerland mit nach Hause nehmen, der Preis für das Kinderspiel gewinnt Concept Kids Tiere von Repos. Daran schließen sich einige allgemeine Informationen zur Entwicklung des Spielmarktes an, beispielsweise Umsatzzahlen, Verbreitung und aktuelle Trends.


Nach gut einer Stunde endet dieser offizielle Teil. Anschließend macht sich die ganze Horde auf den Weg in den Keller zur Neuheitenschau. Dort haben zahlreiche Verlage ihre Spiele aufgebaut und stehen für Fotos, Interviews und Erklärungen bereit. Ich nutze die Gelegenheit, verschaffe mir einen ersten Überblick und ergänze meine Liste entsprechend. Viele Verlage setzen hier ihre Spiele spektakulär in Szene, beispielsweise Last Bastion, das von einer Horde Monster präsentiert oder Detective, bei dem ein Tatort nachgestellt wird. Aber vor allem sind es hier die kleinen, ausländischen Verlage, die mich interessieren. Meist hat man nur hier Gelegenheit, in Ruhe einen Blick auf alle Veröffentlichungen zu werfen - im Trubel der Hallen ist dies nicht immer möglich.

Alle Neuheiten im Überblick
Am Hallenrand entdecke ich HeidelBÄR Games, die in diesem Jahr so etwas wie ein Comeback feiern. Mit Wordsmith, Letter Jam und weiteren Spielen hat der Verlag zudem gleich eine ganze Reihe von neuen Titeln am Start. Vor allem die Roboter-Prügelei Volt gefällt mir dabei ausgesprochen gut. Bei Kosmos richtet sich mein Hauptaugenmerk auf die Neuauflage des Catan-Ablegers Sternenfahrer. Aber auch die neuen Titel der EXIT-Reihe schaue ich mir genauer an. Pegasus Spiele haben wieder eine ganze Palette von Neuheiten am Start. Vor allem die Präsentation von Kitchen Rush und das bereits erwähnte Detective stechen dabei heraus. Aber auch viele kleinere Titel sind auf den Tischen ausgebreitet. Schließlich mache ich noch einen Abstecher zu Iello die mit Ishtar ein recht ungewöhnliches Gärtner-Spiel präsentieren. Dagegen sorgt Ninja Academy für eine eher lockere Spielatmosphäre - und kommt auf meine Einkaufsliste.

Anschließend laufe ich die Gänge ab, schaue mir immer wieder Spiele an, die mir ins Auge fallen und tausche mich mit den Kollegen aus.


Schließlich habe ich genug gesehen und schlendere in die eigentlichen Messehallen. Bevor am nächsten Tag der übliche Wahnsinn beginnt, will ich mir noch einen Überblick verschaffen. Im Rahmen der Neustrukturierung befinden sich zahlreiche Stände nicht mehr an ihrem gewohnten Ort. Bei der Gelegenheit besuche ich noch einige Bekannte, die grade dabei sind, ihre Stände aufzubauen.


Donnerstag, 24. Oktober 2019
 

Schon bei der Anreise am ersten richtigen Messetag macht sich das neue Konzept der Veranstalter bemerkbar. Die Verteilung des Verkehrs auf die verschiedenen Parkhäuser verläuft deutlich flüssiger als in den Jahren zuvor. Auch direkt vor den Hallen leiten zahlreiche Ordnungskräfte die Besucherströme in geordnete Bahnen. Hier ist es vor allem der zusätzliche Eingang, der sich positiv bemerkbar macht. So komme ich stressfrei und sehr pünktlich in den Messehallen an - eine spürbare Verbesserung.

Freundliches Standpersonal
Meinen ersten Termin habe ich erst gegen Mittag. So bleibt mir noch genug Zeit, zumindest einen Teil meiner Einkaufsliste abzuarbeiten. Glücklicherweise habe ich mir bereits am Vortag einen Überblick verschafft und so habe ich keine Schwierigkeiten, meine Ziele zu finden. Zuerst führt mich mein Weg in Halle 4 zu Lumberjacks Studio. Bereits im letzten Jahr wollte ich mir deren charmantes, sehr makabres und auf einem Comic basierendes Spiel La Petite Mort zulegen. Leider war damals nur eine französische Version erhältlich. Da am Stand noch nicht viel los ist, unterhalte ich mich noch ein wenig mit dem Autor des Spiels. Ich bin tatsächlich der Erste, der die englische Variante in der Hand hält. Schnell lasse ich mir noch eine kleine Signatur in die markante Verpackung stricheln und ziehe dann weiter. Auch bei den Schweizern von Kampfhummel Spiele gibt es etwas zwei Neuheiten, die in meine Tasche wandern. Die Trinkspiel-Erweiterung zu Kampf gegen das Spießertum ist ganz frisch, ebenso wie das schnelle Kartenspiel Arschlochkind. Eine schnelle Testrunde, die pädagogisch wertvolle Spielidee und die schicke Aufmachung machen zumindest neugierig. Das Spiel wandert in meinen Rucksack - den angebotenen Schnaps lehne ich allerdings dankend ab.

Langsam muss ich mich auf den Weg zurückmachen, allerdings bleibt mir noch Zeit für einen kurzen Abstecher zu iDventure. Schon am Vortag ist mir deren Cluebox ins Auge gefallen. Dabei handelt es sich um einen kleinen Quader aus Holz, den es zu öffnen gilt. Keine Anleitung, keine Lösungsvorgaben - nur einige kryptische Hinweise finden sich auf den sechs Seiten des Würfels. Sicherlich kein Spiel für mich, dazu bin ich viel zu ungeduldig, aber eine der originellsten Ideen der diesjährigen Messe. Stattdessen begnüge ich mich dem dritten Teil der Detective Stories, der ebenfalls neu im Verlagsprogramm ist.
Auf dem Rückweg fallen mir die ungewöhnlichen langen Schlangen auf, die sich um einige Stände gebildet haben. Beispielsweise bei Feuerland oder AEG stehen die Besucher in Dreierreihen um an die begehrten Spiele, Erweiterungen und Promos zu kommen.
 

Dann geht es jedoch für mich zu meinem ersten Termin in den Saal Brüssel. Hier haben sich Asmodee einquartiert, um ihre Neuheiten abseits des normalen Messetrubels vorzustellen. Viel Platz zum Spielen ist leider nicht, dafür kann das freundliche Personal aber umfangreiche Auskünfte erteilen. Besonders einige der dicken Brocken haben es mir angetan, beispielsweise die deutsche Version von Betrayal at the House on the Hill. Ich bin ein großer Fan des Spiels, das bereits vor einigen Jahren auf Deutsch angekündigt wurde. Die Spieler erforschen dabei gemeinsam ein Spukhaus, irgendwann wird jedoch einer zum Verräter. Alleine die Ausstattung von Cthulhu: Death May Die ist beeindruckend. Eine Handvoll halb wahnsinniger Investigatoren versuchen hier die Schrecken des Cthulhu-Mythos zu bannen. Während das Spiel sowohl auf Deutsch, wie auch auf Englisch bereits im Laden erhältlich ist, muss ich mich noch bei der Auslieferung des Crowdfundings etwas gedulden. Thematisch in eine ganz ähnliche Richtung geht Letzte Stunde, der neueste Zuwachs aus den Arkham Horror Files. Hier müssen die Spieler verhindern, dass der Campus der Miskatonic Universität von Monstern überrannt wird. Ebenfalls im Fokus steht die aktuelle Erweiterung des Deckbuilding-Kartenspiels KeyForge, zu der auch einiges Zubehör präsentiert wird. Mit Obscurio gibt es ein frisches Bilderrätsel des französischen Verlags Libellud zu sehen. Bei Black Angel durchstreifen die Spieler an Bord eines Raumschiffes die Galaxis und in Yggdrasil Chronicles müssen sie als nordische Gottheiten Ragnarök verhindern.

