Freitag, 27. Mai 2016

[Interview] The Razorblades


The Razorblades gelten als eine der besten, wenn nicht sogar die beste, Surfrockband Deutschlands und haben sich auch in den Nachbarländern, vor allem durch ihre ausgedehnten Touren, einen beachtlichen Ruf erspielt. Anfang des Jahrtausends gegründet hat das Trio neben zahlreichen Sampler-Beiträgen mit New Songs for the Weird People nun vor kurzem sein sechstes Album veröffentlicht und dies mit einer großen Party im Wiesbadener Kulturpalast gefeiert.

Der Gitarrist, musikalische Kopf und gelegentliche Sänger Rob Razorblade aka Martin Schmidt hat sich, trotz des ausgedehnten Tourkalenders der Band, die Zeit genommen uns einige Fragen zu beantworten. 


Bingen, eine Kleinstadt in Rheinhessen, aus der The Razorblades ursprünglich kommen, ist eigentlich ein ziemlich fruchtbarer Boden für Punk-, Metal- und auch Gothic-Bands. Eine Band die Surfmusik spielt fällt da doch ziemlich aus dem Rahmen. Was war und ist für euch das Spannende, Außergewöhnliche an dieser Musikrichtung und wie kamt ihr um das Jahr 2002 herum darauf Musik zu spielen, die eigentlich seit den 60ern kaum noch jemand hört?  

Mir gefällt an Surfmusik zuerst der Gitarrensound – dieser klare Twang-Sound mit viel Hall und Echo. Dann finde ich es interessant Songs nur mit der Gitarre zu tragen, sprich die Melodie und die ganzen Emotionen eines Stückes auf der Gitarre zu spielen anstatt ein Backing für den Sänger und irgendwann ein Solo zwischen den Refrains abzuliefern – das ist musikalisch eine ganz andere Herausforderung. Die Entscheidung für eine bestimmte Art von Musik geschieht bei mir immer aus einem Grund: Sie gefällt mir und ich möchte sie spielen. Was dann der Rest der Stadt macht oder wie viele Leute diese Musik gerade hören, ist mir relativ egal, Musik ist Kunst und Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, von daher muss man tun, was man tun muss. Für mich hat Surfmusik oder Instrumentalmusik im Allgemeinen immer etwas Cineastisches, ein Western-/Wüsten-/Krimi-Feeling und das finde ich sehr inspirierend. Außerdem finde ich das hohe Energie-Level super – kurze, schnelle Songs, die auf den Punkt kommen und eine klare Melodie haben.
Zum ersten Mal was Surfmusikartiges gehört habe ich mit 18, als ich mit meiner damaligen Band Marvel's Rosary im Vorprogramm der Fenton Weills gespielt habe. – in der Bingerbrücker Turnhalle. Die haben so eine Mischung aus Link Wray-Instrumentals, Filmthemen und Sixties Beat gespielt und das hat mich schwer beeindruckt und ich habe angefangen, selbst in dem Stil Songs zu schreiben. Nach ein paar Jahren in anderen Stilistiken bin ich um die Jahrtausendwende durch die US-Band Slacktone zu dem Stil zurückgekommen. Im Guitar Player war eine Review ihrer ersten CD „Warning! Reverb Instrumentals“. Ich dachte das klingt cool, hab die CD bestellt und hab dann die ganzen 3rd Wave Bands entdeckt, The Mermen, Insect Surfers, Fifty Foot Combo und dachte, ich muss auch so eine Band machen. Zu der Zeit habe ich aber schon nicht mehr in Bingen gewohnt.

The Razorblades sind ja in erster Linie Dein Baby. Inwieweit funktioniert innerhalb der Band der Entstehungsprozess eines Albums? Gibst Du die Linie alleine vor oder beteiligen sich Deine Kollegen gleichberechtigt an Songwriting und Produktion?
 

Ich schreibe die Songs alleine zuhause in meinem Studio, mache eine Vorproduktion mit Bass, Drums und allen Gitarren. Wenn ich genügend Songs zusammen habe, schick ich sie dem Drummer und wir proben sie gemeinsam ein. Auf den letzten zwei Alben habe ich auch Bass gespielt, d.h. wir haben im Studio zuerst die Rhythm-Tracks zusammen aufgenommen und dann hab ich die Gitarren dazu gespielt. Von daher würde ich das mal kreative Diktatur nennen – meine Vorproduktionen klingen schon zu 80% wie das fertige Album. Ralph ändert sicher mal den einen oder anderen Drumpart und da Bass und Drums zusammen eingespielt werden, klingt es lebendiger als meine programmierten Drums, aber ich habe ganz klar das Heft in der Hand und auch die meiste Arbeit…nach dem Aufnehmen mische ich die Platte auch selbst, diesmal mit der Hilfe von Jürgen Lusky (Hofa Studios).

