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Donnerstag, 15. Oktober 2015

SPIEL '15

[Messe] SPIEL '15
8.-11. Oktober 2015
Gruga, Essen

Waren meine Besuche der SPIEL in den letzten Jahren immer ein wenig chaotisch und planlos verlaufen, sollte diesmal alles besser werden: Geplant waren nur zwei Tage Messe, Donnerstag und Freitag, der Urlaub war genehmigt, das Zimmer im In Hostel Veritas in Oberhausen gebucht und die Messetickets hingen schon seit Wochen an meiner Pinwand. Im Laufe der Messevorbereitung wurde meine To-Do-Liste jedoch immer länger, außerdem gab es am Samstag spontan noch zwei private Termine, die ich unbedingt wahrnehmen wollte. Daher entschloss ich mich, meinen Aufenthalt in Essen um einen oder sogar zwei Tage zu verlängern. Also musste dringend noch ein Zimmer her, dass ich erstaunlicherweise zwei Tage vor offiziellem Messebeginn tatsächlich auch fand. Das Hotel befand sich in Laufweite zur Gruga, machte auf der Homepage einen sehr netten Eindruck und hatte zu allem Überfluss bezahlbare Preise. Fast zu gut um wahr zu sein! Ohne lange zu zögern buchte ich das Zimmer und freute mich wie ein Schnitzel über den gelungenen Coup. Allerdings folgte die Ernüchterung am nächsten Tag, als mir telefonisch mitgeteilt wurde, dass es wohl eine „Computerpanne“ gegeben hätte und meine Buchung nicht berücksichtigt werden könnte. Nun ohne Zimmer, dafür mit noch weniger Zeit durchforstete ich die Weiten der verschiedenen Buchungsportale und wurde bei einem Hotel im nicht ganz so weit entfernten Velbert fündig. Hier schien die Buchung zu funktionieren, was mir auch auf Nachfrage bestätigt wurde.


Nachdem diese Probleme beseitigt waren, machte ich mich am Donnerstag gut gelaunt bei strahlendem Sonnenschein, aber recht frischen Temperaturen, auf den Weg nach Essen. Allerdings währte die gute Laune nicht sonderlich lange, denn die zahlreichen Baustellen auf der A61 machten die Fahrt nicht wirklich zu einem Vergnügen. Dennoch kam ich relativ gut voran und sogar der Stau rund um Köln hielt sich in einem überschaubaren Rahmen. Dies änderte sich allerdings schlagartig, als mein Navi mir kurz vor Düsseldorf „schwere Verkehrsbehinderungen“ rund um Oberhausen meldete und mich auf diversen Nebenstrecken durch obskure bergische Ortschaften lotste. So gelang es mir den größten Stau zu umfahren - doch die letzten Kilometer vor Essen, brach der Verkehr dann völlig zusammen. Etliche Zubringer sowie Brücken waren marode und deswegen gesperrt, zu allem Überfluss war einige Tage zuvor ein Stellwerk der Bahn ausgebrannt, so dass der Schienenverkehr im Ruhrgebiet dadurch stark beeinträchtigt wurde und schließlich rechnete die Messe mit einem neuen Besucherrekord. Dies alles führte dazu, dass ich erst eine gute Stunde später als geplant in das Parkhaus unterhalb der Messe einfahren konnte.
Dabei hatte ich offensichtlich noch viel Glück gehabt, denn Bekannte aus meinem Nachbarort, die ich später traf und die erst am frühen Nachmittag in Essen eintrafen sprachen von Staus mit über 50 km Länge, völligem Verkehrschaos und überfüllten Parkplätzen.


