Sonntag, 12. November 2023

SPIEL '23


[Messe] SPIEL '23

05. bis 08. Oktober 2023
Grugahallen, Essen

Es hat dann doch viiiel länger gedauert, aber letztendlich hab ich es dann doch noch geschafft, nach Jahren der (erzwungenen) Abstinenz meine Eindrücke zur weltweit größten Spielemesse endlich aufs Papier bzw. auf den Bildschirm zu bringen.

Die Vorbereitungen

Die letzten beiden Jahre musste ich bei der SPIEL krankheitsbedingt aussetzen. Und im Jahr davor wurde die Messe auf Grund der Corona-Situation abgesagt. Eigentlich hatte ich mich auch 2023 bereits von dem Gedanken verabschiedet, einen Abstecher nach Essen zu machen. Ein neuer, recht fordernder, Job, anhaltende gesundheitliche Probleme und nicht zuletzt ein arg strapaziertes Budget sprachen eindeutig dagegen.

 

Die Horden fallen ein!
Anfang September, bei meiner regelmäßigen Rollenspielrunde, kam dann die Überlegung auf, dass man eigentlich doch mal wieder auf die SPIEL fahren könnte - so wie wir das seinerzeit in den 1990er Jahren gemacht haben. Nach einigen Diskussionen einigten wir uns schließlich darauf, Sonntag morgens gegen 6 Uhr aufzubrechen und am Nachmittag wieder den Heimweg anzutreten. So viel zu meinen guten Vorsätzen...

Die logistischen Vorbereitungen waren wie gewohnt schnell und unproblematisch erledigt - an dieser Stelle vielen Dank an den Friedhelm Merz Verlag für die Akkreditierung. Auf meine sonst üblichen Termine und Gespräche musste ich in diesmal allerdings verzichten. Mit nur einem Tag ist die Zeit dafür viel zu knapp - schließlich möchte ich ja auch etwas von der Messe selbst sehen. Immerhin konnte ich im Vorfeld einige Treffen mit Freunden und Bekannten organisieren. Nach so einer langen Auszeit gibt es natürlich viel Nachholbedarf.

Die Messe

Spieltische so weit das Auge reicht
Die Anreise nach Essen gestaltet sich überraschend problemlos. Weder auf der Fahrt noch bei der Parkplatzsuche kommt es zu großartigen Verzögerungen und so stehe ich bereits um 9 Uhr in der Halle. Der Besucherandrang hält sich ebenfalls in einem überschaubaren Rahmen. An den vorangegangenen Tagen war es wohl teils deutlich voller. Das Sicherheitspersonal an den Toren und den Eingängen verrichtet seinen Job sehr ordentlich, höflich und durchweg kompetent. Eine deutliche Steigerung zu einigen Jahren zuvor. Natürlich gibt es wieder Besucher, die glauben wichtiger zu sein als andere, und mit der Security diskutieren. Doch werden diese höflich aber bestimmt in ihre Schranken verwiesen.

Dank meiner Akkreditierung kann ich die Hallen schon eine gute halbe Stunde früher betreten. So nutze ich die Zeit ohne großartigen Publikumsverkehr dazu, mich zu orientieren. Beim letzten Besuch in den Grugahallen waren die Umbauarbeiten noch in vollem Gange gewesen. An der eigentlichen Hallenstruktur hat sich nur wenig geändert, aber die Anordnung und der Aufbau der Stände sind für mich komplett ungewohnt. Glücklicherweise hat der Verlag, ähnlich wie bei der Nürnberger Spielwarenmesse eine recht ordentliche App veröffentlicht. Dies erleichtert es mir erheblich, den Überblick zu behalten und meinen Weg zu finden. Ein großes Lob dafür!

Den gesamten Vormittag verbringe ich damit, mehr oder minder planlos über die Messe zu schlendern, mir die eine oder andere interessante Neuheit anzuschauen und die Eindrücke in mich aufzunehmen. Meine letzte (Indoor-)Veranstaltung dieser Größenordnung war die SPIEL 2019 und ich bin - schlicht gesagt - überwältigt. Dabei ist der Besucherandrang recht überschaubar. Die deutlich offenere Hallenstruktur, großzügig angelegte Gänge und die Freiflächen zwischen den Gebäuden sorgen dafür, dass sich die Menschenmenge gut verteilt!

Möge die Macht mit Dir sein!
Auf meinem Weg treffe ich häufig bekannte Gesichter oder schaue bei Verlagen vorbei, um nach langer Zeit mal wieder "Hallo!" zu sagen. Natürlich fallen einige Spiele sofort ins Auge, beispielsweise das neue Trading-Card Spiel Disney Lorcana von Ravensburger oder das Deckbuilding-Kartenspiel zu Star Wars, das Fantasy Flight Games veröffentlichen. Bei vielen Ständen sind es die großen, geräumigen Spielflächen, die ins Auge fallen. Die Tische sind rundweg gut besetzt und es wird überall fleißig gespielt, ausprobiert und gefachsimpelt.

Bei Pegasus Spiel hat man neben dem Brettspielbereich auch eine Reihe kleiner Séparées eingerichtet, so dass Rollenspiel-Runden ohne übermäßige Störung von außen möglich sind. Relativ versteckt in einer Hallenecke stolpere ich eher zufällig über den Stand von Grimspire. Der Verlag hat unter anderem die deutsche Version des großartigen Vagrantsong im Gepäck. Hätte ich vorher gewusst, dass es das kooperative Horror-Spiel auf dem heimischen Markt gibt, so hätte ich mir die englische Crowdfunding-Kampagne sparen können. Immerhin kann ich hier das Spiel kurz antesten und bereue nicht, einen kleineren dreistelligen Betrag investiert zu haben.

Als wir uns zum gemeinsamen Mittagessen in der Galerie bzw. dem daneben liegenden Freigelände treffen, ist es bereits 13 Uhr - und ich habe (gefühlt) noch kein einziges Spiel richtig angeschaut. Neben dem Essen werden auch Einkaufstipps geteilt. Unter anderem hat das Wikinger-Dart Eindruck hinterlassen, dass es in der Galerie zu sehen gibt - und das mittlerweile bei einem Freund im Garten hängt. Auch die wieder zahlreich vertretenen Hersteller von Spieltischen haben es uns angetan. So sehr, dass einer meiner Begleiter noch am gleichen Abend einen Tisch für das heimische Wohnzimmer ordert.

Das etwas andere Dart
Aber auch die erstaunlich große Anzahl an Foodtrucks sorgt bei mir für etwas Verwunderung. Hier haben die Messebetreiber nochmal ordentlich nachgelegt. Natürlich handelt es sich bei den meisten der angebotenen Speisen immer noch um Junk Food, aber die Auswahl ist viel größer und es gibt sogar nahrhaftere Alternativen.

Für die zweite Messe-Runde konzentriere ich mich in erster Linie auf die Miniaturen- und Tabletop-Hersteller, die zahlreich vor Ort sind. Diese sind fast vollständig in einer Halle untergebracht, so dass ich alle Punkte auf meiner Liste in einem Rutsch abarbeiten kann. Games Workhop präsentieren zwar einige schicke Modelle, aber der Fokus an dem großen Stand liegt eindeutig auf Demospielen und der Figurenbemalung. Auch sonst gibt es einige Gelegenheiten den Pinsel zu schwingen - so beispielsweise auch beim spanischen Farbenhersteller Vallejo. Ich klappere weitere Stände ab und schaue mir deren Neuheiten an. Titan Forge haben eine ganze Reihe neuer Modelle dabei, ebenso wie einige Brettspiele. Unter anderem gibt es die Möglichkeit, den wirklich schrägen Dungeon-Crawler Lobotomy II anzutesten.

 

Für die Nostalgiker
Archon Studio, die ihren Stand gegenüber haben, konzentrieren sich auf die Herstellung von bezahlbarem, sehr schickem Gelände und ebensolchen Figuren für Tabletop-Spieler. Daneben scheint sich der polnische Verlag auf die Umsetzung von verschiedenen Lizenzprodukten aus dem Computerspiele- oder Comic-Bereich zu spezialisieren. So gibt es hier Brettspiele und Tabletops zu Masters of the Universe oder Heroes of Might and Magic. Auch einige Rollenspiel-Verlage tummeln sich hier. Und so mache ich Abstecher zu Ulisses Spiele die sich in erster Linie auf ihren Klassiker Das Schwarze Auge konzentrieren, aber mit HeXXen 1733 auch die zweite Edition ihres recht finsteren, pseudo-historischen Systems vorlegen. Die langersehnte deutsche Ausgabe von Wolsung gibt es zwar bei der Redaktion Phantastik immer noch nicht käuflich zu erwerben - dafür ist die Produktion aber schon sehr weit fortgeschritten und der voluminöse Band kann vorbestellt werden. Daneben hat der Verlag natürlich auch die obligatorischen Neuheiten für ihr Detektiv-Rollenspiel Private Eye im Gepäck.

Einfach nicht totzukriegen
Mittlerweile ist der Nachmittag schon weit fortgeschritten und die Hallen haben sich merklich geleert. Meine Begleiter, wie auch ich selbst, zeigen bereits massive Ermüdungserscheinungen. So einigen wir uns schließlich darauf, der Messe nach einer letzten Runde den Rücken zu kehren. Während meiner vorangegangenen Streifzüge durch die Messehallen hatte ich mir immer wieder Notizen gemacht. Nun klappere ich eben diese Stände in Rekordzeit ab und schieße tatsächlich noch einige großartige Schnäppchen. Die Anreise am Sonntag bringt allerdings mit sich, dass bereits viele Dinge ausverkauft sind. Glücklicherweise gibt es immer noch mehr als genug Gelegenheiten Geld auszugeben. Nach einer letzten Abschiedsrunde machen wir uns langsam auf den Weg Richtung Parkplatz - glücklicherweise direkt vor der Halle.

Auch die Heimfahrt verläuft erstaunlicherweise ohne besondere Vorkommnisse. Noch nicht einmal der obligatorischen Stau um Köln herum hält uns auf. Und so erreichen wir relativ früh den Autobahnrastplatz mit dem Fast-Food-Restaurant, dass bereits in den 1990ern den Messeabschluss und die letzte Etappe der Heimreise signalisiert hat.

