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Sonntag, 20. Oktober 2024

Ein Kessel Schwarzes


[Lesung] Ein Kessel Schwarzes

Freitag, 18. Oktober 2024
Das Rind; Rüsselsheim

 

Luci van Org mit ihren zahlreichen Musikprojekten und Erzählungen, Christian von Aster mit seinen Büchern und Kurzgeschichten und Oswald Henke, vor allem durch seine Arbeit mit Goethes Erben, dürften den meisten unserer Leser zumindest vom Namen her bekannt sein. Alle drei habe ich im Laufe der Zeit bereits mehrfach auf Konzerten oder Lesungen gesehen.
Entsprechend neugierig war ich, als im letzten Jahr mit Ein Kessel Schwarzes ein gemeinsames Projekt angekündigt wurde. Der Themenschwerpunkt seinerzeit war "Leichenschmaus" - doch leider versäumte ich, mir rechtzeitig ein Ticket zu organisieren. Als dann im Frühjahr 2024 das zweite Programm mit dem Thema "Familiengericht" in den Vorverkauf kam, beeilte ich mich, eine Karte für einen der drei Auftritte zu bekommen. Glücklicherweise steht neben Bayreuth und Leipzig auch Rüsselsheim auf dem Tourplan. So muss ich mich nicht auf eine Reise durch die halbe Republik machen, sondern nur gut 40 km durch den freitäglichen Feierabendverkehr quälen.

Die Location

Das Rind ist ein gemütlicher, kleiner Club in Rüsselsheim, praktisch direkt am Main-Ufer gelegen. Durch das vielfältige Programm gibt es eigentlich immer einen Grund, dem Ort einen Besuch abzustatten. Der offene Bereich zwischen dem dazugehörigen Restaurant und der Veranstaltungs-Location ist durch zahlreiche Schirme gesichert - was beim einsetzenden Nieselregen durchaus angebracht ist. Gut eine Stunde vor Beginn haben sich hier schon die ersten Gäste versammelt und warten draußen, andere sind im Innern noch mit ihrem Abendessen beschäftigt.
 

Der Bühnenaufbau

Während ich mich mit Freunden unterhalte, wird die Schlange der Wartenden schnell größer und kurz nach 19 Uhr haben die Veranstalter ein Einsehen und lassen uns hinein. Normalerweise fasst Das Rind bei Konzerten exakt 262 Personen. Für Ein Kessel Schwarzes ist diese Anzahl deutlich reduziert. Im ganzen Raum sind kleine, runde Tische mit jeweils vier Stühlen verteilt, so dass das Publikum es sich gemütlich machen kann. Im hinteren Teil haben traditionell Mischpult und Merchandise-Stand ihren Standort - so auch an diesem Abend.
Bevor es losgeht, durchstöbere ich das ausliegende Angebot und finde tatsächlich noch Dinge, die meiner Sammlung fehlen. Nachdem ich an der Theke für eine kleine Stärkung gesorgt habe, begebe ich mich wieder zu meinem Platz, der sich praktischerweise am Bühnenrand befindet.

Ein Kessel Schwarzes

Schon vor dem eigentlichen Beginn des Auftritts kann man die drei Künstler im Raum herumwuseln sehen, bevor sie sich schließlich kurz vor 20 Uhr in den Backstage-Bereich zurückziehen. Das gibt mir Zeit, die Dekoration genauer zu betrachten: ein Tapeziertisch, abgedeckt mit einem schwarzen Tischtuch steht im Zentrum der Bühne. Darauf Kunststoff-Geschirr und ein kleiner Kessel - ebenfalls in Schwarz gehalten. Am rechten Rand stehen Stuhl, Mikrofon und akustische Gitarre, während links, etwas nach hinten versetzt ein Bistrotisch steht. Auch dieser ist mit einem schwarzen Tuch verhüllt und wird von zwei Stundengläsern gekrönt.