Als ich die Halle 1 durch einen Seiteneingang endlich betrat brandete mir eine, im ersten Moment, ohrenbetäubende Geräuschkulisse entgegen. Der Eingang befand sich direkt bei der Schnäppchengasse des Heidelberger Spieleverlags und die Shopper standen in Zweierreihen über die ganze Länge des Standes. So dauerte es etwas, bis ich endlich einigermaßen freies Gelände erreichte und mich orientieren konnte. An diesem Tag wollte ich mir einen kleinen Überblick über die Stände verschaffen, mich mit Freunden und Bekannten treffen und vielleicht sogar das eine oder andere Schnäppchen ergattern. Termine oder gar Proberunden waren vorerst nicht eingeplant. Wie gewohnt führte mich der erste Weg in die Halle 2 zum Tabletop-Hersteller Freebooter Miniatures, bei denen ich die Messefigur und einige der zahlreichen Neuheiten mitnehmen musste. Vor allem auf die zweite Ausgabe der Tales of Longfall und die Option auf großangelegte Kämpfe bin ich gespannt und werde diese bei nächster Gelegenheit antesten. Meine nächste Station befand sich in Halle 7 wo ich ein Spiel einsammeln wollte, das ich über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter mitfinanziert hatte.
Bei den Herrschaften von Voodoo Games herrschte schon reger Betrieb und an den drei Spieltische wurde fleißig Karnivore Koala, das Debüt des kleinen Verlages, gespielt. Eigentlich war der Ausliefertermin für Dezember geplant gewesen, doch das Spiel war tatsächlich schon zur Messe fertig geworden. Zwischenzeitlich hatte ich einen Bekannten getroffen, der ebenfalls verschiedene Crowdfunding-Spiele abholen wollte. Konsequent arbeitete er seine Liste ab und hatte bereits zwei prall gefüllte Taschen, dabei war es erst kurz vor Mittag am ersten Messetag. Crowdfunding war dann auch ein Thema, dass sich durch die gesamte Messe zog, sogar mit einem eigenen Stand war Kickstarter hier vertreten um Kunden für ihr Geschäftsmodell zu werben. Bei kleinen, jungen Verlagen kann ich diese Form der Finanzierung ja durchaus nachvollziehen, aber ob etablierte Spieleverlage unbedingt darauf zurückgreifen müssen, bezweifele ich dann doch ernsthaft.
Als bekennender Doctor Who-Fan führt kein Weg am britischen Rollenspielverlag Cubicle 7 vorbei, die mehrere Erweiterungsbände zum Zeitreise-Rollenspiel im Gepäck hatten. Daneben gab es noch einige Cthulhu-Erweiterungen zu bestaunen, das obskure The Laundry-Rollenspiel über eine britische Behörde die sich mit übernatürlichen Ereignissen befasst und noch einige andere Dinge, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Nach diesem kurzen Intermezzo schlenderte ich eher planlos durch die Hallen und ließ mich von den Besucherströmen treiben. Irgendwann landete ich dann beim Uhrwerk Verlag, die mittlerweile eine ziemlich ordentliche Veröffentlichungsgeschwindigkeit an den Tag legen. Nicht nur die Neuheiten zum DSA-Ableger Myranor waren hier aufgebaut, vor allem für ihr eigenes Splittermond-Regelwerk gab es eine ganze Reihe von Quellenmaterial und Abenteuern, beispielsweise das Monsterkompendium Bestien und Ungeheuer. Wie schon in den vorangegangenen Jahren teilte sich der Verlag wieder den Stand mit den Briten von Modiphius, die vor allem Neuheiten zum Weird-War-Rollenspiel Achtung! Cthulhu dabei hatten. Chris Birch, Chef des Verlages, nahm sich dann auch die Zeit um mir einige Fragen zu den kommenden Rollenspielen des Verlages, beispielsweise Infinity und Conan zu beantworten. Leider blieb er mit Informationen zum schon lange angekündigten Tabletop-Skirmish zu Achtung! Cthulhu äußerst vage. Weiter ging es dann zum kleineren der beiden Pegasus-Stände, der sich hauptsächlich auf die beiden Rollenspiele Shadowrun und H.P. Lovecrafts Cthulhu konzentrierte. Von letzterem liegt mittlerweile die siebte Edition vor, die sich optisch doch erheblich von den vorherigen Ausgaben unterscheidet. Spielerisch hat sich wohl nicht übermäßig viel geändert, doch an manchen Stellen müssen die Spieler sich etwas umgewöhnen. Auch nebenan bei Ulisses Spiele drehte sich viel um das Thema Rollenspiel, natürlich in erster Linie um die beiden großen Systeme Das Schwarze Auge und Pathfinder. Mit Fragerunden der Autoren, einem Blick auf die Entstehung der Artworks und die Arbeit des Verlags konnten sich die Besucher die Zeit vertreiben, wenn sie nicht grade an einem der zahlreichen (und gut gefüllten) Demotische neue Spiele der Waldemser ausprobierten.
Ich warf nur einen kurzen Blick auf die Neuheiten und registrierte etwas verwundert die Kooperation mit Soda Pop Miniatures, die im letzten Jahr noch mit einem eigenen Stand auf der Messe vertreten waren. Da meine üblichen Ansprechpartner entweder alle beschäftigt oder nicht zu sehen waren, zog ich relativ schnell weiter um einen Blick in die Halle 3 zu werfen. Vor allem im hinteren Teil der Halle, wo sich Kosmos und Asmodee niedergelassen hatten, waren die Spieltische allesamt belagert und so blieb mir nur, aus der Ferne einen Blick auf Mysterium, Colt Express oder das Schnick-Spiel Flick 'em Up! zu werfen. Dafür blieb ich etwas länger bei Petersen Games (die im letzten Jahr noch unter Green Eye Games firmierten) hängen und konnte mich mit Mastermind Sandy Petersen ein wenig über die verzögerte Auslieferung von Cthulhu Wars und seine geplante Crowdfunding-Kampagne mit neuen Erweiterungen zu diesem Spiel unterhalten.