Auf New Songs for the Weird People habt ihr wieder einige Stücke mit Gesang untergebracht, was mir eigentlich sehr gut gefallen hat. Ist das etwas, was ihr in Zukunft stärker ausbauen werdet oder stehen weiterhin die Instrumentalstücke im Fokus?
 

Ich denke die Gewichtung bleibt wie sie ist. The Razorblades sind eine Instrumentalband mit Gesangseinwürfen und das macht live eine Menge Spaß. Eine Platte nur mit Gesangsnummern ist nicht geplant, dafür bin ich dann als Sänger auch nicht variantenreich genug. In Instrumentalsongs kann ich mich wunderbar ausdrücken und werde das auch weiterhin tun.

Das neue Album bietet neben dem klassischen Surfsound einige andere Einflüsse, beispielsweise Punk, Rockabilly oder Pop. Sind das die Sachen die Du auch privat auf den Plattenteller wirfst?  
Ich höre ganz unterschiedliche Musik – Surf, Punk, 70s-Rock, Underground-Kram, Jazz, Blues, Folk und irgendwann kommt dann irgendwas in einem Song raus. Ich versuche mir da keine Beschränkungen mehr aufzuerlegen, wenn ein Song schlüssig klingt, ist mir eigentlich ziemlich egal, woher die Inspiration kommt. Ich gehe da durch Phasen, wo ich bestimmte Sachen höre und die beeinflussen dann eben auch das Songwriting.

Wenn Du auf Konzerte gehst, kannst Du dann den Musiker in Dir abschalten und den Sound voll genießen oder konzentrierst Du Dich auf die technischen Details und achtest mehr auf die Fingerfertigkeit der Musiker?  
Mit 20 hab ich immer nur auf den Gitarristen geschaut, aber mittlerweile hab ich viel mehr Interesse an der Musik im Ganzen und finde dann auch nicht wichtig, ob es virtuos ist oder nicht. Reine Fingerfertigkeit ist oft auch sehr langweilig, denn bei guter Musik geht es um ganz andere Sachen – Struktur, Drama, Sounds, Gefühle. Von daher schau ich mir am liebsten Bands an, die mich eben in der Hinsicht ergreifen, z.B. in den letzten Jahren Black Rebel Motorcycle Club, Dinosaur Jr., Alexander Hacke, PIL, Gemma Ray.

In den letzten Jahren hat die Retro-Welle einige 60er Jahre-Phänomene wieder an die Oberfläche gespült, vom pomadisierten Haar über Petticoats bis hin zum typischen Soulsound dieser Zeit. Hat sich euer Publikum dadurch merklich verändert? Ist die Szene mittlerweile etwas durchlässiger, offener geworden oder stehen immer noch die gleichen Leute wie vor 15 Jahren vor der Bühne?  
Unser Publikum würde ich als alternatives Punkrock-Publikum, im weitesten Sinne sehen…da ist alles dabei vom Surf-Fan über Punks, Skins, Rockabillys, Mods bis hin zu Leuten, die sich keiner Subkultur zugehörig fühlen. Die Retrowellen der letzten Jahre sind meistens eher ein Modeding mit einem Riesen-Hype, wo sich plötzlich sehr viele Leute dran hängen, die eigentlich gar nicht so ein Riesen-Interesse an der Musik haben. Ich glaube, vielen Rockabilly-Weekender-Besuchern geht es mehr um das Event als um die Musik. Offener wird es dadurch eher nicht, da dieses Szene-Ding meist sehr eng ist und sich dann an bestimmten optischen oder musikalischen Details festmacht – und wenn man da ausbricht, passt das oft nicht mehr. Ich fühle mich da mehr dem 80er-Underground verbunden, wo es sehr darum ging individuell und anders als der Rest zu sein, das versuche ich heute noch. Andererseits ist mir ein Rockabilly-, Sixties-Soul- oder Punk-Revival zehnmal lieber als Helene Fischer oder unsäglicher deutscher Soulpop oder der Casting-Show-Müll. Großen Einfluss auf unser Publikum hat das aber trotzdem nicht.