Voller Einsatz!
In diese Szenerie treten dann auch recht pünktlich die drei Akteure um in einer kleinen Einleitung ihren Empfang im Das Rind zu loben. In der anschließenden Vorstellung werden die Rollen für den Verlauf des Abends definiert. Herr Henke ist der Miesepetrige, Herr von Aster übernimmt den Part des Humorvollen und Frau van Org ist die Anstrengende bzw. die Musikalische - nur damit es nicht zu Missverständnissen kommt. Auch wird kurz auf das Programm, das "Familiengericht", eingegangen. Entsprechend beschäftigt sich der erste Teil mit Recht und Gerechtigkeit, während im zweiten Part die Familie im Fokus steht.

Nach dieser kurzen Einleitung nehmen die drei Künstler am Tisch Platz, um die Geschichte vom Zappel-Philipp des Frankfurter Arztes und Autors Heinrich Hoffmann nachzustellen. Am Ende der wortgetreuen Umsetzung und nach einem (altersgerechten) Stunt, ist das Geschirr über die Bühne verteilt, Herr Henke liegt in die Tischdecke gehüllt am Boden und beiden anderen schauen fassungslos auf das Chaos.
Im Anschluss an diese eher lockere, humorvolle Sequenz stellen Frau van Org und Herr von Aster noch einige Fakten zum islamischen Scheidungsrecht und zum Schutz von Frauen vor, bevor sie die Bühne verlassen.

Christian von Aster
Herr Henke, mittlerweile alleine am "Tisch der Wahrheit" (dem Bistrotisch), nimmt die Zuschauer mit auf einen historischen Exkurs zu den Aufgaben und Einnahmequellen eines mittelalterlichen Scharfrichters. Auf diesen folgt mit "Fleischschuld" ein vorgetragener älterer Text von Goethes Erben über eine beklemmende Dystopie. Die gedrückte Stimmung wird auch durch den Wechsel zu Frau van Org nicht aufgehellt, die nach weiteren Fakten zu Gewalt gegen Frauen mit "Somnio" ein akustisches Stück ihrer Band Lucina Soteira zum Besten gibt.
Nach einem erneuten Wechsel steht nun Christian von Aster auf der Bühne. Diesmal gibt es eine kurze Geschichtsstunde über den wahrscheinlich eifrigsten deutschen Henker Johann Reichhart. Die mittlerweile etwas gedrückte Stimmung wird schließlich durch zwei Kurzgeschichten über Narren, Henker, Hexenrichter und Kartoffeln aufgehellt. Zwischenzeitlich sind wieder alle drei auf der Bühne und erzählen teils sehr persönliche Anekdoten zu Gerechtigkeit, familiären Verhältnissen und jugendlichen Missetaten. Nach diesem längeren Teil folgt ein kurzer Faktenblock zu sexueller Gewalt. Dies bildet die Überleitung zur Lesung eines Kapitels aus Luci van Orgs (teil-)autobiografischen Buch Wir Fünf und ich und die Toten.

Luci van Org
Um die Zuschauer nicht mit dieser doch etwas beklemmenden Stimmung in die Pause zu entlassen, folgt eine musikalische Darbietung, bei der alle drei beteiligt sind. Dabei handelt es sich um eine sehr gewöhnungsbedürftige, aber spaßige Cover-Version von "Der Kommissar", die den ersten Teil des Abends abschließt.