Generell schwang bei vielen Besuchern, mit denen ich mich unterhielt, leichter Frust mit wenn die Gespräche auf Spiele mit Crowdfunding-Basis zu sprechen kamen. Einige Firmen die im letzten Jahr mit vollmundigen Versprechungen und opulent ausgestatteten Ständen Backer geködert hatten, waren diesmal gar nicht erst zu sehen. So hatten es beispielsweise Marrow Productions aus „logistischen Gründen“ trotz Anmeldung nicht zur Messe geschafft. Ich vermute allerdings, dass sie den mittlerweile ziemlich zahlreichen, ungeduldigen und erbosten Kunden einfach aus dem Weg gehen wollten, die auf ihr Spiel warten. Auch das im letzten Jahr gefeierte Demigods Rising, dass eigentlich schon lange ausgeliefert sein sollte, war nirgendwo zu sehen.

Für mich war es Zeit noch einmal in Halle 1 vorbei zu schauen, die ich bisher fast völlig ignoriert hatte. Bei Battlefront Miniatures und ihren Unterfirmen gab es einige tolle D&D-Miniaturen zu bestaunen und auch das Tabletop Flames of War hatte seinen festen Platz am Stand der Neuseeländer. Auch einige Brettspiele zu Fernsehserien, wie beispielsweise Sons of Anarchy oder Firefly konnten die interessierten Spieler hier antesten. Ich dagegen war mehr an Informationen zum DUST Babylon-Crowdfunding interessiert, dass offensichtlich kolossal in die Hose gegangen war. Leider war niemand vom Standpersonal in der Lage, mir darüber irgendwelche Informationen zu geben, da angeblich keiner der Anwesenden in die ganze Angelegenheit involviert war. Nach diesem kurzen Gespräch zog ich, etwas frustriert, von dannen. Eine schnelle Demorunde des Würfel-Wrestling-Spiels Luchador! bei Backspindle Games hellte meine Stimmung deutlich auf, leider fehlte mir jedoch die Zeit die beiden Scheibenwelt-Brettspiele des Verlags Guards! Guards! und Clacks ebenfalls auszuprobieren.

Der Messetag war schon fast zu ende und ich musste zurück in Halle 7 um meine beiden Begleiterinnen für die Fahrt zum Hotel einzusammeln; die Frage des Abendessens war glücklicherweise schon im Vorfeld geklärt worden. Da sich anscheinend noch andere Besucher bis zur wirklichen allerletzten Minute in den Messehallen tummelten kam es erwartungsgemäß zu einigen Staus auf der Ausfallstrecke in Richtung Oberhausen/Mühlheim. Dies, zusammen mit dem Feierabendverkehr, sorgte dafür, dass es stellenweise keinen Meter mehr voran ging. Als dann noch einige besonders schlaue Autofahrer die Kreuzungen blockierten entstand schnell ein ziemlich langer Rückstau mitten durch Essen. So brauchte ich dann auch für eine Strecke von 15 km etwas über eine Stunde und traf erst nach 20 Uhr in meiner Unterkunft ein. Da wir uns eigentlich um 20 Uhr im CentrO zum Abendessen verabredet hatten blieb weder Zeit zum  frischmachen oder umziehen. Wie schon in den Jahren davor fielen wir mit einer größeren Gruppe in einem griechischen Restaurant auf der Promenade ein. Bei überbackenem Gyros, Ouzo und Bifteki wurden die Eindrücke des Tages ausgetauscht, Tipps für die kommende Schnäppchenjagd gegeben und einfach nur in angenehmer Atmosphäre entspannt.



