Donnerstag, 15. Oktober 2015

SPIEL '15

[Messe] SPIEL '15
8.-11. Oktober 2015
Gruga, Essen

Waren meine Besuche der SPIEL in den letzten Jahren immer ein wenig chaotisch und planlos verlaufen, sollte diesmal alles besser werden: Geplant waren nur zwei Tage Messe, Donnerstag und Freitag, der Urlaub war genehmigt, das Zimmer im In Hostel Veritas in Oberhausen gebucht und die Messetickets hingen schon seit Wochen an meiner Pinwand. Im Laufe der Messevorbereitung wurde meine To-Do-Liste jedoch immer länger, außerdem gab es am Samstag spontan noch zwei private Termine, die ich unbedingt wahrnehmen wollte. Daher entschloss ich mich, meinen Aufenthalt in Essen um einen oder sogar zwei Tage zu verlängern. Also musste dringend noch ein Zimmer her, dass ich erstaunlicherweise zwei Tage vor offiziellem Messebeginn tatsächlich auch fand. Das Hotel befand sich in Laufweite zur Gruga, machte auf der Homepage einen sehr netten Eindruck und hatte zu allem Überfluss bezahlbare Preise. Fast zu gut um wahr zu sein! Ohne lange zu zögern buchte ich das Zimmer und freute mich wie ein Schnitzel über den gelungenen Coup. Allerdings folgte die Ernüchterung am nächsten Tag, als mir telefonisch mitgeteilt wurde, dass es wohl eine „Computerpanne“ gegeben hätte und meine Buchung nicht berücksichtigt werden könnte. Nun ohne Zimmer, dafür mit noch weniger Zeit durchforstete ich die Weiten der verschiedenen Buchungsportale und wurde bei einem Hotel im nicht ganz so weit entfernten Velbert fündig. Hier schien die Buchung zu funktionieren, was mir auch auf Nachfrage bestätigt wurde.


Nachdem diese Probleme beseitigt waren, machte ich mich am Donnerstag gut gelaunt bei strahlendem Sonnenschein, aber recht frischen Temperaturen, auf den Weg nach Essen. Allerdings währte die gute Laune nicht sonderlich lange, denn die zahlreichen Baustellen auf der A61 machten die Fahrt nicht wirklich zu einem Vergnügen. Dennoch kam ich relativ gut voran und sogar der Stau rund um Köln hielt sich in einem überschaubaren Rahmen. Dies änderte sich allerdings schlagartig, als mein Navi mir kurz vor Düsseldorf „schwere Verkehrsbehinderungen“ rund um Oberhausen meldete und mich auf diversen Nebenstrecken durch obskure bergische Ortschaften lotste. So gelang es mir den größten Stau zu umfahren - doch die letzten Kilometer vor Essen, brach der Verkehr dann völlig zusammen. Etliche Zubringer sowie Brücken waren marode und deswegen gesperrt, zu allem Überfluss war einige Tage zuvor ein Stellwerk der Bahn ausgebrannt, so dass der Schienenverkehr im Ruhrgebiet dadurch stark beeinträchtigt wurde und schließlich rechnete die Messe mit einem neuen Besucherrekord. Dies alles führte dazu, dass ich erst eine gute Stunde später als geplant in das Parkhaus unterhalb der Messe einfahren konnte.
Dabei hatte ich offensichtlich noch viel Glück gehabt, denn Bekannte aus meinem Nachbarort, die ich später traf und die erst am frühen Nachmittag in Essen eintrafen sprachen von Staus mit über 50 km Länge, völligem Verkehrschaos und überfüllten Parkplätzen.


Als ich die Halle 1 durch einen Seiteneingang endlich betrat brandete mir eine, im ersten Moment, ohrenbetäubende Geräuschkulisse entgegen. Der Eingang befand sich direkt bei der Schnäppchengasse des Heidelberger Spieleverlags und die Shopper standen in Zweierreihen über die ganze Länge des Standes. So dauerte es etwas, bis ich endlich einigermaßen freies Gelände erreichte und mich orientieren konnte. An diesem Tag wollte ich mir einen kleinen Überblick über die Stände verschaffen, mich mit Freunden und Bekannten treffen und vielleicht sogar das eine oder andere Schnäppchen ergattern. Termine oder gar Proberunden waren vorerst nicht eingeplant. Wie gewohnt führte mich der erste Weg in die Halle 2 zum Tabletop-Hersteller Freebooter Miniatures, bei denen ich die Messefigur und einige der zahlreichen Neuheiten mitnehmen musste. Vor allem auf die zweite Ausgabe der Tales of Longfall und die Option auf großangelegte Kämpfe bin ich gespannt und werde diese bei nächster Gelegenheit antesten. Meine nächste Station befand sich in Halle 7 wo ich ein Spiel einsammeln wollte, das ich über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter mitfinanziert hatte.
Bei den Herrschaften von Voodoo Games herrschte schon reger Betrieb und an den drei Spieltische wurde fleißig Karnivore Koala, das Debüt des kleinen Verlages, gespielt. Eigentlich war der Ausliefertermin für Dezember geplant gewesen, doch das Spiel war tatsächlich schon zur Messe fertig geworden. Zwischenzeitlich hatte ich einen Bekannten getroffen, der ebenfalls verschiedene Crowdfunding-Spiele abholen wollte. Konsequent arbeitete er seine Liste ab und hatte bereits zwei prall gefüllte Taschen, dabei war es erst kurz vor Mittag am ersten Messetag. Crowdfunding war dann auch ein Thema, dass sich durch die gesamte Messe zog, sogar mit einem eigenen Stand war Kickstarter hier vertreten um Kunden für ihr Geschäftsmodell zu werben. Bei kleinen, jungen Verlagen kann ich diese Form der Finanzierung ja durchaus nachvollziehen, aber ob etablierte Spieleverlage unbedingt darauf zurückgreifen müssen, bezweifele ich dann doch ernsthaft.
Als bekennender Doctor Who-Fan führt kein Weg am britischen Rollenspielverlag Cubicle 7 vorbei, die mehrere Erweiterungsbände zum Zeitreise-Rollenspiel im Gepäck hatten. Daneben gab es noch einige Cthulhu-Erweiterungen zu bestaunen, das obskure The Laundry-Rollenspiel über eine britische Behörde die sich mit übernatürlichen Ereignissen befasst und noch einige andere Dinge, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Nach diesem kurzen Intermezzo schlenderte ich eher planlos durch die Hallen und ließ mich von den Besucherströmen treiben. Irgendwann landete ich dann beim Uhrwerk Verlag, die mittlerweile eine ziemlich ordentliche Veröffentlichungsgeschwindigkeit an den Tag legen. Nicht nur die Neuheiten zum DSA-Ableger Myranor waren hier aufgebaut, vor allem für ihr eigenes Splittermond-Regelwerk gab es eine ganze Reihe von Quellenmaterial und Abenteuern, beispielsweise das Monsterkompendium Bestien und Ungeheuer. Wie schon in den vorangegangenen Jahren teilte sich der Verlag wieder den Stand mit den Briten von Modiphius, die vor allem Neuheiten zum Weird-War-Rollenspiel Achtung! Cthulhu dabei hatten. Chris Birch, Chef des Verlages, nahm sich dann auch die Zeit um mir einige Fragen zu den kommenden Rollenspielen des Verlages, beispielsweise Infinity und Conan zu beantworten. Leider blieb er mit Informationen zum schon lange angekündigten Tabletop-Skirmish zu Achtung! Cthulhu äußerst vage. Weiter ging es dann zum kleineren der beiden Pegasus-Stände, der sich hauptsächlich auf die beiden Rollenspiele Shadowrun und H.P. Lovecrafts Cthulhu konzentrierte. Von letzterem liegt mittlerweile die siebte Edition vor, die sich optisch doch erheblich von den vorherigen Ausgaben unterscheidet. Spielerisch hat sich wohl nicht übermäßig viel geändert, doch an manchen Stellen müssen die Spieler sich etwas umgewöhnen. Auch nebenan bei Ulisses Spiele drehte sich viel um das Thema Rollenspiel, natürlich in erster Linie um die beiden großen Systeme Das Schwarze Auge und Pathfinder. Mit Fragerunden der Autoren, einem Blick auf die Entstehung der Artworks und die Arbeit des Verlags konnten sich die Besucher die Zeit vertreiben, wenn sie nicht grade an einem der zahlreichen (und gut gefüllten) Demotische neue Spiele der Waldemser ausprobierten.
Ich warf nur einen kurzen Blick auf die Neuheiten und registrierte etwas verwundert die Kooperation mit Soda Pop Miniatures, die im letzten Jahr noch mit einem eigenen Stand auf der Messe vertreten waren. Da meine üblichen Ansprechpartner entweder alle beschäftigt oder nicht zu sehen waren, zog ich relativ schnell weiter um einen Blick in die Halle 3 zu werfen. Vor allem im hinteren Teil der Halle, wo sich Kosmos und Asmodee niedergelassen hatten, waren die Spieltische allesamt belagert und so blieb mir nur, aus der Ferne einen Blick auf Mysterium, Colt Express oder das Schnick-Spiel Flick 'em Up! zu werfen. Dafür blieb ich etwas länger bei Petersen Games (die im letzten Jahr noch unter Green Eye Games firmierten) hängen und konnte mich mit Mastermind Sandy Petersen ein wenig über die verzögerte Auslieferung von Cthulhu Wars und seine geplante Crowdfunding-Kampagne mit neuen Erweiterungen zu diesem Spiel unterhalten.

Generell schwang bei vielen Besuchern, mit denen ich mich unterhielt, leichter Frust mit wenn die Gespräche auf Spiele mit Crowdfunding-Basis zu sprechen kamen. Einige Firmen die im letzten Jahr mit vollmundigen Versprechungen und opulent ausgestatteten Ständen Backer geködert hatten, waren diesmal gar nicht erst zu sehen. So hatten es beispielsweise Marrow Productions aus „logistischen Gründen“ trotz Anmeldung nicht zur Messe geschafft. Ich vermute allerdings, dass sie den mittlerweile ziemlich zahlreichen, ungeduldigen und erbosten Kunden einfach aus dem Weg gehen wollten, die auf ihr Spiel warten. Auch das im letzten Jahr gefeierte Demigods Rising, dass eigentlich schon lange ausgeliefert sein sollte, war nirgendwo zu sehen.

Für mich war es Zeit noch einmal in Halle 1 vorbei zu schauen, die ich bisher fast völlig ignoriert hatte. Bei Battlefront Miniatures und ihren Unterfirmen gab es einige tolle D&D-Miniaturen zu bestaunen und auch das Tabletop Flames of War hatte seinen festen Platz am Stand der Neuseeländer. Auch einige Brettspiele zu Fernsehserien, wie beispielsweise Sons of Anarchy oder Firefly konnten die interessierten Spieler hier antesten. Ich dagegen war mehr an Informationen zum DUST Babylon-Crowdfunding interessiert, dass offensichtlich kolossal in die Hose gegangen war. Leider war niemand vom Standpersonal in der Lage, mir darüber irgendwelche Informationen zu geben, da angeblich keiner der Anwesenden in die ganze Angelegenheit involviert war. Nach diesem kurzen Gespräch zog ich, etwas frustriert, von dannen. Eine schnelle Demorunde des Würfel-Wrestling-Spiels Luchador! bei Backspindle Games hellte meine Stimmung deutlich auf, leider fehlte mir jedoch die Zeit die beiden Scheibenwelt-Brettspiele des Verlags Guards! Guards! und Clacks ebenfalls auszuprobieren.