Nach einer wirklich kurzen Pause betreten Frau van Org und Herr Henke wieder die Bühne. Dieser zweite Teil konzentriert sich auf den Familien-Aspekt des Programms. Als Einleitung tragen die beiden eine akustische Version von "Orangenschiffchen" vor. Ein, trotz der Erklärung, skurriles Stück, zu dem Herr von Aster mit einem silbernen Tablett durch den Zuschauerraum geht und eben jene Obststücke an die anwesenden Mütter verteilt.
Daran schließt sich wieder eine kurze Runde Statistiken an - diesmal über Familien und Armutsgefährdung. Dies nutzt Christian von Aster als Überleitung zu einer Lesung aus seinem Kinderbuch "Der Nichtnutz", in welcher der Autor einen kritischen Blick auf Konsumverhalten wirft. Obwohl es noch etwas früh dafür ist, folgt ein Gedicht über den "Weihnachts-Dreikampf" - den normalen Wahnsinn bei einer durchschnittlichen Familien-Weihnachtsfeier.
An dieser Stelle übernimmt Frau van Org wieder die Bühne und liefert Zahlen zu Kindersterblichkeit, bevor sie ein weiteres, eher surreales Kapitel aus ihrem aktuellen Buch liest. In der Folge gewähren alle drei sehr persönliche Einblick in ihr Leben - teils lustig, teils beklemmend und teils skurril.

Der Tisch der Wahrheit
Für die Erziehungsberechtigten folgt ein Ratgeber von Oswald Henke. Allerdings ist es nicht empfehlenswert, diese Tipps in der Praxis anzuwenden. Als Ergänzung dazu ist es wieder Zeit für einige Fakten und Statistiken, diesmal zum Thema Körperstrafen.

Als Abschluss des Abends folgt ein weiteres Musikstück - wiederum eine Cover-Version. "Mein Name ist Mensch", ursprünglich von Ton Steine Scherben, lässt viel Interpretationsspielraum und rundet das Programm sehr passend ab.

Damit endet der Auftritt und Das Rind leert sich recht schnell. Dennoch bleiben alle drei Künstler noch eine ganze zeitlang vor Ort, plaudern mit dem verbliebenen Publikum, geben Autogramme und beantworten Fragen. So dauert es tatsächlich doch etwas länger, bis ich mich schließlich wieder auf den Heimweg mache.

Wie war's?

Schee wars!
Wie eigentlich, angesichts der beteiligten Künstler, nicht anders zu erwarten, war Ein Kessel Schwarzes eine sehr ungewöhnliche Veranstaltung. Im einen Moment gab es herzhafte Lacher, und im nächsten erhält die Stimmung durch bedrückende Fakten oder eine tiefgehende persönliche Erfahrung einen herben Dämpfer. Die abwechslungsreiche Mischung aus Musik, Lesung und Plauderrunde war erstaunlich unterhaltsam und hat sehr gut funktioniert. Das die stellenweise doch beklemmenden Themen (und Statistiken) niemandem nachhaltig den Abend verdorben haben ist der große Verdienst der Akteure. 

Dazu trug auch die Chemie zwischen den dreien erheblich bei. Trotz unterschiedlichster Lebensläufe und familiärer Hintergründe, trotz kaum zu vergleichenden kreativen Output passt es einfach zusammen. Die lockere Stimmung auf der Bühne übertrug sich auch auf die Zuschauer und sorgte für gute Unterhaltung - selbst wenn mehr als einmal das Lachen im Halse stecken blieb.
Insgesamt ein sehr schöner, entspannter, lustiger, nachdenklicher und unterhaltsamer Abend in wirklich toller Atmosphäre.

 

Montag, 12. Dezember 2016

VNV Nation; Das Rind; Rüsselsheim

[Konzert] VNV Nation
Donnerstag, 8. Dezember 2016
Das Rind, Rüsselsheim
 

Ende der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts stolperte ich zum ersten Mal über die Musik des (ursprünglich) britischen Elektronik-Duos VNV Nation. "Honour" vom zweiten Album Praise the Fallen rotierte grade in den einschlägigen Clubs - die Mischung aus trocken, harten Beats, epischen Klangteppichen und eingängigen Melodien traf nicht nur bei mir einen Nerv. Schon nach kurzer Zeit entwickelte sich daraus mit Futurepop sogar ein eigenes Genre und die beiden Musiker wurden mit dem folgenden Album Empires auch außerhalb der Szene bekannt. Für die Band folgte eine beeindruckende Erfolgsgeschichte mit zahlreichen Alben, Chartplatzierungen und ausgedehnten Touren sowie Festivalauftritten, beispielsweise im letzten Jahr als Headliner des Amphi Festivals vor geschätzten 20.000 Besuchern.