Der Freitag startete so wie der Donnerstag geendet hatte, mit einem sehr entspannten Essen. Während die anderen Gäste des In Hostel Veritas schon aufgeregt mit den Hufen scharten und sich eilig in Richtung Gruga davon machten, genoss ich die Ruhe am Frühstückstisch und machte mich tatsächlich erst gegen 10 Uhr auf den Weg zur Messe. An diesem Tag hatte ich keinerlei Termine, so dass ich mich voll und ganz darauf konzentrieren konnte, einige Spiele anzutesten. Allerdings hatte ich es (wieder einmal) versäumt mich im Vorfeld bei den großen Herstellern für Proberunden anzumelden. Da ich keine Lust hatte lange auf einen freien Platz an einem der Spieltische bei Kosmos, Asmodee oder auch dem Heidelberger Spieleverlag zu warten, vertrieb ich mir die Zeit lieber mit den vielen kleinen Verlagen. Als Freund gepflegter Tabletop-Spiele gab es auf der diesjährigen Messe für mich viel Neues zu entdecken und so begann ich meine Test-Tour in Halle 2 bei den Briten von Steamforged Games. Diese haben mit Guild Ball eine Mischung aus Skirmish-Tabletop und Football veröffentlicht, bei dem vor mittelalterlich-fantastischem Hintergrund kleine Teams gegeneinander antreten und versuchen einen Ball ins gegnerische Tor zu befördern. Vor allem die Synergieen zwischen den Teammitgliedern und die Spieldynamik machten die Sache für mich interessant und so wanderten zwei Teams und diverser Kleinkram in meinen Rucksack. Direkt gegenüber hatten sich Prodos Games niedergelassen, die im letzten Jahr mit ihrer Neuauflage des Warzone-Tabletops für einiges Aufsehen gesorgt hatten. Dieses Jahr war es vor allem Aliens vs Predator: The Hunt Begins, das die Aufmerksamkeit der Messebesucher auf sich zog. Aliens, Predator und die obligatorischen Marines tummeln sich hier in den Eingeweiden eines Raumschiffes und müssen versuchen verschiedene Missionsziele zu erfüllen. Spielerisch nicht unbedingt originell, aber optisch sehr beeindruckend präsentiert sich das Spiel und entsprechend schnell gingen auch die wenigen Blister mit Figuren über die Theke. Definitiv ein Spiel, dass ich mir bei Gelegenheit genauer anschauen werde, auch wenn der Preis recht stattlich ist.
Gleich mit zwei Ständen waren Games Workshop, der wahrscheinlich weltweit immer noch größte Tabletop-Hersteller, auf der Messe vertreten. Der Stand ihres Ablegers Forge World mit seinen hochpreisigen Resin-Miniaturen war schon die letzten Jahre in Essen zu sehen gewesen. Allerdings hielten sich sowohl die interessanten Neuheiten als auch der Besucherandrang in einem sehr überschaubaren Rahmen. Neu war dagegen ein reiner Präsentationsstand, mit dem das neue Warhammer – Age of Sigmar beworben werden sollte. Zwei Vitrinen mit Miniaturen, ein Banner und ein Monitor mit Promovideo in Dauerschleife war alles, was von dem Spiel zu sehen war. Gerne hätte ich mir eine Demo geben lassen, war doch Warhammer vor vielen, vielen Jahren mein Einstieg in das Tabletop-Hobby - doch leider waren Testspiele nicht vorgesehen. Auch ein Gespräch mit dem Standpersonal brachte keine wirklichen Informationen, außer das es sich hier um die weltbesten Kunststoff-Miniaturen und das ausgeklügelste Spielprinzip überhaupt handele. Diese Behauptungen ließ ich unkommentiert so stehen und verliess etwas irritiert den Stand. Weiter ging es zu Warlord Games, einem anderen Tabletophersteller aus Nottingham. Neben den verschiedenen historischen Systemen, allen voran natürlich Bolt Action, war es das neue Science-Fiction-Spiel Beyond the Gates of Antares, dass mich interessierte. Hübsche, bezahlbare Figuren, ein sehr abwechslungsreicher Spielablauf und bewährte Regelmechanismen dürften dem Spiel bald eine größere Fangemeinde bescheren. Ebenfalls sehr spannend waren die ersten Infos bezüglich des Doctor Who-Tabletops, das die Firma Mitte/Ende nächsten Jahres veröffentlichen will. Als großer Fan der Fernsehserie werde ich sicherlich bei Gelegenheit nachhaken, da ich unbedingt gewaltige Armeen von Daleks und Cybermen gegeneinander hetzen will. Ebenfalls um kleine Püppchen die sich auf einem Spielbrett bewegen ging es bei Super Dungeon Explore mit seinen zahlreichen Erweiterungen, das mittlerweile auch in deutscher Sprache über Ulisses erhältlich ist. Da ich das grundlegende Spiel schon kannte, verzichtete ich auf eine Demo und hielt lieber ein kurzer Schwätzchen mit einigen der Verantwortlichen über die kommenden Entwicklungen, weitere Kooperationen und Ableger wie das kleine, lustige Würfelspiel Schwarzhand-Henrys Trankparty. Ansonsten gab es noch einen kleinen Überblick über das Verlagsprogramm mit den zahlreichen Rollen-, Tabletop- und mittlerweile auch Brettspielen. Nach nur einem guten Jahr Verspätung hatten Micro Art Studio endlich die neuen Wolsung-Figuren dabei, die, völlig überraschend, im Rahmen eines Crowdfunding-Projektes veröffentlicht wurden. Vor allem die Mafia-Halblinge mit ihren Tentakelmonstern hatten es mir angetan und ich konnte nicht umhin einige der Figuren mitzunehmen. Die deutschen Regelwerke, sowohl für das Tabletop als auch das Rollenspiel, zu diesem spannenden Mix aus Steampunk, Magie und Fantasy lassen leider noch auf sich warten. Immerhin hatte die Redaktion Phantastik mit der Urdapedia 1, neben ihren anderen Neuheiten, frisches Spielmaterial für Wolsung im Gepäck.
Nach einigen Demos, etlichen Neuerwerbungen und vielen Informationen stellten sich bei mir erste Ermüdungserscheinungen ein, so dass ich mir im Außenbereich zwischen LKWs und leeren Paletten ein ruhiges Fleckchen suchte. Hier konnte ich relativ ungestört einen Blick auf meine Beute werfen und das weitere Vorgehen planen. In Halle 7 mit ihren zahlreichen Klein- und Kleinstverlagen gab es noch einige Stände, die ich mir genauer anschauen wollte. Und auch hier waren es die Miniaturen und Tabletops, die mich in erster Linie interessierten.
Es war gar nicht so einfach sich seinen Weg durch die Galerie und weiter in die Halle 7 zu bahnen, doch mit gezieltem Einsatz von Ellenbogen, Knien und dem mittlerweile gut gefüllten Rucksack schaffte ich es den Stand von GCT Studios zu erreichen, deren asiatisch angehauchtes Skirmish-Tabletop Bushido mit seinen detaillierten Miniaturen ich sehr schätze. Mittlerweile hat der Verlag mit Rise of the Kage auch ein Brettspiel veröffentlicht, bei dem eine kleine Gruppe Ninjas einen Gebäudekomplex infiltrieren und verschiedene Ziele erledigen muss. Das kurze Testspiel machte durchaus Appetit auf mehr, so dass ich mich ein wenig ärgerte, dies nicht mehr in meinem Budget unterbringen zu können. Titan Forge hatten ihren Stand zweigeteilt: während ihre Resin-Miniaturen in der einen Halle präsentiert wurden, waren die Brettspiele in der anderen Halle zu sehen. Schon im letzten Jahr hatte ich lange vor dem Horror-Dungeon-Crawler Lobotomy gestanden, leider ergab sich aber damals keine Gelegenheit das Spiel gründlich anzutesten. Diesmal konnte ich eine entspannte Partie mit dem Autor spielen und diesen auch mit der einen oder anderen Frage zum Gameplay nerven. Eine gelungene optische Präsentation, die abseitige Thematik und ein sehr eingängiges Spielprinzip konnten mich dann doch rundum überzeugen. Nun muss das, ebenfalls über Crowdfunding finanzierte, Spiel nur noch im nächsten Jahr veröffentlicht werden.