Superhelden-Prügelei
Bei der Vielzahl der Neuerscheinungen habe ich mich bei Asmodee doch länger aufgehalten als ursprünglich geplant. Glücklicherweise habe ich es nicht weit, bis zum Stand von moses., die wieder an gewohnter Stelle in Halle 3 zu finden sind. Während auf der einen Seite in großer Runde eine Partie black stories live gespielt wird, werfe ich in einer ruhigen Ecke einen Blick auf die aktuellen Veröffentlichungen. Gleich zwei Rennspiele hat der Verlag auf die Messe mitgebracht. Crash Test Bunnies ist ein Karten-Lege-Spiel mit putzigen Kuscheltieren und schnellen Entscheidungen. Dagegen ist das Würfelspiel Caracho deutlich strategischer und richtet sich an eine etwas ältere Zielgruppe. Einige hübsche Mechaniken werden hier mit verdeckten Rollen kombiniert - durchaus reizvoll und unterhaltsam. Ebenfalls um Würfel dreht sich Beam Me Up, im weitesten Sinne ein weiteres Rennspiel. Vor allem der Ärgerfaktor hat mir gut gefallen - sicherlich ein Würfelspiel, das bei mir auf den Tisch kommen wird. Mit Small Talk Bingo hat der Verlag schließlich auch ein Kommunikationsspiel im Programm. Dabei unterhalten sich zwei Mitspieler über ein vorgegebenes Thema und die anderen streichen Begriffe ab, die im Gespräch vorkommen. Nach diesem kurzen Überblick zieht es mich weiter durch die Hallen, wirklich viel habe ich ja noch nicht gesehen.

Es sind zwar noch gut zwei Stunden bis zum Ende des ersten Messetages, doch einige Besucher haben sich anscheinend bereits auf den Heimweg gemacht. Das gibt mir die Gelegenheit, tatsächlich noch eine Demorunde zu suchen. Meine Wahl fällt nach kurzer Überlegung auf Wolfenstein: The Boardgame. Beim Dungeon-Crawler von Archon Studios handelt es sich um einen recht weit fortgeschrittenen Prototypen, basierend auf den bekannten Computer- bzw. Konsolenspielen. Die Figuren machen, wie vom Hersteller gewohnt, einen sehr guten Eindruck. Das Spiel selbst ist dagegen eher einfach gehalten und nutzt Abläufe, die aus zahlreichen anderen Vertretern des Genres bekannt sind - nett, aber leider auch nicht mehr. Geplant ist eine Finanzierung über Crowdfunding. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist. Die Vorgängerfirma Prodos hatte in dieser Hinsicht nicht den besten Ruf.

Schnäpchenjäger unter sich

Und wenn ich schon in dieser Gegend bin, kann ich bei der Gelegenheit auch eine Vorbestellung abholen. Wie praktisch jedes Jahr haben Sphinx Spiele eine Neuveröffentlichung mit cthuloider Thematik dabei. Als Anführer eines okkulten Zirkels müssen die Spieler in Rituale des Wahnsinns ihre Kultisten an einem Ritualplatz versammeln, um eine Gottheit des Mythos zu beschwören. Trotz der finsteren Hintergrundgeschichte liefert der Verlag wieder ein lockeres, witziges Spiel mit charmanten Illustrationen ab.


Eigentlich hätte ich noch ein bisschen Zeit, aber da ich mich später noch mit Bekannten treffe (und vorher kurz die Füße hochlegen will) verlasse ich die Gruga-Halle bereits vor dem offiziellen Messeschluss. Der Feierabendverkehr ist weitgehend abgeklungen, so dass auch der obligatorische Stau sehr überschaubar ausfällt. Schnell verstaue ich die Errungenschaften des ersten Messetages und mache mich bereit für das Oberhausener Nachtleben.


Freitag, 25. Oktober 2019
 

Wie schon am Vortag komme ich praktisch ohne Stau zum Parkhaus. Da noch etwas Zeit bis zum Einlass ist, gehe ich noch einmal meine Liste durch und ergänze einige Dinge, die mir am Vortag aufgefallen sind. Vorsichtshalber organisiere ich mir im Pressezentrum ein Schließfach - es ist doch etwas mühsam, alle Einkäufe den ganzen Tag mit sich herum zu schleppen.

Ich beginne den Tag in der nahezu verwaisten Neuheitenschau - phasenweise schlendere ich alleine durch die Reihen. Hier kann ich mir nochmals in aller Ruhe die Spiele anschauen und auch die Materialien in die Hand nehmen und begutachten. Bei dieser Tour fallen mir die Artworks zu Barpig und seiner Erweiterung After Hours ins Auge und ich nehme mir vor, später eine Testrunde zu spielen. Bis ich noch einige Fotos geschossen habe, ist der erste Besucherandrang an den Eingängen bereits abgeebbt. Auf dem Weg zu Schmidt Spiele treffe ich noch eine Bekannte, bei der ich mich fest schwätze. Grade noch rechtzeitig zu meinem Termin kann ich mich losreißen. Traditionell richtet sich das Programm des Berliner Verlages an eine etwas jüngere Zielgruppe, so dass ich bei bayala oder Benjamin Blümchen dankend abwinke. Viel interessanter ist dagegen für mich die Vorstellung von Inseln im Nebel. Hier erkundet jeder Spieler mit seinem Ballon eine Insel und muss verschiedene Punkte ansteuern. Das Spiel macht sowohl optisch als auch spielerisch einen überzeugenden Eindruck und ich nehme mir die Zeit für eine kurze Einführungsrunde. Auch auf das Kartenspiel HiLo und das knallige Würfelspiel Noch mal so gut! werfe ich einen Blick - beide sind interessant, allerdings nicht unbedingt für meine Spielrunden geeignet. Dagegen spricht mich Kakerlaken Sushi viel eher an. Ganz in der Art seiner zahlreichen Vorgänger müssen die Spieler auch bei diesem Kommunikationsspiel ihre Hirnwindungen verknoten.

Klassiker in neuem Gewand

Wenn ich schon in Halle 3 bin, kann ich auch gleich einen Abstecher zu Abacusspiele machen. Einen Termin habe ich zwar nicht, trotzdem finde ich jemanden, der mir einen ausführlichen Überblick der Messeneuheiten gibt. Die beiden Krimi-/Rätsel-Serien Sherlock und Deckscape erhalten Zuwachs, den ich genauer unter die Lupe nehme. Am Spielprinzip (nachzulesen beispielsweise HIER) ändert sich dabei nichts, allerdings liefern die Autoren nun eine größere Bandbreite an Themen ab. Ähnlich gelagert ist eine weitere Serie, die auf der SPIEL Premiere hat. Bei Decktective - Rose Rosen wird die Spielschachtel zum Tatort. Diesen müssen die Spieler nun untersuchen, um den Fall zu lösen. Ein originelles Konzept, das wir demnächst sicherlich einmal ausprobieren werden. Eine weitere Neuheit ist, Dank ihrer knalligen Verpackung, kaum zu übersehen. Bei TEAM3 handelt es sich um ein kooperatives Kommunikations- und Bauspiel. Sehr einfache, ungewöhnliche Mechaniken, Verständigungsprobleme und die spaßige Grundidee sprechen mich direkt an.

Auf dem Weg zu meinem nächsten Ziel mache ich kurz beim riesigen Stand von Asmodee / Fantasy Flight Games halt, der beinahe die Hälfte der Halle 1 einnimmt. In den Vitrinen stehen die Neuheiten der verschiedenen Star Wars-Titel, aber auch ein Superhelden-Skirmish kann schon angetestet werden. Da jedoch sämtliche Spieltische besetzt sind und die Schlangen an den beiden Shops eine beeindruckende Länge haben, halte ich mich hier nicht übermäßig lange auf. Die meisten Sachen habe ich bereits beim Pressetermin genauer unter die Lupe nehmen können.

Für den Rest des Tages steht einzig die Halle 6 auf meinem Programm. Hier haben sich, wie bereits in den Jahren zuvor, die meisten Rollenspiel- und Tabletop-Verlage niedergelassen. Am Stand des britischen Tabletop-Herstellers Games Workshop gibt es neben den Vorstellungen der Spielsysteme, beispielsweise Warhammer Underworlds: Beastgrave und einem Ausblick auf kommende Miniaturen auch ein kleines Speedpainting. Für mich eine gute Gelegenheit, mich ein wenig zu setzen und seit langer Zeit wieder einmal den Pinsel zu schwingen. Ein Space Marine, begrenzte Zeit und eine eingeschränkte Farbpalette machen das Ergebnis nicht wirklich vorzeigbar. Doch ist dies immerhin die erste Figur, die ich in diesem Jahr bemalt habe. Nur wenige Schritte entfernt, beim Verlag Martin Ellermeier kann man nicht nur einen Blick in die Zeitschriften Mephisto und Tabletop Insider werfen, es gibt auch Gelegenheit Demorunden für das venezianische Skirmish-Tabletop Carnevale zu spielen. Das Spiel selbst hatte ich bereits vor einigen Monaten auf einer anderen Veranstaltung angetestet, aber die schicke Messefigur und eine Gondel wandern in meinen Rucksack.