Für Bands, die sich abseits des radiotauglichen Mainstream in musikalischen Nischen bewegen ist es recht schwierig alleine von ihrer Arbeit zu leben. Wie sieht das bei euch aus, habt ihr neben The Razorblades auch noch "normale" Jobs oder wirft die Band genug ab um damit über die Runden zu kommen?  
Ich bin Profi-Musiker seit ich 20 bin und lebe heute von einer Mischung aus dem Geld, das ich mit der Band verdiene – durch Gagen, CD-Verkäufe, Gema-Einnahmen – und anderen Tätigkeiten wie Gitarrenunterricht oder dem Schreiben, zurzeit für Gitarre & Bass. Um zu dritt von einer Band wie The Razorblades zu leben, müsste man 200 Shows im Jahr spielen – das ist kaum möglich und würde wahrscheinlich auch nur bedingt Spaß machen. Unser Drummer Ralph Razorblade ist ebenfalls Profimusiker und Schlagzeuglehrer, während sich der aktuelle Bassist Randy Razorblade in der Woche noch als Sozialarbeiter verdingt.

Du machst nun schon ziemlich lange Musik, ich glaub das erste Mal habe ich Dich mit Zig Zag Wanderer um das Jahr 1990 herum auf einer Bühne stehen sehen. Hast Du Dich bewusst für eine Karriere als Musiker entschieden oder hat sich das im Laufe der Zeit einfach so ergeben? Hast Du die Entscheidung schon einmal bereut, keinen normalen Bürojob zu machen?  
Ich habe mich mit 20 dafür entschieden und es eigentlich nie bereut. Ein normaler Bürojob interessiert mich nicht, mir liegt eher daran mein Leben mit der Sache zu verbringen, die mir wichtig ist und das ist Musik. Klar hat das freiberufliche Dasein auch Nachteile, aber mit denen kann ich besser leben als mit einer Arbeit, die mir keinen Spaß macht. Ich glaub, es gab auch nie eine wirkliche Alternative für mich zum Künstlerdasein und ich bin auch ganz gut darin.

Ihr fahrt praktisch jedes Wochenende quer durch Deutschland und steht auf irgendeiner Bühne. Gibt es außergewöhnliche Konzerterfahrungen, sowohl positive wie auch negative, die Dir im Gedächtnis geblieben sind?  
Mit The Razorblades hab ich schon 600 Konzerte gespielt und vorher waren es bestimmt auch schon ein paar hundert…da fällt es schwer einzelne Ereignisse herauszupicken. Am schönsten sind die Konzerte, bei denen das Publikum von Anfang an dabei ist und wirklich an der Musik interessiert ist – da haben wir jedes Jahr einige davon. Schlimm ist es, wenn das Konzert keinen Sinn macht, sprich es ist kaum Publikum da oder die Leute, die kommen, wollen eigentlich etwas anderes hören. Glücklicherweise halten sich diese Konzerte mittlerweile im Rahmen. Toll sind die Freundschaften, die sich in ganz Europa ergeben haben, die möchte ich nicht missen und davon „handelt“ auch die neue Platte.

Ihr seid ja alle nicht mehr so ganz jung - werdet ihr in fünf oder gar zehn Jahren immer noch in kleinen, obskuren Clubs vor merkwürdigen Leuten Surfmusic spielen?  
So alt sind wir aber auch nicht. Die Frage bekomme ich oft gestellt, finde sie aber auch ein bisschen sinnlos. Was soll man als Musiker anderes machen als seine Musik spielen? Darum geht es…Picasso, Miles Davis, Clint Eastwood und die Rolling Stones haben sich ja auch nicht mit Mitte 40 zur Ruhe gesetzt. Ich will das eigentlich so lange machen, wie ich es möchte und es mir Spaß macht und nebenbei verdiene ich damit ja auch meinen Lebensunterhalt. Von daher würde ich sagen frag mich nochmal in zehn Jahren, dann sehen wir weiter.

Du hast eine, zumindest in Szenekreisen, erfolgreiche, bekannte Band, betreibst Dein eigenes Label, gibst Unterricht und hast zwei Bücher zum Thema Musik veröffentlicht. Gibt es etwas, was Du in Deiner Musikerkarriere unbedingt noch erreichen möchtest?  
Man wünscht sich immer größeren kommerziellen Erfolg, aber ansonsten bin ich eigentlich ganz zufrieden und würde gerne alles weitermachen – neue Platten aufnehmen, Bücher schreiben, auf Tour gehen und mit der Musik leben….that’s it! Die eine Sache, die ich unbedingt noch erledigen muss, habe ich nicht so - es wird sich schon noch etwas Spannendes ergeben. Ich hab auch Ideen für Platten und Projekte neben den Razorblades und die würde ich gerne in den nächsten Jahren realisieren….ab Sommer fange ich damit an.