Das Fazit

Um ehrlich zu sein, war ich diesmal schlicht mit der Messe überfordert. In diesem Jahr stand für mich eindeutig der soziale Aspekt im Vordergrund - und nicht die Spiele. Einen Großteil meiner Zeit in den Hallen habe ich damit verbracht, Kontakte in die Verlagswelt aufzufrischen, die seit einiger Zeit brach lagen. Dazu kamen zahlreiche Treffen mit Bekannten und Freunden, so dass ich nicht annähernd so viel gesehen habe, wie ich wollte. Zudem ist das Angebot an Neuheiten viel zu groß, um alles an einem Tag aufzunehmen. Immerhin konnte ich einige Spiele von meiner Wunschliste ergattern und Lücken in diversen Sammlungen schließen.

Die Ausbeute
Das neue Konzept der Veranstalter gefällt mir sehr gut. Die Messe wirkt viel offener und übersichtlicher. Auch die Gruppierung der Stände innerhalb der Hallen ist strukturierter und folgt einer erkennbaren Logik. Ich vermisse den Messekatalog zwar bitterlich, aber der Verlag hat mit der App ein sehr probates Hilfsmittel geschaffen. So lässt es sich damit relativ einfach von Stand zu Stand navigieren - außerdem gibt es noch einiges an Zusatzinformationen. Ich kann nicht beurteilen, wie die Organisation an den vorangegangenen Messetagen war - zumindest am Sonntag gab es nichts auszusetzen.

Und schließlich noch die offiziellen Zahlen des Veranstalters, damit sich der Leser ein Bild von den Dimensionen der Messe machen kann: 193.000 Besucher, 935 Aussteller, 1.750 Neuheiten und 6 Hallen mit insgesamt 62.500qm.

 

Montag, 13. März 2023

The Damned; Gruenspan; Hamburg


[Konzert] The Damned

Support: The Jaded
Dienstag, 7. März 2022
Gruenspan, Hamburg

 

Ich höre The Damned, seit ich im zarten Alter von 15 Jahren musikalisch die „Dunkle Seite“ für mich entdeckt habe. Zu dieser Zeit hatte sich die Band etwas von ihren Punk-Ursprüngen entfernt und war ein Stück weit ins Gothic-Genre gewechselt. In den 1990er Jahren wurden Veröffentlichungen und Touren seltener, das Personalkarussell drehte sich und die Musiker verschwanden fast völlig von meinem Radar.
Dies änderte sich erst wieder mit dem 40jährigen Band-Jubiläum und der Veröffentlichung von Evil Spirits im Jahr 2018. Das Album war überraschend erfolgreich, klang erstaunlich frisch und wurde von einer Tour begleitet. Auf eben jener Tour machten The Damned in der Frankfurter Batschkapp Station – für mich DIE Gelegenheit, die Band live zu sehen. Leider machte mir mein angeschlagener Gesundheitszustand einen Strich durch die Rechnung und statt zu feiern, lag ich zu dem Zeitpunkt wieder einmal im Krankenhaus.
Es sollte bis 2022 dauern, bis die Band erneut Deutschland besuchte. Im Rahmen des New Waves Day in Oberhausen war ein Auftritt geplant. Diesmal war ich vor Ort – leider befanden sich die Musiker in einem nahegelegenen Hotel in Quarantäne. Sehr ärgerlich, da ich (fast) nur dafür vor Ort war.

Das für Ende April angekündigte Album nehmen die Musiker nun als Anlass, wieder einige Konzerte zu spielen – vier davon auch in Deutschland. Da ich schon seit geraumer Zeit eine Reise nach Hamburg plane, kommt mir der Tourplan sehr entgegen. So kann ich noch ein wenig Kunst und Kultur mit einfließen lassen. Der Planungsaufwand ist zwar etwas höher, aber Bahnfahrt, Unterkunft und Rahmenprogramm sind dennoch schnell organisiert.

Das Konzert

Gruenspan

Es ist ein kalter, windiger, verschneiter Dienstag Abend als ich die S-Bahn-Station Reeperbahn verlasse. Trotz der widrigen Umstände herrscht auf der Großen Freiheit reger Betrieb. Vor den Amüsierbetrieben stehen neugierige Touristen, während sich vor der Großen Freiheit 36 eine gewaltige Schlange gebildet hat. Ich habe Mühe, mich durch die Menschenmenge zu drücken, und bin froh, als ich den ruhigeren Teil der Straße erreiche. Eine Handvoll Besucher hat sich bereits vor dem Eingang zum Gruenspan eingefunden. Die Stimmung ist locker und schnell kommt man ins Gespräch. Bei den meisten handelt es sich um Einheimische, einige haben jedoch lange Reisen auf sich genommen. Was auffällt, ist allerdings das reife Alter – ich zähle an diesem Abend eindeutig zu den jüngeren Gästen.

Pünktlich um 19 Uhr öffnen sich die Türen und es geht in den hohen Saal. Bevor ich einen Platz an der Bühne ergattere, statte ich dem Merch-Stand einen Besuch ab und versorge mich mit Getränken. Langsam füllt sich der Innenraum und ich beeile mich, meinen Platz am rechten Bühnenrand einzunehmen. Nach gut einer halben Stunde herrscht dichtes Gedränge und ich bin froh, ein relativ gemütliches Eckchen gefunden zu haben.

The Jaded heizen ein

Pünktlich um 20 Uhr kommen, die mir völlig unbekannten, The Jaded aus Hamburg auf die Bühne. Laut Ansage des Gitarristen spielt die Band „irgend so’n Jazz-Zeuch“. Doch schon beim Opener „Nothing Changes“ wird klar, dass es sich doch eher um soliden, schnörkellosen Punk-Rock handelt. Die Musik geht direkt nach vorne und wird vom Publikum gut angenommen. Praktisch vom ersten Stück an wird im Saal mitgewippt. Zwischen den Stücken gibt es immer wieder kleine Anekdoten zum lokalen Bezug der Band, zur Musik und zum fortgeschrittenen Alter der Konzertbesucher (und Musiker). Jedes Stück wird ausgiebig gefeiert und mitgesungen. Das Set besteht zumeist aus eigenen Liedern, aber auch Cover-Versionen haben ihren Platz gefunden. Treibendes Schlagzeug, teils mehrstimmiger Gesang, eingängige Melodien, ironische Texte und die Interaktion mit dem Publikum sorgen für wirklich gute Stimmung. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Band nach dem Ende ihres halbstündigen Sets noch für eine Zugabe auf die Bühne kommt. Nach einer kurzen, dreckigen Version von „Commando“ – im Original von den Ramones ist dann aber auch Schluss und The Jaded haben Feierabend.

Tadellos gekleidet

Nach ziemlich genau einer halben Stunde Umbaupause verlöschen die Lichter im Saal und vom Band kommt Musik, die durchaus aus einem 1960er Jahre Horrorfilm stammen könnte. Thematisch passt dies natürlich zum, im nächsten Monat erscheinenden, Album Darkedelic. Nachdem die letzten Töne verklingen, betreten endlich The Damned die Bühne. Nach Bassist Paul Gray oder dem neuen Schlagzeuger Bill Taylor würde man sich auf der Straße wahrscheinlich nicht umschauen. Dagegen ist das Auftreten von Keyboarder Monty Oxymoron und Gitarrist Captain Sensible recht markant. Optisch (und musikalisch) steht jedoch Dave Vanian im Mittelpunkt. Als der Sänger ans Mikrofon tritt, muss ich unweigerlich an Arnold Ernst Toth (aus dem ersten Indiana Jones-Film) denken.

Es wird gerockt

Entgegen meinen Erwartungen stammt der Opener „Street of Dreams“ nicht aus den neuen Veröffentlichungen, sondern aus dem Jahr 1985 – einer Phase in der die Band eher dem Gothic-Genre zuzuordnen war. Die Nummer ist rockiger als auf dem Album und überzeugt eigentlich ab dem ersten Ton. Danach folgt die Single-Auskopplung aus dem kommenden Album – „The Invisible Man“. Das Publikum ist verständlicherweise noch nicht ganz textsicher, feiert aber trotzdem mit. Grade das manische Gelächter im Mittelteil bleibt hier im Gedächtnis haften. Danach folgt ein wilder Ritt kreuz und quer durch die Bandgeschichte mit Stücken aus jedem der zwölf Alben. Dabei folgen ruhige Passagen, beispielsweise „Blackout“ auf kurze, krachige Nummern wie „Lively Arts“. Zwischendurch werde ich (relativ rüde) daran erinnert, dass hier immer noch eine Punk-Band auf der Bühne steht. In der Mitte des Saales hat sich eine recht große Pogo-Runde gebildet, deren Ausläufer mich unsanft an das Gatter drücken. Obwohl sich einige Gäste vom Boden aufrappeln müssen, tut dies der guten Stimmung keinen Abbruch.
Der erste Teil des Konzerts endet nach gut 70 Minuten mit einer sehr extensiven Version von „Neat Neat Neat“. Dabei könnte Dave Vanian durchaus als Inkarnation von Elvis Presley durchgehen – einschließlich dem eleganten Hüftschwung.

Der Captain in seinem Element

The Damned kommen schon nach wenigen Minuten wieder zurück auf die Bühne. Allerdings gibt es wohl ein technisches Problem mit Bass und Gitarre, dass die Crew nicht lösen kann. Captain Sensible macht das beste aus der Situation und improvisiert zusammen mit dem Keyboarder und Schlagzeuger das grandiose „Wot“. Das Publikum ist, wenig überraschend, textsicher und geht mit vollem Einsatz mit. Schließlich ist die Panne behoben und der zweite Teil des Sets kann mit „Eloise“ richtig beginnen.
Wieder gibt es technische Schwierigkeiten – diesmal ist es der Bass von Paul Gray, der nicht macht, was er soll. Der Bassist ist sichtlich genervt und die Crew schraubt mit wachsender Panik an dem Instrument herum. Nun liegt es an Monty Oxymoron dem Keyboarder, die Zwangspause mit einer Improvisation zu überbrücken. Ein sphärischer Klangteppich, dezent von Gitarre und Schlagzeug unterstützt, überbrückt die Wartezeit. Nach diesem kurzen, ausgesprochen ruhigen Zwischenspiel, nimmt das Konzert mit „Smash It Up“ noch einmal an Tempo zu. Es wird wieder wild getanzt – aber auch außerhalb der pogenden Menge in der Mitte steht im Saal niemand mehr still.