Irgendwie waren mir offensichtlich einige Stunden abhanden gekommen, denn obwohl der Besucherandrang nur unmerklich abebbte, stand das Ende des Messetages unmittelbar bevor. Da ich keine Lust hatte, wie am Vortag, zusammen mit dem Gros der Besucher auf den verstopften Straßen von Essen festzustecken machte ich mich einige Minuten früher auf den Weg zum Hotel. Diesmal hatte ich den Abend ganz für mich alleine und freute mich darauf, endlich die Schuhe abstreifen und die Füße hochlegen zu können.



Den Samstag wollte ich etwas langsamer angehen lassen und machte zuerst einen Abstecher ins nahe gelegene Oberhausen. In der dortigen Ludwiggalerie läuft noch bis Januar die sehr empfehlenswerte Ausstellung Das ist doch keine Kunst, in der Arbeiten der bekannten Cartoonisten und Comic-Zeichner Ralph Ruthe, Flix und Joscha Sauer gezeigt werden. Die ruhige Atmosphäre innerhalb der Galerie war ein angenehmes Kontrastprogramm zum lauten und hektischen Treiben auf der SPIEL und ich nahm mir viel Zeit für die Exponate. Nachdem ich mir die verschiedenen Scribbles, Zeichnungen und Filme ausführlich angesehen hatte, ging es schließlich gegen Mittag ins benachbarte Essen zur dritten Messerunde.