Martin, vielen Dank für die doch sehr ausführlichen Antworten. Bleibt mir eigentlich nur noch Dir und Deinen Kollegen weiterhin alles Gute, tolle Platten und viele spaßige Konzerte zu wünschen. Ich bin sehr gespannt, Zukunft von Deiner Band zu hören ist und welche weiteren Projekte Du noch anstößt.
Weitere Informationen zur Band, zu den Veröffentlichungen und zum aktuellen Tourplan finden sich unter www.therazorblades.de.

Die Band Gegründet wurden The Razorblades 2002 und legten ein Jahr später ihr Debüt Get Cut By The Razorblades vor. Anfangs noch mit vier Musikern schrumpfte die Band im Laufe der Jahre zum Trio und hat dabei einige Besetzungswechsel durchlaufen. Die einzige Konstante ist dabei Rob Razorblade an der Gitarre geblieben, der von Ralph Razorblade am Schlagzeug und Randy Razorblade am Bass unterstützt wird.

Mittwoch, 11. Mai 2016

[Konzert] The Baboon Show
Support: Kafvka
Dienstag, 10. Mai 2016
Schlachthof, Wiesbaden


Im letzten Jahr überredete mich eine Freundin dazu, mit ihr nach Trier auf ein kleines Festival zu fahren (nochmals ein dickes Danke dafür!), hauptsächlich weil dort auch The Baboon Show spielten. Der Rest des Line-Ups war, zumindest für mich, eher unspannend aber das Quartett aus Stockholm hinterließ bei mir einen sehr nachhaltigen, positiven Eindruck. In den folgenden Monaten stand die Band noch ein oder zwei Mal im Rhein-Main-Gebiet, meinem eigentlichen Einzugsgebiet, auf der Bühne. Allerdings immer nur als Opener für Gruppen, die mich so gar nicht interessierten und zu indiskutablen Preisen. Mit der Veröffentlichung des neuen Albums The World Is Bigger Than You kommt die Band nun jedoch auf Headliner-Tour durch Deutschland und machte dabei auch im Kesselhaus des Wiesbadener Schlachthof Station.

Die Karte war schon lange besorgt, die Vorfreude entsprechend groß und für den nächsten Tag hatte ich mir vorsorglich frei genommen, so dass einem gelungenen Konzertbesuch eigentlich nichts mehr im Wege stand. Entsprechend gut gelaunt verabschiedete ich mich dann auch von meinen Kollegen und wollte eigentlich ganz entspannt hinüber zum Schlachthof laufen um mir dort noch eine kleine Stärkung zu genehmigen. War es die vorangegangenen Tage sehr sonnig und warm gewesen, so schüttete es jetzt aus Kübeln und ein frischer Wind sorgte für erhebliche und unangenehme Abkühlung. Letztendlich siegte, auch angesichts des nächtlichen Rückwegs, dann doch die Bequemlichkeit und ich entschied mich dafür, mit dem Auto zu fahren und in unmittelbarer der Halle zu parken. Ich hatte mich mit einigen Freunden im 60/40, dem Restaurant des Schlachthof für ein "Warm Up" bei Pizza und Äppler verabredet, doch offensichtlich war ich nicht der einzige, der auf diese Idee gekommen war. Da es draußen wetterbedingt keine Sitzmöglichkeit gab, drängte sich alles im Innenraum, der entsprechend voll war. Nach einiger Wartezeit gelang es mir und meinen Begleitern aber tatsächlich einen Stehtisch zu ergattern und dort auf das Öffnen der Türen zu warten.

Kurz nach 20 Uhr mache ich mich auf den Weg ins Kesselhaus, in dem praktisch noch nichts los ist. Entsprechend nutze ich die Gelegenheit um mir das neue Album zu sichern, das noch in meiner Sammlung fehlt. Auch an der Theke herrscht noch weitgehende Leere und schnell wird noch etwas für den Flüssigkeitshaushalt getan. Gegen 21 Uhr dimmt sich schließlich das Licht und aus den Boxen kommt mit "#LadyGagaSeinSohn" das Intro für Kafvka, die an diesem Abend den Einheizer geben. Die vier Herren aus Berlin spielen Crossover, so wie er Ende des letzten Jahrtausends recht beliebt war: harte Gitarrenriffs treffen dabei auf heftige Schlagzeug- und Bass-Passagen über die Frontmann Jonas seine politisch sehr engagierten Lyrics in deutscher Sprache rappt. Das Ganze liegt mir nicht so wirklich und passt auch nicht unbedingt zum Hauptact des Abends.