Tentakel sind praktisch
Nebenan, bei Stronghold Terrain gibt es ebenfalls eine Sonderminiatur. Gedacht für das SAGA-Tabletop, hole ich mir die Fantasy-Interpretation von Lemmy Kilmister, bevor ich weiter zu Freebooter Miniatures gehe. Die Veröffentlichung des Mannschaftsbuches zu Freebooter's Fate liegt noch nicht allzu lange zurück. Daher erwarte ich auch keine spektakulären Neuheiten, als ich den Stand der Piraten-Crew besuche. Dafür gibt es allerdings den obligatorischen Rum und einen ersten Blick auf die Miniaturen der kommenden Schatten-Fraktion.

Ich schlendere weiter durch die Gänge und klappere die Stände von meiner Liste ab. So werfe ich bei der Redaktion Phantastik einen Blick in das neue Abenteuer zum viktorianischen Detektivrollenspiel Private Eye oder gönne mir ein paar Figuren aus dem Programm von Legends of Signum. Daneben finde ich noch einige Kleinigkeiten zur Miniaturenbemalung, beispielsweise ein Tutorial für Chibi-Figuren, neue Farbsets oder eine Nasse Palette.

Als Tagesabschluss steht noch eine kleine Testrunde an. Meine Wahl fällt dabei auf das kooperative cthuloide Brettspiel Cultistorm. Im letzten Jahr habe ich das Crowdfunding von Purple Meeple Games verpasst - jetzt ergibt sich vielleicht doch die Gelegenheit, mir das Spiel zuzulegen. Die spektakuläre Ausstattung und tolle Illustrationen machen einen sehr guten Eindruck. Allerdings stehen bei mir im Schrank bereits zahlreiche Spiele mit identischer Thematik und ähnlichen Abläufen. Daher, und in Anbetracht meines bereits geschrumpften Messebudgets, verzichte ich schließlich nach reiflicher Überlegung darauf.
Mittlerweile ist es spät geworden und ich muss mich beeilen, mein Schließfach zu leeren. Auf dem Weg zu meiner Unterkunft decke ich mich noch mit Vorräten für den nächsten Messetag ein. Auch etwas zu essen wäre nicht schlecht - immerhin verspüre ich ein leichtes Hüngerchen. Ausnahmsweise habe ich an diesem Abend kein Programm, sondern flätze mich gemütlich im Sessel und sichte meine Errungenschaften. Tatsächlich sind einige wirklich interessante Spiele dabei und ich freue mich auf den nächsten Spieleabend, um sie auszuprobieren.


Samstag, 26. Oktober 2019
 

Traditionell ist Samstag der Tag mit den meisten Messebesuchern - und auch dieses Jahr bildet dabei keine Ausnahme. Glücklicherweise bin ich vor dem großen Andrang bereits vor Ort und kann mir das Spektakel der Toröffnung aus sicherer Entfernung anschauen. Ich kann ja verstehen, dass die Besucher aufgeregt sind und ihr Geld loswerden wollen, allerdings ist das kein Grund, rücksichtslos durch die Gänge zu rennen und dabei alle und jeden aus dem Weg zu räumen.

Heroische Helden gegen fiese Monster
Nachdem das am Vortag so gut mit der Miniaturenmalerei funktioniert hat, versuche ich auch heute mein Glück - diesmal am Stand des spanischen Farbenherstellers Acrylicos Vallejo. Das Niveau liegt hier ein ganzes Stück höher als beim Space Marine - was in erster Linie an der fachkundigen Anleitung liegt. Nach einer guten Stunde habe ich einen ganz ansehnlichen Beholder zustande gebracht und ziehe weiter. Für heute habe ich mir eine Art Themenschwerpunkt gesetzt - Tower-Defence-Spiele. Bereits in der Neuheitenschau am Mittwoch ist mir Last Bastion von Repos ausgefallen und nun nehme ich mir die Zeit für eine Testrunde. Vier Spieler müssen in diesem kooperativen Spiel die letzte Zuflucht der Menschen (und Zwerge, Elfen, Halblinge) gegen finstere Monsterhorden verteidigen. Dabei helfen die Fähigkeiten der Zivilisten, der geschickte Einsatz von Ressourcen und natürlich Würfelglück. Umgekehrte Vorzeichen hat dagegen Village Attacks des britischen Herstellers Grimlord Games. Zwar ist auch dieses Spiel kooperativ, aber die Spieler übernehmen die Rolle von Monstern und Schurken, die sich gegen die aufgebrachte Dorfbevölkerung zur Wehr setzen müssen. Neben seiner wirklich großartigen Ausstattung kann das Spiel mit detaillierten Abläufen und Spieltiefe aufwarten - außerdem mag ich es, den Bösen zu spielen. Aktuell läuft eine Crowdfunding-Aktion für die erste große Erweiterung. Das letzte Spiel, dass ich mir zu diesem Thema anschaue, ist derzeit noch in der (fortgeschrittenen) Entwicklungsphase. Auch bei Knight Tales gilt es, mit tapferen Recken ein Dorf vor fiesen Monstern zu retten. Das Spiel von Voodoo Games setzt auf Synergieeffekte zwischen den Spielern und den bedachten Einsatz von Würfeln. Etwas mehr Tiefe bekommt das Spiel dabei durch das Ressourcenmanagement, das den Spielern mehr Optionen an die Hand gibt. Auch hier wird in absehbarer Zeit eine Crowdfunding-Kampagne folgen.

Die Galeria ist keine Abkürzung
Damit ist meine Aufnahmefähigkeit, was Regeln angeht, fürs Erste erschöpft. Daher trifft es sich ganz gut, dass noch ein weiterer Termin in meinem Kalender steht. Iello gehört für mich jedes Jahr zu den Highlights - sowohl in Nürnberg, als auch in hier Essen. Während man im opulent ausgestatteten regulären Ausstellungsbereich die aktuellen Neuheiten ausgiebig antesten kann, gibt es im Händler- und Pressebereich einen Ausblick auf die kommenden Veröffentlichungen. Nach dem üblichen Smalltalk und den Frotzeleien über deutsche und französische Gewohnheiten habe ich endlich Gelegenheit die Prototypen in Augenschein zu nehmen. Dabei ist es vor allem King of Tokyo - Dark Edition das meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Leider darf mein Gesprächspartner noch nicht übermäßig viel zum Spiel verraten - auch die enthaltenen Monster sind noch unter Verschluss. Allerdings verfügt das Spiel über eine neue Mechanik, neue Ausrüstung und über eine sehr stimmige, finstere Aufmachung. Der Veröffentlichungstermin ist für das kommende Frühjahr angedacht - ich bin gespannt. Daneben steht mit The Vth Element eine Erweiterung für das knackig schwere Magierspiel The Big Book Of Madness. Keinen wirklichen Tiefgang, dafür einige lustige Runden verspricht Flyin' Goblin. Dabei müssen die namensgebenden Plagegeister mittels einer Wippe in die Räume einer Burg katapultiert werden. Mit Break The Code und Time Bomb Evolution sind auch zwei Deduktions- und Rätselspiele im Programm des französischen Verlages. Während das eine ungewöhnlich schlicht daherkommt, überzeugt das andere wieder mit tollen Illustrationen und liebevoller Aufmachung. Beide funktionieren jedoch als lockere "Zwischenmahlzeit" für kleinere Spielergruppen. Schließlich habe ich auch hier genug gesehen und setze meinen Weg fort.

Auf meiner Liste sind nur noch wenige Punkte übrig. Eigentlich wollte ich mir diese für den letzten Messetag aufheben, aber ich liege noch gut in der Zeit und bin leidlich fit. So bahne ich mir meinen Weg zurück in Halle 6 und hole ein weiteres vorbestelltes Spiel ab. Kraken Ataken ist eine lockere Schatzjagd des polnischen Verlags Titan Forge, eigentlich bekannt für ihre Miniaturen. Aber Grundidee und Aufmachung fand ich so gelungen, dass ich mir das Grundspiel nebst Erweiterung habe zurücklegen lassen. Nun können wir bei Gelegenheit als tentaklige Tiefseeungeheuer Schätze von Piratenschiffen stehlen. Direkt nebenan bei Warlord Games dreht sich alles um napoleonische Seeschlachten in Black Sails. Die Schiffe sehen großartig aus, auch das Spielprinzip macht einen soliden Eindruck - allerdings schreckt mich ein weiteres Tabletop-System doch ab. Oktoberfest von Fat Fox Games hat es dagegen leider nicht auf die Messe geschafft - darauf hatte ich mich eigentlich gefreut! Auch bei Modiphius schaue ich vorbei - auch wenn das Spiel, was ich haben wollte, noch nicht fertig ist. Stattdessen begutachte ich die Neuerscheinungen für das Fallout-Tabletop, die nächste Inkarnation von Vampire: The Masquerade und das Elder Scrolls-Spiel. In einem beinahe unmenschlichen Akt der Selbstbeherrschung beschränke ich meine Einkäufe nur auf zwei Miniaturen. 