Der Messetag war schon fast zu ende und ich musste zurück in Halle 7 um meine beiden Begleiterinnen für die Fahrt zum Hotel einzusammeln; die Frage des Abendessens war glücklicherweise schon im Vorfeld geklärt worden. Da sich anscheinend noch andere Besucher bis zur wirklichen allerletzten Minute in den Messehallen tummelten kam es erwartungsgemäß zu einigen Staus auf der Ausfallstrecke in Richtung Oberhausen/Mühlheim. Dies, zusammen mit dem Feierabendverkehr, sorgte dafür, dass es stellenweise keinen Meter mehr voran ging. Als dann noch einige besonders schlaue Autofahrer die Kreuzungen blockierten entstand schnell ein ziemlich langer Rückstau mitten durch Essen. So brauchte ich dann auch für eine Strecke von 15 km etwas über eine Stunde und traf erst nach 20 Uhr in meiner Unterkunft ein. Da wir uns eigentlich um 20 Uhr im CentrO zum Abendessen verabredet hatten blieb weder Zeit zum  frischmachen oder umziehen. Wie schon in den Jahren davor fielen wir mit einer größeren Gruppe in einem griechischen Restaurant auf der Promenade ein. Bei überbackenem Gyros, Ouzo und Bifteki wurden die Eindrücke des Tages ausgetauscht, Tipps für die kommende Schnäppchenjagd gegeben und einfach nur in angenehmer Atmosphäre entspannt.



Der Freitag startete so wie der Donnerstag geendet hatte, mit einem sehr entspannten Essen. Während die anderen Gäste des In Hostel Veritas schon aufgeregt mit den Hufen scharten und sich eilig in Richtung Gruga davon machten, genoss ich die Ruhe am Frühstückstisch und machte mich tatsächlich erst gegen 10 Uhr auf den Weg zur Messe. An diesem Tag hatte ich keinerlei Termine, so dass ich mich voll und ganz darauf konzentrieren konnte, einige Spiele anzutesten. Allerdings hatte ich es (wieder einmal) versäumt mich im Vorfeld bei den großen Herstellern für Proberunden anzumelden. Da ich keine Lust hatte lange auf einen freien Platz an einem der Spieltische bei Kosmos, Asmodee oder auch dem Heidelberger Spieleverlag zu warten, vertrieb ich mir die Zeit lieber mit den vielen kleinen Verlagen. Als Freund gepflegter Tabletop-Spiele gab es auf der diesjährigen Messe für mich viel Neues zu entdecken und so begann ich meine Test-Tour in Halle 2 bei den Briten von Steamforged Games. Diese haben mit Guild Ball eine Mischung aus Skirmish-Tabletop und Football veröffentlicht, bei dem vor mittelalterlich-fantastischem Hintergrund kleine Teams gegeneinander antreten und versuchen einen Ball ins gegnerische Tor zu befördern. Vor allem die Synergieen zwischen den Teammitgliedern und die Spieldynamik machten die Sache für mich interessant und so wanderten zwei Teams und diverser Kleinkram in meinen Rucksack. Direkt gegenüber hatten sich Prodos Games niedergelassen, die im letzten Jahr mit ihrer Neuauflage des Warzone-Tabletops für einiges Aufsehen gesorgt hatten. Dieses Jahr war es vor allem Aliens vs Predator: The Hunt Begins, das die Aufmerksamkeit der Messebesucher auf sich zog. Aliens, Predator und die obligatorischen Marines tummeln sich hier in den Eingeweiden eines Raumschiffes und müssen versuchen verschiedene Missionsziele zu erfüllen. Spielerisch nicht unbedingt originell, aber optisch sehr beeindruckend präsentiert sich das Spiel und entsprechend schnell gingen auch die wenigen Blister mit Figuren über die Theke. Definitiv ein Spiel, dass ich mir bei Gelegenheit genauer anschauen werde, auch wenn der Preis recht stattlich ist.
Gleich mit zwei Ständen waren Games Workshop, der wahrscheinlich weltweit immer noch größte Tabletop-Hersteller, auf der Messe vertreten. Der Stand ihres Ablegers Forge World mit seinen hochpreisigen Resin-Miniaturen war schon die letzten Jahre in Essen zu sehen gewesen. Allerdings hielten sich sowohl die interessanten Neuheiten als auch der Besucherandrang in einem sehr überschaubaren Rahmen. Neu war dagegen ein reiner Präsentationsstand, mit dem das neue Warhammer – Age of Sigmar beworben werden sollte. Zwei Vitrinen mit Miniaturen, ein Banner und ein Monitor mit Promovideo in Dauerschleife war alles, was von dem Spiel zu sehen war. Gerne hätte ich mir eine Demo geben lassen, war doch Warhammer vor vielen, vielen Jahren mein Einstieg in das Tabletop-Hobby - doch leider waren Testspiele nicht vorgesehen. Auch ein Gespräch mit dem Standpersonal brachte keine wirklichen Informationen, außer das es sich hier um die weltbesten Kunststoff-Miniaturen und das ausgeklügelste Spielprinzip überhaupt handele. Diese Behauptungen ließ ich unkommentiert so stehen und verliess etwas irritiert den Stand. Weiter ging es zu Warlord Games, einem anderen Tabletophersteller aus Nottingham. Neben den verschiedenen historischen Systemen, allen voran natürlich Bolt Action, war es das neue Science-Fiction-Spiel Beyond the Gates of Antares, dass mich interessierte. Hübsche, bezahlbare Figuren, ein sehr abwechslungsreicher Spielablauf und bewährte Regelmechanismen dürften dem Spiel bald eine größere Fangemeinde bescheren. Ebenfalls sehr spannend waren die ersten Infos bezüglich des Doctor Who-Tabletops, das die Firma Mitte/Ende nächsten Jahres veröffentlichen will. Als großer Fan der Fernsehserie werde ich sicherlich bei Gelegenheit nachhaken, da ich unbedingt gewaltige Armeen von Daleks und Cybermen gegeneinander hetzen will. Ebenfalls um kleine Püppchen die sich auf einem Spielbrett bewegen ging es bei Super Dungeon Explore mit seinen zahlreichen Erweiterungen, das mittlerweile auch in deutscher Sprache über Ulisses erhältlich ist. Da ich das grundlegende Spiel schon kannte, verzichtete ich auf eine Demo und hielt lieber ein kurzer Schwätzchen mit einigen der Verantwortlichen über die kommenden Entwicklungen, weitere Kooperationen und Ableger wie das kleine, lustige Würfelspiel Schwarzhand-Henrys Trankparty. Ansonsten gab es noch einen kleinen Überblick über das Verlagsprogramm mit den zahlreichen Rollen-, Tabletop- und mittlerweile auch Brettspielen. Nach nur einem guten Jahr Verspätung hatten Micro Art Studio endlich die neuen Wolsung-Figuren dabei, die, völlig überraschend, im Rahmen eines Crowdfunding-Projektes veröffentlicht wurden. Vor allem die Mafia-Halblinge mit ihren Tentakelmonstern hatten es mir angetan und ich konnte nicht umhin einige der Figuren mitzunehmen. Die deutschen Regelwerke, sowohl für das Tabletop als auch das Rollenspiel, zu diesem spannenden Mix aus Steampunk, Magie und Fantasy lassen leider noch auf sich warten. Immerhin hatte die Redaktion Phantastik mit der Urdapedia 1, neben ihren anderen Neuheiten, frisches Spielmaterial für Wolsung im Gepäck.
Nach einigen Demos, etlichen Neuerwerbungen und vielen Informationen stellten sich bei mir erste Ermüdungserscheinungen ein, so dass ich mir im Außenbereich zwischen LKWs und leeren Paletten ein ruhiges Fleckchen suchte. Hier konnte ich relativ ungestört einen Blick auf meine Beute werfen und das weitere Vorgehen planen. In Halle 7 mit ihren zahlreichen Klein- und Kleinstverlagen gab es noch einige Stände, die ich mir genauer anschauen wollte. Und auch hier waren es die Miniaturen und Tabletops, die mich in erster Linie interessierten.
Es war gar nicht so einfach sich seinen Weg durch die Galerie und weiter in die Halle 7 zu bahnen, doch mit gezieltem Einsatz von Ellenbogen, Knien und dem mittlerweile gut gefüllten Rucksack schaffte ich es den Stand von GCT Studios zu erreichen, deren asiatisch angehauchtes Skirmish-Tabletop Bushido mit seinen detaillierten Miniaturen ich sehr schätze. Mittlerweile hat der Verlag mit Rise of the Kage auch ein Brettspiel veröffentlicht, bei dem eine kleine Gruppe Ninjas einen Gebäudekomplex infiltrieren und verschiedene Ziele erledigen muss. Das kurze Testspiel machte durchaus Appetit auf mehr, so dass ich mich ein wenig ärgerte, dies nicht mehr in meinem Budget unterbringen zu können. Titan Forge hatten ihren Stand zweigeteilt: während ihre Resin-Miniaturen in der einen Halle präsentiert wurden, waren die Brettspiele in der anderen Halle zu sehen. Schon im letzten Jahr hatte ich lange vor dem Horror-Dungeon-Crawler Lobotomy gestanden, leider ergab sich aber damals keine Gelegenheit das Spiel gründlich anzutesten. Diesmal konnte ich eine entspannte Partie mit dem Autor spielen und diesen auch mit der einen oder anderen Frage zum Gameplay nerven. Eine gelungene optische Präsentation, die abseitige Thematik und ein sehr eingängiges Spielprinzip konnten mich dann doch rundum überzeugen. Nun muss das, ebenfalls über Crowdfunding finanzierte, Spiel nur noch im nächsten Jahr veröffentlicht werden.

Irgendwie waren mir offensichtlich einige Stunden abhanden gekommen, denn obwohl der Besucherandrang nur unmerklich abebbte, stand das Ende des Messetages unmittelbar bevor. Da ich keine Lust hatte, wie am Vortag, zusammen mit dem Gros der Besucher auf den verstopften Straßen von Essen festzustecken machte ich mich einige Minuten früher auf den Weg zum Hotel. Diesmal hatte ich den Abend ganz für mich alleine und freute mich darauf, endlich die Schuhe abstreifen und die Füße hochlegen zu können.



Den Samstag wollte ich etwas langsamer angehen lassen und machte zuerst einen Abstecher ins nahe gelegene Oberhausen. In der dortigen Ludwiggalerie läuft noch bis Januar die sehr empfehlenswerte Ausstellung Das ist doch keine Kunst, in der Arbeiten der bekannten Cartoonisten und Comic-Zeichner Ralph Ruthe, Flix und Joscha Sauer gezeigt werden. Die ruhige Atmosphäre innerhalb der Galerie war ein angenehmes Kontrastprogramm zum lauten und hektischen Treiben auf der SPIEL und ich nahm mir viel Zeit für die Exponate. Nachdem ich mir die verschiedenen Scribbles, Zeichnungen und Filme ausführlich angesehen hatte, ging es schließlich gegen Mittag ins benachbarte Essen zur dritten Messerunde.