Nachdem ich mich am Vormittag schon mental auf gezeichnete Bildchen eingerichtet hatte, wollte ich den Messetag mit einem Rundgang über die Comic Action beginnen. Diesen Teil der Halle 2 hatte ich bisher fast vollständig ignoriert und wollte zumindest einen kurzen Blick auf das Angebot geworfen haben. Wie auch schon in den Jahren davor bestimmte der Stand von Panini Comics das Bild, die hier neben ihren zahlreichen Neuheiten auch den einen oder anderen Zeichner am Start hatten. Die Superhelden-Comics, die einen Großteil des Verlagsprogramms ausmachen, interessieren mich allerdings herzlich wenig und so schlenderte ich bald zum Gemeinschaftsstand von Splitter, Tokyopop und Cross Cult, deren abwechslungsreiches Programm eher meinen Geschmack traf. Es war schon spannend durch die ganzen Neuerscheinungen zu schmökern, doch da ich meine Comics in der Regel beim örtlichen Dealer meines Vertrauens kaufe, stellte ich die Bände artig wieder ins Regal. Neben diesen beiden Verlagsständen hatten noch einige Händler ihren Platz in diesem Hallenbereich gefunden und auch hier schaute ich eher beiläufig durch die Auslagen. Tatsächlich wurde ich dann doch fündig und fand die rare Cover-Sammlung der Preacher-Comics zu einem erstaunlich günstigen Preis. Ansonsten gab es bei den Comic-Händlern und Ständen mit Merchandise für mich relativ wenig zu sehen.
Daher machte ich mich schon bald wieder auf den Weg, da auf meiner Liste noch einige Brettspiele standen, die ich mir unbedingt ansehen wollte. Zu diesem Zeitpunkt dürfte der Besucherandrang seinen Höchststand erreicht haben, denn in den Hallen selbst kam ich kaum voran; über die Außenflächen ging es etwas schneller, doch auch hier herrschte reger Betrieb. Nach einem kurzen Plausch mit einer Bekannten setzte ich meinen langen Marsch in Halle 3 fort und konnte diese dann auch, nach weiterem Drängen und Drücken, erreichen.
Wie schon an beiden vorangegangenen Tagen, so war auch heute der Stand von Iello dicht belagert und Plätze an den Demotischen nur schwer zu bekommen. Daher gab ich mich mit einer Rolle als Zaungast bei einer der zahlreichen Runden von The Big Book of Madness zufrieden die hier angeboten wurden. Dieses kooperative Deckbuilding-Kartenspiel machte zumindest optisch einen sehr ansprechenden Eindruck und den Spielern schien es durchweg Spaß zu machen. Sicherlich ein Spiel, mit dem ich mich in absehbarer Zeit näher befassen werde, auch wenn ich Deckbuilding-Spiele nicht übermäßig schätze. Gegenüber bei Pegasus herrschte, wie eigentlich jedes Jahr, dichtes Gedränge und da die Spiele des Friedberger Verlags sowieso bei unseren regelmäßigen Brettspielabenden auf dem Tisch stehen, begnügte ich mich mit einem flüchtigen Blick auf die Neuheiten. Hier war vor allem das mächtige Mega Civilization ein Blickfang, aber eine Demorunde hätte wahrscheinlich jeden Zeitplan gesprengt. So begnügte ich mich mit etwas Smalltalk und setzte meinen Weg zum moses. Verlag fort, der verschiedene neue Ableger seiner Black Stories-Reihe im Gepäck hatte. Dem bewährten Prinzip folgen die Bibel und Latein Edition des Deduktionsspiels. Einen gänzlichen anderen Weg geht der Verlag mit Das Verhör, bei dem die Spieler als Kriminaler einen Fall lösen müssen. Ein sehr kommunikatives Spiel das ein gutes Gedächtnis voraussetzt, aber unter dem hohen Geräuschpegel in der Halle stark litt.
Auch an diesem Tag schien ich in ein Loch im Raum-Zeit-Kontinuum gefallen zu sein, kamen doch schon die ersten Durchsagen, die das baldige Ende des Messetages verkündeten. Anscheinend hatte ich irgendwo auf meinem Weg mindestens zwei Stunden verloren.
So blieb mir lediglich Zeit für einen schnellen Blick in den Asmodee-Stand in Halle 1, wo einige Neuheiten in der Vitrine aufgebaut waren und wo es auch die Möglichkeit gab einen Blick auf T.I.M.E. Stories zu werfen. Das Konzept des Spiels wirkt auf mich etwas abstrakt und verwirrend, den Spielern hat es jedoch, zumindest was ich bisher gehört habe, sehr gut gefallen. Auch hätte ich gerne Die Blutige Herberge angetestet, las sich der Klappentext über eine mörderische Gastwirtsfamilie doch durchaus vielversprechend. Doch das Messepersonal achtete freundlich aber bestimmt darauf, dass auch wirklich alle Besucher sich auf den Weg zu den Ausgängen machten

Um den dritten Messetag angemessen bei lecker Essen und Getränken ausklingen zu lassen machte ich mich mit einigen Freunden auf den Weg ins Essener Cafe Nord. Meine Begleiter hatten im letzten Jahr hier schon Station gemacht und waren durchweg begeistert gewesen. Mir war die etwas angeschwiemelte Metal-Kneipe anfangs eher suspekt, allerdings konnten die gemütliche Atmosphäre und die erstaunlich umfangreiche Speisekarte meine Bedenken rasch zerstreuen. Eine vernünftige Unterhaltung war zwar, Dank der dröhnenden Musik, nur mit den unmittelbaren Sitznachbarn möglich, aber insgesamt doch ein schöner Ausklang für den Tag. Zu vorgerückter Stunde traf ich dann ziemlich zerstört wieder in meinem Hotel ein, wo eine Hochzeitsgesellschaft immer noch am Feiern war. Obwohl mein Zimmer relativ weit abseits lag, war an Schlaf nicht wirklich zu denken. Also nutzte ich die Zeit, um meine Errungenschaften des vergangenen Messetages zu begutachten und schon einen Blick in die verschiedenen Spielanleitungen zu werfen.

