Dienstag, 11. August 2015

The Tiger Lillies; Palmengarten; Frankfurt

[Konzert] The Tiger Lillies 
Dienstag, 4. August 2015
Palmengarten, Frankfurt

In Frankfurt gibt es nicht wirklich viele schöne Ecken, jedoch gehört der Palmengarten mitten in der Stadt definitiv dazu. Ich hatte diesen Park schon öfters besucht, allerdings nur um die dortige Flora und Fauna zu bewundern. Eher zufällig entdeckte ich dann vor einigen Tagen, dass das Künstlerhaus Mousonturm im Rahmen ihrer "Summer in the City"-Konzertreihe im Musikpavillon des Palmengartens einen Auftritt des Londoner Trios The Tiger Lillies organisiert. Ich kannte die Band bisher nur aus der Konserve, vor allem durch ihre Lovecraft-Adaption Mountains Of Madness, mir wurde jedoch von unterschiedlichen Quellen versichert, dass sie live wirklich gut sind. Die Musik dieser skurrilen Truppe ist schwer zu beschreiben, finden sich doch Elemente der britischen Music-Hall-Tradition, krachige Punkanleihen, Jahrmarktsklänge, osteuropäische Straßenmusik, klassische Einflüsse und eine ganze Reihe anderer Versatzstücke mehr. So machte ich mich mitten in der Woche kurzentschlossen auf den Weg in die Bankenstadt um zu überprüfen, ob die Empfehlungen meiner Bekannten den Tatsachen entsprechen.

Der Berufsverkehr war schon weitgehend abgeflossen und für die Nachtschwärmer war es noch zu früh, daher blieb mir der schon obligatorische Stau in der Stadt erspart. Die Parkplatzsituation rund um den Palmengarten ist, wie überall in der Stadt, grenzwertig, daher wählte ich die einfachste Lösung und fuhr direkt in die Tiefgarage des Parks, wo erfreulich viele Stellplätze (zu einem moderaten Preis) zur Verfügung standen. Nun musste ich mir nur noch ein Ticket besorgen und den Musikpavillon finden. Dank der guten Organisation war beides keine sonderlich große Herausforderung und ich erreichte den Pavillon gut zwanzig Minuten vor Beginn des Konzertes. Dieser stellte sich als muschelförmige Betonkonstruktion auf einer Lichtung heraus, um die im Halbkreis zahlreiche Bänke angeordnet waren. Die umstehenden Bäume ließen vergessen, dass man sich hier mitten in einer der größten deutschen Städte befand und sorgten für eine sehr ruhige, entspannte Atmosphäre.
Natürlich waren schon die meisten Bänke besetzt und in guter deutscher Tradition lagen auf den noch freien Sitzgelegenheiten entweder Decken, Kissen oder andere Dinge um das Territorium zu markieren. Nach einigem Fragen und kurzer Suche fand ich schließlich doch noch eine Bank, deren Besatzer bereit waren etwas näher zusammen zu rücken, um mir auch noch ein bisschen Platz zu machen.

Selbst mit einem flüchtigen Blick durch die Reihen ließen sich die erfahrenen Besucher auf den Bänken erkennen: bequeme Kissen, wohl gefüllte Picknickkörbe oder gar Kühlboxen und eine reichhaltige Auswahl an unterschiedlichsten Alkoholika und Leckereien. Ich dagegen musste mich mit einer schnöden Cola und einer Brezel auf einer harten, ungepolsterten Bank begnügen. Dennoch hatte ich keinen Grund mich zu beschweren, mein Platz war schön zentral vor der (gar nicht so kleinen) Bühne gelegen, die Atmosphäre war angenehm locker und sogar das Wetter hatte sich endlich stabilisiert. Bis zum Auftritt waren es immer noch einige Minuten Zeit und so hatte ich die Gelegenheit meine Umgebung und vor allem das Publikum näher in Augenschein zu nehmen. Dieses präsentiert sich wild gemixt, vom Frankfurter Bildungsbürgertum im Rentenalter über offensichtlich fanatische The Tiger Lillies-Fans, einige davon sogar extra aus der Ukraine angereist, bis hin zu ganz normalen Musikfreunden, die neugierig auf ein außergewöhnliches Konzert waren. 
 
Nach einer kurzen Anmoderation trat, pünktlich um 20 Uhr, die Band auf die Bühne und legte mit „Roll Up“ die musikalische Ausrichtung des Abends fest. Akkordeon, Bass und Schlagzeug unterlegten den Falsett-Gesang von Martyn Jacques, der gelegentlich von seinen beiden Kollegen Adrian Stout und Mike Pickering im Refrain unterstützt wurde. Das folgende „Dribble“ kam sogar nur mit Gesang, Bass und Percussion aus und steigerte sich deutlich im Tempo, bis der Text nur noch aus einer Aneinanderreihung von Lauten bestand. Sehr schön war es zu diesem Zeitpunkt die etwas verstörten Gesichter einiger Besucher zu betrachten, die sich offensichtlich fragen, auf was sie sich hier eingelassen hatten und wahrscheinlich gerne ganz woanders wären. Deutlich ruhiger ging es bei der epischen Psychokiller-Ballade „Maria“ zu, in der explizit erklärt wurde, was der Psychopath mit seinem Opfer anstellt. Neben sehr spärlicher Instrumentierung wechselte Mr. Jacques hier zwischen seinem normalen, hohen Gesang und deutlich tieferen Tonlagen. Es folgte das ähnlich düstere „Billys Blues“ und mit „Terrible“ eine ungewöhnlich schnelle Nummer, bei der auch eine selbstgebaute Ukelele zum Einsatz kam. Einen krassen Schnitt was Tempo und Stimmung angeht macht die Band anschließend mit „Rosa With Three Hearts“, bei der es ausnahmsweise nicht um Gewalt, Sex oder Drogen geht, sondern einfach nur um die Geschichte einer herzensguten Frau, die an ihrer Umgebung zerbricht. Zum ersten Mal an diesem Abend kamen bei „Teardrops“ das Klavier und die singende Säge zum Einsatz, die dem Stück einen sehr eigenen, melancholischen Klang verliehen, vielleicht das intensivste Stück des Konzertes. Deutlich lockerer und entspannter ging es dann mit „Another Glass Of Wine“ weiter, das von einer fröhlichen Zechtour durch die Kneipen erzählt und durchaus als Vaudeville- oder Music Hall-Nummer durchgehen würde. Vor allem das lustig klimpernde Klavier lockerte nach den vorangegangenen eher finsteren Stücken die Atmosphäre merklich auf.

Und damit verabschiedete sich die Band dann auch nach gut 45 Minuten für eine kleine Pause von der Bühne. Ich nutzte die Gelegenheit mich ein wenig zu strecken und mir die Beine zu vertreten. Die Bänke waren alles andere als ergonomisch und die beengten Verhältnisse waren Gift für meinen geplagten Rücken. Nachdem sich The Tiger Lillies langsam wieder auf der Bühne einfanden, wurde offensichtlich, dass einige Zuschauer die Pause genutzt hatten um sich diskret abzusetzen. Was natürlich den Vorteil hatte, dass ich meinen etwas beengten Platz verlassen konnte und auf die Bank vor mir wechselte, deren vorige Besitzer das Weite gesucht hatten.

Eröffnet wurde der zweite Teil des Sets mit „Russians“, das angeblich vor fast 20 Jahre in Frankfurt geschrieben wurde und auf dem dortigen Flohmarkt am Mainufer angesiedelt ist. Mit „Getting Old“ und „Kick A Baby“ ging es zwar musikalisch deutlich lockerer weiter, die Texte ließen sich jedoch selbst mit viel gutem Willen nur als boshaft und zutiefst zynisch beschreiben. Der Daumenlutscher Konrad des Frankfurter Arztes Heinrich Hoffmann, dem einen oder anderen vielleicht bekannt aus Der Struwwelpeter war die Hauptfigur in „Snip Snip“. Der 4/4-Takt des Stücks hatte seine Wirkung auf die Besucher und tatsächlich wippten einige, bis dahin eher reservierte Zuschauer mit. Das dies noch steigerungsfähig war bewies die Band beim folgenden „Bully Boys“, bei dem sogar zwei wagemutige Damen ihre Plätze verliessen und vor der Bühne tanzten. Sicherlich eines der eingängigsten Stücke der Band, das, wie auch das vorangegangene Lied, vom Album Shockheaded Peter stammt. Nach diesem kurzen Ausflug in lockere musikalische Gefilde wurde mit „Thousand Violins“ ein weiterer Ruhepunkt gesetzt, bei dem Martyn Jacques recht eindrucksvoll seine gesanglichen Fähigkeiten ausschöpfen konnte. Dagegen ging es bei „Gypsy Lament“ und „Banging In The Nails“ wieder mit deutlich mehr Tempo zur Sache und die Stimmung bei den Zuschauern lockerte merklich auf, bis es dann bei den Obszönitäten die sich im Text von „Sailor“ tummelten wieder einige irritierte Blicke aus den Zuschauerrängen gab. Auch Adrian Stout, der mit seinem Bass kopulierte und dabei gleichzeitig das Theremin spielte schien einige Besucher zu verstören. Für das letzte Stück des Konzertes sollten die Zuschauer Vorschläge machen, erstaunlich schnell waren mit „Crack Of Doom“, „Flying Robert“ und „Gin“ drei Stücke für die nähere Auswahl gefunden, von denen sich „Crack Of Doom“ vom 1999er Album Bad Blood And Blasphemy deutlich in einer Stichwahl durchsetzen konnte. Hier gab die Band noch einmal richtig Gas und tatsächlich erhoben sich einige Zuschauer um mitzuklatschen und sich im Takt zu bewegen.

Aus organisatorischen Gründen endete damit das Konzert ziemlich genau um 22.00 Uhr, ohne dass die Band für die lautstark geforderte Zugabe zurück auf die Bühne kam. Ein guter Teil der Zuschauer strömte danach rasch dem Ausgang entgegen, während sich die übrig Gebliebenen noch auf einen letzten Absacker vor dem Palmenhaus trafen oder sich um den Merchandise-Pavillon drängten. Hier hatten sich mittlerweile auch die drei Musiker eingefunden, signierten CDs, standen für Fotos bereit und fanden auch noch Zeit für ein kurzes Schwätzchen. Nachdem ich zwei fehlende Alben für meine Sammlung, The Rime Of The Ancient Mariner und das aktuelle A Dream Turns Sour, erstanden hatte, reihte ich mich auch in die Schlange ein, damit die Musiker ihre Unterschrift geben konnten. Schließlich hatte ich die drei Autogramme und machte mich auf den Weg in die Tiefgarage des Palmengartens und anschließend auf den Heimweg.