Nachdem ich mich am Vormittag schon mental auf gezeichnete Bildchen eingerichtet hatte, wollte ich den Messetag mit einem Rundgang über die Comic Action beginnen. Diesen Teil der Halle 2 hatte ich bisher fast vollständig ignoriert und wollte zumindest einen kurzen Blick auf das Angebot geworfen haben. Wie auch schon in den Jahren davor bestimmte der Stand von Panini Comics das Bild, die hier neben ihren zahlreichen Neuheiten auch den einen oder anderen Zeichner am Start hatten. Die Superhelden-Comics, die einen Großteil des Verlagsprogramms ausmachen, interessieren mich allerdings herzlich wenig und so schlenderte ich bald zum Gemeinschaftsstand von Splitter, Tokyopop und Cross Cult, deren abwechslungsreiches Programm eher meinen Geschmack traf. Es war schon spannend durch die ganzen Neuerscheinungen zu schmökern, doch da ich meine Comics in der Regel beim örtlichen Dealer meines Vertrauens kaufe, stellte ich die Bände artig wieder ins Regal. Neben diesen beiden Verlagsständen hatten noch einige Händler ihren Platz in diesem Hallenbereich gefunden und auch hier schaute ich eher beiläufig durch die Auslagen. Tatsächlich wurde ich dann doch fündig und fand die rare Cover-Sammlung der Preacher-Comics zu einem erstaunlich günstigen Preis. Ansonsten gab es bei den Comic-Händlern und Ständen mit Merchandise für mich relativ wenig zu sehen.
Daher machte ich mich schon bald wieder auf den Weg, da auf meiner Liste noch einige Brettspiele standen, die ich mir unbedingt ansehen wollte. Zu diesem Zeitpunkt dürfte der Besucherandrang seinen Höchststand erreicht haben, denn in den Hallen selbst kam ich kaum voran; über die Außenflächen ging es etwas schneller, doch auch hier herrschte reger Betrieb. Nach einem kurzen Plausch mit einer Bekannten setzte ich meinen langen Marsch in Halle 3 fort und konnte diese dann auch, nach weiterem Drängen und Drücken, erreichen.
Wie schon an beiden vorangegangenen Tagen, so war auch heute der Stand von Iello dicht belagert und Plätze an den Demotischen nur schwer zu bekommen. Daher gab ich mich mit einer Rolle als Zaungast bei einer der zahlreichen Runden von The Big Book of Madness zufrieden die hier angeboten wurden. Dieses kooperative Deckbuilding-Kartenspiel machte zumindest optisch einen sehr ansprechenden Eindruck und den Spielern schien es durchweg Spaß zu machen. Sicherlich ein Spiel, mit dem ich mich in absehbarer Zeit näher befassen werde, auch wenn ich Deckbuilding-Spiele nicht übermäßig schätze. Gegenüber bei Pegasus herrschte, wie eigentlich jedes Jahr, dichtes Gedränge und da die Spiele des Friedberger Verlags sowieso bei unseren regelmäßigen Brettspielabenden auf dem Tisch stehen, begnügte ich mich mit einem flüchtigen Blick auf die Neuheiten. Hier war vor allem das mächtige Mega Civilization ein Blickfang, aber eine Demorunde hätte wahrscheinlich jeden Zeitplan gesprengt. So begnügte ich mich mit etwas Smalltalk und setzte meinen Weg zum moses. Verlag fort, der verschiedene neue Ableger seiner Black Stories-Reihe im Gepäck hatte. Dem bewährten Prinzip folgen die Bibel und Latein Edition des Deduktionsspiels. Einen gänzlichen anderen Weg geht der Verlag mit Das Verhör, bei dem die Spieler als Kriminaler einen Fall lösen müssen. Ein sehr kommunikatives Spiel das ein gutes Gedächtnis voraussetzt, aber unter dem hohen Geräuschpegel in der Halle stark litt.
Auch an diesem Tag schien ich in ein Loch im Raum-Zeit-Kontinuum gefallen zu sein, kamen doch schon die ersten Durchsagen, die das baldige Ende des Messetages verkündeten. Anscheinend hatte ich irgendwo auf meinem Weg mindestens zwei Stunden verloren.
So blieb mir lediglich Zeit für einen schnellen Blick in den Asmodee-Stand in Halle 1, wo einige Neuheiten in der Vitrine aufgebaut waren und wo es auch die Möglichkeit gab einen Blick auf T.I.M.E. Stories zu werfen. Das Konzept des Spiels wirkt auf mich etwas abstrakt und verwirrend, den Spielern hat es jedoch, zumindest was ich bisher gehört habe, sehr gut gefallen. Auch hätte ich gerne Die Blutige Herberge angetestet, las sich der Klappentext über eine mörderische Gastwirtsfamilie doch durchaus vielversprechend. Doch das Messepersonal achtete freundlich aber bestimmt darauf, dass auch wirklich alle Besucher sich auf den Weg zu den Ausgängen machten

Um den dritten Messetag angemessen bei lecker Essen und Getränken ausklingen zu lassen machte ich mich mit einigen Freunden auf den Weg ins Essener Cafe Nord. Meine Begleiter hatten im letzten Jahr hier schon Station gemacht und waren durchweg begeistert gewesen. Mir war die etwas angeschwiemelte Metal-Kneipe anfangs eher suspekt, allerdings konnten die gemütliche Atmosphäre und die erstaunlich umfangreiche Speisekarte meine Bedenken rasch zerstreuen. Eine vernünftige Unterhaltung war zwar, Dank der dröhnenden Musik, nur mit den unmittelbaren Sitznachbarn möglich, aber insgesamt doch ein schöner Ausklang für den Tag. Zu vorgerückter Stunde traf ich dann ziemlich zerstört wieder in meinem Hotel ein, wo eine Hochzeitsgesellschaft immer noch am Feiern war. Obwohl mein Zimmer relativ weit abseits lag, war an Schlaf nicht wirklich zu denken. Also nutzte ich die Zeit, um meine Errungenschaften des vergangenen Messetages zu begutachten und schon einen Blick in die verschiedenen Spielanleitungen zu werfen.

Eigentlich hatte ich vorgehabt die Messe auch noch am Sonntag zu besuchen, aber angesichts meiner zusammengeschmolzenen Barschaft, der vielen vollen Taschen und meinen schmerzenden Füßen entschloss ich mich, den Heimweg anzutreten. Nachdem ich einen Großteil meines Gepäcks im Kofferraum verstaut hatte, schlurfte ich in den Frühstückssaal, der mit den verkaterten und unausgeschlafenen Gästen der Hochzeitsgesellschaft eher wie ein Remake von Night of the Living Dead wirkte. Die roten Marmeladeflecken auf dem Kleid einer der anwesenden Damen verstärkten diesen Eindruck und so machte ich mich mit gesenktem Blick über mein Frühstück her. Die Heimfahrt verlief schließlich ohne größere Zwischenfälle, von einem kurzen Stau auf der A61 einmal abgesehen. Und, obwohl ich gelegentlich kurz davor war wegzudämmern, erreichte ich mein Zuhause noch wohlbehalten bei Tageslicht. Dort angekommen verteilte ich meine Schätze wie gewohnt im Wohnzimmer und musste mich allen Ernstes fragen, wann ich die ganzen Sachen gekauft hatte.

Nachdem ich über zwölf Stunden geschlafen hatte, konnte ich mich am nächsten Tag (ich hatte in weiser Voraussicht noch einige Urlaubstage dran gehängt) daran machen die vielen Bilder zu sichten die ich geschossen hatte und meine Eindrücke von den drei anstrengenden Messetagen zu ordnen. Natürlich waren diese Tage bei weitem nicht ausreichend gewesen um alles zu sehen und anzutesten was ich mir vorgenommen hatte, dennoch war ich nicht unzufrieden. Ein wirkliches Highlight gab es zwar auch in diesem Jahr für mich nicht, aber dafür viele kleine, spannenden und streckenweise auch originelle Spiele. Einige davon habe ich mir schon auf der Messe geholt, einige weitere werden im Laufe der nächsten Monate sicherlich folgen. Auf jeden Fall wird mir das Material für regelmäßige Spieletreffen nicht so schnell ausgehen.

Von den Zombies, welche die Messe die letzten zwei Jahre dominiert hatten, war bis auf einige wenige Ausnahmen nichts mehr zu sehen. Dafür setzte sich der Trend in Richtung des Steampunk-Genres weiter fort; Brettspiele, Tabletops, Romane, Comics, Rollenspiele und sogar die verschiedenen LARP-Stände hatten ein breit gefächertes Angebot zu dieser Thematik. Ob sich dieser Trend fortsetzen wird, wage ich zu bezweifeln, eher wird er noch ein oder zwei Jahre anhalten und dann langsam vom nächsten Hype abgelöst werden. Ähnlich verhält es sich mit der bekanntesten Lovecraft-Schöpfung, dem Großen Cthulhu. Oder, wie der großartige Cartoonist John Kovalic schon vor einigen Jahren gesagt hat „Everything is better with Cthulhu!“. Bei dem Rollenspiel H.P. Lovecrafts Cthulhu oder dem Strategiespiel Cthulhu Wars mag dies gerechtfertigt sein, aber bei unglaublich vielen anderen Spielen geht es einfach nur darum, die Fanbase anzusprechen und ihnen mit gierigen Tentakeln die Euros aus den Taschen zu ziehen.


Das sich traditionelle Gesellschaftsspiele immer noch sehr erfolgreich gegen die virtuelle Konkurrenz behaupten können, und dabei sogar einigen Boden gut machen, zeigen die offiziellen Zahlen des Veranstalters: 162.000 Besucher, über 900 Aussteller, rund 1.000 Neuheiten auf 63.000 qm sind durchweg beeindruckend. Auch nach meinem eigenen, zugegeben sehr subjektiven, Empfinden war die Messe noch nie so groß oder so voll wie in diesem Jahr. Das am Samstag dichtes Gedränge herrscht bin ich mittlerweile gewohnt, dass jedoch schon am Donnerstag die Hallen dermaßen vollgestopft sind war mir bisher neu. Als sehr angenehm empfand ich dabei die Atmosphäre in der, neu hinzugekommenen, Halle 7. Hier war es bei weitem nicht so laut, voll und hektisch wie in den anderen Hallen und bei den zahlreichen Klein- und Kleinstverlagen gab es durchaus einige spannende, originelle Dinge zu entdecken. Einige der Verlage konnten zwar nur ein wenig Standdeko oder ein paar Flyer vorweisen, entsprechend herrschte dort gähnende Leere. Andere dagegen wirkten ausgesprochen professionell und konnten sich dem Besucheransturm kaum erwehren. Zudem gab es hier die meisten Dinge, abseits der üblichen Trends, zu sehen und mehr als ein Spiel fand den Weg in meinen Rucksack.

Dienstag, 11. August 2015

The Tiger Lillies; Palmengarten; Frankfurt

[Konzert] The Tiger Lillies 
Dienstag, 4. August 2015
Palmengarten, Frankfurt

In Frankfurt gibt es nicht wirklich viele schöne Ecken, jedoch gehört der Palmengarten mitten in der Stadt definitiv dazu. Ich hatte diesen Park schon öfters besucht, allerdings nur um die dortige Flora und Fauna zu bewundern. Eher zufällig entdeckte ich dann vor einigen Tagen, dass das Künstlerhaus Mousonturm im Rahmen ihrer "Summer in the City"-Konzertreihe im Musikpavillon des Palmengartens einen Auftritt des Londoner Trios The Tiger Lillies organisiert. Ich kannte die Band bisher nur aus der Konserve, vor allem durch ihre Lovecraft-Adaption Mountains Of Madness, mir wurde jedoch von unterschiedlichen Quellen versichert, dass sie live wirklich gut sind. Die Musik dieser skurrilen Truppe ist schwer zu beschreiben, finden sich doch Elemente der britischen Music-Hall-Tradition, krachige Punkanleihen, Jahrmarktsklänge, osteuropäische Straßenmusik, klassische Einflüsse und eine ganze Reihe anderer Versatzstücke mehr. So machte ich mich mitten in der Woche kurzentschlossen auf den Weg in die Bankenstadt um zu überprüfen, ob die Empfehlungen meiner Bekannten den Tatsachen entsprechen.