Stattdessen gehe ich doch lieber vor die Tür, mittlerweile ist es trocken und angenehm, und bewege mich in Richtung der Großen Halle, aus deren Türen "This is not a love song" von PiL dröhnt. Die Punkrock-/Wave-Veteranen um den ehemaligen Sex Pistols-Frontmann John Lydon rocken heute die größere Location und haben schon deutlich früher angefangen; allerdings auch zu einem stolzen Eintrittspreis. Immer mehr Menschen kommen aus dem Kesselhaus und es hat den Anschein, dass viele davon nicht wirklich von der Vorband begeistert sind. Diese macht zwar, zumindest was ich gehört habe, einen recht ordentlichen Job, aber es will einfach nicht so richtig passen. Doch nach einer guten halben Stunde ist das Set zu Ende und gefolgt von einer kurzen Pause geht es zurück in die Halle.

Ungewöhnlich für einen Wochentag und für solch einen späten Konzertbeginn ist das Kesselhaus sehr gut besucht, jedoch nicht ganz ausverkauft. So bleibt vor der Bühne immerhin noch etwas Raum zum Bewegen. Nach einem kurzen Intro aus der Konserve betritt die Band gegen 22 Uhr endlich die Bühne und legt mit "Class War" vom neuen Album los. Das Publikum geht mit, ist aber noch ein kleines bisschen reserviert, was sich allerdings schon beim zweiten Stück "The Shame" in kürzester Zeit erledigt hat. Die ersten Reihen vor der Bühne hüpfen und springen beim Gitarrensolo wild durcheinander und auch der Rest der Halle kann nicht mehr still stehen. Nicht ganz so aggressiv geht es mit "Faster Faster Harder Harder" weiter, zu dem ebenfalls ausgelassen gepogt wird und die Temperatur in der Halle trotz Klimaanlage schnell ansteigt. Zwischendurch weist Sängerin Cecilia Boström noch auf ihren heutigen Geburtstag hin (den 35sten), den sie gedenkt in Wiesbaden ordentlich zu feiern. Ganz folgerichtig bekommt sie nach einem wilden "Me, Myself And I" von einigen Damen in der ersten Reihe auch ein kleines Geburtstags-Bierchen überreicht und die ganze Halle singt artig "Happy Birthday". Nach diesem kurzen, sehr sympathischen Intermezzo rockt die Band schnörkellos mit "I Will Go On" weiter und beim folgenden „Playing With Fire“ darf Gitarrist Håkan Sörle sogar kurz das Mikrofon übernehmen um eine Strophe (in Spanish) beizusteuern. Mittlerweile ist praktisch die ganze Halle am Hüpfen, Springen oder doch zumindest energisch Mitwippen, was die Temperatur weiter hoch treibt. Nachdem Frau Boström nochmals auf ihren Geburtstag hingewiesen hat, mit dem Vorsatz nach dem Konzert alkoholische Getränke zu konsumieren, folgt mit "The History" meine ganz persönlicher Favorit vom Album Damnation.
Den Reaktionen in der Halle kann ich entnehmen, dass ich mit dieser Meinung wohl nicht alleine stehe. Bei "Working All Night And Day" bekommen wir eine fachkundige Anleitung was den Gesang des Refrains angeht, was dann auch in Folge hervorragend funktioniert, und die Feierlaune im Publikum weiter anheizt. Nach einer guten dreiviertel Stunde setzt die Band mit „Tonight“ etwas, dass in Anbetracht des restlichen lauten, schnellen und sehr direkten Sets schon als Ruhepunkt durchgeht. Und während sich Frau Boström auf den Händen der Fans quer durch den Raum zur Theke tragen lässt um dort einige Alkoholika für die Band zu organisieren, muss nochmals der Gitarrist das Mikrofon übernehmen. Nach dieser kleinen Stärkung folgt die Vorstellung der vier Bandmitglieder, wobei jeder die Gelegenheit für ein kleines Solo bekommt. Schließlich endet mit "Punkrock Harbour" vom gleichnamigen Album nach etwas mehr als einer Stunde der erste Teil des Sets.
Nach einem kurzen Augenblick meldet sich die Band jedoch schon wieder auf der Bühne zurück und zieht mit "Queen Of The Dagger" die Geschwindigkeit ein wenig an. Für das folgende "Gareth" wagt sich Drummer Niclas Svensson hinter das Mikrofon um Teile der Vocals zu übernehmen und bringt dabei sogar eine Strophe des Klassikers "War Pigs" unter. Ein letztes Mal muss sich das Publikum bei "Heidi Heidi Ho Ho" anstrengen und aus vollem Hals mitsingen oder besser gröhlen, da die meisten zu diesem Zeitpunkt schon heiser sind. Noch während die Band dabei ist, sich auf der Bühne feiern zu lassen legt der DJ recht merkwürdige Musik auf, wohl in der Hoffnung, die Besucher möglichst schnell aus der Halle zu treiben. Irgendwann ist dann auch The Baboon Show im Backstage-Bereich verschwunden, doch trotz der fortgeschrittenen Stunde leert sich die Halle nur sehr zögerlich. Viele Besucher drängen sich um den kleinen Merchandise-Stand oder warten auf die Musiker um sich Autogramme geben zu lassen, während andere einfach an der Theke stehen um noch eine Kleinigkeit zu trinken.