Daher war es für mich ausgesprochen überraschend, dass die Band auf eine kleine Clubtour gehen würde, die unter dem Titel Automatic Empires lief. Direkt nachdem die sieben Termine bestätigt wurden, hatte ich das Glück noch Karten für das Konzert im Rüsselsheimer Das Rind zu bekommen, das nach gefühlt fünf Minuten ausverkauft war. Für diejenigen, die nicht so viel Erfolg hatten, gab es dann allerdings noch einen Zusatztermin...

Nachdem ich in den Wochen davor mit einem Hörsturz und einer Grippe zu kämpfen hatte, war ich Anfang Dezember dann doch wieder soweit hergestellt, dass ich es verantworten konnte auf das Konzert zu gehen. Die Zeit bis zum Öffnen der Tür verbrachte ich mit einem kleinen Bummel durch die Rüsselsheimer Innenstadt, die allerdings außer zahlreichen Baustellen für den Hessentag im kommenden Jahr nur wenige Sehenswürdigkeiten zu bieten hat. Nachdem ich mich noch mit einem Döner gestärkt hatte, machte ich mich auf den Weg ans Mainufer um mich in der Kneipe des Rind noch ein wenig aufzuwärmen.

Vor der Tür steht ein breit grinsender Ronan Harris, Sänger und Frontmann der Band, in Anzug und Mantel, nuckelt genüsslich an einer Zigarre und begrüßt mich mit einem freundlichen "Guten Abend!". Das ist mal ein Service für die Konzertbesucher!
Im Innern der Kneipe sind die Plätze rar, daher suche ich mir ein Fleckchen an der Theke und trinke noch eine Kleinigkeit, während ich den Gesprächen an den Nachbartischen lausche. Anscheinend waren einige der Besucher schon gestern beim Zusatztermin vor Ort und so bekomme ich schon einen groben Eindruck, von dem was mich gleich erwartet.
Kurz nach 19 Uhr öffnen sich dann auch die Türen zum kleinen Konzertsaal und die (noch gar nicht so zahlreichen) Besucher schlendern gelassen hinein. Da ich relativ weit vorne in der Schlange stehe, sichere ich mir im Innern einen Platz beinahe direkt an der Bühne, und traue mich auch nicht mehr diesen in den kommenden Stunden zu verlassen. Nach und nach trudelt immer mehr Publikum ein und nach einer guten halben Stunde ist Das Rind mit geschätzten 350 Besuchern auch ziemlich voll.

Die restliche Wartezeit vergeht erstaunlich schnell und während schließlich das Intro zu "Arclight" vom Band läuft, kommt langsam Bewegung auf die Bühne. Mark Jackson platziert sich hinter seinem Schlagzeug, gefolgt von zwei Keyboardern (deren Namen mir leider entfallen sind) und schließlich kommt auch Mr. Harris auf die Bühne. Die eher ruhige und von vielen Instrumentalparts getragene Nummer lässt dem Publikum Zeit sich ein wenig zu akklimatisieren und einzugrooven. Nach einer freundlichen Begrüßung, während der der Sänger zwischen Deutsch und Englisch wechselt, geht es deutlich treibender mit "Kingdom", ebenfalls vom 1999er Album Empires weiter. Ich riskiere einen kurzen Blick hinter mich und bis auf einige wenige Ausnahmen an der Bar wippt der komplette Saal im Takt mit. Danach folgt wieder ein wenig Smalltalk, die eigentliche Erklärung zum Konzept der Clubkonzerte (small, intimate) und einige Worte zu den beiden Alben Empires und Automatic, sowie der freundliche Hinweis "...to turn the fucking flash off...", nachdem der Sänger mehrfach aus unmittelbarer Nähe geblitzt wurde. Mit "Space & Time" gibt es eine schon fast poppige, eingängige Nummer, bei der lauthals mitgesungen und -geklatscht wird. Das Publikum erweist sich allerdings nicht bei allen Stücken als so textsicher, was auch den einen oder anderen Kommentar nach sich zieht. In die gleiche Kerbe schlägt "Darkangel", bei dem ebenfalls der ganze Saal feiert. Der Beat ist hier treibender und dominanter, die Melodien nicht ganz so ausgefeilt, aber dafür extrem tanzbar. Wirklich Bewegungsfreiheit gibt es zwar, vor allem im Bereich direkt vor der Bühne, nicht mehr, aber ich kann mich mit meinen Nebenleuten arrangieren, so dass zu keinen größeren Unfällen kommt.