Ich hatte nicht erwartet solch ein stimmiges und entspanntes Ambiente für ein Konzert im Palmengarten vorzufinden und war doch sehr angene

hm überrascht. Auch der Sound war erstaunlich gut, bei meinen letzten Konzertbesuchen hatte ich in dieser Hinsicht deutlich weniger Glück gehabt. Sehr interessant war es auch die etwas pikierten Reaktionen einiger Besucher angesichts der Mischung aus Obszönitäten, Gewaltfantasien, Alkohol- und Drogenverherrlichung, (käuflichem) Sex und den generell abseitigen Aspekten des Lebens die Martyn Jacques in den Texten der Stücke verarbeitet, zu beobachten. Jedoch hatten die meisten Leute an dem Auftritt durchaus ihren Spaß und genossen das außergewöhnliche Konzert. Es dauert zwar bis zum zweiten Teil des Sets bis die Zuschauer ihre Zurückhaltung etwas aufgaben, was aber auch an der Auswahl der Stücke gelegen haben könnte. 
Während die Instrumentierung mit Bass, Gitarre, Klavier und Schlagzeug soweit nicht ungewöhnlich war, gaben Maultrommel, singende Säge, Theremin, eine selbstgebaute Ukelele, ein Luftballon und natürlich das charakteristische Akkordeon vielen Stücken eine ganz individuelle Note, die zumindest ich, in dieser Form noch nicht gehört habe. Auffällig war zudem, dass nur wenige neuere Stücke im Set berücksichtigt wurden, die meisten Titel waren 15 Jahre oder älter. 

Wer sie auf der aktuellen Tour verpasst hat muss sich nicht grämen. Im September und Oktober sind The Tiger Lillies wieder in Frankfurt. Dort wirken sie als Gäste des Schauspiel Frankfurt bei der Aufführung von Die Geschichte vom Franz Bieberkopf, einer Theaterversion des Klassikers Berlin Alexanderplatz mit.

Donnerstag, 30. Juli 2015

Amphi 2015; Lanxess Arena; Köln

[Festival] Amphi
25.-26. Juli  2015 
Lanxess Arena,Köln

Eigentlich bin ich kein wirklicher Freund von Festivals und besuche lieber Konzerte einzelner Bands. Lediglich bei den kleineren, regionalen Veranstaltungen wie beispielsweise dem Binger Open Air oder der Folklore in Wiesbaden schaue ich gelegentlich vorbei. Eher spontan entschloss ich mich trotzdem, in diesem Jahr mit dem Amphi doch noch eine größere Veranstaltung der schwarzen Szene zu besuchen. War das Festival in den vorangegangenen Jahren am Kölner Tanzbrunnen beheimatet, so mussten sich die Veranstalter aus verschiedenen Gründen für 2015 eine neue Örtlichkeit suchen. Ein Ausweichplatz fand sich, nur wenige hundert Meter entfernt, in der Lanxess Arena, einem Hallenkomplex der für die unterschiedlichsten Events genutzt wird.

Campen war für mich keine Option, und so machte ich mich kurzfristig auf die Suche nach einem Hotel, möglichst in der Nähe des Festival-Geländes. Sowohl das Dorinth wie auch das Radisson Blu kannte ich von mehreren Messebesuchen und von beiden Hotels ließ sich die Arena bequem zu Fuß erreichen. Während das eine Hotel schon ausgebucht war, gab es im anderen noch Kapazitäten, und so orderte ich kurzentschlossen ein Zimmer, auch wenn mir die Preise (selbst ohne Frühstück) die Tränen in die Augen trieben.

Die Anreise verlief angenehm ereignislos und auch kostengünstige Parkplätze in der Nähe des Hotels waren in ausreichender Menge vorhanden. Das Einchecken stellte sich zwar als etwas kompliziert heraus, funktionierte dann aber schließlich noch irgendwann. Während ich in der Lobby des Hotels wartete, hatte ich Zeit die anderen Gäste zu beobachten, die sich hier aufhielten. Sehr schön waren die Blicke, welche die Geschäftsleute und Besucher der nahen Messe den Grufties zuwarfen, die in Lack, Leder, Spitze und Uniform durch die Halle liefen. Nachdem ich dann doch irgendwann mein Zimmer beziehen konnte und das Gepäck sicher verstaut hatte, machte ich mich auf den Weg in die Stadt um ein wenig zu konsumieren. Auch hier war es interessant die Reaktionen der Einwohner und Touristen auf die schwarz gewandeten Gestalten zu beobachten die schon in großer Zahl die Fußgängerzone heimsuchten. Nach einer Runde Extrem-Shopping hatte sich meine Barschaft schon bedenklich gelichtet und ich machte mich langsam auf den Weg zurück ins Hotel. Dabei nahm ich einen winzigen Umweg in Kauf und stattete dem Festival-Gelände einen kurzen Besuch ab, um mir mein Eintrittsband für den nächsten Tag zu sichern und mich vorab etwas zu orientieren. Gerne hätte ich mir auch schon ein Programmheft zur besseren Planung mitgenommen, doch leider waren diese noch nicht erhältlich.

War der Freitag noch sonnig und bei Temperaturen um die 30 Grad durchaus sommerlich gewesen, so zeigte mir ein Blick aus dem Fenster am Samstag morgen, dass wohl der Herbst über Nacht Einzug gehalten hatte. Dicke, schwere Wolken hingen über der Stadt und die ersten Tropfen klatschten gegen das Fenster meines Zimmers. Auch die Bäume auf dem Parkplatz bogen sich unter den gelegentlichen Windböen bedenklich. Da ich mir diesmal ausnahmsweise das Frühstück im Hotel sparen wollte, machte ich mich zuerst in Richtung des hiesigen Supermarktes auf, um einige Vorräte zu ergänzen. Zwischenzeitlich verstärkte sich der Regen etwas und auch der Wind frischte merklich auf. Dennoch ging es, nach einem kurzen improvisierten Frühstück, in die nahegelegene Arena. Ob es an der frühen Uhrzeit oder am bescheidenen Wetter lag, konnte ich nicht sagen, auf jeden Fall hielt sich der Besucherandrang in einem sehr überschaubaren Rahmen. Die Kontrolle an den Gittern nahm, zumindest bei mir, nur wenig Zeit in Anspruch und ich konnte das Gelände betreten und mich orientieren, kannte ich die Lanxess Arena doch bisher nur von außen. Über dem Eingang lachte mir ein knallbuntes Konzertplakat von Violetta, einem Retortenstar aus dem Disney-Konzern entgegen, auch mit Ankündigungen für Howard Carpendale, Mario Barth oder die Bläck Fööss wurde nicht gegeizt, was so gar nicht zur Atmosphäre eines "schwarzen" Festivals passen wollte. Bevor ich mich jedoch weiter umsehen konnte wurde ich von einer Lautsprecherdurchsage aufgefordert mich auf Grund eines aufkommenden Unwetters in der Halle in Sicherheit zu bringen. Kurz darauf wurden weite Teile des Außenareals komplett abgesperrt und die Zelte standen mit flatternden Planen traurig und verlassen im Regen. So blieb mir nichts anderes übrig, als mich in den Rundgang zu begeben der um die Arena herum lief. Neben einigen Merchandise-Ständen waren es vor allem die zahlreichen festinstallierten Essens- und Getränkeanbieter die, nicht unbedingt positiv, auffielen. Nachdem ich mir am Info-Stand endlich ein Programm besorgt hatte, wollte ich dem derben Gebolze auf den Grund gehen, das aus den geöffneten Türen zur "Arena Stage" drang. Bis zum Auftritt von Schöngeist, eigentlich der erste Act des Tages, war noch fast eine Stunde Zeit, und dennoch stand dort eine Band auf der Bühne und spielte vor einer Handvoll Zuschauer. Es dauerte ein paar Minuten, bis ich Centhron identifizieren konnte, die eigentlich erst viel später am Tag draußen auf der "Green Stage" spielen sollten. Wenn es eine entsprechende Ansage gab, so war sie komplett an mir vorbei gelaufen und auch auf den zahlreichen Monitoren im Hallenbereich war keine Programmänderung zu sehen. Irgendwann kam dann auch die Durchsage, dass wegen der Unwetterwarnung der Außenbereich vorerst gesperrt blieb und die Lesung von Christian von Aster auf den Sonntag verlegt werden sollte. Zu den anderen Auftritten gab es zu diesem Zeitpunkt noch keine weiteren Informationen und da Schöngeist nicht unbedingt meinen musikalischen Geschmack trafen, machte ich mich wieder auf den Weg nach draußen.
Mittlerweile waren deutlich mehr Besucher auf dem Amphi eingetroffen und mangels Ausweichmöglichkeiten drängten sie sich praktisch alle im Rundgang, der um die Arena führte. So schoben sich die Besucher langsam in die eine oder andere Richtung, wobei Spurwechsel schon bald nicht mehr ohne den Einsatz von Ellenbogen oder Stiefeln möglich waren. Nachdem ich einige Bekannte getroffen hatte, gaben diese mir den Tipp, doch einmal in die Magistrale, ein Nebengebäude, zu gehen und mir dort die Auslagen der Stände anzuschauen. Tatsächlich war es hier deutlich leerer als in der eigentlichen Halle, was damit zu tun haben könnte, dass es weder Schilder noch andere Hinweise gab, die auf diesen Teil des Festivals hindeuteten. Nachdem ich mich ein wenig umgeschaut hatte, wagte ich noch einen Abstecher in die Arena, wo mittlerweile Chrom dabei waren vor vollem Innenraum und gut besetzten Rängen zu spielen.
Zwischenzeitlich verspürte ich nun doch ein kleines Hüngerchen, daher setzte ich mich ernsthaft mit dem Angebot der Caterer in der Halle auseinander. Hier gab es fast ausschließlich Junkfood zu durchaus sportlichen Preisen und für Vegetarier oder gar Veganer blieb fast nur die Möglichkeit auf Pommes frites auszuweichen. Nach einem kurzen Rundgang entschied ich, dass ich nicht soooo hungrig war, dass ich 3,90 Euro für einen Burger, der offensichtlich schon mehrere Stunden unter einer Hitzelampe gelegen hatte, ausgeben würde. Daher begnügte ich mich mit einer (abgestandenen) Cola und nahm mir vor, nachher in einem der zahlreichen Fastfood-Läden in unmittelbarer Umgebung der Halle meinen Bedarf an Fett, Zucker und Kohlehydraten zu decken.