Ich bin zu diesem Zeitpunkt völlig durchgeschwitzt, habe mehrere blaue Flecken und muss an die frische Luft. Dort stehe ich dann mit einem seeligen, zufriedenen Grinsen im Gesicht vor der Halle und betrachte die Leute um mich herum, denen es ähnlich geht. Kurz überlege ich in die Halle zurück zu gehen um mir die CD signieren zu lassen, aber ich bin zu diesem Zeitpunkt viel zu müde und kaputt, die Füße tun wehen, die Ohren pfeifen und langsam macht sich auch eine gewisse Müdigkeit bemerkbar. Trotzdem bleibe ich auch noch einige Minuten, unterhalte mich mit einigen Bekannten und versuche ein wenig runter zu kommen.
Eigentlich fehlen mir die Worte um den Auftritt von The Baboon Show adäquat zu beschreiben; es war schlicht großartig! Die Band ging direkt, schnörkellos, rockig und mit offensichtlich viel Spaß an der Sache in dieses Konzert und konnte diese Stimmung hervorragend ins Publikum transportieren. Viel von der Wirkung, die die Schweden auf der Bühne entfalten ist sicherlich der unglaublich starken Präsenz ihrer Frontfrau zu verdanken. Sie geht körperlich und stimmlich an ihre Grenzen, steht niemals still, macht sogar Liegestütze auf der Bühne und schafft es nebenbei noch immer mit dem Publikum und ihren Mitmusikern zu interagieren. Aber auch die drei anderen Musiker haben sichtlich Freude daran auf der Bühne zu stehen und den Menschen in der Halle richtig einzuheizen. Zu keinem Zeitpunkt hat man den Eindruck, dass dort oben vier Unterhaltungskünstler stehen, die ihr vertraglich vereinbartes Set seelenlos runterschrammeln; so wie ich es schon auf dem einen oder anderen Konzert gesehen habe. Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: Eine tolle Show ohne viel Schnickschnack, die ich mir jederzeit gerne wieder anschauen würde.

Von der technischen Seite gab es erfreulicherweise ebenfalls nichts zu meckern, die Instrumente waren ordentlich abgemischt, auch wenn die Gitarre eine Kleinigkeit leiser hätte sein können. Selbst die Vocals, häufig ein Problem bei lauten, krachigen Bands, kamen fast immer sauber und klar durch die Boxen. Das Kesselhaus ist für den Tontechniker wohl eine sehr dankenswerte Location. Was ich dagegen nicht verstanden habe war, dass der Stand mit dem Merchandise in der Halle selbst und nicht im Vorraum untergebracht war. Zum einen hat dies den ohnehin schon raren Platz noch knapper gemacht, zum anderen war während des Konzertes eine Verständigung mit dem Menschen hinter dem Stand praktisch unmöglich. Auch ist mir zum wiederholten Male aufgefallen, dass einige Leute der Meinung sind, ihre Rucksäcke mit auf Konzerte schleppen zu müssen. Keine dezenten Täschchen, sondern prall gefüllte Säcke mit denen sie rücksichtslos durch die Menge pflügen und beim Tanzen wild um sich schlagen. Ist wahrscheinlich so ein Generationen-Ding, dass ich in meinem fortgeschrittenem Alter nicht mehr verstehe...