"Fragments" präsentiert sich dagegen fast ausschließlich mit harten, trockenen EBM-Beats und einigen kurzen Samples, was von einem Teil des Publikum frenetisch gefeiert wird, während der andere, kleinere Teil mit dieser Art der Musik augenscheinlich wenig anfangen kann. Mit einem deutlich verringerten Tempo geht es mit "Further" von der Burning Empires-EP weiter. Die reinrassige Synthiepop-Nummer liefert den Zuschauern eine dringend benötigte Gelegenheit zur Erholung. Mr. Harris nutzt die Gelegenheit ebenfalls, um für einige kurze Minuten ruhig hinter dem Mikrofon zu stehen, anstatt die Bühne unentwegt auf und ab zu marschieren. "Legion", "Streamline" und "Gratitude" liefern die schon bewährte Mischung aus tanzbarem Rhythmus, gefälliger Melodie und einem eingängigem Text. Die Band hängt sich richtig rein, auch die Keyboarder an den Rändern der Bühne geben alles und auch die Zuschauer tanzen, singen und klatschen wild und ausgelassen.
Nach gut einer Stunde markiert "Distant" den emotionalen Ruhepunkt des Konzertes. Orchestrale Klangteppiche untermalen die melancholischen Vocals, während das Schlagzeug zum ersten Mal an diesem Abend komplett schweigt. Lediglich die Blitze und Sucherleuchten einiger Kameras stören die ansonsten großartigen Atmosphäre dieses Stückes. Nahtlos reihen sich "Rubicon" und, das seinerzeit als Single ausgekoppelte, "Standing" an. Zwei meiner persönlichen Lieblinge, die wieder Bewegung in den Saal bringen - der explizite Aufruf zum Tanzen ist dabei eigentlich gar nicht mehr nötig. Leichte technische Probleme gibt es zum ersten (und glücklicherweise einzigen Mal an diesem Abend) bei "Saviour": während die Musik immer lauter wird verschwinden die Vocals fast vollständig hinter den harten, treibenden Beats. Erst gegen Ende des Stückes wird es merklich besser, und der Klang wird wieder ausgewogener, um schließlich beim eigentlichen Höhepunkt des Konzertes wieder in gewohnt guter Qualität aus den Boxen zu dringen. Das Schlagwerk nimmt bei "Control" eine herausragende Rolle ein und prügelt Band und Zuschauer rücksichtslos nach vorne, lediglich unterbrochen von einigen kurzen Keyboardpassagen. Mittlerweile bewegen sich sogar die Leute an der Bar, und wirklich der ganze Saal tanzt ausgelassen und singt (oder eher, schreit) mit. Nach diesen gut sechs Minuten bin ich komplett durchgeschwitzt und merke, dass sich meine Stimme langsam verabschiedet. Da kommt es gelegen, dass sich VNV Nation für eine kurze Pause in den Backstagebereich zurückziehen.