Da mir das weitere Gedränge mittlerweile gewaltig auf den Nerv ging, verabschiedete ich mich zurück ins Hotel, mit einem kleinen Umweg über eine nahe gelegene Imbiss-Bude. Im Hotel überbrückte ich die Zeit bis zu den nächsten interessanten Konzerten, indem ich mitgebrachten Schreibkram erledigte und zwischendurch immer wieder einen Blick auf die Internet- und Facebook-Präsenz des Festivals warf, doch auch hier waren die Informationen bestenfalls vage oder widersprüchlich. Kurz vor 16 Uhr startete ich dann einen zweiten Anlauf. Das Wetter hatte sich nur unwesentlich beruhigt und auch die Unwetterwarnung war noch in Kraft, aber ich wollte mir zumindest die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mir ein Autogramm von Der Fluch zu holen. Nach einigem Suchen fand ich sogar die Stelle, wo die Band sich niedergelassen hatte, auch hier wäre eine bessere Ausschilderung sicherlich hilfreich gewesen. Da sich nicht viele Besucher auf diesen Teil des Festivals verirrt hatten, blieb mir wenigstens Zeit für ein kleines Schwätzchen mit Deutscher W., dem Sänger der Band. Auch er hatte zu diesem Zeitpunkt keinerlei Informationen wann, wo und ob sie überhaupt auftreten würden. Auf den Gängen und im Netz machten immer mehr Gerüchte die Runde, dass beispielsweise das Außengelände am Samstag gar nicht mehr freigegeben würde, der Auftritt von Neuroticfish komplett gestrichen wäre und noch einige andere unschöne Dinge. Offizielle Informationen vom Veranstalter waren weiterhin Mangelware und die aushängenden Programme schon lange überholt.
Danach hatte ich wieder ein wenig Lust auf Musik, deswegen war ich schließlich ja nach Köln gekommen. Daher traf es sich recht gut, dass auf der "Arena Stage" grade The Crüxshadows aus Florida ihr Set starteten. Optisch konnte die Band wieder voll überzeugen, aber der Sound war teilweise grenzwertig. Die Bässe waren im Innenraum kaum erträglich, während die Vocals stellenweise nicht vorhanden waren. Mit ähnlichen Problemen hatten zwar bisher alle Bands zu kämpfen gehabt, die ich auf dieser Bühne gesehen hatte, aber hier war es dann doch etwas extrem.
Mittlerweile kam von offizieller Seite die Bestätigung, dass heute im Außenbereich keine Konzerte mehr stattfinden würden. Aber der Veranstalter versprach alles zu tun, damit die Bands auftreten konnten. Das tröstete zwar ein wenig, änderte aber nichts an der Tatsache, dass ich zwei Bands auf jeden Fall verpassen würde.
Nach einer kurzen Umbaupause folgten die EBM-Pioniere von DAF, mit denen ich persönlich nicht wirklich etwas anfangen kann. Aber immerhin gelang es ihnen, so etwas wie Stimmung in der Halle aufkommen zu lassen. „Sato-Sato“, „Der Räuber und der Prinz“ oder auch „Der Mussolini“ sorgten für tanzende und feiernde Menschen vor der Bühne und zumindest höfliches Interesse der Besucher auf den Rängen. Auch hier war der Sound zu Beginn nicht optimal, wurde aber im Laufe des Auftritts deutlich besser. Mit rund 70 Minuten wurde der Band dann auch die bisher längste Spielzeit an diesem Festivaltag eingeräumt. Und als besonderes Schmankerl für die Fans kündigte Sänger Gabi Delgado an, dass die erst im Januar bestätigte Trennung der Band hinfällig wäre und die beiden weiter zusammen Musik machen wollten.
Nachdem ich schon auf Neuroticfish und Der Fluch verzichten musste (ich habe es schon mehrfach erwähnt), war ich froh, dass wenigstens die Kanadier von The Birthday Massacre wie geplant auftreten würden. Und so blieb ich gleich in der Halle, wechselte aber vom Innenraum hoch auf den Rang ans gegenüberliegende Ende der Arena wo es noch reichlich freie Sitze gab und ich die Füße etwas hochlegen konnte. Wie zu erwarten lag der Fokus des, deutlich gekürzten, Sets auf den Stücken des aktuellen Albums Superstition. Die Show, die Sängerin Chibi und ihre fünf Mitmusiker ablieferten war dann auch das Beste, was ich bisher an diesem Tag gesehen hatte. Leider war nach rund 40 Minuten aber schon Schluss und ich machte mich auf die Suche nach etwas Frischluft und einer kleinen Stärkung.
Die Unwetterwarnung war immer noch nicht aufgehoben, daher waren nur wenige, kleine Außenflächen freigegeben und mit Gitterwänden gesichert worden, so dass sich der geneigte Besucher doch ein wenig eingesperrt vorkam. Die Windböen und Regenschauer taten dann auch ihr übriges, mich wieder schnell in die Halle zu treiben. Doch auch in der Halle seine Runden ziehen und zum wiederholten Male die Auslagen der Stände zu begutachten war auf Dauer nicht wirklich spannend, so dass ich schließlich kurz darauf dem Festival ein zweites Mal an diesem Tag den Rücken kehrte. Diesmal war mein Ziel nicht das Hotel, sondern ein nahe gelegenes Brauhaus, das für seine deftige, regionale Küche bekannt (und berüchtigt) ist. Nach einem exzessiven Abendmahl hatte sich das Wetter erstaunlicherweise stabilisiert, der Regen war fast völlig verschwunden und auch der Wind war auf ein akzeptables Maß zurück gegangen. Kurz spielte ich mit dem Gedanken noch einmal aufs Festivalgelände zurückzukehren, um wenigstens noch Front 242 und And One zu sehen, doch die einsetzende Fressnarkose zwang mich geradezu ins Bett, wo ich auch fast direkt einschlief.

Der Sonntag startete deutlich freundlicher, die Wolken hatten sich komplett verzogen und der Wind war, bis auf ein leichtes Säuseln, nicht mehr vorhanden. Da die Unwetterwarnung schon am gestrigen Abend aufgehoben worden war, stand einem angenehmeren zweiten Festivaltag nichts mehr entgegen.
Die Veranstalter hatten noch spät am Samstag eine neue Running Order veröffentlicht und bemühten sich, wie versprochen, so viele Bands vom Vortag wie nur irgend möglich auf den drei Bühnen unterzubringen. Natürlich nicht Neuroticfish und Der Fluch, weswegen ich eigentlich ja hier war; schade, aber nicht zu ändern. Auch die Lesung von Christian von Aster wurde klammheimlich unter den Tisch fallen gelassen.
Das Festivalgelände machte am zweiten Tag dann auch einen völlig anderen Eindruck: die zahlreichen Zelte mit Klamotten, CDs und verschiedensten Getränken und Lebensmitteln hatten geöffnet und die zarten Sonnenstrahlen ermöglichten das in der Szene so beliebte Flanieren über das Gelände. Hier konnte sich der Betrachter dann auch an der ganzen Vielfalt der dunklen Gestalten ergötzen: traditionelle Goths mit toupierten Haaren und Pikes, die Damen und Herren der EBM-Fraktion in voller Kampfmontur, die farbenfrohen Cyberpunks mit den auffälligen Kunststoff-Dreadlocks, aufwändige viktorianische Kostüme und natürlich viele Leute in Lack-, Leder- und Fetisch-Klamotten.
Diesmal wollte ich den Tag nutzen, um möglichst viele Eindrücke vom Amphi mitzunehmen. Schon weit vor dem Mittagessen beschallten [:SITD:] und die Patenbrigade: Wolff mit teils derben Beats die Halle, doch hier hatte ich gestern schon genug Zeit verbracht und so schlenderte ich lieber noch ein wenig über das Gelände um mich mit einigen CDs einzudecken. Das erste Konzert, was für mich an diesem Tag auf dem Programm stand, waren die Pagan-/Goth-Rocker Inkubus Sukkubus, die auf der kleinen „Orbit Stage“ spielten.
Wer auch immer für den Standort dieser Bühne verantwortlich war, hatte sich wahrscheinlich vorgenommen, diesen Platz so ungemütlich wie möglich zu gestalten. Vielleicht 50 Meter hinter der Bühne, also im direkten Sichtfeld der Zuschauer, fuhren im Minutentakt die Züge der Deutschen Bahn, linker Hand befand sich einer der wichtigsten Durchgänge des Festivals, wollte man nicht durch die Halle laufen. Rechts endete das Gelände an einem der beliebten Gitterzäune und auch nach hinten gab es nicht viel Platz um auszuweichen. Das alles auf hartem Betonboden, der längeres Stehen zu einer Tortur machte und garniert mit einem kleinen Bäumchen, das den Blick auf die Bühne zusätzlich einschränkte.
Der erste Teil des Sets wurde nur von zwei akustischen Gitarren bestritten, die Candias großartige Stimme unterstützten. Beim zweiten Teil wurden dann die Stromgitarren ausgepackt, wobei Drums und Keyboards aus der Konserve kamen, und ich würde fast soweit gehen und behaupten, dass Bass und Gitarre ebenfalls nicht live waren. Alles in allem kein schlechter Auftritt, aber in diesem Fall hätte ich doch „handgemachte“ Musik und kein Halbplayback bevorzugt.
Bis zum Auftritt der Creepshow hatte ich noch ein wenig Zeit und wollte einen Blick auf die „Green Stage“ werfen. Hier ballerten sich grade die Damen und Herren von Pokémon Reaktor fröhlich durch ihr Set. Dem Publikum schien es zu gefallen, doch ich musste mich beeilen, wollte ich mir den Auftritt der kanadischen Psychobillies nicht verpassen. Da das Frühstück morgens ausgefallen war gab es auf dem Weg ein koffeinhaltiges Kaltgetränk (diesmal mit Kohlensäure) und eine mehr oder minder leckere Wurst als Proviant. Die Preise bewegten sich zwar auf unverändert hohem Niveau, aber immerhin war die Auswahl nun deutlich größer und appetitlicher. Anscheinend hatte ich zu lange getrödelt, denn als ich wieder an der „Orbit Stage“ ankam, war das Konzert schon in vollem Gange. Sängerin Kenda wirbelte wild über die kleine Bühne und der Reverend malträtierte seine Orgel. Bass und Gitarre wurden offensichtlich auch gespielt, doch davon kam erstaunlich wenig aus den Boxen. Da sich doch überraschend viele Leute den Auftritt ansehen wollten war der Durchgang links der Bühne komplett blockiert und ich musste einen weiten Umweg in Kauf nehmen, um schließlich doch einen einigermaßen vernünftigen Blick auf die Band zu bekommen. Obwohl sie auf den ersten Blick etwas deplatziert auf diesem Festival wirkte gingen die Zuschauer doch gut mit und feierten die Band ordentlich.