Nach etwas mehr als 90 Minuten endet der Auftritt – natürlich mit dem Stück, mit dem die Bandgeschichte 1977 begann. Anstatt das Konzert ruhig ausklingen zu lassen, drückt „New Rose“ ordentlich aufs Tempo. Optisch wird das Ganze durch eine kleine Tanzeinlage des Keyboarders aufgewertet, der wild über die Bühne fegt.

Wie war’s?

Lange hat es gedauert, bis ich The Damned endlich live sehen konnte. Aber sowohl die Warterei als auch der Aufwand haben sich für mich gelohnt. Der dazugehörige kurze Kurzurlaub in Hamburg war dabei noch ein zusätzlicher Bonus. So hatte ich endlich einmal die Gelegenheit mich mit Freunden zu treffen, mir das Miniatur Wunderland anzusehen und durch die Hansestadt zu bummeln.

Gute Nacht!


Die Atmosphäre im Gruenspan war sehr familiär und entspannt, so dass ich mich direkt wohl gefühlt habe. Der Sound war, zumindest an meinem Standort, recht gut – nur gelegentlich gab es ein leichtes Übergewicht bei der Gitarre. Die technischen Schwierigkeiten gegen Ende des Auftritts konnte die Band locker, und ausgesprochen charmant, überspielen. Die Kommunikation mit dem Publikum wurde hauptsächlich von Captain Sensible und Dave Vanian bestritten. Die anderen drei Musiker traten nur selten in den Vordergrund – wenn auch Paul Gray ein Freund großer Posen ist. Ich hatte den Eindruck, dass auch die Band Spaß am Auftritt hat. Kleine Wortgeplänkel und Tanzeinlagen lockerten das Konzert zusätzlich auf. Die Stücke, obwohl über einen Zeitraum von über 40 Jahren entstanden, wirken aus einem Guss. Dabei funktioniert die Mischung aus Rock und Punk hervorragend. Hinzu kommen psychedelische Keyboards, ruhige Passagen und gelegentliche Reminiszenzen an Elvis, die der Band einen ausgesprochen charakteristischen Sound verleihen.
Insgesamt ein großartiges Konzert, bei dem alles gepasst hat – einschließlich der wirklich guten Vorband!

Wer noch ein paar mehr Bilder sehen möchte, wird HIER fündig!

 

Sonntag, 12. Februar 2023

Spielwarenmesse Nürnberg 2023


[Messe] Spielwarenmesse 2023

Donnerstag, 2. Februar 2023
Nürnberg

Nachdem 2021 und 2022 die Messe ausfiel, freue ich mich, endlich wieder nach Nürnberg zu fahren. Die Spielwarenmesse im Januar 2020 war die letzte Großveranstaltung, die ich besucht habe, bevor die Seuche zugeschlagen hat. Daher mischt sich in die Vorfreude auch ein klitzekleines bisschen Unsicherheit. Zum einen erwartet mich eine längere Zugreise – was derzeit schon abenteuerlich genug ist. Zum anderen meide ich nach Möglichkeit größere Menschenansammlung. Hinzu kommt, dass mein Gesundheitszustand sich in den letzten Jahren kontinuierlich verschlechtert hat. Dennoch werfe ich die Bedenken über Bord, leiere meiner Chefin zwei freie Tage aus den Rippen und kümmere mich um Buchung und Akkreditierung.

Die Fahrt von Mainz nach Frankfurt im Regionalexpress verläuft ausnahmsweise unkompliziert und der Zug kommt sogar fast pünktlich im Hauptbahnhof von Mainhattan an. Da die Strecke derzeit aus verschiedensten Gründen sehr problematisch ist, habe ich einen großzügigen Zeitpuffer einkalkuliert. Womit ich allerdings nicht gerechnet habe, ist die Verspätung des ICE nach Nürnberg. Es gibt Probleme mit der "Bereitstellung der Wagons" - was auch immer dies jetzt konkret heißen mag. Also drücke ich mich eine zusätzlich halbe Stunde auf dem zugigen Bahnsteig herum, bis der Zug schließlich einfährt. Das Abteil ist nur halb voll, so dass ich auch ohne Sitzplatzreservierung ein gemütliches Plätzchen finde. Kurz darauf lassen sich einige Sitze hinter mir zwei Fußballfans nieder, die den Sieg ihrer Mannschaft am Vorabend in Mainz immer noch ausgiebig feiern. In der Sitzgruppe vor mir haben dagegen vier japanische Touristen ihren Platz gefunden, die fleißig eine Runde Dosenbier nach der nächsten durchziehen - und das um 7 Uhr morgens.
Entsprechend laut ist die Geräuschkulisse und an Schlaf nicht zu denken. Also döse ich ein wenig vor mich hin und gehe in Gedanken den Ablauf des Tages durch. Da ich immer noch bzw. schon wieder gesundheitlich angeschlagen bin, habe ich mir ein eher lockeres Programm für den Tag verordnet.


Als ich den Nürnberger Hauptbahnhof erreiche herrscht dort dichtes Gedränge und ich behalte meine Maske lieber an. Die ersten beiden S-Bahnen Richtung Messe sind so voll, dass ich sie ziehen lasse, als mich noch hinein zu quetschen. Glücklicherweise gibt es einen angepassten Fahrplan und es liegen nur wenige Minuten zwischen den einzelnen Bahnen. An solch einer Regelung könnten sich andere Messe-Städte durchaus ein Beispiel nehmen...

Direkt beim Betreten der Messehallen fallen mir einige Änderungen auf. So gibt es beispielsweise keine Kunststoffhüllen mehr für die Eintrittskarten und das Ausstellerverzeichnis ist nur noch in digitaler Form verfügbar. Auch sind die ausgelegten Kataloge im Pressezentrum lange nicht mehr so üppig wie in den Vorjahren. Viele Hersteller verzichten sogar ganz auf die Neuheitenpräsentation in Papierform, andere beschränken sich dagegen auf ein einzelnes Blatt mit einem QR-Code, der zur entsprechenden Internet-Präsenz führt. Schaut man sich die Entwicklung der Papierkosten an, handelt es sich hier um eine naheliegende Maßnahme - allerdings tut es mir doch sehr um die Druck-Branche leid, die mir immer noch am Herzen liegt. Das sind wieder Aufträge, die irgendwo fehlen.

Halle 7A

Mein erster Gang führt mich in die Halle 7A. Mittlerweile sind hier der Fahrzeugmodellbau und Modelleisenbahnen nebst Zubehör zusammen untergebracht. Die Anzahl der Aussteller in diesen Bereichen ist merklich zurückgegangen, so dass sie alle in einer Halle Platz finden. Auch sind viele der Stände kleiner und bescheidener als noch vor drei oder vier Jahren.

Meine erste Anlaufstelle ist NOCH, die mit ihrem riesigen Angebot für Dioramen- und Modelleisenbahnbau vor Ort sind. Vor allem deren Messeneuheit hat es mir angetan: Fertig bemalte Figuren für die Spuren N und Z - direkt aus dem 3D-Drucker. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie diese Technik funktioniert, aber das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Es wird zwar noch bis zum Sommer dauern, bis die Figuren im Handel erhältlich sind, aber der erste Eindruck war schon sehr, sehr gut.

Erst nach einiger Suche finde ich den Farbenhersteller Ammo. Der Stand ist komplett in weiß gehalten und bis auf zwei Displays mit Prospekten deutet nichts darauf hin, was hier vorgestellt wird. Keine Miniaturen oder Modellbausätze, keine Farben oder die anderen Hilfsmittel aus der Produktpalette - einfach gar nichts. Die Dame hinter dem Stand kann mir dann auch leider nichts zu den Neuheiten sagen, sondern eher etwas zu Verkaufszahlen und Marktsegmenten. So ziehe ich schnell und ernüchtert von dannen.

Glücklicherweise ist man bei Vallejo etwas anders aufgestellt. Der freundliche Herr mit der Airbrush-Pistole beantwortet ausführlich alle Fragen, während er Modelle besprüht. Ein besonderes Augenmerk liegt natürlich auf den zwei neuen Produktlinien. Bei den Colorshift Sets handelt es sich um je acht irisierende Farben. Je nach Lichteinfall ändern sich dabei Farbton und -wirkung. Die zweite Neuerung sind die XPress Colors. Mit dieser Serie ist es möglich Schatten, Mitteltöne und Lichter in einem Durchgang zu malen. Damit schließt der spanische Hersteller die Lücke zu anderen Farbmischern, die bereits seit einiger Zeit solche Farben im Programm haben. Der erste Eindruck hat mich zumindest soweit überzeugt, dass ich beim Dealer meines Vertrauens, dem Mainzer Orcish Outpost, das Grundset geordert habe.


Der letzte Punkt auf meiner To-Do-Liste, zumindest in dieser Halle, sind Scale 75. Auch hier stehen wieder die Farben im Vordergrund - in erster Linie die unterschiedlichen Themensets. Die Pigmente aus der Tube und die Ölfarben richten sich eher an den professionellen Miniaturenbemaler. Mein eigentliches Highlight sind jedoch die Resin-Figuren, die durch verschiedene Crowdfunding-Aktionen realisiert wurden - besonders die Zodiac Mystic Signs. Eine spannende Neuheit gibt es außerdem vorab zu sehen: Drop and Paint - gebrauchsfertige Airbrush-Farben, die sich grade in der Entwicklungsphase befinden.

Damit wäre mein Programm hier erledigt und ich mache mich auf den Weg zu meinen nächsten Zielen. Während ich die Halle 7 durchquere, fallen mir die große Anzahl an Dienstleistern auf. Beispielsweise sind sowohl TÜV Süd als auch TÜV Rheinland mit Ständen vertreten. Prüfungen, Zertifizierungen, logistische Abwicklung, aber auch die komplette Produktion von Spielen und Drucksachen: Für jedes einzelne Gebiet sind gleich mehrere Anbieter vor Ort.
Mein weiterer Weg führt mich durch die Halle 9, die auch in diesem Jahr ein Tummelplatz für die Feierwütigen ist. Zahlreiche Anbieter stellen ihre Feuerwerksartikel vor, Masken und Kostüme sind ebenfalls vorhanden. Dazu kommt alles, was für eine gelungene Party notwendig ist: von Luftballons über Konfetti bis hinzu den unterschiedlichsten Deko-Artikeln. Auch hier habe ich den Eindruck, dass es generell kleinere Stände sind, die sich präsentieren.