Ausgelassene Stimmung
Mittlerweile neigt sich auch der dritte Messetag seinem Ende entgegen. Allerdings habe ich noch ein bisschen Zeit, die ich für einen schnellen Ausflug in Halle 5 nutze. Inmitten der allgemeinen Aufbruchsstimmung, bekomme ich eine rasche Einführung in das Partyspiel Barpigs. Sicherlich nicht für jede Spielerrunde geeignet, aber sehr spaßig - vor allem mit steigendem Alkoholpegel. Schnell packe ich das Spiel mitsamt der Erweiterung in meinen Rucksack und begebe mich zurück zu meinen Bekannten. Diese haben mittlerweile ihren Stand für die Nacht fertig gemacht und so können wir direkt zum Abendprogramm übergehen. Wie bereits im letzten Jahr geht die Fahrt zur Burger-Braterei des Vertrauens in Essen.

Obwohl es schon ziemlich spät ist, als ich meine Unterkunft erreiche, und ich schrecklich müde bin, packe ich dennoch meine Sachen zusammen. Während ich die letzten Spiele in den Taschen verstaue, frage ich mich, wann ich die ganzen Sachen gekauft habe. Eigentlich hatte ich mir dieses Jahr etwas mehr Zurückhaltung verordnet. Glücklicherweise ist es bis zur nächsten SPIEL ja noch ein bisschen hin!


Sonntag, 27. Oktober 2019
 

Der letzte Messetag bricht an!
Meine Termine sind alle erledigt, auch meine Einkaufsliste ist praktisch abgearbeitet. So bleibt mir eigentlich nur noch, ein wenig durch die Halle zu schlendern, auf der Suche nach etwas wirklich Außergewöhnlichem. Obwohl ich eigentlich in den vergangenen Tagen jeden Gang mehrfach durchlaufen habe, finde ich immer noch Spiele, die mir gänzlich unbekannt sind. So beispielsweise Wurst Case Scenario bei dem die Spieler als intelligente Wurst dem Fleischwolf entkommen wollen oder Soviet Kitchen, das mit ähnlichen Zutaten, aber einem völlig anderen Spielprinzip aufwarten kann. Für Proberunden fehlt mir mittlerweile allerdings der Nerv, das Ende meiner Aufnahmefähigkeit ist erreicht.


Die Ausbeute

Stattdessen wage ich mich an diesem Tag zum ersten Mal in einige der zahlreichen "Resterampen". Hier kann ich einige Spiele ergattern, die ich schon seit Jahren suche - und das zu einem geradezu lächerlichen Preis.


Es ist zwar noch relativ früh am Tag, aber ich habe ja noch die lange Heimfahrt vor mir. So mache ich mich schließlich schwer bepackt auf den Weg zu meinem Wagen und kehre den Messehallen den Rücken - bis zum nächsten Jahr.


Das Fazit

Wie jedes Jahr habe ich viel zu wenig geschlafen, zu viel Geld ausgegeben und bin unzählige Kilometer gelaufen. Auch brauchte ich einige Tage um die ganzen Eindrücke zu ordnen und zu verarbeiten - von der obligatorischen Messeerkältung einmal ganz abgesehen. Für mich sehr erfreulich war, dass es nicht das eine dominierende Thema gab. Einhörnern, Zombies, Steampunk oder Cthulhu waren zwar überreichlich vorhanden, aber eben in einer ausgewogenen Mischung. Praktisch für jeden Spielertyp, jedes Genre und jedes Budget gab es mehr als genug Auswahl. Natürlich kann ich im Rahmen dieser Nachlese nicht auf jedes Spiel eingehen, dass ich gesehen habe - daher habe ich mich auf einige ausgewählte Veröffentlichungen beschränkt. Vor allem bei solch einer Veranstaltung sind für mich Spiele der kleineren Verlage interessant. Daher liegt hier auch mein besonderer Fokus. Dabei habe ich einige spannende neue Spielkonzepte gesehen, tolle Ausstattungen und eindrucksvolle Präsentationen - aber vor allem viele Menschen, die Spaß am Spielen haben!

Seit einigen Jahren wächst die Anzahl der Aussteller, die Spielezubehör liefern. Waren es zu Beginn nur Würfel und Kartenhüllen, hat sich das Angebot beständig erweitert. Inlays für die unterschiedlichsten Brettspielboxen, Würfeltürme, Transporttaschen und Spielunterlagen sind hinzugekommen. Auch Anbieter von eigens gebauten, teils ausgesprochen luxuriösen, Spieltischen präsentieren ihre Produkte auf der SPIEL. So kann jeder Spieler, die nötigen Finanzmittel vorausgesetzt, das perfekte Spielzimmer für seine Bedürfnisse einrichten. Ebenfalls ungewohnt ist die verstärkte Präsenz von Produktionsfirmen, die das Spielmaterial für die eigentlichen Verlage herstellen. Druckereien und Logistiker waren dabei ebenso vertreten, wie die Hersteller von Spielfiguren. Da ich mich (beruflich bedingt) sehr für diesen Aspekt der Spieleentwicklung interessiere, war es für mich spannend, mir auch dort Informationen zu holen.

Eines der Highlights
Auffällig, ist die abnehmende Halbwertzeit vieler Spiele. Titel, die noch vor ein oder zwei Jahren hochgejubelt und teuer verkauft wurden, finden sich zuhauf in den Ramschkisten. Natürlich gibt es dagegen auch Spiele, die nach Jahren kaum im Preis sinken, beispielsweise Abalone. Auf der einen Seite finde ich diese Entwicklung schade, entwertet sie doch die Spiele an sich. Andererseits freue ich mich darüber - so kann ich für relativ kleines Geld die Lücken in meiner Sammlung schließen.

Sehr wahrscheinlich haben die zahlreichen Crowdfunding-Kampagnen ihren Teil dazu beigetragen, das viele Spiele auf den Markt drängen. Einige der Verlage nutzen die Messe, so zumindest mein Eindruck, einzig als Werbekampagne für den nächsten Kickstarter. Dabei wird häufig mehr Wert auf die Ausstattung gelegt; ein originelles Konzept oder funktionierende Spielmechaniken bleiben dabei gelegentlich leider auf der Strecke.


Eine der größten Neuerungen war das Einlasskonzept des Friedhelm Merz Verlag. Die Verantwortlichen haben sich die Kritik der letzten Jahre wirklich zu Herzen genommen und die Abläufe deutlich optimiert. Keine kilometerlangen Staus auf den Zufahrtsstraßen, wenig Gedränge vor den Hallen und ein flüssiger Einlass haben dafür gesorgt, dass der Stresspegel auf einem überschaubaren Niveau bleibt. Auch die Charity-Aktionen, der viertägige Live-Stream und das umfangreiche Nebenprogramm haben die diesjährige SPIEL aus meiner Sicht aufgewertet. Dafür nochmals vielen Dank an die Verantwortlichen!

Montag, 7. Oktober 2019

Ost+Front







[Konzert] Ost+Front
Support: Soulbound
Freitag, 4. Oktober 2019
Das Bett, Frankfurt


Es ist mittlerweile schon etwas her, dass ich Ost+Front auf dem Amphi in Köln gesehen habe. Die Band hatte die Theaterbühne gerockt und bei mir dabei einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Gerne hätte ich mir eine komplette Show des Sextetts aus Berlin angesehen, war doch der Festivalauftritt leider viel zu kurz. Natürlich habe ich die Release-Tour zum Album Adrenaline im letzten Jahr verpasst habe - doch glücklicherweise verschlägt es Ost+Front in diesem Jahr wieder nach Frankfurt. Und so mache ich mich an einem empfindlich kühlen und ziemlich verregneten Freitag auf den Weg in die Main-Metropole.