Bis zum nächsten, für mich, interessanten Auftritt hatte ich noch ein wenig Zeit und so schlenderte ich von Bühne zu Bühne um mir ein paar Eindrücke von Sonja Kraushofer mit ihrem klassischen Musikprojekt, den Veteranen Das Ich mit einem offensichtlich gut aufgelegten Stefan Ackermann und den Rockern Darkhaus zu holen. Nachdem letztere mit ihrem Set fertig waren blieb ich gleich an der "Green Stage", sollte hier doch gleich der Auftritt von Qntal stattfinden. Sigrid Hausen, Michael Popp und ihre Mitmusiker mischen mittelalterliches Liedgut mit moderner Instrumentierung und gaben mit ihrem Konzert einen schönen Überblick über die Bandgeschichte, einschließlich meinem persönlichem Favoriten, dem "Palästinalied". Sowohl musikalisch wie auch optisch für mich der bisherige Höhepunkt des Festivals und immer wieder ein großartiges Erlebnis. Bevor die nächste Band auf mich wartete, wollte ich noch ein wenig dem Konsum frönen und konnte tatsächlich noch ein wenig Band-Merchandise ergattern, bevor es auch schon mit dem nächsten Konzert weiterging.
Die Damen und Herren von Welle: Erdball sind immer wieder ein Garant für ausgelassene Stimmung und niveauvolle Unterhaltung, daher war es nicht überraschend, dass praktisch das komplette Gelände vor der "Green Stage", trotz der wieder aufziehenden Regenwolken, gefüllt war. Eine gute Stunde lang präsentierte das Quartett ein Potpourri ihrer größten Erfolge einschließlich solch musikalischer Perlen wie "VW-Käfer", "Schweben, Fliegen, Fallen" oder "Starfighter F104G", komplett mit riesigen Ballons, Papierfliegern und einer Trommeleinlage auf dem Ölfass. Für mich sind die Konzerte der Band immer wieder ein Highlight, alleine der Atmosphäre wegen, die im Publikum herrscht. Während anschließend das Equipment von Samsas Traum aufgebaut wurde fielen die ersten Tropfen und nach wenigen Minuten hatte sich der leichte Regenguss in einen kräftigen Schauer verwandelt. Schließlich wurde es mir doch zu nass und ich ging wieder in die völlig überfüllte Arena zurück, wo Oomph! für Stimmung sorgten.
So kam ich wenigstens trockenen Fußes wieder hinüber zur „Orbit Stage“, wo sich Rome auf ihren Auftritt vorbereiteten. Der Regen hatte sich zwar ein wenig abgeschwächt, dennoch waren vor der Bühne praktisch nur Schirme zu sehen, hinter denen man vage die Band erkennen konnte. Ich arbeitete mich weiter nach vorne, immer bemüht, dass mir niemand die Augen ausstach. Schließlich hatte ich ein lauschiges Plätzchen vor der Bühne gefunden und konnte in Ruhe das Konzert der Luxemburger genießen. Geboten wurde dann auch fast eine Stunde lang Neo-Folk vom Feinsten mit eingängigen Melodien, düsteren Texten und der dazu passenden Stimmung.
In freudiger Erwartung des Abschlusskonzertes machte ich mich schließlich auf den Weg in den Innenraum der Lanxess Arena. Obwohl The Misison noch immer spielten waren Halle und Ränge halb leer. Wayne Hussey, Frontmann und Sänger der Band, war kaum in der Lage einen Ton zu treffen, was durch eine Grippe-Erkrankung bedingt war, glaubt man Band und Konzert-Veranstalter. Nachdem hier die letzten Takte verklangen waren leerte sich die Halle schlagartig, da jeder noch schnell etwas zu erledigen hatte, bevor endlich das große Finale beginnen konnte. Ich nutzte die Gelegenheit und suchte mir ein Plätzchen schön zentral vor der Bühne gelegen und behauptete dies später auch tapfer gegen Nachzügler. Während der Umbaupause füllte sich die Halle immer mehr, bis schließlich gegen 21.30 Uhr kein freier Platz mehr zu bekommen war. Besucher, die den Fehler machten die Halle jetzt noch für einen kurzen Toilettenbesuch zu verlassen wurde der Eintritt verweigert und auch sonst fanden nicht alle Besucher Zugang zur Arena.
Schließlich war es soweit und nach einer letzten Moderation betraten VNV Nation, verstärkt von zwei Keyboardern, die Bühne der „Arena Stage“. Auch Ronan Harris hatte zu Beginn teilweise massive Probleme mit der Stimme, allerdings war er recht gut in der Lage die Situation zu überspielen und nach dem zweiten oder dritten Lied traf er dann auch endlich die richtigen Töne. Musikalisch bot die Band in rund 75 Minuten eine Mischung aus alten und neuen Stücken, und auch der eine oder andere ungewöhnliche Track schaffte es in die Setlist. Was wirklich begeistern konnte war jedoch die Art, wie der Sänger das Publikum im Griff hatte und es auch in die Show mit einbezog, von der Welle, die mehrfach durch die ganze Halle lief bis hin zu den Feuerzeugen (!) die bei manchen Stücken zum Einsatz kamen. Ein rundum großartiger Auftritt, der den hervorragenden Ruf von VNV Nation als Live-Band untermauert und doch einen versöhnlichen Abschluss für das stellenweise holprige Festival bot. Schließlich war es schon kurz nach 23.00 Uhr und der Ruf nach einer Zugabe musste ungehört verhallen. Unerbittlich flammten die Hallenscheinwerfer auf und beleuchteten, das Chaos aus Getränkebecher, Bierpfützen, Müll und erschöpften Menschen innerhalb der Arena.
Eine Aftershow-Party war, meines Wissens nach, nicht geplant und auch die Stände hatten schon alle geschlossen, so dass noch nicht einmal ein Absacker auf dem Gelände möglich war. So strömte ich dann, zusammen mit den anderen Besuchern, im Nieselregen aus der Arena und machte mich, müde, durstig und mit einem verdächtigen Fiepen im Ohr auf den Rückweg zum Hotel, der mir diesmal viel länger vorkam.

Für das wirklich bescheidene Wetter und die damit verbundenen Einschränkungen, vor allem am Samstag, tragen die Veranstalter selbstverständlich keine Verantwortung. Doch hätten sie das Kommunikationssystem der Halle durchaus dazu nutzen können, die Besucher über die Ausfälle und Verlegungen zu informieren. So kam es mir wie Hohn vor, dass auf den Monitoren der Auftritt von Neuroticfish angekündigt wurde, obwohl dieser schon lange abgesagt war. Auch die Hinweise auf die Magistrale mit ihren schicken Verkaufsständen oder den Autogramm-Bereich waren nur schwer zu finden. Zumal nicht jeder Besucher wusste, dass es überhaupt ein Programmheft mit Lageplan gab. Alleine dieses Heftchen zu bekommen stellte sich als schwierige Aufgabe heraus, und auch allgemeine Fragen konnte das, immerhin freundliche und bemühte, Personal am Infostand, nicht, falsch oder nur rudimentär beantworten.
Praktisch bei jeder Anmoderation wiesen die Veranstalter darauf hin, dass zumindest der Samstag hätte abgesagt werden müssen, wenn das Festival wie in den Vorjahren am Tanzbrunnen stattgefunden hätte. Das ist natürlich richtig und für die logistische Schwerstarbeit bei der improvisierten Running Order gebührt den Organisatoren ein wirklich dickes Lob. Allerdings ändert dies nichts an der Tatsache, dass die Lanxess Arena nichts anderes ist, als eine durchkommerzialisierte Bespaßungsanstalt ohne Charme, Charakter oder Atmosphäre. Sie hat zwar unbestreitbare Vorteile was sanitäre Einrichtungen und Sitzgelegenheiten angeht, eine wirkliche Festivalstimmung wollte sich aber, zumindest bei mir, in diesem sterilen Ambiente nicht einstellen. Dazu kam der teilweise sehr schlechte Sound auf der "Arena Stage", der abhängig vom eigenen Standort zudem stark variierte. Ob dies ein generelles Problem mit der Akustik innerhalb der Halle ist, oder ob die Tontechniker zwei extrem schlechte Tage erwischt hatten kann ich als Außenstehender nicht beurteilen.
Wirklich gelungen fand ich dagegen das Line-Up, wurden hier dem Besucher doch einige Szenegrößen präsentiert und mit kleineren, aber interessanten Acts ergänzt. Auswahl gab es auch genug, so dass sich niemand langweilen musste, selbst wenn ein leichter Schwerpunkt auf dem elektronischen Aspekt der "schwarzen" Musik lag. Allerdings hätte ich sehr gut auf die Anmoderationen von Der Tod verzichten können und auch seinen Auftritt hätte ich nicht, oder zumindest nicht in der großen Halle, gebraucht. Aber das sind natürlich nur meine persönlichen Befindlichkeiten.
Die "Green Stage" mit ihrem terrassierten Gelände eignete sich recht gut für die Auftritte, war doch gewährleistet, dass auch Menschen unter zwei Meter die Chance hatten einen Blick auf die Bühne zu werfen. Flankiert von einer kleinen Chill-Out-Area und zahlreichen Ständen kam hier sogar richtiges Festival-Feeling auf und auch der Ton war, zumindest bei den Bands, die ich hier gesehen hatte, sehr ordentlich. Folglich hielt ich mich auch einen großen Teil der Zeit in diesem Bereich auf. Was auf dem gesamten Festivalgelände extrem unschön war, waren die Unmengen an Müll, vorzugsweise Plastikbecher, die überall in der Gegend herumlagen. In der Halle selbst kamen dann noch riesige Pfützen mit verschütteten Getränken hinzu. Diese sah man zwar Dank der diffusen Beleuchtung nicht, aber ich hatte mehr als einmal Probleme damit mein Schuhwerk vom Boden zu lösen. Für diesen Dreck waren natürlich wir, die Besucher, verantwortlich, allerdings gab es praktisch keine Mülltonnen im Innenraum der Halle und auch auf dem Außengelände wurden sie nur sporadisch geleert. Ein Großteil dieses Problems hätte sich sicherlich mit einem Pfandsystem lösen können; warum hier darauf verzichtet wurde bleibt das Geheimnis der Hallenbetreiber.