Der Berufsverkehr war schon weitgehend abgeflossen und für die Nachtschwärmer war es noch zu früh, daher blieb mir der schon obligatorische Stau in der Stadt erspart. Die Parkplatzsituation rund um den Palmengarten ist, wie überall in der Stadt, grenzwertig, daher wählte ich die einfachste Lösung und fuhr direkt in die Tiefgarage des Parks, wo erfreulich viele Stellplätze (zu einem moderaten Preis) zur Verfügung standen. Nun musste ich mir nur noch ein Ticket besorgen und den Musikpavillon finden. Dank der guten Organisation war beides keine sonderlich große Herausforderung und ich erreichte den Pavillon gut zwanzig Minuten vor Beginn des Konzertes. Dieser stellte sich als muschelförmige Betonkonstruktion auf einer Lichtung heraus, um die im Halbkreis zahlreiche Bänke angeordnet waren. Die umstehenden Bäume ließen vergessen, dass man sich hier mitten in einer der größten deutschen Städte befand und sorgten für eine sehr ruhige, entspannte Atmosphäre.
Natürlich waren schon die meisten Bänke besetzt und in guter deutscher Tradition lagen auf den noch freien Sitzgelegenheiten entweder Decken, Kissen oder andere Dinge um das Territorium zu markieren. Nach einigem Fragen und kurzer Suche fand ich schließlich doch noch eine Bank, deren Besatzer bereit waren etwas näher zusammen zu rücken, um mir auch noch ein bisschen Platz zu machen.

Selbst mit einem flüchtigen Blick durch die Reihen ließen sich die erfahrenen Besucher auf den Bänken erkennen: bequeme Kissen, wohl gefüllte Picknickkörbe oder gar Kühlboxen und eine reichhaltige Auswahl an unterschiedlichsten Alkoholika und Leckereien. Ich dagegen musste mich mit einer schnöden Cola und einer Brezel auf einer harten, ungepolsterten Bank begnügen. Dennoch hatte ich keinen Grund mich zu beschweren, mein Platz war schön zentral vor der (gar nicht so kleinen) Bühne gelegen, die Atmosphäre war angenehm locker und sogar das Wetter hatte sich endlich stabilisiert. Bis zum Auftritt waren es immer noch einige Minuten Zeit und so hatte ich die Gelegenheit meine Umgebung und vor allem das Publikum näher in Augenschein zu nehmen. Dieses präsentiert sich wild gemixt, vom Frankfurter Bildungsbürgertum im Rentenalter über offensichtlich fanatische The Tiger Lillies-Fans, einige davon sogar extra aus der Ukraine angereist, bis hin zu ganz normalen Musikfreunden, die neugierig auf ein außergewöhnliches Konzert waren. 
 
Nach einer kurzen Anmoderation trat, pünktlich um 20 Uhr, die Band auf die Bühne und legte mit „Roll Up“ die musikalische Ausrichtung des Abends fest. Akkordeon, Bass und Schlagzeug unterlegten den Falsett-Gesang von Martyn Jacques, der gelegentlich von seinen beiden Kollegen Adrian Stout und Mike Pickering im Refrain unterstützt wurde. Das folgende „Dribble“ kam sogar nur mit Gesang, Bass und Percussion aus und steigerte sich deutlich im Tempo, bis der Text nur noch aus einer Aneinanderreihung von Lauten bestand. Sehr schön war es zu diesem Zeitpunkt die etwas verstörten Gesichter einiger Besucher zu betrachten, die sich offensichtlich fragen, auf was sie sich hier eingelassen hatten und wahrscheinlich gerne ganz woanders wären. Deutlich ruhiger ging es bei der epischen Psychokiller-Ballade „Maria“ zu, in der explizit erklärt wurde, was der Psychopath mit seinem Opfer anstellt. Neben sehr spärlicher Instrumentierung wechselte Mr. Jacques hier zwischen seinem normalen, hohen Gesang und deutlich tieferen Tonlagen. Es folgte das ähnlich düstere „Billys Blues“ und mit „Terrible“ eine ungewöhnlich schnelle Nummer, bei der auch eine selbstgebaute Ukelele zum Einsatz kam. Einen krassen Schnitt was Tempo und Stimmung angeht macht die Band anschließend mit „Rosa With Three Hearts“, bei der es ausnahmsweise nicht um Gewalt, Sex oder Drogen geht, sondern einfach nur um die Geschichte einer herzensguten Frau, die an ihrer Umgebung zerbricht. Zum ersten Mal an diesem Abend kamen bei „Teardrops“ das Klavier und die singende Säge zum Einsatz, die dem Stück einen sehr eigenen, melancholischen Klang verliehen, vielleicht das intensivste Stück des Konzertes. Deutlich lockerer und entspannter ging es dann mit „Another Glass Of Wine“ weiter, das von einer fröhlichen Zechtour durch die Kneipen erzählt und durchaus als Vaudeville- oder Music Hall-Nummer durchgehen würde. Vor allem das lustig klimpernde Klavier lockerte nach den vorangegangenen eher finsteren Stücken die Atmosphäre merklich auf.

Und damit verabschiedete sich die Band dann auch nach gut 45 Minuten für eine kleine Pause von der Bühne. Ich nutzte die Gelegenheit mich ein wenig zu strecken und mir die Beine zu vertreten. Die Bänke waren alles andere als ergonomisch und die beengten Verhältnisse waren Gift für meinen geplagten Rücken. Nachdem sich The Tiger Lillies langsam wieder auf der Bühne einfanden, wurde offensichtlich, dass einige Zuschauer die Pause genutzt hatten um sich diskret abzusetzen. Was natürlich den Vorteil hatte, dass ich meinen etwas beengten Platz verlassen konnte und auf die Bank vor mir wechselte, deren vorige Besitzer das Weite gesucht hatten.

Eröffnet wurde der zweite Teil des Sets mit „Russians“, das angeblich vor fast 20 Jahre in Frankfurt geschrieben wurde und auf dem dortigen Flohmarkt am Mainufer angesiedelt ist. Mit „Getting Old“ und „Kick A Baby“ ging es zwar musikalisch deutlich lockerer weiter, die Texte ließen sich jedoch selbst mit viel gutem Willen nur als boshaft und zutiefst zynisch beschreiben. Der Daumenlutscher Konrad des Frankfurter Arztes Heinrich Hoffmann, dem einen oder anderen vielleicht bekannt aus Der Struwwelpeter war die Hauptfigur in „Snip Snip“. Der 4/4-Takt des Stücks hatte seine Wirkung auf die Besucher und tatsächlich wippten einige, bis dahin eher reservierte Zuschauer mit. Das dies noch steigerungsfähig war bewies die Band beim folgenden „Bully Boys“, bei dem sogar zwei wagemutige Damen ihre Plätze verliessen und vor der Bühne tanzten. Sicherlich eines der eingängigsten Stücke der Band, das, wie auch das vorangegangene Lied, vom Album Shockheaded Peter stammt. Nach diesem kurzen Ausflug in lockere musikalische Gefilde wurde mit „Thousand Violins“ ein weiterer Ruhepunkt gesetzt, bei dem Martyn Jacques recht eindrucksvoll seine gesanglichen Fähigkeiten ausschöpfen konnte. Dagegen ging es bei „Gypsy Lament“ und „Banging In The Nails“ wieder mit deutlich mehr Tempo zur Sache und die Stimmung bei den Zuschauern lockerte merklich auf, bis es dann bei den Obszönitäten die sich im Text von „Sailor“ tummelten wieder einige irritierte Blicke aus den Zuschauerrängen gab. Auch Adrian Stout, der mit seinem Bass kopulierte und dabei gleichzeitig das Theremin spielte schien einige Besucher zu verstören. Für das letzte Stück des Konzertes sollten die Zuschauer Vorschläge machen, erstaunlich schnell waren mit „Crack Of Doom“, „Flying Robert“ und „Gin“ drei Stücke für die nähere Auswahl gefunden, von denen sich „Crack Of Doom“ vom 1999er Album Bad Blood And Blasphemy deutlich in einer Stichwahl durchsetzen konnte. Hier gab die Band noch einmal richtig Gas und tatsächlich erhoben sich einige Zuschauer um mitzuklatschen und sich im Takt zu bewegen.

Aus organisatorischen Gründen endete damit das Konzert ziemlich genau um 22.00 Uhr, ohne dass die Band für die lautstark geforderte Zugabe zurück auf die Bühne kam. Ein guter Teil der Zuschauer strömte danach rasch dem Ausgang entgegen, während sich die übrig Gebliebenen noch auf einen letzten Absacker vor dem Palmenhaus trafen oder sich um den Merchandise-Pavillon drängten. Hier hatten sich mittlerweile auch die drei Musiker eingefunden, signierten CDs, standen für Fotos bereit und fanden auch noch Zeit für ein kurzes Schwätzchen. Nachdem ich zwei fehlende Alben für meine Sammlung, The Rime Of The Ancient Mariner und das aktuelle A Dream Turns Sour, erstanden hatte, reihte ich mich auch in die Schlange ein, damit die Musiker ihre Unterschrift geben konnten. Schließlich hatte ich die drei Autogramme und machte mich auf den Weg in die Tiefgarage des Palmengartens und anschließend auf den Heimweg.

Ich hatte nicht erwartet solch ein stimmiges und entspanntes Ambiente für ein Konzert im Palmengarten vorzufinden und war doch sehr angene

hm überrascht. Auch der Sound war erstaunlich gut, bei meinen letzten Konzertbesuchen hatte ich in dieser Hinsicht deutlich weniger Glück gehabt. Sehr interessant war es auch die etwas pikierten Reaktionen einiger Besucher angesichts der Mischung aus Obszönitäten, Gewaltfantasien, Alkohol- und Drogenverherrlichung, (käuflichem) Sex und den generell abseitigen Aspekten des Lebens die Martyn Jacques in den Texten der Stücke verarbeitet, zu beobachten. Jedoch hatten die meisten Leute an dem Auftritt durchaus ihren Spaß und genossen das außergewöhnliche Konzert. Es dauert zwar bis zum zweiten Teil des Sets bis die Zuschauer ihre Zurückhaltung etwas aufgaben, was aber auch an der Auswahl der Stücke gelegen haben könnte. 
Während die Instrumentierung mit Bass, Gitarre, Klavier und Schlagzeug soweit nicht ungewöhnlich war, gaben Maultrommel, singende Säge, Theremin, eine selbstgebaute Ukelele, ein Luftballon und natürlich das charakteristische Akkordeon vielen Stücken eine ganz individuelle Note, die zumindest ich, in dieser Form noch nicht gehört habe. Auffällig war zudem, dass nur wenige neuere Stücke im Set berücksichtigt wurden, die meisten Titel waren 15 Jahre oder älter. 

Wer sie auf der aktuellen Tour verpasst hat muss sich nicht grämen. Im September und Oktober sind The Tiger Lillies wieder in Frankfurt. Dort wirken sie als Gäste des Schauspiel Frankfurt bei der Aufführung von Die Geschichte vom Franz Bieberkopf, einer Theaterversion des Klassikers Berlin Alexanderplatz mit.