Im Das Bett war ich vor über zwei Jahren das letzte Mal. Früher war ich hier regelmäßig zu Gast, doch mittlerweile komme ich kaum noch vor die Türe. Dennoch findet mein Wagen zuverlässig den Weg durch den abendlichen Großstadtverkehr und ich komme (viel zu früh) in der Schmidtstraße an. Äußerlich hat sich der kleine Frankfurter Club kaum verändert - sieht man mal vom Unterstand für die Raucher ab. Innen sieht es mittlerweile ein wenig anders aus. Die Bühne ist zwar noch an der gleichen Stelle, aber die kleine Empore für das Mischpult musste weichen und auch die Theke ist gewandert. Dafür gibt es jetzt eine Art Sitzecke und die Säule in der Hallenmitte stört nicht mehr die Sicht. Im Gegensatz zu einigen anderen Clubs hat es Das Bett aber geschafft, seinen Charme und die gemütliche Atmosphäre zu behalten, und ich fühle mich direkt wieder heimisch.

Es dauert noch eine gute Stunde, bis die Vorband die Bühne entert. Die Zeit nutze ich, um meinen Koffeinpegel wieder aufzufüllen, und für ein kleines Schwätzchen mit Bekannten. Schließlich statte ich dem gut bestückten Merchandise-Stand einen kurzen Besuch ab. Ein schickes T-Shirt mit dem zombifizierten Konterfei Fritz Haarmanns und die Digipack-Version von Adrenaline gehen in meinen Besitz über. Ich habe sogar noch genug Zeit, die Errungenschaften im Kofferraum unterzubringen, bevor es losgeht.

Soulbound - immer in Bewegung
Pünktlich um 20.30 Uhr verlöschen die Lichter und das Publikum, das vorher im Raum verteilt war, sammelt sich vor der Bühne. Beim Intro kommen mir leichte Zweifel - bin ich nicht vielleicht doch auf einem Volksmusikkonzert gelandet?!? Mit den ersten Gitarrenakkorden zerstreuen Soulbound jedoch meine Befürchtungen. Das Quintett aus Bielefeld rockt ordentlich und spielt recht abwechslungsreichen Metal. Während die beiden Gitarristen ihre Instrumente kreischen lassen, sorgen Bassist und Schlagzeuger für das druckvolle Grundkonstrukt der Songs. Frontmann Johnny Stecker wechselt von klarem Gesang zu Shouts um ein paar bedrohliche Growls abzuliefern - teils alles im gleichen Stück. Die Band ist ständig in Bewegung und liefert in ihrem gut 40minütigen Set einen kleinen Einblick in ihr zehnjähriges Schaffen. Zwischendurch bahnen sich zwei schwer bepackte Boten des örtlichen Pizzaservice einen Weg durch die Zuschauermassen und verschwinden in der Umkleide. Der Duft von geschmolzenem Käse, Tomate und Pilzen erinnert mich daran, dass das Abendessen heute ausfallen musste.

Die Musik von Soulbound kommt beim Publikum offensichtlich gut an und die eine oder andere Mähne wird geschüttelt. Zwischen jedem Stück bindet der Sänger die Zuschauer ein und sorgt so für eine ausgelassene Stimmung. Schließlich verschwinden die fünf Musiker hinter der Bühne - wahrscheinlich um sich mit einer Pizza zu stärken. Kurz darauf mischen sie sich jedoch unter das Publikum oder stehen hinter dem Merch-Stand um Autogramme zu schreiben.


Ich nutze die kurze Umbaupause für einen Ausflug an die Theke und für die eine oder andere Unterhaltung. Mittlerweile ist Das Bett doch recht ordentlich besucht und die ersten Fans begeben sich in Position vor der Bühne. Für mich das Zeichen, mir ebenfalls ein ungestörtes Eckchen zu suchen. Am linken Bühnenrand finde ich einen vielversprechenden Platz, von dem ich einen guten Ausblick auf das Geschehen habe.

Ein musikalischer Ausflug nach Mexiko
Nach einer halben Stunde ist es dann soweit und die Einleitung von "Adrenalin", dem Titeltrack des letzten Albums, läuft vom Band. Gemächlich nehmen die Musiker ihre Positionen ein - einzig Sänger Herrmann Ostfront lässt auf sich warten. Endlich betritt er die Bühne und schnappt sich das Mikro - die Show kann beginnen. Das Publikum ist praktisch vom ersten Ton an in Bewegung und ausgesprochen textsicher. Bereits für "Fiesta de Sexo", ursprünglich eine Kollaboration mit Erk Aicrag, humpelt Eva Edelweiss hinter ihrem Keyboard hervor und übernimmt den zweiten Gesangspart. Die Kombination von typisch mexikanischem Mariachi-Stil in Verbindung mit dem eher harten Sound der Gitarren und Drums sorgt für einen ungewöhnlichen Kontrast. Allerdings passt dies zum Spiel mit Klischees, das die Band richtiggehend zelebriert.

Spätestens nach dem dritten Stück fällt auf, dass Herrmann Ostfront gänzlich auf Moderationen oder Ansagen verzichtet. Maximal eine knappe Verbeugung zwischen den einzelnen Liedern ist drin - ansonsten ist der Übergang nahtlos.
Mittlerweile hat sich Eva einen blutigen Laborkittel übergeworfen und kommt wieder an den Bühnenrand. Der Infusionsbeutel, in dem eine verdächtig gelbe Flüssigkeit schwappt, gibt erfahrenen Konzertbesuchern einen Hinweis darauf, was sie nun erwartet. "Feuerwasser" ist eines der ruhigsten Stücke des Sets - und auch hier singt das Publikum brav den Refrain mit. Wer sich traut, darf sogar einen Schluck der Infusionsflüssigkeit nehmen, die die erste Reihe tränkt. Vom Titel und den lieblichen Keyboard-Parts sollte sich der Hörer nicht täuschen lassen - das "Liebeslied" präsentiert sich derb und obszön. Die harten Gitarrenparts laden zum Headbangen ein - immer wieder unterbrochen durch langsame Passagen.
 

Herrmann Ostfront - Freund großer Gesten
Vom aktuellen Album stammt "Puppenjunge", eine Hommage an den weiter oben erwähnten Serienmörder Haarmann. Hier ist es wieder der Widerspruch zwischen eingängigem Refrain, dem blutrünstigen Text und den harten Instrumentalparts, die den Reiz des Stücks ausmachen. Da es anscheinend sonst niemand macht, feiern sich Ost+Front mit "10 Jahre Ost+Front" einfach selbst. Die Musiker rocken dabei schnörkellos und direkt drauflos, während sich weiter hinten im Raum die erste Moshpit bildet. Sänger Herrmann Ostfront liefert eine recht passable Lemmy-Interpretation ab - irgendwo zwischen Punk und Metal.

Der Einspieler zum "Denkelied" kratzt und knirscht, als käme er von einer Schellack-Platte - was zum historischen Hintergrund passt. Wieder zeigt die Band ihre Vorliebe für kannibalistisch veranlagte Serienmörder. Diesmal dient ein Kinderreim aus dem Jahr 1924 als Vorlage und Refrain. Für mich eines der eingängigsten Stücke des Konzertes und mein persönliches Highlight. Ungewöhnlich elektronisch geht es bei "Freundschaft" und "Fick Dich" zur Sache. Hier stehen eindeutig die Keyboards im Vordergrund - simpel gestrickt und auf ein Minimum reduziert, graben sie sich doch in die Gehörgänge. Textlich und musikalisch zeigt "Sonne, Mond und Sterne" eine völlig andere Seite von Ost+Front. Hier liefern die Musiker einen eher melancholischen Ruhepunkt des Konzertes - was der ausgelassenen Stimmung des Publikums jedoch keinen Abbruch tut. Nur unmerklich zieht das Tempo mit dem folgenden "Sternenkinder" wieder etwas an - auch dieses Stück weicht vom bisherigen Schema ab.

Auge in Auge

Damit ist die kurze Verschnaufpause beendet, "Bruderherz" und "Gang Bang" gehen wieder deutlich härter zur Sache. Beide Stücke kommen weitgehend ohne schmückendes Beiwerk aus und rocken ordentlich. Mittlerweile wippt der ganze Raum - selbst in der hintersten Ecke, an der Theke, ist Bewegung im Publikum. Für "Ich liebe es" muss Eva Edelweiss wieder einmal nach vorne an den Bühnenrand kommen und die Zudringlichkeiten von Herrn Ostfront über sich ergehen lassen. Die geplagte Keyboarderin erträgt auch diesen Teil des Konzertes bemerkenswert stoisch. Schließlich flüchtet sie für "Mensch" wieder in die Ecke, hinter ihr Instrument. Mein Liebling vom aktuellen Album, "Hans guck in die Luft", fehlt glücklicherweise nicht in der Set-List. Das Grundmotiv basiert auf einer, sehr freien, Interpretation der Geschichte des Frankfurter Arztes Heinrich Hoffmann. Hier mischt die Band eingängige Melodie und eher nachdenklichen Text mit genau der richtigen Portion Härte. Hier zeigt sich, dass Herrmann Ostfront in der Lage ist, weniger plakative Texte zu schreiben, die dennoch hervorragend funktionieren. Dagegen taucht die Band für "Heavy Metal" kopfüber in die Klischees dieser Musikgattung ein. Spätestens, wenn von Kriegern mit wallendem Haar die Rede ist, kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen.