Halle 10


Schließlich erreiche ich die Halle 10 - und damit den Schwerpunkt meines Messebesuches. Kosmos haben wieder ihren gewohnten Standort am Halleneingang und so stürze ich mich gleich auf die Neuheiten. Das erste, was mir ins Auge fällt, ist Gecko Run, eine Kugelbahn, die an einer senkrechten Fläche gebaut wird. Das System ist modular und lässt sich mit Loopings, Hüpfbändern oder flexiblen Strecken beliebig erweitern. Beim Betrachten muss man jedoch aufpassen, dass man nicht über Messebesucher stolpert, die die Kugeln auf dem Boden suchen. Ich bin, zugegebenermaßen, ein Fan von solchen Bahnen, daher werde ich es wohl verstärkt im Auge behalten. Die Mischung aus Experimentierkästen, Kreativ-Sets und Astronomie-Zubehör finde ich dagegen weniger spannend. Eher interessiert mich die Exit-Reihe. Diese Escape-Room-Spiele erhalten auch in diesmal wieder massiven Zuwachs. Neben der "klassischen" Variante gibt es auch neue Puzzle und Comics. Dazu kommen mehr Krimi-Spiele, hier fällt mir besonders die Suspects-Reihe auf, die ihre Inspiration aus den Romanen von Agatha Christie zieht. Das Fantasy-Spiel Die Legenden von Andor, immerhin auch schon zehn Jahre alt, bekommt eine Big Box spendiert und mit Die Ewige Kälte einen eigenständigen Ableger. Auch für den Spielernachwuchs und Comic-Liebhaber gibt es passenden Neuheiten zum Spiel. Für Der Herr der Ringe gibt es ein weiteres Reisespiel - wobei der Verlag da schon einige im Programm hat. Hinzu kommen kleinere Neuheiten - Spiele ohne Franchise oder Serie dahinter.

Nach diesem, doch sehr umfangreichen, Angebot ist mein nächstes Ziel der wesentlich überschaubarere Stand von EMF. Nachdem sich der Verlag im Bereich der Koch- und Bastelbücher eine herausragende Rolle erarbeitet hat, fasst er nun auch auf dem Spielemarkt langsam Fuß. Der Schwerpunkt liegt hier im Bereich der Escape-Room- und Krimi-Spiele, einschließlich einigen Krimi-Dinnern. Besonders interessieren mich dabei die Lizenzen zu Babylon Berlin und Peaky Blinders. Die nette Dame vom Marketing gibt mir einen umfassenden Überblick und regt dabei mein Interesse nur noch mehr an. Das eine oder andere der Spiele kommt daher gleich auf meine Wunschliste. So beispielsweise Mörderischer Mittsommer - ein Krimi-Dinner angesiedelt in einem Wikinger-Themenpark.

Ein paar Meter weiter wartet gleich der nächste Stand auf mich. Die Schweizer vom Kampfhummel Verlag sind auch in diesem Jahr wieder vor Ort. Wirkliche Neuheiten haben sie leider nicht im Gepäck, dafür aber italienische und skandinavische Versionen von Kampf gegen das Spießertum, sowie die Reiseversion dieses Spiels.


Natürlich lasse ich mir einen Abstecher zu Archon Studio nicht nehmen. Die Polen sind für ihre hervorragenden Kunststoff-Miniaturen bekannt, beispielsweise Lizenzprodukte zu Dungeons & Dragon oder generisches Gelände. Mittlerweile veröffentlichen sie aber auch eigene Spiele im Tabletop- und Strategiebereich, so ein Skirmish basierend auf Masters of the Universe. Mir hat es vor allem der Dungeon-Crawler zum Computerspiel Wolfenstein angetan - der jedoch leider nicht auf dem heimischen Markt erhältlich ist.

Bei HCM Kinzel richten sich die Neuheiten eher an den Spielernachwuchs. Die Mischung ist hier recht vielfältig, von den Bau- und Geschicklichkeitsspielen By the Book und Crazy Cubes über das Familienratespiel Tension bis zum Deduktionsspiel Find Finley. Ich interessiere mich jedoch vor allem für das Flip & Write Next Station Tokyo - hat mir der erste Teil in London doch recht gut gefallen. Auch die beiden kommunikativen Partyspiele Mind Reader und Clueless schaue ich mir genauer an. Beide verfolgen unterschiedliche Konzepte, sind aber vom ersten Eindruck her für fast jede Spielergruppe geeignet.

Carletto bzw. Game Factory sind gleich mit zwei Ständen auf der Messe vertreten. Da Puppen und andere Kinderspielsachen eher nichts für mich sind, beschränke ich mich auf den Stand in dieser Halle. Obwohl ich keinen Termin habe, bekomme ich eine kurze Erklärung zu Wanderlust - einer der größeren Veröffentlichungen. Bei der Mischung aus Deckbuilding- und Renn-Spiel muss ein Wald durchquert werden. Ein modularer Aufbau und wechselnde Kartendecks dürften dabei für Abwechslung sorgen. Mir hat vor allem die stimmige Aufmachung gefallen. Das Rate- und Partyspiel Stadt Land Flip - Late Night, setzt die Reihe fort. Hier wird auf die Schreiberei verzichtet - es gilt, als erster den passenden Begriff zu nennen. Ein einfaches Konzept, ebensolche Regeln und ein schneller Ablauf machen das Spiel zu einem vielversprechenden Absacker. Über Splito, ein semi-kooperatives Draft-Spiel und District Noir, ein Zwei-Personen-Spiel vor Gangster-Hintergrund, war leider bis auf die Verpackung und den groben Inhalt noch nichts in Erfahrung zu bringen.

Die letzte Anlaufstelle in dieser Halle ist mit The Army Painter ein weiterer Farbhersteller. Die Dänen sind zum ersten Mal vor Ort und ich nutze die Gelegenheit ausgiebig über die Produktpalette zu reden. Im Fokus steht die neueste Generation der Speedpaints, die dem Miniaturenbemaler das Leben erleichtern sollen. Ich nutze diese Farben selbst intensiv, daher sind die geänderte Formel und vor allem die dazugehörigen Metallfarben von großem Interesse. Ich habe sogar die Gelegenheit, eine der Farben live auszuprobieren, und bin vom Ergebnis sehr angetan.

Halle 10.1

Als ich die Rolltreppe verlasse, laufe ich praktisch in den Stand von Schmidt Spiele hinein. Hier zieht es mich direkt zu New Eden, einem anspruchsvollen Aufbauspiel. Bei diesem versucht jeder Spieler, eine funktionsfähige Unterwasserstadt zu konstruieren, da das Leben auf der Erdoberfläche praktisch nicht mehr möglich ist. Eine kurze Demo lässt in interessante Thematik und einen ebensolche Spielmechanismus blicken. Sicher ein Titel, den ich mir näher anschauen werden. Etwas leichter verdaulich ist dagegen das Barista-Spiel Café del Gatto. Hier erstellt man verschiedene Kaffee-Kreationen, um diese gewinnbringend zu veräußern. Hübsch aufgemacht und nicht übermäßig komplex dürfte das Spiel Familienrunden, aber auch Nicht-Spieler ansprechen. Ungewöhnlich für den Verlag gibt es mit Chaos in Gotham City ein DC-Lizenzspiel. In dem Stichspiel versuchen die Spieler als Schurken (!) die Kontrolle über die Stadt zu erlangen. Die Superhelden-Thematik spricht mich jetzt weniger an, aber das Spiel macht einen soliden Eindruck. Bei den restlichen Neuheiten handelt es sich zumeist um Erweiterungen und Ableger bereits bekannter Titel, die in diesem Fall für mich weniger interessant sind.

Direkt nebenan geht es mit Amigo Spiele weiter. Hier ist die Anzahl der präsentierten Neuheiten zwar überschaubar - aber durchaus sehenswert. So bekommen die Partyspiele der Privacy-Reihe mit Privacy Duo einen Ableger für zwei Personen. Ich bin mir zwar noch nicht ganz sicher wie und ob das Spiel über geheime, intime Details funktioniert, aber angetestet wird es bei nächster Gelegenheit. Um eine Mischung aus Sammel- und Deckbuilding-Kartenspiel handelt es sich bei Sauscharf. Chilis haben bereits öfters eine Rolle in den Spielen des Dietzenbacher Verlages gespielt - entsprechend wird das Thema hier erneut aufgegriffen. Hier sind es die Grafiken und der Spielmechanismus, die mich neugierig machen. Nicht ganz so spannend finde ich dagegen das neue Halli Galli Twist und das Superhelden-Sammelkartenspiel Miraculous Secrets.


Am Stand von Iello gibt es ebenfalls einige Neuheiten zu sehen, beispielsweise die Erweiterungen zu Unmatched oder einen Ableger von Bunny Kingdoms. Leider ist mein Presse-Kontakt nicht mehr bei der Firma und so entfällt eine ausführliche Vorstellung der kommenden Veröffentlichungen. Mein besonderes Augenmerk liegt auf der grandiosen Monsterprügelei King of Tokyo. Für diese gibt es eine ganze Reihe von Mikro-Erweiterungen - die eine neue Spielmechanik mit sich bringen. Ganz neu, aber vor dem gleichen Hintergrund angesiedelt ist King of Monster Island. Hier müssen die Spieler kooperativ gegen das Spiel selbst antreten. Das dürfte sich zwar ungewohnt spielen - sieht aber auf jeden Fall sehr vielversprechend aus.