Donnerstag, 30. Juli 2015

Amphi 2015; Lanxess Arena; Köln

[Festival] Amphi
25.-26. Juli  2015 
Lanxess Arena,Köln

Eigentlich bin ich kein wirklicher Freund von Festivals und besuche lieber Konzerte einzelner Bands. Lediglich bei den kleineren, regionalen Veranstaltungen wie beispielsweise dem Binger Open Air oder der Folklore in Wiesbaden schaue ich gelegentlich vorbei. Eher spontan entschloss ich mich trotzdem, in diesem Jahr mit dem Amphi doch noch eine größere Veranstaltung der schwarzen Szene zu besuchen. War das Festival in den vorangegangenen Jahren am Kölner Tanzbrunnen beheimatet, so mussten sich die Veranstalter aus verschiedenen Gründen für 2015 eine neue Örtlichkeit suchen. Ein Ausweichplatz fand sich, nur wenige hundert Meter entfernt, in der Lanxess Arena, einem Hallenkomplex der für die unterschiedlichsten Events genutzt wird.

Campen war für mich keine Option, und so machte ich mich kurzfristig auf die Suche nach einem Hotel, möglichst in der Nähe des Festival-Geländes. Sowohl das Dorinth wie auch das Radisson Blu kannte ich von mehreren Messebesuchen und von beiden Hotels ließ sich die Arena bequem zu Fuß erreichen. Während das eine Hotel schon ausgebucht war, gab es im anderen noch Kapazitäten, und so orderte ich kurzentschlossen ein Zimmer, auch wenn mir die Preise (selbst ohne Frühstück) die Tränen in die Augen trieben.

Die Anreise verlief angenehm ereignislos und auch kostengünstige Parkplätze in der Nähe des Hotels waren in ausreichender Menge vorhanden. Das Einchecken stellte sich zwar als etwas kompliziert heraus, funktionierte dann aber schließlich noch irgendwann. Während ich in der Lobby des Hotels wartete, hatte ich Zeit die anderen Gäste zu beobachten, die sich hier aufhielten. Sehr schön waren die Blicke, welche die Geschäftsleute und Besucher der nahen Messe den Grufties zuwarfen, die in Lack, Leder, Spitze und Uniform durch die Halle liefen. Nachdem ich dann doch irgendwann mein Zimmer beziehen konnte und das Gepäck sicher verstaut hatte, machte ich mich auf den Weg in die Stadt um ein wenig zu konsumieren. Auch hier war es interessant die Reaktionen der Einwohner und Touristen auf die schwarz gewandeten Gestalten zu beobachten die schon in großer Zahl die Fußgängerzone heimsuchten. Nach einer Runde Extrem-Shopping hatte sich meine Barschaft schon bedenklich gelichtet und ich machte mich langsam auf den Weg zurück ins Hotel. Dabei nahm ich einen winzigen Umweg in Kauf und stattete dem Festival-Gelände einen kurzen Besuch ab, um mir mein Eintrittsband für den nächsten Tag zu sichern und mich vorab etwas zu orientieren. Gerne hätte ich mir auch schon ein Programmheft zur besseren Planung mitgenommen, doch leider waren diese noch nicht erhältlich.

War der Freitag noch sonnig und bei Temperaturen um die 30 Grad durchaus sommerlich gewesen, so zeigte mir ein Blick aus dem Fenster am Samstag morgen, dass wohl der Herbst über Nacht Einzug gehalten hatte. Dicke, schwere Wolken hingen über der Stadt und die ersten Tropfen klatschten gegen das Fenster meines Zimmers. Auch die Bäume auf dem Parkplatz bogen sich unter den gelegentlichen Windböen bedenklich. Da ich mir diesmal ausnahmsweise das Frühstück im Hotel sparen wollte, machte ich mich zuerst in Richtung des hiesigen Supermarktes auf, um einige Vorräte zu ergänzen. Zwischenzeitlich verstärkte sich der Regen etwas und auch der Wind frischte merklich auf. Dennoch ging es, nach einem kurzen improvisierten Frühstück, in die nahegelegene Arena. Ob es an der frühen Uhrzeit oder am bescheidenen Wetter lag, konnte ich nicht sagen, auf jeden Fall hielt sich der Besucherandrang in einem sehr überschaubaren Rahmen. Die Kontrolle an den Gittern nahm, zumindest bei mir, nur wenig Zeit in Anspruch und ich konnte das Gelände betreten und mich orientieren, kannte ich die Lanxess Arena doch bisher nur von außen. Über dem Eingang lachte mir ein knallbuntes Konzertplakat von Violetta, einem Retortenstar aus dem Disney-Konzern entgegen, auch mit Ankündigungen für Howard Carpendale, Mario Barth oder die Bläck Fööss wurde nicht gegeizt, was so gar nicht zur Atmosphäre eines "schwarzen" Festivals passen wollte. Bevor ich mich jedoch weiter umsehen konnte wurde ich von einer Lautsprecherdurchsage aufgefordert mich auf Grund eines aufkommenden Unwetters in der Halle in Sicherheit zu bringen. Kurz darauf wurden weite Teile des Außenareals komplett abgesperrt und die Zelte standen mit flatternden Planen traurig und verlassen im Regen. So blieb mir nichts anderes übrig, als mich in den Rundgang zu begeben der um die Arena herum lief. Neben einigen Merchandise-Ständen waren es vor allem die zahlreichen festinstallierten Essens- und Getränkeanbieter die, nicht unbedingt positiv, auffielen. Nachdem ich mir am Info-Stand endlich ein Programm besorgt hatte, wollte ich dem derben Gebolze auf den Grund gehen, das aus den geöffneten Türen zur "Arena Stage" drang. Bis zum Auftritt von Schöngeist, eigentlich der erste Act des Tages, war noch fast eine Stunde Zeit, und dennoch stand dort eine Band auf der Bühne und spielte vor einer Handvoll Zuschauer. Es dauerte ein paar Minuten, bis ich Centhron identifizieren konnte, die eigentlich erst viel später am Tag draußen auf der "Green Stage" spielen sollten. Wenn es eine entsprechende Ansage gab, so war sie komplett an mir vorbei gelaufen und auch auf den zahlreichen Monitoren im Hallenbereich war keine Programmänderung zu sehen. Irgendwann kam dann auch die Durchsage, dass wegen der Unwetterwarnung der Außenbereich vorerst gesperrt blieb und die Lesung von Christian von Aster auf den Sonntag verlegt werden sollte. Zu den anderen Auftritten gab es zu diesem Zeitpunkt noch keine weiteren Informationen und da Schöngeist nicht unbedingt meinen musikalischen Geschmack trafen, machte ich mich wieder auf den Weg nach draußen.
Mittlerweile waren deutlich mehr Besucher auf dem Amphi eingetroffen und mangels Ausweichmöglichkeiten drängten sie sich praktisch alle im Rundgang, der um die Arena führte. So schoben sich die Besucher langsam in die eine oder andere Richtung, wobei Spurwechsel schon bald nicht mehr ohne den Einsatz von Ellenbogen oder Stiefeln möglich waren. Nachdem ich einige Bekannte getroffen hatte, gaben diese mir den Tipp, doch einmal in die Magistrale, ein Nebengebäude, zu gehen und mir dort die Auslagen der Stände anzuschauen. Tatsächlich war es hier deutlich leerer als in der eigentlichen Halle, was damit zu tun haben könnte, dass es weder Schilder noch andere Hinweise gab, die auf diesen Teil des Festivals hindeuteten. Nachdem ich mich ein wenig umgeschaut hatte, wagte ich noch einen Abstecher in die Arena, wo mittlerweile Chrom dabei waren vor vollem Innenraum und gut besetzten Rängen zu spielen.
Zwischenzeitlich verspürte ich nun doch ein kleines Hüngerchen, daher setzte ich mich ernsthaft mit dem Angebot der Caterer in der Halle auseinander. Hier gab es fast ausschließlich Junkfood zu durchaus sportlichen Preisen und für Vegetarier oder gar Veganer blieb fast nur die Möglichkeit auf Pommes frites auszuweichen. Nach einem kurzen Rundgang entschied ich, dass ich nicht soooo hungrig war, dass ich 3,90 Euro für einen Burger, der offensichtlich schon mehrere Stunden unter einer Hitzelampe gelegen hatte, ausgeben würde. Daher begnügte ich mich mit einer (abgestandenen) Cola und nahm mir vor, nachher in einem der zahlreichen Fastfood-Läden in unmittelbarer Umgebung der Halle meinen Bedarf an Fett, Zucker und Kohlehydraten zu decken.

Da mir das weitere Gedränge mittlerweile gewaltig auf den Nerv ging, verabschiedete ich mich zurück ins Hotel, mit einem kleinen Umweg über eine nahe gelegene Imbiss-Bude. Im Hotel überbrückte ich die Zeit bis zu den nächsten interessanten Konzerten, indem ich mitgebrachten Schreibkram erledigte und zwischendurch immer wieder einen Blick auf die Internet- und Facebook-Präsenz des Festivals warf, doch auch hier waren die Informationen bestenfalls vage oder widersprüchlich. Kurz vor 16 Uhr startete ich dann einen zweiten Anlauf. Das Wetter hatte sich nur unwesentlich beruhigt und auch die Unwetterwarnung war noch in Kraft, aber ich wollte mir zumindest die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mir ein Autogramm von Der Fluch zu holen. Nach einigem Suchen fand ich sogar die Stelle, wo die Band sich niedergelassen hatte, auch hier wäre eine bessere Ausschilderung sicherlich hilfreich gewesen. Da sich nicht viele Besucher auf diesen Teil des Festivals verirrt hatten, blieb mir wenigstens Zeit für ein kleines Schwätzchen mit Deutscher W., dem Sänger der Band. Auch er hatte zu diesem Zeitpunkt keinerlei Informationen wann, wo und ob sie überhaupt auftreten würden. Auf den Gängen und im Netz machten immer mehr Gerüchte die Runde, dass beispielsweise das Außengelände am Samstag gar nicht mehr freigegeben würde, der Auftritt von Neuroticfish komplett gestrichen wäre und noch einige andere unschöne Dinge. Offizielle Informationen vom Veranstalter waren weiterhin Mangelware und die aushängenden Programme schon lange überholt.
Danach hatte ich wieder ein wenig Lust auf Musik, deswegen war ich schließlich ja nach Köln gekommen. Daher traf es sich recht gut, dass auf der "Arena Stage" grade The Crüxshadows aus Florida ihr Set starteten. Optisch konnte die Band wieder voll überzeugen, aber der Sound war teilweise grenzwertig. Die Bässe waren im Innenraum kaum erträglich, während die Vocals stellenweise nicht vorhanden waren. Mit ähnlichen Problemen hatten zwar bisher alle Bands zu kämpfen gehabt, die ich auf dieser Bühne gesehen hatte, aber hier war es dann doch etwas extrem.
Mittlerweile kam von offizieller Seite die Bestätigung, dass heute im Außenbereich keine Konzerte mehr stattfinden würden. Aber der Veranstalter versprach alles zu tun, damit die Bands auftreten konnten. Das tröstete zwar ein wenig, änderte aber nichts an der Tatsache, dass ich zwei Bands auf jeden Fall verpassen würde.
Nach einer kurzen Umbaupause folgten die EBM-Pioniere von DAF, mit denen ich persönlich nicht wirklich etwas anfangen kann. Aber immerhin gelang es ihnen, so etwas wie Stimmung in der Halle aufkommen zu lassen. „Sato-Sato“, „Der Räuber und der Prinz“ oder auch „Der Mussolini“ sorgten für tanzende und feiernde Menschen vor der Bühne und zumindest höfliches Interesse der Besucher auf den Rängen. Auch hier war der Sound zu Beginn nicht optimal, wurde aber im Laufe des Auftritts deutlich besser. Mit rund 70 Minuten wurde der Band dann auch die bisher längste Spielzeit an diesem Festivaltag eingeräumt. Und als besonderes Schmankerl für die Fans kündigte Sänger Gabi Delgado an, dass die erst im Januar bestätigte Trennung der Band hinfällig wäre und die beiden weiter zusammen Musik machen wollten.
Nachdem ich schon auf Neuroticfish und Der Fluch verzichten musste (ich habe es schon mehrfach erwähnt), war ich froh, dass wenigstens die Kanadier von The Birthday Massacre wie geplant auftreten würden. Und so blieb ich gleich in der Halle, wechselte aber vom Innenraum hoch auf den Rang ans gegenüberliegende Ende der Arena wo es noch reichlich freie Sitze gab und ich die Füße etwas hochlegen konnte. Wie zu erwarten lag der Fokus des, deutlich gekürzten, Sets auf den Stücken des aktuellen Albums Superstition. Die Show, die Sängerin Chibi und ihre fünf Mitmusiker ablieferten war dann auch das Beste, was ich bisher an diesem Tag gesehen hatte. Leider war nach rund 40 Minuten aber schon Schluss und ich machte mich auf die Suche nach etwas Frischluft und einer kleinen Stärkung.
Die Unwetterwarnung war immer noch nicht aufgehoben, daher waren nur wenige, kleine Außenflächen freigegeben und mit Gitterwänden gesichert worden, so dass sich der geneigte Besucher doch ein wenig eingesperrt vorkam. Die Windböen und Regenschauer taten dann auch ihr übriges, mich wieder schnell in die Halle zu treiben. Doch auch in der Halle seine Runden ziehen und zum wiederholten Male die Auslagen der Stände zu begutachten war auf Dauer nicht wirklich spannend, so dass ich schließlich kurz darauf dem Festival ein zweites Mal an diesem Tag den Rücken kehrte. Diesmal war mein Ziel nicht das Hotel, sondern ein nahe gelegenes Brauhaus, das für seine deftige, regionale Küche bekannt (und berüchtigt) ist. Nach einem exzessiven Abendmahl hatte sich das Wetter erstaunlicherweise stabilisiert, der Regen war fast völlig verschwunden und auch der Wind war auf ein akzeptables Maß zurück gegangen. Kurz spielte ich mit dem Gedanken noch einmal aufs Festivalgelände zurückzukehren, um wenigstens noch Front 242 und And One zu sehen, doch die einsetzende Fressnarkose zwang mich geradezu ins Bett, wo ich auch fast direkt einschlief.