Anschließend verlassen die Bandmitglieder die Bühne, nicht, ohne sich artig beim Publikum zu bedanken. Die Rufe nach einer Zugabe sind kaum verklungen, da sind die sechs Musiker auch schon wieder zurück. "Bitte schlag mich" legt das Hauptaugenmerk wieder auf Drums und Keyboard - wirklich gerockt wird dabei nur im Refrain. Ein letztes Mal hat Eva Edelweiss ihren Einsatz und kippt säckeweise schwarze Luftballons in den Zuschauerraum.
Dann ist aber auch dieses Stück zu Ende und die Band verlässt ein letztes Mal zu den Klängen von "Preußens Gloria" die Bühne. Einige der Besucher nutzen den klassischen Marsch um in einer Polonaise durch Das Bett zu ziehen. Schließlich ist die Band in der Umkleide verschwunden und das Licht im Club geht nach ziemlich genau 90 Minuten wieder an.


Special Effects!
Von der Vorband Soulbound hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie etwas gehört. Eigentlich nicht verwunderlich - ist Metal doch ein Genre, das mir nicht übermäßig liegt. Dennoch war ich angenehm überrascht von den fünf Bielefeldern. Die Kombination aus verschiedenen Musik- und Gesangsstilen konnte durchaus überzeugen. Und natürlich hat auch die ausdauernde Motivationsarbeit des Sängers dazu geführt, dass das Publikum die Band gefeiert hat.

Seit ich Ost+Front zum ersten Mal gehört habe, finde ich die Kontraste, mit denen die Band arbeitet, ausgesprochen reizvoll. Da gibt es gelegentlich plakative Texte und einfach gestrickte, aber eingängige Musik, wie beispielsweise "10 Jahre Ost+Front" oder "Bruderherz" zu denen man einfach nur abrocken kann. Dann wird wiederum mit Klischees gespielt, hervorragend gelungen bei "Heavy Metal" oder "Fleisch". Und dann gibt es noch die stillen, nachdenklichen oder gar melancholischen Momente. Tatsächlich gehören Stücke wie "Suizid", "Ein alter Mann" oder das großartige "Moldau" zu meinen Lieblingen. Leider finden sich diese Lieder nur selten auf den Set-Lists der Konzerte. Andererseits gut verständlich - das Publikum will schließlich feiern. Die Reaktionen im Das Bett haben gezeigt, dass die Band mit den Liedern eine gute Wahl getroffen hat. Es wurde ausgelassen gebangt, es gab eine kleine Moshpit und sogar eine Polonaise gegen Ende.


Im Gegensatz zur Vorband, wo ständig Bewegung herrschte, standen die Musiker von Ost+Front stoisch auf ihren Plätzen. Lediglich Wilhelm Rotlauf am Bass und Otto Schmalzmann an der Leadguitarre tauschten kurz die Position. Für die Showeinlagen war dagegen Eva Edelweiss zuständig, die sowohl im Kittel, mit Sombrero, aber auch als Fußbank für Herrmann Ostfront eine gute Figur machte. Der Sänger selbst lieferte schließlich eine sehr interessante Vorstellung ab. Keine Begrüßung, keine Anmoderation der einzelnen Stücke, beinahe keinerlei Interaktion mit dem Publikum - lediglich höflich zurückhaltende Verbeugungen beim Applaus zwischen den Liedern.

Danke für ein tolles Konzert!

Ganz anders die Situation nach dem Konzert: Bereitwillig und ausdauernd stehen die Musiker für Selfies und Autogramme zur Verfügung, unterhalten sich mit dem Publikum und machen dabei einen lockeren, gelösten Eindruck. Vor allem Herrmann Ostfront und Eva Edelweiß stehen im Zentrum des allgemeinen Interesses. Irgendwann habe ich es dann auch geschafft und immerhin die Unterschriften von fünf der sechs Musiker eingesammelt. Einzig Schlagzeuger Fritz Knacker war nirgendwo zu finden...


Aus technischer Sicht gab es am Konzert nichts auszusetzen. Der Sound, sowohl bei Vor- wie auch Hauptband, war wuchtig, ausgewogen und sauber. Weiter hinten im Raum war der Gesang etwas dominanter, direkt vor der Bühne dagegen die Gitarren. Die Lichteffekte waren eher dezent, meist Farbwechsel oder einzelne Spotlights auf bestimmte Bühnenbereiche. Bei einigen Stücken griff die Band dagegen auf massiven Stroboskop-Einsatz zurück. Dies unterstrich zwar passend grade die härteren Passagen der Songs, sorgte aber auch dafür, dass ich nach einiger Zeit wegdrehen musste. Der Einsatz der Nebelmaschine war ebenfalls gezielt - hier verschwanden der Bassist (der nicht leicht zu übersehen ist) und der Gitarrist komplett in einer Nebelsäule.

Letzten Endes bin ich froh, dass ich mich, trotz des eher bescheidenen Wetters, auf den Weg in Das Bett gemacht habe. Der kleine Club zählt nach wie vor zu meinen liebsten Konzertlocations, hat eine entspannte Atmosphäre und bietet eine überraschend gute Akustik. Dazu kamen zwei recht unterschiedliche Bands, die aber, jede auf ihre Art, einen tollen Auftritt abgeliefert haben. Hoffentlich werden nicht noch einmal zwei Jahre vergehen, bis ich mich wieder auf den Weg nach Frankfurt mache.

Sonntag, 23. Juni 2019

The Dead Brothers

[Konzert] The Dead Brothers
Mittwoch, 19. Juni 2019
Urania Theater, Köln



Eine meiner spannendsten musikalischen Neuentdeckungen im letzten Jahr war das Album Angst von The Dead Brothers (eine ausführliche Rezension dazu gibt es HIER). Seitdem hielt ich, leider vergeblich, Ausschau nach einem der raren Konzerte der Schweizer Band. Anfang Mai wurden schließlich einige Auftritte angekündigt - zwei davon sogar in Deutschland.
Hannover kommt dabei nicht in Frage, da es zu weit weg und terminlich unpassend ist. Köln liegt zwar eigentlich auch nicht in meinem unmittelbaren Einzugsbereich, ist aber doch in gut zwei Stunden mit dem Auto zu erreichen. Auf meine Akkreditierungsanfrage erhalte ich praktisch sofort eine Zusage (vielen Dank an Andreas Rösler für das Booking, die Organisation und natürlich die Pressekarte) und so steht meinem Abstecher in die Domstadt nichts mehr im Wege.

Glücklicherweise ist es nicht ganz so heiß, als ich meinen klimatisierten Arbeitsplatz nachmittags verlasse und meinen Wagen auf die A3 lenke. Ich erreiche Köln, völlig untypisch, in Rekordzeit. Da die Parkplatzsituation in Köln-Ehrenfeld eher bescheiden ist, parke ich lieber auf der anderen Seite der Stadt, in Deutz. Mir bleibt sogar noch die Zeit für einen kleinen Stadtbummel und ein Eis (für lächerliche 1,50€ die Kugel). Nachdem ich meine Einkäufe sicher im Kofferraum verstaut habe, bringt mich die Straßenbahn schließlich mit nur wenigen Zwischenstopps zu meinem Ziel. Das Urania Theater liegt mitten in einem Wohngebiet und schon aus einiger Entfernung kann ich den Sound-Check der Band hören. Einige Gäste haben es sich bereits draußen gemütlich gemacht, nippen an ihrem Kölsch und warten darauf, dass sich die Türen öffnen. Ich überbrücke die Zeit, schaue mir die kuschelige Location an und unterhalte mich mit einigen Besuchern.