Als Fan der Computerspiele ist natürlich die Brettspiel-Variante von Assassins Creed bei HeidelBÄR Games für mich interessant. Leider gibt es das Spiel nicht live zu sehen - so muss ich mich mit einigen Infos aus erster Hand begnügen. Ebenfalls sehr ansprechend ist das schon im Dezember erschienene Deal with the Devil. Hier wird um Seelen geschachert, um Schätze gewuchert und alles getan, um das eigene Reich zur Blüte zu führen. Sowohl optisch als auch spielerisch sehr hübsch und thematisch auf meiner Wellenlänge! An jüngere Spieler und/oder Katzen-Liebhaber richtet sich das Reaktionsspiel Fish & Katz, bei dem mit (gestrickten) Katzenpfoten nach Fisch-Karten geangelt wird. Um Würfelmanagement und heroische Heldentaten geht es bei Hercules. Hier werden Würfelergebnisse mittels gesammelter Karten manipuliert. Ebenfalls ein Spiel, dass mich von seiner Art durchaus anspricht. Auch in der Antike sind die beiden Bau-Spiele Evora (Tempel) und Pyramido (Pyramiden) angesiedelt. Hier müssen die Spieler die entsprechenden Bauwerke errichten und dabei Punkte sammeln. Diese kommen jedoch derzeit auf meine "Vielleicht"-Liste - da ich bereits mehr als genug Spiele aus dem Genre in meiner Sammlung habe.

Neben den deutschen Versionen der meisten Iello-Spiele haben Huch! mittlerweile auch ein recht umfangreiches eigenes Verlagsprogramm. Hier hat es mir vor allem Full Moon angetan - eine Erweiterung, die das Hexen-Gebräu-Spiel Witchstone optisch und spielerisch nochmals aufwertet. Der erste Eindruck ist auf jeden Fall vielversprechend - ein entsprechender Test wird in absehbarer Zeit folgen. Daneben fallen mir das Bau- und Ressourcenmanagement von Moesteiro und das Handelsspiel East India Companies auf. Beide sind vor historischem Hintergrund angesiedelt und sehen sehr stimmig aus. Konzept und Ablauf für das Zwei-Personen-Spiel Marsch der Krabben klingen ungewöhnlich und machen auf jeden Fall neugierig. Bis zur Veröffentlichung werden aber wohl noch einige Monate ins Land ziehen.

Erst vor kurzem bin ich auf die Quizspiele von Denkriesen gestoßen. Und da der Verlag hier einen kleinen Stand hat, schaue ich auch hier kurz vorbei. Zu sehen gibt es das Erzählspiel Humbug, das in diesem Jahr für den Toy Award nominiert wurde. Bei dem kommunikativen Partyspiel, müssen Kartenillustrationen beschrieben und erraten werden. Für Bluffer und kreative Denker sicher eine gute Wahl - zumal mit vier unterschiedlichen Ausgaben für ausreichend Abwechslung gesorgt ist. Neben neuen Themen-Editionen gibt es den Verlagsklassiker Stadt Land Vollpfosten nun auch in einer Brettspielvariante. Hier wird in Teams unter Zeitdruck zusammengespielt. Und als besonderes Schmankerl kommt für die Bestimmung der Buchstaben ein 30seitiger Würfel zum Einsatz - der auch separat erhältlich ist.

Enttäuscht bin ich am Stand das britischen Tabletop-Riesen Games Workshop. Grade hier gäbe es doch einige Ankündigungen, aus denen man etwas hätte machen können, beispielsweise die neuen Grundboxen für Warcry: Bloodhunt oder Kill Team. Auch Neuigkeiten über zur kommenden Warhammer 40.000-Verfilmung hätte ich mich gefreut. Stattdessen gibt es zwei Vitrinen mit Miniaturen und ein Display mit älteren Einsteigerboxen. Als ich erwähne, dass ich kein Händler bin, sondern nur an Informationen interessiert bin, lässt mich mein Gesprächspartner abrupt stehen und muss dringend etwas hinter dem Tresen sortieren.

Der Empfang bei moses. ist dagegen deutlich freundlicher. Auf meine Frage nach den Neuerscheinungen im Spiele-Bereich, werde ich an einen enthusiastischen jungen Mann verwiesen, der mir im Detail Rede und Antwort steht. So bekommt das Krimi-Spiel Killer Cruise von Sebastian Fitzek einen kleinen Ableger. Bei diesem erwürfeln sich die Spieler den Weg durch das Kreuzfahrtschiff und versuchen die Passagiere vor einem Psychopathen zu retten. Wem das zu blutig ist, kann auf das Ratespiel Von Äh bis Z oder Wigald Bonings großes Quiz der Absurditäten zurückgreifen. Dazu kommen neue Erweiterungen für die black stories-Serie sowie einige kleinere Würfel- und Knobel-Spiele. Ich bin zwar nicht mehr die passende Zielgruppe für Das geheimnisvolle Haus, dennoch muss ich einen Blick darauf werfen. In einem dreidimensionalen Haus müssen Rätsel gelöst und drei Gegenstände gefunden werden. Hübsch aufgemacht, auf jüngere Spieler zugeschnitten und mit einer UV-Lampe als Gimmick ausgestattet - auf den ersten Blick macht es einen sehr guten Eindruck.

NSV haben in diesem Jahr nur wenig Neues im Programm. The Mind - Soulmates ist eine neue Variante des grandiosen kooperativen Karten-Ablage-Spiels. Diesmal werden die Koordinierungs-Bemühungen von einem "Seher" geleitet, der seinen Mitspielern Hinweise auf die richtigen Karten gibt. Zum zehnjährigen Jubiläum kommt außerdem eine Qwixx Edition auf den Markt. Neben dem Grundspiel kommen drei weitere Varianten der Würfelei hinzu. Außerdem werden die Abreißblocks nun durch wiederbeschreibbare Karten ersetzt.


Für den Abschluss in dieser Halle habe ich mir den Stand von Asmodee aufgehoben. Hier gibt es Ableger oder Erweiterungen verschiedener Serien zu sehen, beispielsweise Zombicide, The Witcher oder Star Wars. Mein Augenmerk liegt allerdings diesmal eher auf Spielen mit einem originelleren Hintergrund. So kombiniert Für eine Handvoll Meeple, Worker Placement, Western-Thematik und Duelle in der Mittagssonne zu einer sehr ansehnlichen Mischung. Dagegen geht es bei Hamlet nicht um den dänischen Königssohn, sondern um den Ausbau einer kleinen Siedlung. Gebaut wird kooperativ, gewinnen kann jedoch nur ein Spieler. Das Aufbau- und Handelsspiel sieht hübsch aus - über die Spielmechaniken habe ich bisher noch nichts herausgefunden. Mit einer ungewöhnlichen Thematik macht Encyclopedia auf sich aufmerksam. Hier geht es darum, eine Tiersammlung aufzubauen. Auf den ersten Blick wirkt das Spiel recht vielschichtig und anspruchsvoll. Die wirklich gelungene (und opulente) Ausstattung tut ihr Übriges, um meine Neugier zu wecken. Dazu kommen noch eine Vielzahl größerer und kleinerer Spiele. Aber da meine Zeit begrenzt ist, mache ich mich wieder auf den Weg.

Spiele-Café


Wie schon in den letzten Jahren, haben Pegasus Spiele wieder ihren Platz etwas außerhalb des Messetrubels gefunden. Auch die Friedberger haben eine gewaltige Menge an Neuerscheinungen im Gepäck - so dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. So starte ich meine Erkundungstour mit einem Thema, das mir sehr am Herzen liegt - den tentakligen Scheußlichkeiten des Mythos. Mit der Cthulhu Einstiegsbox wird es Rollenspiel-Anfängern sehr leicht gemacht, in die Abgründe des Wahnsinns einzutauchen. Charakterbögen, Würfel, ein Spielleiterschirm und drei Hefte mit Regeln und Abenteuern decken für den Anfang alles ab. Ich bin immer wieder angenehm überrascht, dass der Verlag seine Rollenspiel-Reihen nicht vernachlässigt. Das Gros der Exponate dreht sich allerdings um Brettspiele, so beispielsweise das massive Frostpunk. Die Spieler müssen hier eine Siedlung in einer menschenfeindlichen Umwelt ausbauen. Neben Forschung, Aufbau und Ressourcen-Management sind es vor allem die gemeinsamen Entscheidungen der Spieler, die die Entwicklung vorantreiben. Das Spiel liegt schon für einen der nächsten Spieleabende bereit und ich werde sicher bei Gelegenheit ausführlicher darüber schreiben. Bei Vampire: Die Maskerade - Chapters handelt es sich laut Klappentext um eine Mischung aus Rollen- und Brettspiel vor dem Hintergrund des gleichnamigen Rollenspiels. Neben tollen Figuren, einem modular erweiterbaren Spielplan und der finsteren Atmosphäre sind es vor allem die Unmengen an Karten, die hier ins Auge fallen. Für Fans der Welt der Dunkelheit sicher eine lohnende Anschaffung - zumal eine ganze Reihe Erweiterungen bereits angekündigt sind. Mich hat das Thema jedoch noch nie so wirklich begeistern können; außerdem schreckt mich der Preis ein wenig ab. Auf einem Videospiel basiert The Binding of Issac, bei dem es darum Schätze, Beute und Seelen zu sammeln. Das Kartenspiel kommt in einer normalen Edition und in der Super-Luxus-Ausgabe mit zahlreichen Extras aus der Crowdfunding-Kampagne. Die Mischung aus Humor, ungewöhnlicher Thematik und dem hinterhältigen Charakter des Spiels spricht mich doch schon sehr an. Sehr viel konventioneller präsentiert sich dagegen das Entdecker- und Aufbauspiel Orichalkum. Soweit ich sehen konnte ist das Spiel durchaus taktisch und anspruchsvoll und verfügt über eine ganze Reihe von verschiedenen Stellschrauben, die zum Sieg führen. Sicher ein Titel, den ich mir bei Gelegenheit näher anschauen werde. Die anderen Spiele, beispielsweise Munchkin 10: Zeitsprung, Black Hole Buccaneers oder Revive überfliege ich nur kurz, da es schon spät ist und mir immer noch einige Punkte auf meiner To-Do-Liste fehlen.