Es ist für Veranstalter mit einem enormen Risiko verbunden, ein etabliertes Festival zu verlagern, ganz unabhängig von den Gründen. Die Frage die sich hierbei stellt ist natürlich immer, ob die Besucher auch bereit sind mitzuziehen. Selbst wenn man den ausgesprochen unglücklichen Start am Samstag ignoriert, gibt es doch einige wichtige Baustellen, die dringend bis zum nächsten Jahr behoben werden sollten. Die Resonanz der Besucher, zumindest soweit ich sie mitbekommen habe, war entsprechend durchwachsen. Es gab viel (berechtigte) Kritik, aber auch viel (ebenfalls berechtigtes) Lob, was nun davon letzten Endes überwiegt und den Ausschlag gibt im nächsten Jahr wieder aufs Amphi zu fahren, wird jeder für sich selbst entscheiden müssen.

Dienstag, 2. Juni 2015

Voodoo Games - Interview

[Interview] Voodoo Games
Entwickler von Paragon und Karnivor Koala

Wer im letzten Jahr auf der SPIEL in Essen oder vor kurzem auf der RPC in Köln aufmerksam durch die Hallen gegangen ist, konnte am Stand des Heidelberger Spieleverlages die Demotische der kleinen Mainzer Brettspielschmiede Voodoo Games entdecken, die dort ihr Debüt Paragon vorstellten, dass im Laufe dieses Jahres erscheinen wird. Derzeit arbeiten die beiden kreativen Köpfe hinter Voodoo Games, Martin Müller und André Schillo, mit Hochdruck an der Realisation eines weiteren Spieles, das mittels einer Crowdfunding-Kampagne ebenfalls noch in diesem Jahr veröffentlicht werden soll. Trotzdem haben die beiden Spieleentwickler die Zeit gefunden, um uns einige Fragen zu ihrem Verlag und ihren Spielen zu beantworten.

Warum habt ihr euch entschieden, mit Voodoo Games einen eigenen Verlag zu gründen? Wäre es nicht einfacher gewesen, mit euren Spieleideen an einen der zahlreichen etablierten Spielehersteller heranzutreten und nur als Autoren in Erscheinung zu treten?

Natürlich wäre dies eine mögliche Variante gewesen, allerdings behalten wir uns mit unserem eigenen Verlag die Option vor, Spiele auch selbständig zu veröffentlichen und nicht zwingend auf die größeren Spielehersteller angewiesen zu sein. Als eigener Verlag hat man außerdem die Möglichkeit alles rund um seine Produkte selbst bestimmen zu können, während man als Autor eher weniger Einfluss auf das Design und die Produktion hat. Uns war es wichtig, unsere Produkte von Anfang bis Ende so zu gestalten und zu vermarkten, wie wir uns das vorstellen.


Könnt ihr uns eine kurze Zusammenfassung über Hintergrund und Spielmechanismen Eurer beiden Spiele Paragon und Karnivor Koala geben?

Paragon ist in einer inter-apokalyptischen Dieselpunk-Welt angesiedelt, in der Paragon zu einer lebenswichtigen Ressource geworden ist und sich die verbleibenden Völker, Nationen und Zusammenschlüsse der Erde in einem dauerhaften Krieg miteinander befinden. In Paragon übernehmen zwei bis vier Spieler die Kontrolle über jeweils einen Söldnerhauptmann und versuchen sich durch das Erwürfeln von Ressourcen eine Basis und einen Kampftrupp aufzubauen. Dies wird über Karten dargestellt, die in Soldaten, Zivilisten, Gebäude und Effekte unterteilt sind. In jeder Runde haben die Spieler die Möglichkeit neue Karten zu erwerben, Karteneffekte zu nutzen oder Angriffe gegen die Arche in der Mitte auszuführen um diese zu besetzen und das wertvolle Paragon zu erbeuten. Von der Arche aus können die Spieler weiterhin auch alle anderen Mitspieler angreifen, deren Basen schwächen und ihnen Paragon stehlen. Der erste Spieler, der eine vor dem Spiel festgelegte Anzahl an Paragon erbeutet, gewinnt das Spiel.

 
Karnivore Koala ist von der Atmosphäre her ein ganz klein wenig anders… Bis zu sechs Spieler verfügen über einen eigenen König Koala, der ihren Stamm aus Koalas anführt. Anhand von Würfeln und Koala-Karten, versuchen nun alle Spieler die mutierten Tiere in dieser post-eukalyptischen Welt zu jagen, um ihrem König ein leckeres 3-Gänge Menü zuzubereiten, bestehend aus einem Tier für die Vorspeise, einem für die Hauptspeise und einem für die Nachspeise! Die Spieler haben dazu fünf Würfel mit Speer, Koala, Kronen und Totenkopfsymbolen und Koala-Karten, die sie in ihrem Stamm platzieren können. Die Würfel können sie am Anfang ihrer Runde werfen und wiederholen, solange sie Handkarten dafür opfern. Die endgültigen Würfelergebnisse werden dann auf Koala-Karten des eigenen Stammes gelegt um deren Effekte zu aktivieren, welche einem Spieler bestimmte Aktionen erlauben, beispielsweise eine Karte ziehen, ein Würfelergebnis verändern, Karten vertauschen, oder einfach nur Speere zur Jagd hinzufügen. Neben den Koala-Karten, die man wegen ihrer Effekte nutzt, gibt es noch sogenannte Workbears, die man benötigt um die Voraussetzungen für die Jagd auf bestimmte Tiere zu schaffen. Jedes Tier besitzt zwei Symbole und man benötigt zur Jagd Workbears mit den gleichen Symbolen. Zusätzlich muss man noch drei Speersymbole sammeln und dann wird es auch schon Zeit den Kochtopf anzufeuern!


Paragon bezeichnet ihr als „Inter-Apocalyptic Diesel Punk“. Was muss ich mir unter diesem, doch etwas sperrigen, Begriff vorstellen?

Im Gegensatz zu einem post-apokalyptischen Setting, erlebt man hier die Apokalypse hautnah mit! Man ist ein Teil davon und kämpft um sein Überleben. Und die Apokalypse hat eben nicht in der herkömmlichen Welt, sondern in einer fiktiven Welt stattgefunden, die sich technisch seit dem Ende des 19. Jahrhunderts über Dieseltreibstoff in Verbindung mit Paragon weiterentwickelt hat.



Für Paragon habt ihr mit dem Heidelberger Spieleverlag einen kompetenten und erfahrenen Partner für Produktion und Vertrieb gewinnen können. Euer zweites Spiel, Karnivor Koala, veröffentlicht ihr dagegen in Eigenregie und greift dabei auf die Crowdfunding-Plattform Kickstarter zurück. Wo seht ihr die Vorteile die Crowdfunding gegenüber den herkömmlichen Finanzierungsmethoden hat? Was hebt euch von der gewaltigen Masse an Spielen ab, die ebenfalls auf Kickstarter um die Gunst (und natürlich das Geld) der Backer buhlen?

Richtig, mit Paragon haben wir den herkömmlichen Weg gewählt, damit sich unser Spiel durch einen starken Vertriebspartner gut am Markt platzieren und hoffentlich einen längerfristigen Erfolg verzeichnen kann. Bei Kickstarter sind viele Projekte Eintagsfliegen, die zwar einen einmaligen Erfolg einfahren, aber später nie einen soliden Weg in einen handfesten Vertrieb finden. Hier gibt es mit Sicherheit auch Ausnahmen, aber das sind meist die Spiele größerer Verlage, die eigentlich schon längst einen Vertrieb für ihre Spiele haben und es trotzdem über Crowdfunding-Plattformen versuchen, wahrscheinlich auch wegen des mittlerweile nicht zu unterschätzenden Werbeeffekts. Mit Karnivore Koala gehen wir allerdings auch den Weg des Crowdfunding, ganz einfach aus dem Grund, dass wir das Projekt in Zusammenarbeit mit unserem Künstler THE MICO aufgezogen haben. Wir hatten hier die Möglichkeit einen erfahrenen und genialen Künstler zu einem Projekt zu gewinnen, welches wir dank Kickstarter trotz des fehlenden Budgets starten konnten. Und wenn wir ehrlich sind ist es ja genau das, um was es dabei geht: Die Verwirklichung eines Projektes, bei dem die Unterstützer die Möglichkeit eröffnen, es zu finanzieren.

Was uns von den anderen Spielen auf dieser Plattform unterscheidet ist schwer zu sagen, denn es gibt mittlerweile viele starke Projekte. Wir haben einfach versucht unser Spiel so sympathisch wie möglich zu präsentieren und den Spielspaß den wir beim Testen hatten zu vermitteln. Ich denke, dass uns dies ganz gut gelungen ist, immerhin konnten wir bereits viele Unterstützer davon überzeugen, sich an dem Projekt zu beteiligen.



Sowohl eure Homepage als auch eure beiden Spiele sind in englischer Sprache, lediglich eines der Stretch-Goals bei eurer Crowdfunding-Kampagne sieht eine deutsche Version von Karnivor Koala vor. Ihr habt also offensichtlich eher den internationalen Spielemarkt im Visier. Seht ihr auf dem heimischen Markt kein oder nur ein geringes Potential für eure Spiele und für euch als Verlag?

Wir sehen auf dem heimischen Markt sogar ein großes Potential! Allerdings sind unsere Spiele immer mit hohen Entwicklungskosten verbunden und da macht es sich bezahlt, zuerst international zu denken um eine möglichst große Gruppe an Personen anzusprechen. Wir achten aber darauf, unsere Produkte auch mehrsprachig anzubieten, da gerade der europäische Raum voll von Brettspielern ist! Paragon soll aller Voraussicht nach gleich in fünf Sprachen aufgelegt werden. Bei Karnivore Koala peilen wir erst einmal nur die englische und deutsche Version an, haben aber Mitwirkende für eine französische, spanische und italienische Onlineübersetzung. Sollte das Spiel bei einem Vertrieb landen, ergeben sich hier allerdings mit Sicherheit noch weitere Möglichkeiten.