Kurz nach 19.30 Uhr ist es dann soweit und ich betrete den Saal. Die Sitzreihen ziehen sich steil nach oben und ich wähle einen zentral gelegenen Platz. Von hier habe ich einen guten Überblick über die Bühne und den Zuschauerraum. Bald treibt ein plötzlich einsetzender Regenschauer auch die anderen Gäste in den Raum und die Reihen füllen sich augenblicklich. Nur wenige Plätze der knapp 140 Sitze sind noch frei geblieben - dafür haben es sich einige Besucher an den Aufgängen bequem gemacht.


Rock 'n' Roll

Beinahe pünktlich um 20 Uhr ziehen die fünf Musiker feierlich in den Saal ein. Vor allem der Cornemuse Suisse (eine Art Dudelsack) und das Helicon (ein Verwandter der Tuba) sorgen dabei für die notwendige Präsenz. Das folgende Intro, nur mit mehrstimmigem Gesang und Violine, klingt eher nach traditionellem Brauchtum. Erst danach nehmen The Dead Brothers ihre Positionen auf der Bühne ein, schnappen sich ihre Instrumente und beginnen mit "Dark Night", einem langsamen Blues. Vereinzelte dissonante Töne, die beklemmende Stimmung, eine ungewöhnliche Instrumentierung, der abseitige Text und besonders der Falsett-Gesang des Stückes erinnern mich frappierend an die von mir sehr geschätzten The Tiger Lillies. "Death Came" führt diesen eingeschlagenen Pfad weiter fort. Mehrstimmiger Gesang und ein sonorer Trommel-Rhythmus sorgen für eine feierliche Atmosphäre - der gelungene Soundtrack zu einer Beerdigung. Dead Alain Croubalian leitet "Black Moose" mit einer kleinen Geschichte über Religion, Mord und Totschlag ein. Blues und Americana stehen bei diesem Stück Pate. Banjo, Flöte und Percussion nehmen dabei einen zentralen Platz ein, während das Helicon einen überdeutlichen Kontrast setzt. Für mich eines der Highlights des Konzertes, und sehr eingängig. Dead Matthias Lincke ist mittlerweile von der Mandoline zur Violine gewechselt und liefert einige Soli bei "Heart Of Stone" und "I Can't Get Enough". Beide Stücke laden zum Kopfnicken ein - an den Saalrändern wird sogar verhalten getanzt. Schließlich kommt die Band zu "Everything's Dead", meinem Lieblingsstück vom aktuellen Album. Auch nach dem x-ten Mal hören hinterlässt das Lied immer noch einen tiefen Eindruck auf mich - selbst wenn hier der Gesang vielleicht eine Spur zu leise ausgefallen ist. Mein bisheriger Höhepunkt bei diesem insgesamt tollen Konzert. Dead Alain hat für "Did We Fail?" das Mikrofon mit dem Megafon ausgetauscht. Diese ungewöhnlich lockere Nummer setzt in erster Linie auf die Percussion, die sich ein eindrucksvolles Duell mit dem Helicon liefert.

Ungewöhnliche Instrumentierung
Nach einem kleinen Intermezzo stimmt Dead Leon Schaetti mit einem, mir unbekannten Blasinstrument, den Trauermarsch an. Langsam geht das Stück in den Jazz-Klassiker "Mean Blue Spirits" über und der Rest der Band reiht sich ein. Der Sänger zeigt dabei keine Berührungsängste und mischt sich unter das Publikum. Dead Dide Marfurt liefert zudem ein denkwürdiges Solo mit der Maultrommel ab. "Am I To Be The Only One" sorgt dafür, dass die Stimmung nicht zu überschwänglich wird und nimmt etwas Tempo raus - nur damit es bei "Diamond Mind" wieder angezogen werden kann. Zum ersten (und einzigen) Mal an diesem Abend wird Deutsch gesungen. Aus mir unerfindlichen Gründen erinnert mich "Angst" an einen Sirtaki. Das Stück nimmt mehr und mehr an Tempo zu, der Gesang überschlägt sich und der Text tut sein Übriges, um den verstörenden Gesamteindruck zu vervollständigen. Einen sehr deutlichen Folk-Einschlag weist dagegen "Marie Mouri" auf, ursprünglich bekannt geworden durch Linda Ronstadt. Auf der Zielgrade des Konzertes geben The Dead Brothers noch einmal Gas. "Pretty Polly" kann mit einem eingängigen Rhythmus und ungewöhnlichem hohem Tempo aufwarten. Verzerrte Instrumente und der Falsettgesang verleihen der Mörderballade jedoch etwas leicht Wahnsinniges - was ganz wunderbar ins Programm des Abends passt. Für das letzte Stück schnappen sich die Musiker ihre Instrumente und gehen auf Tuchfühlung mit dem Publikum. Da klettert Dead Matthias auch schon über Stühle oder Dead Alain setzt sich auf die Stufen. "Mary Don't You Weep" ist ein traditionelles aufgemachtes Blues-Stück, bei dem jeder Musiker noch einmal Gelegenheit zu einem kleinen Solo hat. Anschließend verschwindet die Band, trotz der lauten Rufe nach einer Zugabe, recht schnell aus dem Saal - und kommt auch nicht mehr zurück.

Wer braucht schon Elektronik?!?
Die Zuschauer sind nach gut eineinhalb Stunden verschwitzt, aber glücklich und strömen hinaus. Der Weg nach draußen gestaltet sich etwas jedoch schwierig - als ich endlich den Vorraum erreiche , sehe ich auch den Grund. Die fünf Musiker stehen vor der Theke und geben dort noch eine kleine Unplugged-Zugabe. Selbst als diese beendet ist, bleiben noch viele Gäste. Schließlich genießen The Dead Brothers ihren Feierabend, mischen sich unters Publikum, unterhalten sich, oder frönen entspannt dem Nikotin- und Kölsch-Konsum.
Bevor jedoch die eigentliche After-Show-Party nur zwei Straßen weiter Emdrügge Pitter startet, muss ich mich verabschieden. Der Heimweg ist lang und bereits in der Straßenbahn baue ich merklich ab.

Die Musik von The Dead Brothers lässt sich kaum in eine Schublade stecken. Sie selbst bezeichnen sich als "The one and only Death Blues Funeral Trash Orchestra" - wobei diese Einordnung auch nicht wirklich weiter hilft. Die Band kombiniert alpenländische Volksmusik, Punk-Anleihen, Country und Blues zu einer ausgesprochen ungewöhnlichen, spannenden Mischung. Hinzu kommen die nicht alltägliche Instrumentierung und die teils morbiden Texte. Sicherlich keine Musik für jede Gelegenheit, aber auf jeden Fall ein Erlebnis!
Der schönste Platz ist an der Theke
Das Ambiente des UraniaTheater hat sicherlich einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der großartigen Atmosphäre dieses (beinahe komplett) ausverkauften Konzertes gehabt. Niedrige Sofas und Sessel, (richtige) Kerzen auf jedem Tisch, eine reichhaltige Spirituosenauswahl und die lockere, familiäre Stimmung waren einfach eine großartige Kombination. Auch von organisatorische Seite aus gab es nichts auszusetzen. Der Sound war sauber und wirklich gut abgemischt und die wenigen Lichteffekte stimmig. Insgesamt ein tolles Konzert, für das ich die Fahrt nach Köln wirklich gerne auf mich genommen habe.

Dienstag, 9. April 2019

The Tiger Lillies - One Penny Opera


[Konzert] The Tiger Lillies - One Penny Opera
Donnerstag, 4. April 2019
Wilton's Music Hall, London


Wie jedes Jahr mache ich mich im April auf den Weg in die britische Hauptstadt, um meiner Passion für kleine Figuren zu frönen. Gerne verbinde ich diese kurzen Trips mit ein wenig Kultur, besuche eine Ausstellung oder gehe auf ein Konzert.
In den unendlichen Weiten des Internet mache ich mich daher auf die Suche nach einem entsprechenden Rahmenprogramm. Und schon nach wenigen Klicks werde ich fündig: Die von mir hochgeschätzten The Tiger Lillies haben quasi ein "Heimspiel" in der Stadt. Für fünf Nächte gastiert das Trio in Wilton's Music Hall und führt dort die komplette One Penny Opera auf. Dabei handelt es sich um die sehr spezielle Interpretation von Bertolt Brechts Dreigroschenoper, die wiederum auf The Beggar's Opera von John Gay aus dem Jahr 1728 basiert.
Bis ich mit meinen Reisevorbereitungen soweit bin, sind die Vorstellungen am Freitag und Samstag natürlich bereits ausverkauft. Den Mittwoch habe ich dagegen bereits anderweitig verplant. So bleibt mir nur der Donnerstag, um mir das Spektakel anzuschauen. Ein Blick auf das Buchungsportal zeigt, das mir nur noch der letzte Platz in der letzten Reihe bleibt - was sich aber im Nachhinein als recht gute Wahl herausstellt.