Der Sonntag startete deutlich freundlicher, die Wolken hatten sich komplett verzogen und der Wind war, bis auf ein leichtes Säuseln, nicht mehr vorhanden. Da die Unwetterwarnung schon am gestrigen Abend aufgehoben worden war, stand einem angenehmeren zweiten Festivaltag nichts mehr entgegen.
Die Veranstalter hatten noch spät am Samstag eine neue Running Order veröffentlicht und bemühten sich, wie versprochen, so viele Bands vom Vortag wie nur irgend möglich auf den drei Bühnen unterzubringen. Natürlich nicht Neuroticfish und Der Fluch, weswegen ich eigentlich ja hier war; schade, aber nicht zu ändern. Auch die Lesung von Christian von Aster wurde klammheimlich unter den Tisch fallen gelassen.
Das Festivalgelände machte am zweiten Tag dann auch einen völlig anderen Eindruck: die zahlreichen Zelte mit Klamotten, CDs und verschiedensten Getränken und Lebensmitteln hatten geöffnet und die zarten Sonnenstrahlen ermöglichten das in der Szene so beliebte Flanieren über das Gelände. Hier konnte sich der Betrachter dann auch an der ganzen Vielfalt der dunklen Gestalten ergötzen: traditionelle Goths mit toupierten Haaren und Pikes, die Damen und Herren der EBM-Fraktion in voller Kampfmontur, die farbenfrohen Cyberpunks mit den auffälligen Kunststoff-Dreadlocks, aufwändige viktorianische Kostüme und natürlich viele Leute in Lack-, Leder- und Fetisch-Klamotten.
Diesmal wollte ich den Tag nutzen, um möglichst viele Eindrücke vom Amphi mitzunehmen. Schon weit vor dem Mittagessen beschallten [:SITD:] und die Patenbrigade: Wolff mit teils derben Beats die Halle, doch hier hatte ich gestern schon genug Zeit verbracht und so schlenderte ich lieber noch ein wenig über das Gelände um mich mit einigen CDs einzudecken. Das erste Konzert, was für mich an diesem Tag auf dem Programm stand, waren die Pagan-/Goth-Rocker Inkubus Sukkubus, die auf der kleinen „Orbit Stage“ spielten.
Wer auch immer für den Standort dieser Bühne verantwortlich war, hatte sich wahrscheinlich vorgenommen, diesen Platz so ungemütlich wie möglich zu gestalten. Vielleicht 50 Meter hinter der Bühne, also im direkten Sichtfeld der Zuschauer, fuhren im Minutentakt die Züge der Deutschen Bahn, linker Hand befand sich einer der wichtigsten Durchgänge des Festivals, wollte man nicht durch die Halle laufen. Rechts endete das Gelände an einem der beliebten Gitterzäune und auch nach hinten gab es nicht viel Platz um auszuweichen. Das alles auf hartem Betonboden, der längeres Stehen zu einer Tortur machte und garniert mit einem kleinen Bäumchen, das den Blick auf die Bühne zusätzlich einschränkte.
Der erste Teil des Sets wurde nur von zwei akustischen Gitarren bestritten, die Candias großartige Stimme unterstützten. Beim zweiten Teil wurden dann die Stromgitarren ausgepackt, wobei Drums und Keyboards aus der Konserve kamen, und ich würde fast soweit gehen und behaupten, dass Bass und Gitarre ebenfalls nicht live waren. Alles in allem kein schlechter Auftritt, aber in diesem Fall hätte ich doch „handgemachte“ Musik und kein Halbplayback bevorzugt.
Bis zum Auftritt der Creepshow hatte ich noch ein wenig Zeit und wollte einen Blick auf die „Green Stage“ werfen. Hier ballerten sich grade die Damen und Herren von Pokémon Reaktor fröhlich durch ihr Set. Dem Publikum schien es zu gefallen, doch ich musste mich beeilen, wollte ich mir den Auftritt der kanadischen Psychobillies nicht verpassen. Da das Frühstück morgens ausgefallen war gab es auf dem Weg ein koffeinhaltiges Kaltgetränk (diesmal mit Kohlensäure) und eine mehr oder minder leckere Wurst als Proviant. Die Preise bewegten sich zwar auf unverändert hohem Niveau, aber immerhin war die Auswahl nun deutlich größer und appetitlicher. Anscheinend hatte ich zu lange getrödelt, denn als ich wieder an der „Orbit Stage“ ankam, war das Konzert schon in vollem Gange. Sängerin Kenda wirbelte wild über die kleine Bühne und der Reverend malträtierte seine Orgel. Bass und Gitarre wurden offensichtlich auch gespielt, doch davon kam erstaunlich wenig aus den Boxen. Da sich doch überraschend viele Leute den Auftritt ansehen wollten war der Durchgang links der Bühne komplett blockiert und ich musste einen weiten Umweg in Kauf nehmen, um schließlich doch einen einigermaßen vernünftigen Blick auf die Band zu bekommen. Obwohl sie auf den ersten Blick etwas deplatziert auf diesem Festival wirkte gingen die Zuschauer doch gut mit und feierten die Band ordentlich.

Bis zum nächsten, für mich, interessanten Auftritt hatte ich noch ein wenig Zeit und so schlenderte ich von Bühne zu Bühne um mir ein paar Eindrücke von Sonja Kraushofer mit ihrem klassischen Musikprojekt, den Veteranen Das Ich mit einem offensichtlich gut aufgelegten Stefan Ackermann und den Rockern Darkhaus zu holen. Nachdem letztere mit ihrem Set fertig waren blieb ich gleich an der "Green Stage", sollte hier doch gleich der Auftritt von Qntal stattfinden. Sigrid Hausen, Michael Popp und ihre Mitmusiker mischen mittelalterliches Liedgut mit moderner Instrumentierung und gaben mit ihrem Konzert einen schönen Überblick über die Bandgeschichte, einschließlich meinem persönlichem Favoriten, dem "Palästinalied". Sowohl musikalisch wie auch optisch für mich der bisherige Höhepunkt des Festivals und immer wieder ein großartiges Erlebnis. Bevor die nächste Band auf mich wartete, wollte ich noch ein wenig dem Konsum frönen und konnte tatsächlich noch ein wenig Band-Merchandise ergattern, bevor es auch schon mit dem nächsten Konzert weiterging.
Die Damen und Herren von Welle: Erdball sind immer wieder ein Garant für ausgelassene Stimmung und niveauvolle Unterhaltung, daher war es nicht überraschend, dass praktisch das komplette Gelände vor der "Green Stage", trotz der wieder aufziehenden Regenwolken, gefüllt war. Eine gute Stunde lang präsentierte das Quartett ein Potpourri ihrer größten Erfolge einschließlich solch musikalischer Perlen wie "VW-Käfer", "Schweben, Fliegen, Fallen" oder "Starfighter F104G", komplett mit riesigen Ballons, Papierfliegern und einer Trommeleinlage auf dem Ölfass. Für mich sind die Konzerte der Band immer wieder ein Highlight, alleine der Atmosphäre wegen, die im Publikum herrscht. Während anschließend das Equipment von Samsas Traum aufgebaut wurde fielen die ersten Tropfen und nach wenigen Minuten hatte sich der leichte Regenguss in einen kräftigen Schauer verwandelt. Schließlich wurde es mir doch zu nass und ich ging wieder in die völlig überfüllte Arena zurück, wo Oomph! für Stimmung sorgten.
So kam ich wenigstens trockenen Fußes wieder hinüber zur „Orbit Stage“, wo sich Rome auf ihren Auftritt vorbereiteten. Der Regen hatte sich zwar ein wenig abgeschwächt, dennoch waren vor der Bühne praktisch nur Schirme zu sehen, hinter denen man vage die Band erkennen konnte. Ich arbeitete mich weiter nach vorne, immer bemüht, dass mir niemand die Augen ausstach. Schließlich hatte ich ein lauschiges Plätzchen vor der Bühne gefunden und konnte in Ruhe das Konzert der Luxemburger genießen. Geboten wurde dann auch fast eine Stunde lang Neo-Folk vom Feinsten mit eingängigen Melodien, düsteren Texten und der dazu passenden Stimmung.
In freudiger Erwartung des Abschlusskonzertes machte ich mich schließlich auf den Weg in den Innenraum der Lanxess Arena. Obwohl The Misison noch immer spielten waren Halle und Ränge halb leer. Wayne Hussey, Frontmann und Sänger der Band, war kaum in der Lage einen Ton zu treffen, was durch eine Grippe-Erkrankung bedingt war, glaubt man Band und Konzert-Veranstalter. Nachdem hier die letzten Takte verklangen waren leerte sich die Halle schlagartig, da jeder noch schnell etwas zu erledigen hatte, bevor endlich das große Finale beginnen konnte. Ich nutzte die Gelegenheit und suchte mir ein Plätzchen schön zentral vor der Bühne gelegen und behauptete dies später auch tapfer gegen Nachzügler. Während der Umbaupause füllte sich die Halle immer mehr, bis schließlich gegen 21.30 Uhr kein freier Platz mehr zu bekommen war. Besucher, die den Fehler machten die Halle jetzt noch für einen kurzen Toilettenbesuch zu verlassen wurde der Eintritt verweigert und auch sonst fanden nicht alle Besucher Zugang zur Arena.
Schließlich war es soweit und nach einer letzten Moderation betraten VNV Nation, verstärkt von zwei Keyboardern, die Bühne der „Arena Stage“. Auch Ronan Harris hatte zu Beginn teilweise massive Probleme mit der Stimme, allerdings war er recht gut in der Lage die Situation zu überspielen und nach dem zweiten oder dritten Lied traf er dann auch endlich die richtigen Töne. Musikalisch bot die Band in rund 75 Minuten eine Mischung aus alten und neuen Stücken, und auch der eine oder andere ungewöhnliche Track schaffte es in die Setlist. Was wirklich begeistern konnte war jedoch die Art, wie der Sänger das Publikum im Griff hatte und es auch in die Show mit einbezog, von der Welle, die mehrfach durch die ganze Halle lief bis hin zu den Feuerzeugen (!) die bei manchen Stücken zum Einsatz kamen. Ein rundum großartiger Auftritt, der den hervorragenden Ruf von VNV Nation als Live-Band untermauert und doch einen versöhnlichen Abschluss für das stellenweise holprige Festival bot. Schließlich war es schon kurz nach 23.00 Uhr und der Ruf nach einer Zugabe musste ungehört verhallen. Unerbittlich flammten die Hallenscheinwerfer auf und beleuchteten, das Chaos aus Getränkebecher, Bierpfützen, Müll und erschöpften Menschen innerhalb der Arena.
Eine Aftershow-Party war, meines Wissens nach, nicht geplant und auch die Stände hatten schon alle geschlossen, so dass noch nicht einmal ein Absacker auf dem Gelände möglich war. So strömte ich dann, zusammen mit den anderen Besuchern, im Nieselregen aus der Arena und machte mich, müde, durstig und mit einem verdächtigen Fiepen im Ohr auf den Rückweg zum Hotel, der mir diesmal viel länger vorkam.