Halle 12


Diese Halle hat zwar auch einige interessante Aussteller, aber die Zeit drängt und so beschränke ich mich nur auf den zentral gelegenen Stand von Ravensburger. Mein Fokus liegt vor allem auf den Krimi- und Escape-Room-Spielen. Die echoes-Serie ist mittlerweile auf sechs Teile angewachsen. Das innovative, ausgezeichnete Konzept verbindet Karten und Töne/Geräusche und ist anscheinend noch lange nicht ausgereizt. Im aktuellen Teil Mord auf Ex müssen die Spieler einen realen Mordfall aus dem 19. Jahrhundert aufklären. Time Guardian Adventures kombiniert dagegen Puzzle und Logikaufgabe mit einer Krimi-Geschichte. Das Ganze sieht auf jeden Fall sehr hübsch aus, ist mir aber zu frickelig. Daneben gibt es eine Neuauflage von Burgundy zu sehen, einen Villainous-Ausflug ins Star Wars-Universum und ein Laufspiel vor dem Der Herr der Ringe-Hintergrund. Die Kugelbahn GraviTrax bekommt eine ganze Reihe Erweiterungen und zudem einen Ableger, der sich an deutlich jüngere Spieler richtet. Im Zentrum der Präsentation steht allerdings das Sammelkartenspiel Disney Locarna. Wie das Spiel selbst funktioniert, konnte ich mir leider nicht anschauen. Als Magier beschwört der Spieler Charaktere aus dem kompletten Disney-Fundus und tritt damit gegen die Figuren der Gegner an. Klingt jetzt nicht so schrecklich originell - daher wäre die Spielmechanik schon sehr interessant.

Halle 12.1


Obwohl ich es versäumt habe, mir einen Termin zu machen, bekomme ich bei Revell dennoch einen ausführlichen Rundgang - vielen Dank dafür! Der Modellbauer hat wieder eine Vielzahl spektakulärer neuer Bausätze im Programm. Neben den gängigen, realen Fahrzeugen sind es vor allem die Modelle aus den Star Wars-Filmen, die in diesem Jahr im Fokus stehen. Die Produktpalette reicht hier von relativ einfachen Steckbausätzen im Set mit Farben und Kleber bis zu wirklich anspruchsvollen Modellen wie dem preisgekrönten Razor Crest aus Star Wars: The Mandalorian. An den Nachwuchs richten sich Bausätze zu aktuellen Zeichentrick-Serien und Comic-Figuren, während die älteren sich mit charakteristischen Fahrzeugen aus verschiedenen James-Bond-Filmen austoben können.

Natürlich schaue ich noch bei einer ganzen Reihe anderer Hersteller, beispielsweise Queen Games, Cartamundi, Cool Mini or Not oder Hasbro vorbei, doch halte ich mich dort nicht lange auf. Ein kurzer Blick auf die Neuheiten, vielleicht ein schneller Plausch mit dem Standpersonal und noch ein Flyer - das muss meist reichen. Trotz diesem gestrafften Programm, schaffe ich es nicht, meine Liste vollständig abzuarbeiten.

Pünktlich um 18 Uhr endet der Messetag und die meisten Besucher strömen in Richtung der Straßenbahn. In den vergangenen Jahren folgte am Donnerstag nach dem eigentlichen Ende der Messe noch ein Presse-Meeting. In diesem Jahr entfällt die liebgewonnene Veranstaltung und wird durch die Red Night ersetzt. Dabei gibt es bei zahlreichen Ständen After-Show-Parties und gemütliches Beisammensein. Da es auf meinem Weg liegt, schaue ich noch kurz bei Schmidt Spiele und Ravensburger vorbei. Bei beiden Ständen wird die Veranstaltung augenscheinlich gut angenommen und es herrscht reges Gedränge. Nach diesen Zwischenstopps treffe ich mich mit einigen Bekannten und lasse die Messe etwas abseits ruhig ausklingen.

Fazit


Es war ein gutes Gefühl, nach solch einer langen Durststrecke wieder über die Spielwarenmesse zu streifen! Das die Corona-Situation noch nachwirkt, konnte man jedoch allenthalben sehen. Kleinere Stände, weniger Besucher und Aussteller (so zumindest mein subjektiver Eindruck) standen einer entspannten Atmosphäre und einigen neuen Konzepten gegenüber. Die Resonanz auf die Red Night war gemischt - mir hat das Ganze jedoch recht gut gefallen. Auch die begleitenden Veranstaltungen, so der Spiel-Erfinder-Tag oder die zahlreichen Vorträge und Workshops wurden von den Besuchern angenommen - zumindest war das mein Eindruck. Zum ersten Mal hatten am Samstag auch "normale" Spielinteressierte Zugang zur Messe. Ob sich diese Neuerungen durchsetzen werden, muss die Zeit zeigen.
Für mich war es auf jeden Fall wieder eine sehr gelungene, informative, spannende, abwechslungsreiche und auch sehr anstrengende Messe!

Mehr Bilder gibt es HIER zu sehen!

Sonntag, 23. Oktober 2022

Semiotics Department Of Heteronyms; Schlachthof; Wiesbaden


[Konzert] Semiotics Department of Heteronyms

Support: M!R!M
Mittwoch, 19. Oktober 2022
Schlachthof, Wiesbaden

 

Einfach mal spontan auf ein Konzert gehen?!?
Es kommt mir fast so vor, als ob diese Zeiten leider vorbei sind. Zahlreiche Absagen, entweder wegen Krankheit, bescheidenem Vorverkauf oder logistischen Problemen machen Bands, und natürlich auch Veranstaltern, schwer zu schaffen. Da muss der Konzertbesuch eigentlich akribisch vorbereitet werden – entsprechend hängt meine Pinwand mit Tickets (teils noch aus dem Jahr 2019) voll. Mein Plan war, erst alle Konzerte „abzuarbeiten“, bevor da etwas Neues hinzukommt.
Eher aus Gewohnheit hatte ich jedoch Sonntag an einer der regelmäßigen Ticketverlosungen des Wiesbadener Schlachthof teilgenommen – und es auch prompt wieder vergessen. Um so überraschter war ich, als ich am Dienstag eine Mail in meinem Postfach hatte. Zwei Karten für den Auftritt von Semiotics Department Of Heteronyms würden an der Kasse auf mich warten. Die spanische Band mit dem sperrigen Namen (oder kurz SDH befindet sich aktuell auf ausgedehnter Europa-Tour und macht in der hessischen Landeshauptstadt halt.

Das Konzert

Der Andrang im Kesselhaus ist überschaubar: Keine 30 Besucher haben sich an diesem trüben Mittwochabend in den kleinen Saal verirrt. Die meisten stehen in Grüppchen zusammen, unterhalten sich und nippen an ihren Getränken. Unvermittelt (aber pünktlich) wird die Hintergrundmusik abgedreht und die Lichter verlöschen.


Ich sehe einige fragende Blicke im Publikum als Jack Milwaukee aka M!R!M die Bühne betritt. Rein optisch könnte der Italiener grade von einem 90er Jahre Rave gekommen sein. Allerdings bleibt keine Zeit sich über den Kleidergeschmack zu wundern. Nach einigen kurzen Handgriffen am Mischpult setzt reinrassiger, sehr entschleunigter Synthie-Pop ein. Ergänzt wird das Ganze bei einigen Stücken durch die live gespielte Gitarre.
Die Vocals sind meist verfremdet und mit großzügigen Halleffekten angereichert. Dabei wechseln sich „normale“ Texte mit sich wiederholenden Satzfetzen ab. Die Melodien sind durchweg eingängig und harmonisch – und stehen eindeutig im Vordergrund. Der Gesang ist stellenweise nur als Flüstern zu hören. Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, ob das so beabsichtigt ist oder ob es da an der Technik etwas hapert. Der höfliche Applaus nach jedem Lied und sich vereinzelt im Takt wiegende Besucher zeigen, dass die Mischung doch gut aufgenommen wird.

Erst im April des Jahres hat M!R!M sein zweites Album, Time Traitor auf den Markt gebracht. Entsprechend konzentriert sich das gut 45minütige Set auf die Stücke dieser Veröffentlichung. Wer sich selbst einen Eindruck von der Musik machen möchte, kann das HIER oder DORT tun.


Nach einer extrem kurzen Umbaupause geht es dann auch schon mit SDH weiter. Im Rampenlicht steht ein großer, schwarzer Koffer, der die Technik der Band enthält. Dahinter bringt sich Sergi Algiz, der Elektroniker des Duos, in Position. Dagegen bleibt der Mikrofonständer weitgehend im Schatten. Daher fällt es fast gar nicht auf, als sich Sängerin Andrea Latorre das Mikrofon schnappt und loslegt. Dieses Schema behält die Band für den Rest des Auftritts bei. Die Sängerin tanzt vor dem schwarzen Bühnenhintergrund, sucht die zahlreichen Schatten auf der Bühne und traut sich nur selten in Richtung Publikum. Die Musik der Spanier pendelt zwischen Dark Wave, Industrial und EBM, wobei sich die Vielseitigkeit von Frau Latorre zeigt. Zarte gehauchte Vocals wechseln sich hier mit aggressiven Textfetzen ab. Ein sehr interessanter Kontrast, der wirklich gut funktioniert. Entsprechend sind im Publikum sogar einige tanzende Menschen zu sehen!


Im Frühjahr hat die Band mit Maybe a Body eine EP mit vier Tracks veröffentlicht. Neben dem Titelstück haben es auch die anderen drei Lieder ins Set geschafft. Aber es gibt bei dem Auftritt auch Material des Debüts Against Strong Thinking zu hören.
Leider ist bereits nach rund 50 Minuten schon wieder Schluss, was ich (und wohl auch das restliche Publikum) sehr schade finde.

Wie war’s?

Sie traut sich doch an den Bühnenrand!

Um es kurz zu machen: ein tolles, wenn auch kurzes, Konzert! Beide Bands hatten spannende elektronische Musik im Gepäck, die ohne diesen Auftritt höchst wahrscheinlich komplett an mir vorbei gegangen wäre. Vor allem die Bandbreite der Stücke von SDH hat mir dabei ausgesprochen gut gefallen. Leider hatte die Band nur noch Schallplatten am Merchandise-Stand. So musste ich am Tag später auf den Download der Tracks zurückgreifen.

Sowohl die Veröffentlichungen von M!R!M als auch Semiotics Department Of Heteronyms gibt es auf der jeweiligen Bandcamp-Seite. Oder auch auf anderen einschlägigen Plattformen.

Vielen Dank nochmal an den Schlachthof Wiesbaden für die Ticket-Verlosung und natürlich die Organisation des Konzertes!