Sowohl Paragon als auch Karnivor Koala zeichnen sich durch eine tolle Aufmachung aus und sind richtige Hingucker. Wie wichtig ist es euch bei der Entwicklung eurer Spiele eine Balance zwischen Hintergrund, optischer Präsentation und Spielmechanik zu finden?

Wir legen auf alle diese Punkte sehr hohen Wert! Ich mag es, wenn ein Spiel einen soliden Hintergrund hat, auch wenn dieser nicht übertrieben ausgeschmückt sein muss, sondern einfach nur stimmig. Bei Karnivore Koala sei das mal dahingestellt, aber für Paragon existiert eine solide Welt! Die Optik ist ein ebenso wichtiger Punkt, denn je besser mir persönlich die Aufmachung gefällt, desto eher nehme ich das Spiel in die Hand. Und ich hoffe einfach mal, dass ich nicht der einzige bin, der so denkt. Die Spielmechaniken sollten bei uns immer einfach zu erlernen sein, so dass man schnell ins Spielgeschehen hineinkommt. Sie sollten aber zusätzlich noch genug Komplexität für strategische Überlegungen lassen und wir versuchen die Spiele so zu designen, dass jeder mitspielen kann ohne, dass sich erfahrene Spieler langweilen müssen!


Könnt ihr uns ein wenig über den Entstehungsprozess eines Spieles erzählen? Wie muss man sich die Entwicklung von der Idee bis zum fertigen Spiel vorstellen?

Meist fangen wir persönlich bei einer winzigen Grundidee an und legen zu Beginn fest, in welche Richtung das Spiel gehen soll, also ob es ein Kartenspiel, ein Würfelspiel, ein Dungeon Crawler, oder etwas anderes wird. Danach versuchen wir ein interessantes Setting zu finden und der Rest ergibt sich dann aus tagelangen Gedankenspielen und nächtlichen Kritzeleien mit Skizzen zu den Komponenten und Aufzeichnungen zur Spielmechanik. So nimmt das Ganze dann immer mehr Form an bis es dann irgendwann zu einem ersten Prototypen kommt und das Spiel getestet werden kann. Danach werden meist einige Dinge wieder verworfen, andere hinzugefügt und im Laufe der Zeit entwickelt sich ein funktionierendes Spiel in einem interessanten Setting!


Wenn alles nach Plan läuft, werdet ihr bis Ende des Jahres zwei Spiele veröffentlicht haben. Wie sehen eure weiteren Pläne aus? Werdet ihr Paragon und/oder Karnivor Koala erweitern oder habt ihr etwas völlig Neues in der Mache?

Wir haben für beide Spiele in der Tat Erweiterungen geplant, allerdings wird sich hier noch zeigen, ob es realistisch ist, diese umzusetzen. Ansonsten arbeiten wir weiterhin an neuen Ideen und haben auch schon ein drittes Spiel in der Mache. Mehr kann ich an dieser Stelle allerdings noch nicht verraten :)



Ihr seit beide keine Vollzeit-Spieleentwickler sondern habt noch richtige Jobs mit denen ihr euren Lebensunterhalt verdient. Seht ihr irgendwann in Zukunft die Möglichkeit von Euren Spielen zu leben oder bleibt das für euch eher ein Hobby?

Es wäre natürlich super, wenn sich irgendwann die Chance ergibt, die Spieleentwicklung hauptberuflich zu machen. Momentan arbeiten wir aber in erster Linie darauf hin, solide Spiele zu veröffentlichen. Wenn die Spiele gut ankommen, dann eröffnet sich vielleicht auch mal der Weg in die Selbstständigkeit als Spieleentwickler.


Sowohl der deutsche als auch der internationale Spielemarkt sind in den letzten Jahren stark gewachsen. Die Spiele werden immer komplexer, die Ausstattung opulenter und leider der Preis immer höher Glaubt ihr, dass sich diese Entwicklung fortsetzt oder dass irgendwann ein Punkt erreicht ist, an dem der Spielemarkt stagnieren wird?

So etwas lässt sich immer schwierig einschätzen, aber unsere persönliche Meinung ist, dass unter all der Flut von neuen Spielen mit unzähligen Miniaturen, Tokens und sonstigem Material eines immer weiter in Vergessenheit gerät: das Spiel an sich! Es wird zum Teil immer weniger Wert auf eine geniale Spielidee und solide Mechaniken gelegt und immer mehr auf den Inhalt und die Komponenten eines Spiels konzentriert. Wir haben selbst häufig die Erfahrung gemacht, dass Spiele mit enormen Mengen an Komponenten und opulenter Ausstattung zum Teil einfach rein gar nichts taugen… Insofern hoffen wir, dass sich hier in Zukunft eher spielbare und interessante Spiele durchsetzen werden, wobei wir natürlich nichts dagegen haben, wenn diese auch noch hübsches Spielmaterial haben.



André, Martin, vielen Dank dafür, dass ihr euch die Zeit für unsere Fragen genommen habt. Ansonsten wünsche ich euch viel Erfolg mit euren beiden aktuellen und künftigen Projekten und freue mich schon, auf die ersten richtigen Spielrunden mit Paragon und Karnivor Koala. Die Demorunden waren zumindest schon einmal sehr spaßig und lassen auf zwei gelungene Veröffentlichungen hoffen.

Weitere Informationen zum Verlag, zu den Spielen und zu den wirklich großartigen Illustrationen finden sich auf www.voodoo-games.com.





Der Verlag

Voodoo Games wurde zwar erst im letzten Jahr in Mainz gegründet, allerdings sind die beiden Köpfe hinter dem Verlag alles andere als unerfahren, was die Spieleszene angeht. André Schillo arbeitet in der IT-Abteilung eines großen Geldinstitutes, verbringt den Großteil seiner freien Zeit aber entweder mit der Entwicklung eigener Spielideen oder rekrutiert seine Freunde und Bekannten zu Spieleabenden. Einen ersten, durchaus erfolgreichen, Ausflug als Spieleproduzent hat er schon hinter sich, war er doch bis vor kurzem einer der Hauptverantwortlichen für das Godslayer-Tabletop, das sowohl national als auch international recht gut aufgenommen wurde. Für Martin Müller dreht sich von Berufs wegen alles um Spiele, ist er doch einer der Inhaber des Mainzer Fantasy-Spieleladens Orcish Outpost, daher war es nur eine logische Konsequenz, dass er irgendwann selbst mit der Entwicklung von Brettspielen angefangen hat.

Sonntag, 8. Februar 2015

Spielwarenmesse Nürnberg 2015

[Messe] Spielwarenmesse 2015
Donnerstag, 29. Januar 2015
Nürnberg

Schon im Vorfeld war abzusehen, dass die Spielwarenmesse in Nürnberg in diesem Jahr wieder zahlreiche Rekorde brechen würde. Nicht nur die Anzahl der Aussteller erreichte mit über 2800 einen neuen Höchststand, auch die Auswahl der präsentierten Produkte war mit einer guten Million schon rekordverdächtig. Davon ließ ich mich jedoch nicht irritieren und hatte mir vorgenommen nicht, wie in den Vorjahren, eher planlos durch die Hallen zu laufen, sondern mich auf meine Kernkompetenz, also den Brettspielsektor, zu konzentrieren. Einen groben Überblick hatte ich schon, welche Spiele ich mir unbedingt anschauen wollte, und ansonsten würde ich bei den üblichen Verlagen vorbei schauen und mich einfach überraschen lassen, welche Veröffentlichungen in den nächsten Wochen und Monaten anstanden. Nur ein Tag auf einer Messe dieser Größenordnung macht es dabei fast unmöglich, sich intensiver mit den einzelnen Produkten auseinander zu setzen, dennoch wollte ich versuchen, so viele Eindrücke wie möglich aus den zwölf Messehallen zu sammeln und zumindest einige Spiele genauer unter die Lupe zu nehmen.


Die Akkreditierung hatte ich schon Mitte Dezember erledigt und auch die Bahnkarten entsprechend gebucht, der einzige Unsicherheitsfaktor war nun noch mein Arbeitgeber. Doch auch dieser hatte keine Einwände, zumal der 31. Januar sowieso mein letzter Arbeitstag dort war und ich meinen restlichen Urlaub aufbrauchen musste. So machte ich mich dann, mehr oder minder gut vorbereitet, bei eisiger Kälte und noch etwas übernächtigt auf den Weg zum Bahnhof. Bei einem beiläufigen Blick auf die Uhr stellte ich mit Entsetzen fest, dass ich mich ein wenig mit der Fahrzeit verschätzt hatte und mir nur noch ein ausgesprochen schmales Zeitfenster blieb, die restlichen zehn Kilometer hinter mich zu bringen, das Auto zu parken und ein paar hundert Meter zum Gleis zu laufen. Nach einigen bangen Minuten, mehreren übertretenen Geschwindigkeitsbegrenzungen und einer eher freien Interpretation der Parkhaus-Regeln stand ich dann doch pünktlich am Bahnsteig und konnte rechtzeitig meinen Zubringer zum Frankfurter Hauptbahnhof besteigen. Dort (pünktlich!) angekommen blieb noch die Zeit, mir bei einer großen US-amerikanischen Fast-Food-Kette ein gesundes, nahrhaftes Frühstück zu gönnen bevor es schließlich mit dem ICE weiter in Richtung meines Zieles ging. Eigentlich hatte ich vor gehabt, die Fahrt für ein kurzes Nickerchen zu nutzen, doch dafür war es in dem Abteil zu voll, zu laut und zu stickig und so ging ich statt dessen noch einmal meine Notizen zu den verschiedenen Ausstellern und Spielen durch, die auf meinem Programm standen.