Eigentlich hatte ich vorgehabt die Messe auch noch am Sonntag zu besuchen, aber angesichts meiner zusammengeschmolzenen Barschaft, der vielen vollen Taschen und meinen schmerzenden Füßen entschloss ich mich, den Heimweg anzutreten. Nachdem ich einen Großteil meines Gepäcks im Kofferraum verstaut hatte, schlurfte ich in den Frühstückssaal, der mit den verkaterten und unausgeschlafenen Gästen der Hochzeitsgesellschaft eher wie ein Remake von Night of the Living Dead wirkte. Die roten Marmeladeflecken auf dem Kleid einer der anwesenden Damen verstärkten diesen Eindruck und so machte ich mich mit gesenktem Blick über mein Frühstück her. Die Heimfahrt verlief schließlich ohne größere Zwischenfälle, von einem kurzen Stau auf der A61 einmal abgesehen. Und, obwohl ich gelegentlich kurz davor war wegzudämmern, erreichte ich mein Zuhause noch wohlbehalten bei Tageslicht. Dort angekommen verteilte ich meine Schätze wie gewohnt im Wohnzimmer und musste mich allen Ernstes fragen, wann ich die ganzen Sachen gekauft hatte.

Nachdem ich über zwölf Stunden geschlafen hatte, konnte ich mich am nächsten Tag (ich hatte in weiser Voraussicht noch einige Urlaubstage dran gehängt) daran machen die vielen Bilder zu sichten die ich geschossen hatte und meine Eindrücke von den drei anstrengenden Messetagen zu ordnen. Natürlich waren diese Tage bei weitem nicht ausreichend gewesen um alles zu sehen und anzutesten was ich mir vorgenommen hatte, dennoch war ich nicht unzufrieden. Ein wirkliches Highlight gab es zwar auch in diesem Jahr für mich nicht, aber dafür viele kleine, spannenden und streckenweise auch originelle Spiele. Einige davon habe ich mir schon auf der Messe geholt, einige weitere werden im Laufe der nächsten Monate sicherlich folgen. Auf jeden Fall wird mir das Material für regelmäßige Spieletreffen nicht so schnell ausgehen.

Von den Zombies, welche die Messe die letzten zwei Jahre dominiert hatten, war bis auf einige wenige Ausnahmen nichts mehr zu sehen. Dafür setzte sich der Trend in Richtung des Steampunk-Genres weiter fort; Brettspiele, Tabletops, Romane, Comics, Rollenspiele und sogar die verschiedenen LARP-Stände hatten ein breit gefächertes Angebot zu dieser Thematik. Ob sich dieser Trend fortsetzen wird, wage ich zu bezweifeln, eher wird er noch ein oder zwei Jahre anhalten und dann langsam vom nächsten Hype abgelöst werden. Ähnlich verhält es sich mit der bekanntesten Lovecraft-Schöpfung, dem Großen Cthulhu. Oder, wie der großartige Cartoonist John Kovalic schon vor einigen Jahren gesagt hat „Everything is better with Cthulhu!“. Bei dem Rollenspiel H.P. Lovecrafts Cthulhu oder dem Strategiespiel Cthulhu Wars mag dies gerechtfertigt sein, aber bei unglaublich vielen anderen Spielen geht es einfach nur darum, die Fanbase anzusprechen und ihnen mit gierigen Tentakeln die Euros aus den Taschen zu ziehen.


Das sich traditionelle Gesellschaftsspiele immer noch sehr erfolgreich gegen die virtuelle Konkurrenz behaupten können, und dabei sogar einigen Boden gut machen, zeigen die offiziellen Zahlen des Veranstalters: 162.000 Besucher, über 900 Aussteller, rund 1.000 Neuheiten auf 63.000 qm sind durchweg beeindruckend. Auch nach meinem eigenen, zugegeben sehr subjektiven, Empfinden war die Messe noch nie so groß oder so voll wie in diesem Jahr. Das am Samstag dichtes Gedränge herrscht bin ich mittlerweile gewohnt, dass jedoch schon am Donnerstag die Hallen dermaßen vollgestopft sind war mir bisher neu. Als sehr angenehm empfand ich dabei die Atmosphäre in der, neu hinzugekommenen, Halle 7. Hier war es bei weitem nicht so laut, voll und hektisch wie in den anderen Hallen und bei den zahlreichen Klein- und Kleinstverlagen gab es durchaus einige spannende, originelle Dinge zu entdecken. Einige der Verlage konnten zwar nur ein wenig Standdeko oder ein paar Flyer vorweisen, entsprechend herrschte dort gähnende Leere. Andere dagegen wirkten ausgesprochen professionell und konnten sich dem Besucheransturm kaum erwehren. Zudem gab es hier die meisten Dinge, abseits der üblichen Trends, zu sehen und mehr als ein Spiel fand den Weg in meinen Rucksack.

Dienstag, 15. Juli 2014

Huan Vu - Interview

[Interview] Huan Vu
Regisseur von Die Farbe und Die Traumlande

Bei meiner Tätigkeit als Chefredakteur beim Medienportal Roter Dorn (www.roterdorn.de) bin ich eigentlich für die Bereiche Brettspiele, Tabletop und Rollenspiele zuständig. Gelegentlich habe ich aber auch die Möglichkeit etwas außerhalb dieser Grenzen tätig zu sein, so wie auch bei diesem kurzen Interview.