Montag, 1. August 2022

Amphi 2022; Tanzbrunnen; Köln


 
[Festival] Amphi

23. + 24. Juli  2022
Tanzbrunnen,Köln

 

Ich hatte lange überlegt, ob ich in der aktuellen Situation eines der "großen" Festivals besuchen sollte und hatte mich bereits dagegen entschieden. Als dann jedoch eine Bekannte einen Abnehmer für ein Ticket zum Amphi gesucht hat, war die Versuchung dann doch zu groß. Zum einen war ich 2017 das letzte Mal am Tanzbrunnen gewesen, zum anderen fällt auch in diesem Jahr mein Urlaub wieder flach. Zudem hielt das Line-Up einige Leckerlis bereit.

Eigentlich hatte ich für den Freitag meine Anreise mit der Bahn geplant - trotz der eher mittelprächtigen Erfahrungen vom New Waves Day. Sehr kurzfristig hat sich jedoch eine Freundin dazu bereit erklärt, mich auf der Fahrt mit dem Auto einzusammeln - nochmal vielen Dank dafür! So kam ich erstaunlich früh und entspannt direkt am Hotel an.

Nach einer kurzen Verschnaufpause machte ich mich auf den Weg in die Stadt. 2019 war ich zum letzten Mal in Köln – dies auch nur für ein Konzert. Und ich war natürlich neugierig, wie die Stadt die Krise überstanden hat. Einige liebgewonnene Geschäfte und Restaurants sind tatsächlich verschwunden, aber immerhin steht der Dom noch! Auch die meisten meiner regulären Anlaufpunkte sind immer noch dort, wo sie sein sollten.

Nachdem ich den Nachmittag so recht schnell und angenehm verbracht habe, geht es zurück zum Hotel, um mich auf das Abendprogramm vorzubereiten.

Das Festival

Freitag, 22. Juli 2022

Vor dem eigentlichen Festival steht traditionell das Warm-Up! Die Party auf dem Schiff ist natürlich schon lange ausgebucht, aber es gibt ja noch das Theater auf dem Festivalgelände. Und so mache ich mich voller Schwung und Elan Freitag Abend per S-Bahn auf den Weg Richtung Tanzbrunnen. Allerdings hat sich auch auf dem Messegelände in den letzten Jahren einiges geändert. Gewohnte Wege mussten Gebäuden und Tiefgaragen weichen, ehemals freie Durchgänge sind durch Zäune hermetisch abgeriegelt und eine Beschilderung gibt es auch nicht. Zahlreiche orientierungslose schwarz gewandete Gestalten stolpern ebenfalls durch die Gegend - immerhin bin ich nicht alleine. Nach einigen Umwegen, Sackgassen und einer "Abkürzung" durch den Deutzer Bahnhof erreiche ich schließlich doch das Rheinufer und wenige Minuten später das Festivalgelände.
Obwohl es an der Bändchenausgabe recht voll ist, geht es zügig voran und schon bald habe auch ich mein Band am Handgelenk. Jetzt brauche ich nur noch eine Karte für die gleich stattfindende Warm-Up-Party. Das Kontingent geht zwar schon zur Neige, aber ich ergattere noch ein Ticket.

Aufwärmen mit Sven Friedrich

Das Theater ist gut gefüllt und die Stimmung ausgelassen - nach zwei Jahren Amphi-Abstinenz verständlich. An den Reglern wechseln sich Sven Friedrich und Ronan Harris ab und legen eine wilde Mischung, zumeist elektronischer, Musik auf. Besonders freut mich, als ein Remix von The KLF durch die Boxen wummert - schon seit Jahrzehnten nicht mehr gehört! Das Publikum hat sichtlich Spaß an der Party und feiert nach Kräften. Dabei vergeht die Zeit schnell und kurz nach Mitternacht wird es bereits für mich Zeit, den Rückweg ins Hotel anzutreten. Der öffentliche Nahverkehr ist um diese Uhrzeit keine wirkliche Option, auch Taxen sind nur wenige vor Ort. So entscheide ich mich für den Fußweg. Der Marsch entlang des Rheinufers und über die, für den Verkehr gesperrte, Deutzer Brücke dauert tatsächlich keine halbe Stunde.

Samstag, 23. Juli 2022

Nach einer relativ kurzen, unruhigen Nacht brauche ich etwas Anlaufzeit, um wieder in die Gänge zu kommen. Ein kleiner Bummel durch das Georgs-Viertel mit einem Abstecher in den örtlichen Supermarkt bietet sich dazu an. Gegen Mittag bin ich dann wieder soweit, um mich ins Getümmel zu stürzen - sonderlich eilig habe ich es jedoch nicht. Die Schlange vor dem Einlass ist überschaubar, die Kontrolle geht schnell und unproblematisch. Allerdings werde ich darauf hingewiesen, dass der Müsli-Riegel in meiner Tasche ein No-Go ist.

Schatten ist Mangelware

Als ich auf dem Gelände ankomme, haben Nachtblut grade mit ihrem Auftritt begonnen. Vor der Bühne ist es bereits erstaunlich voll - was aber auch daran liegen kann, dass es hier etwas Schatten gibt. Ich verschaffe mir erstmal einen kurzen Überblick und lasse mir dabei von den derben Gitarrenriffs die letzte Müdigkeit aus dem Schädel blasen. Nach zwei, drei weiteren Stücken unmittelbar vor der Bühne, mache ich mich daran das Festival-Gelände zu erkunden. Seit meinem letzten Besuch vor fünf Jahren hat sich erstaunlich wenig geändert: Das große Zelt mit Kunsthandwerk und Merchandise, die einzelnen Stände mit Kleidung und Accessoires und natürlich die zahlreichen Wagen mit Essen und Getränken sind so, wie ich sie in Erinnerung habe. Neu sind dagegen gleich zwei Stände mit Festival-Merchandise - an denen bis Sonntag Nachmittag reger Betrieb herrscht. Auch der kostenlose Trinkwasserspender ist wieder im Einsatz - angesichts der Temperaturen (und der Getränkepreise) eine hervorragende Entscheidung.

Stahlmann bei der Arbeit

Mittlerweile rocken Stahlmann die Mainstage - mich zieht es jedoch schon bald in den Schatten des Theaters. Dort machen sich grade Alienare daran, den ersten Festivaltag zu eröffnen. Auch hier ist der Innenraum gut gefüllt, so dass ich mich diskret am Hallenrand aufhalte. Die Band kommt mit ihrem gefälligen Synthie-Pop offensichtlich gut an - und ich sehe sogar einige Besucher vor der Bühne tanzen. Ich für meinen Teil genieße einfach die Atmosphäre und die eingängigen Stücke.

Als ich das Theater wieder verlassen will, wird mir vom leicht gereizten Sicherheitspersonal mitgeteilt, dass ich den Ausgang nutzen muss, der mich mitten aufs Festivalgelände bringt. Dummerweise liegt besagter Ausgang im Innenraum des Theaters, jenseits der Besuchermassen, ist nicht ausgeschildert und durch dunkle Vorhänge verdeckt - vielleicht nicht die beste Entscheidung. Diese Regelung ändert sich glücklicherweise im weiteren Verlauf des Amphi - was auch wieder für Entspannung bei den Türstehern sorgt.

Nach einem kurzen Abstecher nach draußen an den Rheinstrand geht es auch schon wieder zurück an die Theater Stage. Dort spielen mittlerweile Empathy Test vor brechend voller Halle ihr Set. Musikalisch finde ich die Band recht gut, kann mich aber mit dem Gesang von Isaac Howlett nicht wirklich anfreunden. Daran ändert auch der Live-Auftritt des Londoner Trios leider nichts. Aber eigentlich bin wegen der nachfolgenden Band an der Bühne.

Rome – mein Highlight

Mittlerweile habe ich Rome schon in den unterschiedlichsten Besetzungen gesehen - vom Akustik-Solo-Auftritt von Jerome Reuter bis hin zum Sextett. Diesmal stehen die luxemburgischen Musiker zu dritt auf der Bühne und spielen die gewohnte Mischung aus Chanson und Neofolk. Wahrscheinlich das ruhigste Konzert des ganzen Festivals, aber für mich gleichzeitig das beste. Überraschenderweise ist das Theater nur halb voll - was mir aber in diesem Moment sehr entgegenkommt. Nach fast einer Stunde verabschiedet sich die Band von der Bühne und ich mache noch einen kurzen Abstecher an die (vermeintlich) frische Luft. Die Sonne knallt mit unverminderter Stärke weiter auf das Festivalgelände und die wenigen Schattenplätze sind übervoll. Nach einer kurzen Pause am Strand, mit Mesh als Hintergrundmusik, schließe ich mich einigen Bekannten an, die erneut ins Theater gehen.

Hier stehen als nächstes die Elektroniker von [:SITD:] auf dem Programm. Im Gegensatz zu vorhin ist der Innenraum proppevoll und ich fühle mich merklich unwohl bei dem Geschiebe. Daher flüchte ich mich an eine der Theken und versuche ein koffeinhaltiges Kaltgetränk zu erwerben. Das Personal (immerhin zu sechst) ist jedoch offensichtlich mit dieser Aufgabe komplett überfordert, so dass ich nach gut 20 Minuten sowohl die Schlange, als auch die Theater Stage entnervt verlasse.

Tolle Aussicht und kühle Getränke

Mittlerweile hat sich bei mir ein leichtes Hunger-Gefühl eingestellt. Die Auswahl ist nicht übermäßig breit gefächert, aber ausreichend: Pommes, Burger, Pizza, Nudeln, Wurst oder Falafel. Ich entscheide mich für das Letztere und schließe mich einigen Freunden an, die mir unter einem Baum ein lauschiges Plätzchen freigehalten haben. Während wir uns dort stärken, liefern Mono Inc. den passenden Soundtrack für dieses improvisierte Picknick.

Schließlich wird es Zeit, sich Gedanken um die letzte Band des Abends zu machen. Zur Auswahl stehen VNV Nation auf der Main Stage, She Past Away auf der Orbit Stage und schließlich The Birthday Massacre auf der Theater Stage. Letzten Endes entscheide ich mich für die Kanadier, da ich die beiden anderen Bands schon häufiger gesehen habe.