Erstaunlicherweise kam ich wohlbehalten und immer noch pünktlich auf dem Nürnberger Hauptbahnhof an und auch die nächste S-Bahn in Richtung der Messehallen schien nur auf mich gewartet zu haben. Schließlich stand ich nur wenige Minuten nach 9 Uhr im Eingangsbereich der Halle 11 und versuchte mich an meinen Plan zu erinnern, den ich noch am Vortag gehabt hatte. Der erste Weg sollte zum Pressezentrum führen, da ich mir dort nach Möglichkeit ein Schließfach und einen Garderobenplatz sichern wollte, um relativ unbelastet über die Messe schlendern zu können. Allerdings musste ich dafür die komplette Anlage durchqueren, was aber durch verschiedene Seitengänge und Freigelände kein übermäßig großes Problem darstellte. Nachdem ich mein Gepäck einigermaßen sicher verstaut und mir ein kleines zweites Frühstück gegönnt hatte, startete ich zur ersten Runde.
Mein Ziel waren vor allem die Hallen mit den Brettspielen, aber auf dem Weg dorthin galt es, die Halle mit den ferngesteuerten Fahrzeugen zu durchqueren. Nicht unbedingt ein Hobby dem ich selbst nachgehe, aber die vielen Flugzeuge, Autos, Panzer und Schiffe, üben auf mich dennoch einen gewissen Reiz aus und ich schaue mir gerne an, was es Neues auf dem Markt gibt. Die Bandbreite reicht hier von fingerlangen Geländewagen bis hin zu Flugzeugen mit Spannweiten gut über 2 m. Entsprechend vielfältig sind hier dann auch die verwendeten Antriebstechnologien, Qualitätsansprüche und natürlich die Preise. Ein Themenschwerpunkt, der sich bereits im letzten Jahr abgezeichnet hat, waren die Drohnen in all ihren Spielarten. Auch hier gab es für jeden Geldbeutel und jede Anforderung das richtige Modell und ich musste mich tatsächlich beherrschen, um mir vielleicht nicht doch eines (oder auch fünf) dieser Modelle zuzulegen. Manche Stände erlaubten dabei sogar, in entsprechend kleinem Rahmen, Probeflüge, doch war der Andrang hier übermäßig groß und ich wollte nicht unnötig meine knappe Zeit vergeuden. Nachdem ich erfolgreich den Versuchungen widerstanden hatte, denen ich bisher begegnet war, führte mich mein Weg in Halle 7, wo zahlreiche Modellbauer untergebracht waren. Hier hatte ich lediglich den spanischen Farben-Hersteller Acrylicos Vallejo auf meiner Liste stehen und fand den Stand auch wieder an gewohnter Stelle. Wirkliche Neuheiten, abgesehen von einigen Farbsets, gab es aber in diesem Jahr nicht, allerdings war im hinteren Bereich des Ausstellungsbereichs ein Buch mit Bemalanleitungen für Tabletop- und Sammler-Miniaturen vom renommierten Studio Giraldez aufgebaut. Dies fand ich etwas verwunderlich, da ich erst wenige Tage zuvor die Nachricht bekommen hatte, das der Band heute (also am Donnerstag) in den Druck gehen sollte. Eine kurze Nachfrage klärte dann das Missverständnis auf: bei dem hier ausgestellten Exemplar handelte es sich lediglich um einen Dummy, bei dem nur das Cover präsentiert wurde. Sehr schade, aber mittlerweile ist der Band vorbestellt und wird hoffentlich Ende des Monats bei mir auf dem Schreibtisch landen. Ansonsten durchquerte ich die Halle relativ zügig und blieb nur gelegentlich stehen um einen Blick auf die neuen Modelle von Airfix, Zvezda oder Italeri zu werfen, ohne dabei jedoch etwas wirklich spannende Neuheiten zu entdecken.
Ich war erst eine Stunde auf der Messe, doch schon bereute ich es, keinen Trolley mitgenommen zu haben. Die zahlreichen Prospekte, die ich im Vorbeigehen gesammelt hatte, um sie mir später in Ruhe und ausführlich anschauen zu können, wogen erstaunlich schwer und entwickelten sich schon jetzt zur Belastung. Dennoch setzte ich tapfer meinen Weg durch die Hallen 8 und 9 fort, ohne mich dort größer bei Feuerwerk, Luftballons und Faschingsverkleidungen aufzuhalten. Lediglich bei Maskworld legte ich noch einen kurzen Zwischenstopp ein um mir einige der spektakulären neuen Masken und Kostüme anzuschauen und einen Blick auf deren eindrucksvolle Sammlung von LARP-Ausrüstungen zu werfen. Nach diesem kurzen Intermezzo hatte ich es tatsächlich in die Halle 10 geschafft, wo sich auf zwei Stockwerken ein Großteil der hier ausstellenden Brettspielverlage tummelten. Wieder mit einem prominenten Eckstand vertreten waren Kosmos, die auch reichlich Neuheiten im Gepäck hatten.
Fehlen durfte dabei natürlich nicht der obligatorische Zuwachs für die Siedler von Catan-Spielreihe. Dabei handelt es sich in diesem Jahr um eine ausgesprochen kompakte Reiseversion des Klassikers, die auf kleinstem Raum sämtliches Spielmaterial sicher unterbringt. Zumindest optisch sehr ansprechend war das Kartenspiel Von Drachen und Schafen, das ebenfalls in Kürze auf den Markt kommt und mit dem ich mich bei Gelegenheit sicherlich noch näher beschäftigen werde. Direkt daneben gab es auch den unvermeidlichen Beitrag zur, glücklicherweise, abebbenden Zombie-Welle: Bei dem Würfelspiel ZomBee sammeln die fleißigen Bienen Honig und versuchen dabei einem untoten Insekt auszuweichen. Spielmaterial und Idee haben mich jetzt nicht sonderlich beeindruckt, allerdings habe ich das Alter der Zielgruppe bereits um einige Jahrzehnte überschritten. Ansonsten gab es hier zahlreiche neue Experimentierkästen zu sehen, die sich mit durchaus spannende Themen, beispielsweise Robotik, Chemie oder Energiegewinnung, auseinander setzten. Auch die Serie mit Produkten zu Die drei ??? wird in diesem Jahr weiter ausgebaut und kann nun sogar mit einigen technischen Gerätschaften wie Nachtsichtgeräten oder Alarmanlagen aufwarten. Der weitere Weg führte mich an dem polnischen Würfelhersteller Q-Workshop vorbei, der es immer wieder schafft seine eigenen Produkte zu variieren und mittlerweile für eine ganze Reihe von durchaus namhaften Firmen besondere Polyeder herzustellen. Alleine die Auswahl an verschiedenen Würfeln für das grandiose Brettspiel Arkham Horror und seine Ableger ist durchaus beeindruckend. Nur wenige Schritte weiter hatte sich der Heidelberger Spieleverlag ausgebreitet und im Vergleich zum vergangenen Jahr die Standfläche deutlich vergrößert. Hier waren es gleich drei Spiele aus dem Star Wars-Universum, die die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich zogen. Das schnelle Raumkampfspiel X-Wing hat sich mittlerweile fest bei der Spielerschaft etabliert, was sich nicht zuletzt an den zahlreichen ausgebuchten Turnieren im letzten Jahr zeigte. Viel Neues gab es allerdings in Nürnberg für das Spiel nicht zu sehen, auch Auskünfte zum Erscheinen der neuen Fraktion waren bestenfalls vage. Nicht um einzelne Schiffe, sondern um große Flottenverbände, mächtige Sternenzerstörer und gewaltige Raumschlachten geht es dagegen bei Armada, auf dessen deutsche Veröffentlichung wir ebenfalls noch einige Wochen warten müssen. Schließlich bekommen die Spieler mit Imperial Assault gleich zwei Spiele zum Preis von einem. Das Spiel lässt sich, ähnlich wie beispielsweise der Dungeon-Crawl-Klassiker Descent, mit einer ganzen Gruppe von Spielern bestreiten, wobei einer davon die Seite des bösen Imperiums übernimmt, während die anderen die heroischen Rebellen durch eine Raumstation oder über einen Planeten führen. Alternativ lässt sich daraus allerdings auch ein Skirmish-Tabletop für zwei Spieler machen, die dann ihr taktisches Geschick miteinander messen können.
Schon auf der SPIEL in Essen war mir die Umsetzung des Computerspiels XCOM aufgefallen, dort fehlte mir aber die Zeit, mich näher damit auseinander zu setzen, was ich nun in Nürnberg nachholen konnte. Bis zu vier Spieler müssen hier die Verteidigung der Erde vor einer außerirdischen Invasion koordinieren und dabei unter Zeitdruck Entscheidungen treffen. Die Autoren haben sich bemüht, ein Tablet in den Spielverlauf einzubinden, was zumindest bei der Demorunde die ich spielen durfte durchaus gut gelungen ist. Ob das über die ganze Dauer des Spiels auch so funktioniert wird ein ausführlicher Test zeigen, wenn das Spiel und natürlich auch die dazugehörige App ins Deutsche übersetzt sind. Nach dieser doch ausführlichen Erläuterung verbrachte ich ein paar Minuten damit, die luxuriös ausgestatteten Schachbretter mit ihren handgeschmiedeten oder -geschnitzten Figuren zu bewundern, die einige Hersteller den Besuchern präsentierten und die wahrscheinlich nie aus der Mode kommen werden
 