Für das wirklich bescheidene Wetter und die damit verbundenen Einschränkungen, vor allem am Samstag, tragen die Veranstalter selbstverständlich keine Verantwortung. Doch hätten sie das Kommunikationssystem der Halle durchaus dazu nutzen können, die Besucher über die Ausfälle und Verlegungen zu informieren. So kam es mir wie Hohn vor, dass auf den Monitoren der Auftritt von Neuroticfish angekündigt wurde, obwohl dieser schon lange abgesagt war. Auch die Hinweise auf die Magistrale mit ihren schicken Verkaufsständen oder den Autogramm-Bereich waren nur schwer zu finden. Zumal nicht jeder Besucher wusste, dass es überhaupt ein Programmheft mit Lageplan gab. Alleine dieses Heftchen zu bekommen stellte sich als schwierige Aufgabe heraus, und auch allgemeine Fragen konnte das, immerhin freundliche und bemühte, Personal am Infostand, nicht, falsch oder nur rudimentär beantworten.
Praktisch bei jeder Anmoderation wiesen die Veranstalter darauf hin, dass zumindest der Samstag hätte abgesagt werden müssen, wenn das Festival wie in den Vorjahren am Tanzbrunnen stattgefunden hätte. Das ist natürlich richtig und für die logistische Schwerstarbeit bei der improvisierten Running Order gebührt den Organisatoren ein wirklich dickes Lob. Allerdings ändert dies nichts an der Tatsache, dass die Lanxess Arena nichts anderes ist, als eine durchkommerzialisierte Bespaßungsanstalt ohne Charme, Charakter oder Atmosphäre. Sie hat zwar unbestreitbare Vorteile was sanitäre Einrichtungen und Sitzgelegenheiten angeht, eine wirkliche Festivalstimmung wollte sich aber, zumindest bei mir, in diesem sterilen Ambiente nicht einstellen. Dazu kam der teilweise sehr schlechte Sound auf der "Arena Stage", der abhängig vom eigenen Standort zudem stark variierte. Ob dies ein generelles Problem mit der Akustik innerhalb der Halle ist, oder ob die Tontechniker zwei extrem schlechte Tage erwischt hatten kann ich als Außenstehender nicht beurteilen.
Wirklich gelungen fand ich dagegen das Line-Up, wurden hier dem Besucher doch einige Szenegrößen präsentiert und mit kleineren, aber interessanten Acts ergänzt. Auswahl gab es auch genug, so dass sich niemand langweilen musste, selbst wenn ein leichter Schwerpunkt auf dem elektronischen Aspekt der "schwarzen" Musik lag. Allerdings hätte ich sehr gut auf die Anmoderationen von Der Tod verzichten können und auch seinen Auftritt hätte ich nicht, oder zumindest nicht in der großen Halle, gebraucht. Aber das sind natürlich nur meine persönlichen Befindlichkeiten.
Die "Green Stage" mit ihrem terrassierten Gelände eignete sich recht gut für die Auftritte, war doch gewährleistet, dass auch Menschen unter zwei Meter die Chance hatten einen Blick auf die Bühne zu werfen. Flankiert von einer kleinen Chill-Out-Area und zahlreichen Ständen kam hier sogar richtiges Festival-Feeling auf und auch der Ton war, zumindest bei den Bands, die ich hier gesehen hatte, sehr ordentlich. Folglich hielt ich mich auch einen großen Teil der Zeit in diesem Bereich auf. Was auf dem gesamten Festivalgelände extrem unschön war, waren die Unmengen an Müll, vorzugsweise Plastikbecher, die überall in der Gegend herumlagen. In der Halle selbst kamen dann noch riesige Pfützen mit verschütteten Getränken hinzu. Diese sah man zwar Dank der diffusen Beleuchtung nicht, aber ich hatte mehr als einmal Probleme damit mein Schuhwerk vom Boden zu lösen. Für diesen Dreck waren natürlich wir, die Besucher, verantwortlich, allerdings gab es praktisch keine Mülltonnen im Innenraum der Halle und auch auf dem Außengelände wurden sie nur sporadisch geleert. Ein Großteil dieses Problems hätte sich sicherlich mit einem Pfandsystem lösen können; warum hier darauf verzichtet wurde bleibt das Geheimnis der Hallenbetreiber.

Es ist für Veranstalter mit einem enormen Risiko verbunden, ein etabliertes Festival zu verlagern, ganz unabhängig von den Gründen. Die Frage die sich hierbei stellt ist natürlich immer, ob die Besucher auch bereit sind mitzuziehen. Selbst wenn man den ausgesprochen unglücklichen Start am Samstag ignoriert, gibt es doch einige wichtige Baustellen, die dringend bis zum nächsten Jahr behoben werden sollten. Die Resonanz der Besucher, zumindest soweit ich sie mitbekommen habe, war entsprechend durchwachsen. Es gab viel (berechtigte) Kritik, aber auch viel (ebenfalls berechtigtes) Lob, was nun davon letzten Endes überwiegt und den Ausschlag gibt im nächsten Jahr wieder aufs Amphi zu fahren, wird jeder für sich selbst entscheiden müssen.

Dienstag, 2. Juni 2015

Voodoo Games - Interview

[Interview] Voodoo Games
Entwickler von Paragon und Karnivor Koala

Wer im letzten Jahr auf der SPIEL in Essen oder vor kurzem auf der RPC in Köln aufmerksam durch die Hallen gegangen ist, konnte am Stand des Heidelberger Spieleverlages die Demotische der kleinen Mainzer Brettspielschmiede Voodoo Games entdecken, die dort ihr Debüt Paragon vorstellten, dass im Laufe dieses Jahres erscheinen wird. Derzeit arbeiten die beiden kreativen Köpfe hinter Voodoo Games, Martin Müller und André Schillo, mit Hochdruck an der Realisation eines weiteren Spieles, das mittels einer Crowdfunding-Kampagne ebenfalls noch in diesem Jahr veröffentlicht werden soll. Trotzdem haben die beiden Spieleentwickler die Zeit gefunden, um uns einige Fragen zu ihrem Verlag und ihren Spielen zu beantworten.

Warum habt ihr euch entschieden, mit Voodoo Games einen eigenen Verlag zu gründen? Wäre es nicht einfacher gewesen, mit euren Spieleideen an einen der zahlreichen etablierten Spielehersteller heranzutreten und nur als Autoren in Erscheinung zu treten?

Natürlich wäre dies eine mögliche Variante gewesen, allerdings behalten wir uns mit unserem eigenen Verlag die Option vor, Spiele auch selbständig zu veröffentlichen und nicht zwingend auf die größeren Spielehersteller angewiesen zu sein. Als eigener Verlag hat man außerdem die Möglichkeit alles rund um seine Produkte selbst bestimmen zu können, während man als Autor eher weniger Einfluss auf das Design und die Produktion hat. Uns war es wichtig, unsere Produkte von Anfang bis Ende so zu gestalten und zu vermarkten, wie wir uns das vorstellen.


Könnt ihr uns eine kurze Zusammenfassung über Hintergrund und Spielmechanismen Eurer beiden Spiele Paragon und Karnivor Koala geben?

Paragon ist in einer inter-apokalyptischen Dieselpunk-Welt angesiedelt, in der Paragon zu einer lebenswichtigen Ressource geworden ist und sich die verbleibenden Völker, Nationen und Zusammenschlüsse der Erde in einem dauerhaften Krieg miteinander befinden. In Paragon übernehmen zwei bis vier Spieler die Kontrolle über jeweils einen Söldnerhauptmann und versuchen sich durch das Erwürfeln von Ressourcen eine Basis und einen Kampftrupp aufzubauen. Dies wird über Karten dargestellt, die in Soldaten, Zivilisten, Gebäude und Effekte unterteilt sind. In jeder Runde haben die Spieler die Möglichkeit neue Karten zu erwerben, Karteneffekte zu nutzen oder Angriffe gegen die Arche in der Mitte auszuführen um diese zu besetzen und das wertvolle Paragon zu erbeuten. Von der Arche aus können die Spieler weiterhin auch alle anderen Mitspieler angreifen, deren Basen schwächen und ihnen Paragon stehlen. Der erste Spieler, der eine vor dem Spiel festgelegte Anzahl an Paragon erbeutet, gewinnt das Spiel.

 
Karnivore Koala ist von der Atmosphäre her ein ganz klein wenig anders… Bis zu sechs Spieler verfügen über einen eigenen König Koala, der ihren Stamm aus Koalas anführt. Anhand von Würfeln und Koala-Karten, versuchen nun alle Spieler die mutierten Tiere in dieser post-eukalyptischen Welt zu jagen, um ihrem König ein leckeres 3-Gänge Menü zuzubereiten, bestehend aus einem Tier für die Vorspeise, einem für die Hauptspeise und einem für die Nachspeise! Die Spieler haben dazu fünf Würfel mit Speer, Koala, Kronen und Totenkopfsymbolen und Koala-Karten, die sie in ihrem Stamm platzieren können. Die Würfel können sie am Anfang ihrer Runde werfen und wiederholen, solange sie Handkarten dafür opfern. Die endgültigen Würfelergebnisse werden dann auf Koala-Karten des eigenen Stammes gelegt um deren Effekte zu aktivieren, welche einem Spieler bestimmte Aktionen erlauben, beispielsweise eine Karte ziehen, ein Würfelergebnis verändern, Karten vertauschen, oder einfach nur Speere zur Jagd hinzufügen. Neben den Koala-Karten, die man wegen ihrer Effekte nutzt, gibt es noch sogenannte Workbears, die man benötigt um die Voraussetzungen für die Jagd auf bestimmte Tiere zu schaffen. Jedes Tier besitzt zwei Symbole und man benötigt zur Jagd Workbears mit den gleichen Symbolen. Zusätzlich muss man noch drei Speersymbole sammeln und dann wird es auch schon Zeit den Kochtopf anzufeuern!