Das Theater ist brechend voll, als The Birthday Massacre mit gut 15 Minuten Verspätung die Bühne betreten. Frontfrau Chibi kreischt, flüstert, singt und unterhält sich dazwischen mit dem Publikum. Die Musiker rackern sich an den Instrumenten ab und unterstützen ihre Sängerin nach Kräften. Das Konzert macht wirklich Spaß - sowohl der Band als auch dem Publikum. Jedoch ist die Temperatur in der Halle ist mittlerweile unangenehm und das Gewimmel zu dicht, so dass ich mich langsam zurückfallen lasse. Die letzten beiden Stücke sehe ich mir schließlich vom Vorraum aus an, der eine erstaunlich gute Sicht auf die Bühne bietet.

Recht schnell nach dem Auftritt verläuft sich die Menge. Das Theater ist zwar zur After-Show-Party gut besucht, bietet aber noch genügend Freiräume. So entschließe ich mich, den Abend hier ausklingen zu lassen. DJ Gillian legt ein buntes Sammelsurium mit Schwerpunkt der 1980er Jahre auf - teils rare Remixe, gelegentlich auch Cover-Versionen. Trotz des anstrengenden ersten Festivaltages gibt es noch genug Besucher, die ausgelassen tanzen und heftig feiern. Für mich ist jedoch wieder kurz nach Mitternacht Schluss - immerhin erwartet mich morgen noch ein anstrengender Tag! Die Temperaturen sind zwar mittlerweile etwas angenehmer, dennoch ist der Heimweg schon deutlich mühsamer als am Vortag.

Sonntag, 24. Juli 2022

In der Nacht kann ich erneut kaum schlafen und döse die meiste Zeit vor mich hin. Auch eine kalte Dusche, Berieselung mit einem Shopping-Kanal oder die Lektüre des mitgeführten Buches ändern daran nichts. Als der Wecker klingelt, habe ich gefühlt überhaupt nicht geschlafen und bin entsprechend gerädert. Etwas Koffein, Zucker und Kohlenhydrate stellen mich jedoch wieder einigermaßen her, so dass der zweite Festivaltag starten kann.

Bisher habe ich die Orbit Stage nur von außen betrachten können - dass soll sich nun ändern. Glücklicherweise liegt das Schiff nur wenige Meter von meinem Hotel entfernt, so dass zumindest die Füße geschont werden. Die Mittagssonne brennt gnadenlos auf das Oberdeck, aber geschützt durch Schirme lässt es sich hier gut aushalten. Bis zur ersten Band ist noch ein bisschen Zeit und so genieße ich die relative Ruhe, betrachte den erschreckend flachen Rhein und die Touristen, die am Ufer entlang flanieren.

Pünktlich betreten Perfection Doll die Bühne. Das Trio aus Leipzig spielt eine Mischung aus Rock und Electro, die aber für mich nicht wirklich funktioniert. Nach drei oder vier Liedern ist daher Schluss und ich mache mich auf die Suche nach dem Shuttle-Bus zum Tanzbrunnen. Dabei muss ich nur den zahlreichen schwarz gekleideten Menschen folgen, die sich auf dem Bürgersteig entlang schieben. Den ersten Bus verpasse ich, doch ist die Taktung so kurz, dass praktisch direkt das nächste Shuttle an der Haltestelle eintrifft. Durch die Sperrung der Deutzer Brücke muss der Fahrer auf die Severinsbrücke ausweichen, was einen erheblichen Umweg bedeutet. Immerhin kühlt der Fahrtwind etwas und die Sitze sind ausgesprochen bequem.

Nach gut 15 Minuten stehe ich wieder am Tanzbrunnen und bahne mir einen Weg an die Theater Stage. Hier sind V2A mitten in ihrem Set. Die postapokalyptische Mischung aus Industrial und EBM entwickelt trotz der relativ frühen Stunde ordentlich Druck. Die Musik gefällt nicht nur mir sehr gut, denn der komplette Innenraum ist in Bewegung. An diese Stelle bedauere ich es, nicht den ganzen Auftritt mitbekommen zu haben.

Danach zieht es mich nach draußen an die Hauptbühne, wo es mit derber Elektronik weiter geht. Aesthetic Perfection zeigen, dass man auch mit farbenfroher Kleidung sehr finstere Musik machen kann. Insgesamt liefern Daniel Graves und seine bei Mitstreiter eine sehr ordentliche Show ab.

Während die Bühne für Samsas Traum vorbereitet wird, besorge ich mir eine Schale mit Pommes Schranke und ziehe mich wieder in den Schatten zurück. Ich kann sogar ein kleines Fitzelchen der Bühne sehen, während ich esse! Aber hinaus in die pralle Sonne traue ich mich nicht. Dafür ist die Akustik recht gut und ich genieße das Set, das praktisch ein Best-Of aus 25 Jahren Bandgeschichte darstellt.

Wir spielen „Finde den Sänger“

Bei Suicide Commando, einem meiner Festival-Highlights, habe ich mir vorgenommen, möglichst nahe an die Bühne zu gehen. Doch schon nach wenigen Minuten merke ich, dass das keine wirklich gute Idee ist. Die Sonne knallt mit unverminderter Härte auf den Platz, Schatten ist Mangelware und es ist richtig voll. Zudem bereitet mir mein Kreislauf Probleme, so dass ich mich nach gut der Hälfte des Auftrittes ein Stück weit zurück ziehe. Vor der Bühne wird dagegen weiterhin ordentlich gefeiert - was ich nun aus sicherer Entfernung beobachte.

Direkt nach dem letzten Lied mache ich mich auf den Weg zum Shuttle-Bus, da ich unbedingt Cat Rapes Dog auf der Orbit Stage sehen will. Lange Zeit war es still um die Schweden und ich bin gespannt, wie die Rückkehr auf die Bühne funktioniert. Ich habe den Eindruck, dass die Musik rockiger geworden ist und nicht mehr die Elektronik im Vordergrund steht. Bei den ersten Stücken sitzen zwar die Vocals noch nicht so ganz, was aber nicht wirklich stört. Sowohl Galerie als auch Innenraum sind gut besucht - allerdings nicht so voll, wie ich es erwartet habe. Insgesamt ein wirklich gelungener Auftritt und ich bereue nicht, dafür Diary of Dreams oder Sono verpasst zu haben.

Im klimatisierten Schiff

Eigentlich soll London After Midnight mein Festival-Abschluss werden, daher geht es direkt wieder in den Bus zurück zum Tanzbrunnen. Aber als ich an der Theater Stage ankomme, hat sich dort bereits eine lange Schlange gebildet. Glücklicherweise sitzen Bekannte auf einer Bank vor dem Eingang und haben Plätze freigehalten. Während sich also vor der Bühne alles eng zusammendrängt, sitze ich entspannt in der angenehm warmen Abendluft, nuckele an meinem Getränk und knabbere Nachos. Ein bisschen Musik dringt zwar nach draußen, aber diese Ruhephase ist nach dem anstrengenden und sehr, sehr heißen Tag dringend notwendig.

Nach dem Ende des Auftrittes leert sich das Theater erwartungsgemäß schnell und die Vorbereitungen für die letzte Party des Festivals laufen. Den ersten Slot übernehmen Lo-Renz und Jeanny aus Hannover. Hier gibt es wieder elektronische Musik in ihrer kompletten Bandbreite auf die Ohren. Einige Konzertgänger haben tatsächlich noch genug Energie zum Tanzen - bei mir reicht es immerhin zum rhythmischen Mitwippen. Aber gegen 1 Uhr ist dann endgültig Schluss und es geht wieder Richtung Hotel, während im Theater noch bis in die frühen Morgenstunden gefeiert wird.

Wie war's?

Nach den zweieinhalb Tagen habe ich deutlich gemerkt, dass ich nicht mehr im Training bin. Zu Hause angekommen, bin ich einfach nur platt - was erst im Laufe der folgenden Woche wieder besser wird. Dennoch hat es gut getan auf ein Festival zu gehen, Leute zu treffen und die Atmosphäre in sich aufzunehmen. Von der vielen, zumeist recht guten, Musik ganz zu schweigen. Zwar habe ich mich nicht so richtig ins Getümmel getraut und auch nur vier komplette Auftritte gesehen, dennoch hat es sich insgesamt gelohnt. Wie gewohnt hat das Amphi einen recht guten Mix der "schwarzen" Musikstile geboten. Auch die Auswahl von relativ unbekannten Bands neben Szene-Größen hat wieder gut gepasst - selbst wenn einige Bands gefühlt überall spielen. Insgesamt haben die Veranstalter in den vergangen zwei Jahren nichts verlernt und wieder ein rundum gelungenes, sehr familiäres Festival auf die Beine gestellt.

Der Dom steht noch

Auf Grund des niedrigen Wasserstandes musste die Anlegestelle der MS RheinEnergie (mit der Orbit Stage) vom Tanzbrunnen kurzfristig auf die andere Rheinseite verlegt werden. Ein Problem, mit dem die Veranstalter schon mehrfach zu kämpfen hatten. In diesem Jahr wurde es zusätzlich durch die Bauarbeiten auf der Deutzer Brücke erschwert. Trotz des gut funktionierenden Shuttle-Services hat mich dies doch abgeschreckt, häufiger auf die Orbit Stage zu wechseln. Keine Ahnung, ob es eine andere Lösung gibt, aber es wäre wirklich schön, wenn das gesamte Festival an einem Ort wäre.

Das Sicherheitspersonal war sehr gut organisiert, von einigen wenigen Ausnahmen freundlich und hilfsbereit und der Situation durchaus gewachsen. Leider konnte man das nicht von allen Catering-Ständen behaupten. Grade im Theater war es eine mittelschwere Katastrophe ein Getränk zu bekommen oder sein Leergut abzugeben. Die Stände draußen auf dem Gelände hatten die Lage dagegen deutlich besser im Griff. Dass die Preise nach zwei Jahren ohne größere Veranstaltungen angezogen haben, ist durchaus nachvollziehbar. Allerdings erreichen sie für mich langsam die Schmerzgrenze - zudem verstehe ich nicht, warum Soft-Drinks teurer als Bier und Wasser sein müssen. Das Essen war dagegen bezahlbar und wohl auch insgesamt recht lecker. Zumindest habe ich aus meinem Bekanntenkreis nichts Gegenteiliges gehört.