Der zweite Teil des Konzertes beginnt mit "Nova" deutlich ruhiger und konzentriert sich wieder auf gefällige Melodien und eingängige Soundstrukturen. Dies liefert eine beinahe optimale Basis für die Vocals, die ebenfalls lautstark mitgesungen werden (zumindest von den Besuchern, die noch Stimme haben). Gegen Ende werden schließlich die Lichter der Halle komplett herunter gedimmt und die Handy-Taschenlampen im Saal sorgen für beinahe taghelle Beleuchtung. Mit der Club-Version von "Standing" vollzieht die Band einen erneuten Tempowechsel und liefert wieder einen Grund zum hemmungslosen Feiern. Länger, tanzbarer und etwas härter als die ursprüngliche Version wird das Stück gebührend bejubelt – leitet aber auch wieder eine kurze Pause ein, in der Musiker und Publikum kurz durchschnaufen können, bevor es zum Finale geht. Nach einem kleinen Plausch und der erneuten, nachdrücklichen Ermahnung den Blitz an der Kamera abzuschalten folgt "Radio", eine weitere durchaus mainstreamtaugliche, poppige Nummer. Den Abschluss bildet "Resolution", vom 2011er Album Automatic, das alle für die Band typischen Elemente verbindet und einen gelungenen Schlusspunkt unter dieses großartige Konzert setzt. Die vier Musiker lassen sich bejubeln und verabschieden sich artig von der Bühne - mit dem Versprechen in 20 Minuten am Merchandise-Stand wieder aufzutauchen. Leider habe ich am nächsten Tag keinen Urlaub und der Heimweg zieht sich erfahrungsgemäß ziemlich in die Länge. Daher mache ich mich, taub, blind, heiser und mit schmerzenden Füßen langsam auf den Heimweg.

Ich habe, glaube ich zumindest, schon lange keine Band mehr gesehen, die so offensichtlichen Spaß bei ihrer Arbeit hatte. Obwohl VNV Nation am Vorabend praktisch das gleiche Set in der gleichen Location (und sogar teilweise vor den gleichen Leuten) gespielt haben, grinste der Sänger praktisch die gesamte Zeit glücklich vor sich hin. Aber auch über das Gesicht des sonst so stoischen Mark Jackson hinter dem Schlagzeug huschte öfters ein seliges Lächeln. Die Interaktion mit dem Publikum war Ronan Harris augenscheinlich extrem wichtig - er lief permanent die Bühne auf und ab, sprach beinahe jeden in der ersten, zweiten und gar dritten Reihe irgendwann im Laufe des Konzertes persönlich an und schüttelte die hingestreckten Hände. Von den vielen Sängerinnen und Sängern, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, können es tatsächlich nur sehr wenige mit dieser Bühnenpräsenz und dem Charisma aufnehmen. Für mich das eindeutig beste Konzert des Jahres, auch wenn die Konkurrenz in dieser Hinsicht recht stark war.
Die Setlist umfasste bis auf einen Titel das komplette Album Empires und noch einige mehr aus der dazugehörigen EP Burning Empires, während von Automatic, wenn ich richtig mitgezählt habe, drei Stücke fehlten. Diese Werkschau ist ein interessantes Konzept, dass mittlerweile häufiger von Bands genutzt wird um den Zuhörern nicht nur eine "Best-Of"-Show, sondern einen Einblick auf eine bestimmte Schaffensperiode zu bieten. Für mich ist es dabei extrem spannend zu hören, ob manche Stücke auch nach 16 Jahre noch funktionieren – für die Band ist es dagegen eine gute Möglichkeit, den spät hinzugekommenen Fans die alten Sachen live zu präsentieren.

Die kurzfristig auftretenden Probleme mit der Technik hatte die Crew hinter dem Mischpult schnell im Griff – dagegen erwiesen sich die beratungsresistenten Fotografen als wesentlich größerer Störfaktor. Es sollte doch eigentlich jedem klar sein, wie unangenehm es ist, aus wenigen Metern geblitzt oder angestrahlt zu werden – und doch haben es einige Besucher auch nach mehrfacher Aufforderung nicht hinbekommen ihre Blitze auszuschalten. Vor allem in so einem kleinen Rahmen wie dem Rind ist dies für die Künstler, aber auch für die danebenstehenden Besucher extrem lästig.