Paragon bezeichnet ihr als „Inter-Apocalyptic Diesel Punk“. Was muss ich mir unter diesem, doch etwas sperrigen, Begriff vorstellen?

Im Gegensatz zu einem post-apokalyptischen Setting, erlebt man hier die Apokalypse hautnah mit! Man ist ein Teil davon und kämpft um sein Überleben. Und die Apokalypse hat eben nicht in der herkömmlichen Welt, sondern in einer fiktiven Welt stattgefunden, die sich technisch seit dem Ende des 19. Jahrhunderts über Dieseltreibstoff in Verbindung mit Paragon weiterentwickelt hat.



Für Paragon habt ihr mit dem Heidelberger Spieleverlag einen kompetenten und erfahrenen Partner für Produktion und Vertrieb gewinnen können. Euer zweites Spiel, Karnivor Koala, veröffentlicht ihr dagegen in Eigenregie und greift dabei auf die Crowdfunding-Plattform Kickstarter zurück. Wo seht ihr die Vorteile die Crowdfunding gegenüber den herkömmlichen Finanzierungsmethoden hat? Was hebt euch von der gewaltigen Masse an Spielen ab, die ebenfalls auf Kickstarter um die Gunst (und natürlich das Geld) der Backer buhlen?

Richtig, mit Paragon haben wir den herkömmlichen Weg gewählt, damit sich unser Spiel durch einen starken Vertriebspartner gut am Markt platzieren und hoffentlich einen längerfristigen Erfolg verzeichnen kann. Bei Kickstarter sind viele Projekte Eintagsfliegen, die zwar einen einmaligen Erfolg einfahren, aber später nie einen soliden Weg in einen handfesten Vertrieb finden. Hier gibt es mit Sicherheit auch Ausnahmen, aber das sind meist die Spiele größerer Verlage, die eigentlich schon längst einen Vertrieb für ihre Spiele haben und es trotzdem über Crowdfunding-Plattformen versuchen, wahrscheinlich auch wegen des mittlerweile nicht zu unterschätzenden Werbeeffekts. Mit Karnivore Koala gehen wir allerdings auch den Weg des Crowdfunding, ganz einfach aus dem Grund, dass wir das Projekt in Zusammenarbeit mit unserem Künstler THE MICO aufgezogen haben. Wir hatten hier die Möglichkeit einen erfahrenen und genialen Künstler zu einem Projekt zu gewinnen, welches wir dank Kickstarter trotz des fehlenden Budgets starten konnten. Und wenn wir ehrlich sind ist es ja genau das, um was es dabei geht: Die Verwirklichung eines Projektes, bei dem die Unterstützer die Möglichkeit eröffnen, es zu finanzieren.

Was uns von den anderen Spielen auf dieser Plattform unterscheidet ist schwer zu sagen, denn es gibt mittlerweile viele starke Projekte. Wir haben einfach versucht unser Spiel so sympathisch wie möglich zu präsentieren und den Spielspaß den wir beim Testen hatten zu vermitteln. Ich denke, dass uns dies ganz gut gelungen ist, immerhin konnten wir bereits viele Unterstützer davon überzeugen, sich an dem Projekt zu beteiligen.



Sowohl eure Homepage als auch eure beiden Spiele sind in englischer Sprache, lediglich eines der Stretch-Goals bei eurer Crowdfunding-Kampagne sieht eine deutsche Version von Karnivor Koala vor. Ihr habt also offensichtlich eher den internationalen Spielemarkt im Visier. Seht ihr auf dem heimischen Markt kein oder nur ein geringes Potential für eure Spiele und für euch als Verlag?

Wir sehen auf dem heimischen Markt sogar ein großes Potential! Allerdings sind unsere Spiele immer mit hohen Entwicklungskosten verbunden und da macht es sich bezahlt, zuerst international zu denken um eine möglichst große Gruppe an Personen anzusprechen. Wir achten aber darauf, unsere Produkte auch mehrsprachig anzubieten, da gerade der europäische Raum voll von Brettspielern ist! Paragon soll aller Voraussicht nach gleich in fünf Sprachen aufgelegt werden. Bei Karnivore Koala peilen wir erst einmal nur die englische und deutsche Version an, haben aber Mitwirkende für eine französische, spanische und italienische Onlineübersetzung. Sollte das Spiel bei einem Vertrieb landen, ergeben sich hier allerdings mit Sicherheit noch weitere Möglichkeiten.


Sowohl Paragon als auch Karnivor Koala zeichnen sich durch eine tolle Aufmachung aus und sind richtige Hingucker. Wie wichtig ist es euch bei der Entwicklung eurer Spiele eine Balance zwischen Hintergrund, optischer Präsentation und Spielmechanik zu finden?

Wir legen auf alle diese Punkte sehr hohen Wert! Ich mag es, wenn ein Spiel einen soliden Hintergrund hat, auch wenn dieser nicht übertrieben ausgeschmückt sein muss, sondern einfach nur stimmig. Bei Karnivore Koala sei das mal dahingestellt, aber für Paragon existiert eine solide Welt! Die Optik ist ein ebenso wichtiger Punkt, denn je besser mir persönlich die Aufmachung gefällt, desto eher nehme ich das Spiel in die Hand. Und ich hoffe einfach mal, dass ich nicht der einzige bin, der so denkt. Die Spielmechaniken sollten bei uns immer einfach zu erlernen sein, so dass man schnell ins Spielgeschehen hineinkommt. Sie sollten aber zusätzlich noch genug Komplexität für strategische Überlegungen lassen und wir versuchen die Spiele so zu designen, dass jeder mitspielen kann ohne, dass sich erfahrene Spieler langweilen müssen!


Könnt ihr uns ein wenig über den Entstehungsprozess eines Spieles erzählen? Wie muss man sich die Entwicklung von der Idee bis zum fertigen Spiel vorstellen?

Meist fangen wir persönlich bei einer winzigen Grundidee an und legen zu Beginn fest, in welche Richtung das Spiel gehen soll, also ob es ein Kartenspiel, ein Würfelspiel, ein Dungeon Crawler, oder etwas anderes wird. Danach versuchen wir ein interessantes Setting zu finden und der Rest ergibt sich dann aus tagelangen Gedankenspielen und nächtlichen Kritzeleien mit Skizzen zu den Komponenten und Aufzeichnungen zur Spielmechanik. So nimmt das Ganze dann immer mehr Form an bis es dann irgendwann zu einem ersten Prototypen kommt und das Spiel getestet werden kann. Danach werden meist einige Dinge wieder verworfen, andere hinzugefügt und im Laufe der Zeit entwickelt sich ein funktionierendes Spiel in einem interessanten Setting!


Wenn alles nach Plan läuft, werdet ihr bis Ende des Jahres zwei Spiele veröffentlicht haben. Wie sehen eure weiteren Pläne aus? Werdet ihr Paragon und/oder Karnivor Koala erweitern oder habt ihr etwas völlig Neues in der Mache?

Wir haben für beide Spiele in der Tat Erweiterungen geplant, allerdings wird sich hier noch zeigen, ob es realistisch ist, diese umzusetzen. Ansonsten arbeiten wir weiterhin an neuen Ideen und haben auch schon ein drittes Spiel in der Mache. Mehr kann ich an dieser Stelle allerdings noch nicht verraten :)



Ihr seit beide keine Vollzeit-Spieleentwickler sondern habt noch richtige Jobs mit denen ihr euren Lebensunterhalt verdient. Seht ihr irgendwann in Zukunft die Möglichkeit von Euren Spielen zu leben oder bleibt das für euch eher ein Hobby?

Es wäre natürlich super, wenn sich irgendwann die Chance ergibt, die Spieleentwicklung hauptberuflich zu machen. Momentan arbeiten wir aber in erster Linie darauf hin, solide Spiele zu veröffentlichen. Wenn die Spiele gut ankommen, dann eröffnet sich vielleicht auch mal der Weg in die Selbstständigkeit als Spieleentwickler.


Sowohl der deutsche als auch der internationale Spielemarkt sind in den letzten Jahren stark gewachsen. Die Spiele werden immer komplexer, die Ausstattung opulenter und leider der Preis immer höher Glaubt ihr, dass sich diese Entwicklung fortsetzt oder dass irgendwann ein Punkt erreicht ist, an dem der Spielemarkt stagnieren wird?

So etwas lässt sich immer schwierig einschätzen, aber unsere persönliche Meinung ist, dass unter all der Flut von neuen Spielen mit unzähligen Miniaturen, Tokens und sonstigem Material eines immer weiter in Vergessenheit gerät: das Spiel an sich! Es wird zum Teil immer weniger Wert auf eine geniale Spielidee und solide Mechaniken gelegt und immer mehr auf den Inhalt und die Komponenten eines Spiels konzentriert. Wir haben selbst häufig die Erfahrung gemacht, dass Spiele mit enormen Mengen an Komponenten und opulenter Ausstattung zum Teil einfach rein gar nichts taugen… Insofern hoffen wir, dass sich hier in Zukunft eher spielbare und interessante Spiele durchsetzen werden, wobei wir natürlich nichts dagegen haben, wenn diese auch noch hübsches Spielmaterial haben.



André, Martin, vielen Dank dafür, dass ihr euch die Zeit für unsere Fragen genommen habt. Ansonsten wünsche ich euch viel Erfolg mit euren beiden aktuellen und künftigen Projekten und freue mich schon, auf die ersten richtigen Spielrunden mit Paragon und Karnivor Koala. Die Demorunden waren zumindest schon einmal sehr spaßig und lassen auf zwei gelungene Veröffentlichungen hoffen.

Weitere Informationen zum Verlag, zu den Spielen und zu den wirklich großartigen Illustrationen finden sich auf www.voodoo-games.com.





Der Verlag

Voodoo Games wurde zwar erst im letzten Jahr in Mainz gegründet, allerdings sind die beiden Köpfe hinter dem Verlag alles andere als unerfahren, was die Spieleszene angeht. André Schillo arbeitet in der IT-Abteilung eines großen Geldinstitutes, verbringt den Großteil seiner freien Zeit aber entweder mit der Entwicklung eigener Spielideen oder rekrutiert seine Freunde und Bekannten zu Spieleabenden. Einen ersten, durchaus erfolgreichen, Ausflug als Spieleproduzent hat er schon hinter sich, war er doch bis vor kurzem einer der Hauptverantwortlichen für das Godslayer-Tabletop, das sowohl national als auch international recht gut aufgenommen wurde. Für Martin Müller dreht sich von Berufs wegen alles um Spiele, ist er doch einer der Inhaber des Mainzer Fantasy-Spieleladens Orcish Outpost, daher war es nur eine logische Konsequenz, dass er irgendwann selbst mit der Entwicklung von Brettspielen angefangen hat.