Wilton's Music Hall

Martyn Jacques in seiner liebsten Rolle
Als ich mich auf den Weg zum Konzert mache, präsentiert sich London von seiner besten Seite: Es ist regnerisch, windig und ungemütlich. Die nächste U-Bahn-Station ist ein ganzes Stück von meinem Ziel entfernt und bis ich ins Foyer trete, bin ich durchgefroren und nass. Innen ist es jedoch kuschelig warm und recht gut gefüllt - doch kann ich mich an die Bar vorarbeiten. Während ich an meinem Getränk nippe, habe ich Zeit, mir meine Umgebung näher anzuschauen. Das Gebäude ist zweifellos sehr alt, ein wenig ramponiert, verfügt aber über einen ganz besonderen Charme. Wilton's Music Hall ist eine der ältesten und größten Music Halls, die es noch in London gibt. Erbaut im späten 17. Jahrhundert und erstmals in den 1850ern für Aufführungen genutzt, hat das Gebäude (oder vielmehr der Gebäudekomplex) mehrfach Besitzer und Funktion gewechselt. So war es beispielsweise eine Suppenküche, ein Warenhaus oder ein Gemeindesaal. In den 1980ern rottete das Gebäude weitgehend verlassen vor sich hin. Jedoch diente es beispielsweise als Drehort für Frankie Goes To Hollywoods "Relax"-Video oder gelegentliche Veranstaltungen. Erst in den 1990ern begannen erste Restaurierungsarbeiten am Saal, die sich über fast zwei Jahrzehnte hinzogen. Regelmäßig für Konzert genutzt wird Wilton's Music Hall erst wieder seit 2012. Wer sich für die Geschichte des Gebäudes interessiert, oder einen Blick auf die Veranstaltungen werfen will, bekommt auf der dazugehörigen Homepage alle Informationen.
Nach einem kleinen Rundgang durch die Räume und dem historischen Exkurs ist es schließlich soweit. Ganz stilecht geht eine der Angestellten durch die Räume und läutet mit einer großen Glocke den Beginn der Vorstellung ein. Als ich den Saal betrete, erwarten mich gleich zwei Überraschungen. Zum einen hatte ich mit einem viel größeren Raum gerechnet - allerdings kommt mir die kompakte Bauweise sehr entgegen. Aber auch die musikalische Untermalung ist für mich unerwartet. Aus den versteckten Boxen klingt mir "Marie" der Comedian Harmonists entgegen - dem Rauschen nach zu urteilen von einer Schellackplatte.
Während das Gros der Sitze aus einfachen Klappstühlen besteht, sind die letzten beiden Reihen uralte Holzbänke, die zudem leicht erhöht stehen. Die Sitzfläche ist zwar etwas knapp bemessen, doch da ich am Ende der Bank sitze, habe ich glücklicherweise etwas mehr Platz. Und von einer der tragenden Säulen abgesehen ist der Blick auf die Bühne hervorragend.


One Penny Opera

Ins rechte Licht gerückt
Pünktlich verlöschen die Lichter im Saal und die Band tritt auf die Bühne, um die bekannte Geschichte von Macheath zu erzählen. Mack the Knife, wie er in Londoner Unterweltkreisen genannt wird, ist ein Mörder, Dieb und generell unangenehmer Zeitgenosse. In einer obszönen Zeremonie heiratet unser Held Polly, die Tochter des Bettlerkönigs Jonathan Jeremiah Peachum. Dieser ist von seinem Schwiegersohn nicht sonderlich begeistert und gegen die Verbindung. Daher nutzt er seinen Einfluss beim Londoner Polizeichef Tiger Brown, um eine Verhaftung zu arrangieren. Macheath wird geschnappt, nachdem ihn die Prostituierte Jenny verraten hat. Allerdings kann er aber mit der Unterstützung von Browns Tochter fliehen. Kurz darauf gibt Jenny erneut einen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort und wieder wird Mack festgenommen. Bei der Gerichtsverhandlung bittet er seine Freunde, Gegner und zahlreichen Ex-Geliebten um Vergebung. Während er auf die Vollstreckung des Todesurteils wartet, sinniert er über seine Karriere nach. In letzter Minute wird Macheath jedoch durch einen Erlass der Königin begnadigt. Doch nicht nur das: fortan residiert er im St. James Palace, versorgt den Prinzregenten mit Prostituierten und beseitigt für Queen Victoria unliebsame Zeitgenossen.
Die einzelnen Stücke werden durch kurze Dialoge zusammengehalten. Martyn Jacques übernimmt den Großteil des Gesangs und der Texte. Aber auch Bassist Adrian Stout als Bettlerkönig und Schlagzeuger Jonas Golland in der Rolle von Tiger Brown steuern ihren Teil bei. Einige der Stücke sind speziell für die Aufführung geschrieben. Allerdings greift die Band auch immer wieder auf die Klassiker von Kurt Weill zurück; die bekanntesten davon sicherlich "Mack the Knife" und "Alabama".

Mr. Stout wartet auf seinen Einsatz
Nach dem offiziellen Ende der One Penny Opera bleibt die Band noch für eine kleine Zugabe auf der Bühne. Wie häufig bei Konzerten von The Tiger Lillies darf das Publikum seine Vorlieben äußern - die manchmal sogar berücksichtigt werden. An diesem Abend finden das blasphemische "Banging in the Nails" und das ein klein wenig obszöne "Aunty Mabel" Anklang beim Publikum. Danach ist jedoch Schluss mit dem Auftritt, doch wartet die Band im Foyer auf die Zuschauer. Hier schreiben die drei Musiker fleißig Autogramme und posieren für Bilder. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit Tonträger und Merchandise zu erwerben. Eine Live-Aufnahme des Auftrittes wird demnächst veröffentlicht - der Vertrieb erfolgt dann über die Homepage von The Tiger Lillies.

Wie war's?

Das Schaffen der Band ist, man kann sagen, etwas speziell und sicherlich nicht für die breite Masse geeignet. Die One Penny Opera bildet da keine Ausnahme: die Texte sind obszön, blasphemisch, zynisch aber auch recht lustig - wenn man diesen besonderen Humor mag. Inhaltlich drehen sie sich in erster Linie um Sex, Gewalt, Perversionen, Alkohol und Drogen. Ebenso ungewöhnlich wie die Lyrics, ist der Einsatz der Instrumente. Während Bass, Piano und Schlagzeug in fast jeder Band zu finden sind, kommen jedoch ungewöhnliche Instrumente wie Akkordeon, Theremin, eine winzige Ukelele oder eine Singende Säge zum Einsatz. Auch habe ich, außer Jonas Golland, noch nie einen Schlagzeuger gesehen, der seine Becken mit dem Bogen spielt oder einen Luftballon als Instrument nutzt.

Jonas Golland in die Arbeit vertieft
Ich habe die Band schon häufiger gesehen, allerdings war dieser Auftritt doch etwas ganz Besonderes. Alleine die Atmosphäre des Gebäudes war die Reise wert. Es ist schwer, in Worte zu fassen, aber die Mischung aus vergangener Größe, historischer Bedeutung und gemütlichem, familiärem Ambiente ist enorm spannend. Auch die Möglichkeit, The Tiger Lillies in ihrer Heimatstadt zu sehen, konnte ich mir nicht entgehen lassen. Die Musiker machen ihren Job gewohnt professionell - vermitteln aber nicht den Eindruck, dass sie einfach nur ihr Programm herunterspielen. Kleine Wortgeplänkel zwischen dem Trio und dem Publikum sorgen für eine lockere Atmosphäre, die Bühnenpräsenz von Martyn Jacques ist enorm und die Abstimmung zwischen den Musikern passt haargenau. Auch von rein technischer Seite gibt es an dem Konzert nichts auszusetzen. Die Beleuchtung ist dezent, aber völlig ausreichend und durchaus stimmig. Der Sound ist, zumindest auf meinem Platz, hervorragend, klar und sauber - ohne dabei klinisch steril zu wirken. Ein rundum gelungenes Konzert, das den weiten Weg auf jeden Fall gelohnt hat - einzig die Dauer ist mit gut 80 Minuten doch ein wenig kurz ausgefallen.

Die alte Music Hall in ihrer ganzen Pracht