Auch einigen der Verlage im ersten Stock der Halle wollte ich einen Besuch abstatten, bevor die Last in meinem Rucksack mich zum Umkehren zwingen würde. Direkt am Treppenaufgang hatten Schmidt Spiele ihren Stand aufgebaut und obwohl sich viele Spiele des Verlags an eine eher jüngere Zielgruppe richten, schaue ich mir doch ganz gerne das Programm an. Hier fiel mir, dank der großartigen Illustrationen, vor allem Bad Bunnies auf, ein eher unkompliziertes Spiel, bei dem die Spieler versuchen ihre Karten abzulegen. Direkt daneben konnte auch die Kartenversion des erfolgreichen Legespiels Qwirkle angetestet werden, was ich persönlich allerdings nicht sonderlich spannend fand. Auch Amigo hatten einige frische Spiele aufgebaut und das freundliche Standpersonal nahm sich die Zeit, mir meine Fragen zu beantworten. Zugegebenermaßen bin ich ein großer Fan des ausgesprochen kommunikativen Tauschspiels Bohnanza, und damit in Zukunft auch neue Spieler nachwachsen können landet demnächst Mein erstes Bohnanza im Spielwarenhandel. Mit vereinfachten, auf Kinder zugeschnittenen, Regeln und neuem, possierlichen Artwork, soll es Kindern ab vier Jahren die Bohnenernte näher bringen. Nach einem recht kurzen Blick auf die anderen Spiele ging meine Tour weiter zu Queen Games direkt gegenüber, die in diesem Jahr ihren Fokus wieder mehr auf die Aufbau- und Strategiespiele legten. So mischen die Spieler bei Parfum wohlriechende Essenzen miteinander, treiben in Neptun lukrativen Handel im Mittelmeerraum oder übernehmen als Queen's Architect zahlreiche Baumaßnahmen im Königreich. Wer es etwas rustikaler mag, kann als Magier auch beim Tower-Defense-Spiel Orcs Orcs Orcs Jagd auf die Grünhäute machen, die langsam aber sicher auf einen Turm zurücken um diesen dem Erdboden gleich zu machen. Leider ergab sich für mich nicht die Gelegenheit, näher auf die einzelnen Spiele einzugehen, da das Standpersonal alle Hände voll zu tun hatte. Aber ich bin mir sicher, dass sich im Lauf des Jahres noch die Gelegenheit ergeben wird, einige der Neuheiten anzutesten. Direkt nebenan, bei Abacus Spiele, interessierten mich vor allem die Neuheiten für das Bluff- und Wissenskartenspiel Anno Domini. Ich habe schon zahlreiche Ableger dieser Serie und mit Bern sowie Wissenschaft + Forschung sind zwei weitere Themengebiete hinzu gekommen bei denen die Spieler historische Ereignisse richtig einordnen müssen. Ebenfalls neu ist das Spiel Royals bei dem mehrere Adelsfamilien im 17. Jahrhundert um Macht und Einfluss in Europa ringen. Thematisch und optisch sehr schön umgesetzt, dürfte es wohl auch demnächst den Weg in meine Sammlung finden. Sehr gerne schaue ich immer wieder bei Asmodee vorbei, deren Portfolio in den letzten Jahren beständig gewachsen ist und die sich heimlich zu einem der größten europäischen Spieleverlage entwickelt haben.
Hier haben es mir vor allem die opulent ausgestatteten Brettspiele angetan, allen voran das eindrucksvolle, aber nicht ganz einfache Hyperborea, bei dem die Spieler einen Kontinent besiedeln, Technologien erforschen und die Mitspieler bekämpfen müssen. Direkt nebenan war Arcadia Quest zu bewundern, bei dem jeder Spieler drei niedliche Fantasy-Helden in Chibi-Optik gegeneinander oder in einer Kampagne gegen die Monster auf dem Spielfeld antreten lässt. Daneben gab es noch eine ganze Reihe anderer Spiele und zahlreiche Verlage zu sehen, aber meine Aufnahmefähigkeit war auf einem Tiefpunkt angelangt und so beschränkte ich mich auf kurze Seitenblicke und die unvermeidlichen Kataloge, während ich mich auf den langen Weg in Richtung des Pressezentrums machte um mir eine kleine Pause zu gönnen.


Dort angekommen, war ich froh, dass ich die zwei, mittlerweile recht schweren, Beutel mit Prospekten und Informationsmaterial ablegen konnte. Betrachtete ich den ganzen Haufen Papier der sich dort stapelte, so graute es mir schon vor dem Heimweg, doch ich wollte eigentlich auf keinen Katalog verzichten, konnte ich mir so doch später einen detaillierten Überblick über die Messe, und auch die vielen Dinge die ich verpasst hatte, verschaffen. Zum jetzigen Zeitpunkt hatte ich jedoch das Bedürfnis ganz dringend ein paar Minuten die Füße hochzulegen, mir ein koffeinhaltiges Kaltgetränk zu gönnen und ein wenig im Messekatalog zu blättern. Ich hatte Pegasus Spiele nicht an ihrem gewohnten Standort in Halle 10 gefunden und so durchsuchte ich die Verzeichnisse bis ich schließlich in Halle 11 fündig wurde, wo die Friedberger einen recht luxuriös ausgestatteten Bereich bezogen hatten. Nachdem ich mich ein wenig erholt und meine bisherige Beute sicher verstaut hatte, machte ich mich auf zur zweiten Runde über die Messe, wobei ich dieses Mal einen anderen Weg wählte.


An Halle 4A konnte ich nicht vorbei gehen, ohne zumindest einen kurzen Blick auf die großartigen Modelleisenbahnanlagen zu werfen, die so namhafte Hersteller Faller, Märklin oder Noch aufgebaut hatten. Mit Eisenbahnen selbst kann ich zwar nicht viel anfangen, jedoch weiß ich naturgetreues und detailliert gebautes Gelände durchaus zu schätzen. Auffällig war hier der deutlich höhere Altersdurchschnitt der Besucher, doch war deren Enthusiasmus ungebrochen und ich fand die lebhaft geführten Diskussionen, die ich im Vorbeigehen über die kleinen Loks hörte, durchaus spannend.
Eher durch Zufall stolperte ich in einem der zahlreichen Hallendurchgänge auf die Herrschaften von Zometool, die mit ihrem beeindruckend komplexen Stecksystem ursprünglich im wissenschaftlichen Bereich zu Hause waren. Durch einige öffentlichkeitswirksame Projekte und die verstärkte Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, versucht der Hersteller mittlerweile jedoch auch im Spielwarenmarkt Fuß zu fassen. Dabei helfen dürften einige Puzzlespiele wie Kepplers Kosmos oder die Design-Serien. Das ausgesprochen kompetente Standpersonal ließ mich auch unter Aufsicht einige Teile zusammen stecken und es geht tatsächlich eine unbestreitbare Faszination von den zahlreichen Stäben und Kugeln aus.
Der Weg zum Stand von Pegasus nahm dann doch deutlich mehr Zeit in Anspruch, als ich ursprünglich geplant hatte. Dennoch hatte sich der Weg gelohnt, den die Friedberger haben offensichtlich nicht vor sich auf den Lorbeeren der letztjährigen Spiel des Jahres-Auszeichnungen auszuruhen, sondern legen mit ordentlichem Tempo neue Spiele nach. Grade für jüngere Spieler wurde eine ganze Reihe Neuheiten vorgestellt, so beispielsweise die Munchkin Treasure Hunt oder Krosmaster Junior, die beide schon bekannte Themen aufgreifen und familienfreundlich aufbereiten. Auch das Rennspiel Viva Topo! bei dem Mäuse auf der Flucht vor der Katze sind und daneben dem größten Käsestück nachjagen und das Legespiel Zoowaboo richten sich in erster Linie an den Spielernachwuchs. Außerdem gab es noch viele weitere Neuheiten und spannende Prototypen zu bestaunen und glücklicherweise konnte einer der zahlreichen Mitarbeiter einige meine Fragen beantworten. Allerdings musste ich meinen Besuch hier deutlich abkürzen, blieb mir nur noch eine knappe Stunde um mir einen Weg zurück ins Pressezentrum zu bahnen. Doch vorher konnte ich es mir nicht verkneifen, wieder einmal einen Blick auf die Stände von Lego, Playmobil und Mattel in Halle 12 zu werfen. Verloren sich in den meisten anderen Hallen die Besucher, so drängten sie sich vor den Ständen dieser drei großen Hersteller dicht in den Gängen. Ohne einen Termin, oder zumindest eine direkte Kontaktperson war es nahezu unmöglich in die eigentlichen Stände vorzudringen um die Neuheiten in Augenschein zu nehmen.
Daher begnügte ich mich notgedrungen mit den voluminösen Messekatalogen und machte noch einen Abstecher zum Modellbauer Revell. Dort gab es neben den, mittlerweile schon obligatorischen, Star Wars-Bausätzen viele schmucke Autos zu bestaunen, vor allem der alte VW-Bus im Maßstab 1:1 hatte es mir dabei angetan, und natürlich die zahlreichen ferngesteuerten Fahrzeuge, die fast alle für eine Probefahrt oder einen -flug zur Verfügung standen.


Mittlerweile hatten sich die Messehallen schon spürbar geleert, daher wollte ich die Gelegenheit nutzen und auf dem Rückweg noch einen kurzen Abstecher zu Hasbro machen. Doch hier herrschte immer noch dichtes Gedränge und so konnte ich nur einige kurze Blicke auf die letzten Pistolen- und Gewehr-Modelle aus der Nerf-Reihe werfen, mir die neusten Monopoly-Varianten anschauen, darunter eine Retro-Version zum achtzigsten Geburtstag des Spiels, und mich schließlich über die Auswüchse der verschiedenen Film- und Comiclizenzen wundern, allen voran die Figuren zur unsäglichen Transformer-Reihe. Für einen genaueren Blick auf die ausgestellten Spielzeuge fehlte mir mittlerweile allerdings die Zeit, musste ich mich doch schon fast beeilen um rechtzeitig ins Pressezentrum zurück zu kommen und dort meine Sachen zusammen zu packen.
Der Donnerstag auf der Spielwarenmesse klingt traditionell mit einem kleinen Umtrunk der Pressevertreter aus, und auch ich nutzte die Möglichkeit mich in der angenehmen Atmosphäre des messeeigenen Restaurants mit einigen Kollegen auszutauschen und am, speziell für die Messe kreierten, Cocktail zu nippen. Schließlich wurde es doch langsam Zeit, sich auf den Heimweg zu machen, doch wählte ich nicht den einfachen Weg zum Shuttle, sondern ging noch die die fast völlig menschenleeren Hallen zum entgegengesetzten Ausgang. Gelegentlich deutete die Geräuschkulisse darauf hin, das einige Aussteller noch an ihrem Stand eine kleine Party feierten, doch waren diese meist gut vor allzu neugierigen Blicken geschützt und obwohl ich gerne einmal hinter die Kulissen geschaut hätte, liess ich mich nicht von meinem Weg abbringen und erreichte die S-Bahn, die auf der ersten Etappe der Heimreise das Fortbewegungsmittel meiner Wahl war.


Der Nürnberger Hauptbahnhof war kalt und zugig und so verbrachte ich die Wartezeit auf den ICE damit, im gut sortierten Zeitschriftenhandel zu stöbern und mir noch eine kleine Stärkung für die Heimfahrt zu besorgen. Schließlich rückte die Ankunftszeit des Zuges näher und ich schleppte mich, schwer bepackt und ziemlich müde, auf den Bahnsteig, wo es noch deutlich kälter war als in den Gängen des Bahnhofs. Und nachdem mich die Bahn am Morgen mit ihrer Pünktlichkeit überraschte, hatten die Verantwortlichen nun anscheinend ein Einsehen und bescherten mir die erwartete Verspätung. Während ich noch mein Gepäck in das erstaunlich volle Abteil hievte, machte ich mir schon Gedanken für den Fall, dass es dem ICE nicht mehr gelingen würde, die Verspätung aufzuholen. Doch waren dDiese Bedenken waren glücklicherweise unbegründet, da ich meinen Anschlusszug in Frankfurt, auch Dank eines kurzen Zwischenspurts über den halben Bahnhof, erreichte. Der Rest der Heimfahrt verlief dann auch angenehm ereignislos und ich konnte noch ein wenig dösen, bevor ich kurz nach Mitternacht, müde, abgekämpft aber einigermaßen zufrieden, an meinem Heimatbahnhof ankam.