Huan Vu, Regisseur der mehrfach ausgezeichneten Lovecraft-Verfilmung Die Farbe, bleibt auch mit seinem nächsten Film dem Werk des US-amerikanischen Autors treu. Derzeit laufen die Arbeiten an seinem neuen Projekt Die Traumlande auf Hochtouren, das Elemente aus so unterschiedlichen Stories wie Celephaïs, Das Weiße Schiff oder auch Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath aufgreift um daraus eine zusammenhängende Geschichte zu machen. Trotzdem hat er die Zeit gefunden und konnte mir einige Fragen zu seiner Arbeit beantworten.

Zum ersten Mal aufgefallen ist mir Deine Arbeit bei dem (höchst inoffiziellen und mittlerweile verschollenen) Warhammer 40.000-Film DAMNATUS. Wie bist Du in Berührung mit diesem Spieleuniversum gekommen? Hast Du einen Bezug zu den dazugehörigen Tabletop-Spielen, dem Rollenspiel-Bereich oder hat Dich einfach der Hintergrund gereizt?
Ich bin schon als kleiner Junge auf das Spieleuniversum von Games Workshop aufmerksam geworden - die Fernsehwerbung für das von GW mit MB entwickelte Brettspiel
StarQuest hatte einen starken Eindruck auf mich und ich quängelte so lange, bis meine Eltern es mir irgendwann zu Weihnachten geschenkt haben.
Zu
Warhammer 40.000 bin ich dann aber erst viel später als Jugendlicher gekommen, als ich über Freunde herausfand, dass StarQuest nur ein Ableger eines viel größeren Spielsystems mit Miniaturen war - was in der deutschen Übersetzung von StarQuest aber auch ziemlich unterging. Da wurde alles umbenannt, was zu brutal wirkte.
So bin ich dann auf jeden Fall zum leidenschaftlichen Wh40k-Spieler geworden und führte mit dem
Sphärentor (www.sphaerentor.com) über viele Jahre die größte und bekannteste deutschsprachige Fan-Seite zu dem Hobby, die sich zudem den Matrix-Filmen und dem Fantasy-Autor Tolkien gewidmet hat und noch widmet.
 


Als dann der Wunsch immer stärker wurde, sich als Filmemacher zu versuchen, führte das eine zum anderen - da es noch keinen großen Wh40k-Fanfilm gab, aber bereits durchaus ansehnliche aus den Fankreisen zu Star Wars und Star Trek, wurde daraus DAMNATUS geboren. Leider konnten wir den Film nicht veröffentlichen, da es rechtliche Bedenken von Seiten Games Workshops gab. Die unveräußerlichen deutschen Urheberrechte waren den Briten suspekt und ein paar Jahre später erschien ein offizieller Animationsfilm. Gut möglich also, dass die Rechtsabteilung von GW hier lieber auf Nummer Sicher gehen wollte. Mittlerweile sind sie glücklicherweise etwas liberaler im Umgang mit Fanprojekten - ein deutscher Filmemacher arbeitet derzeit am animierten Kurzfilm The Lord Inquisitor und hat glücklicherweise grünes Licht erhalten. 

Sieht man sich ein wenig im Netz um, so finden sich zuhauf Spiele, T-Shirts, Figuren, Filme und allerlei andere Dinge mit Bezug auf Cthulhu. Hast Du eine Erklärung dafür, dass H.P. Lovecraft und seine Schöpfung fast 80 Jahre nach seinem Tod so populär sind wie niemals zuvor?
Ich schätze das belegt, wie einzigartig und einflussreich Lovecrafts Werke eben sind. Wenn man quasi nicht drumherum kommt, ihn zu zitieren, wenn es darum geht, nihilistischen Grusel und völlige Hoffnungslosigkeit bezüglich dem Schicksal der Menschheit auszudrücken, dann muss da wohl was dran sein. Dass Cthulhu so populär geworden ist, dass wir heute nun verniedlichende Plüschpuppen von ihm kaufen können und allerlei T-Shirts, die Lovecraft ein wenig auf die Schippe nehmen, das gehört zu diesem Phänomen dazu.
Es mag daran liegen, dass die heutige moderne Gesellschaft zunehmend verwissenschaftlicht, technisiert und selbstbestimmt ich-bezogen ist. Da schlägt Lovecrafts 'kosmischer Schrecken' in eine dankbare Kerbe: Was, wenn unser wissenschaftliches Weltbild doch nicht stimmt? Was, wenn wir als frei und bedeutsam fühlende Menschen am Ende doch nur Sklaven einer finsteren höheren Ordnung sind, in deren Rechnung wir keinerlei Rolle spielen, oder zumindest keine Rolle, die unserem Eigenbild gerecht wird?
 


Sowohl Die Farbe als auch die Geschichten aus den Traumlanden gehören ja nicht unbedingt zu Lovecrafts zugänglichsten Stories. Was hat Dich dazu gebracht grade diese, eher versponnenen, abstrakten, Geschichten zu verfilmen und nicht ein gradliniges Stück wie beispielsweise Der Flüsterer im Dunkeln?
Von der Geschichte gibt es zum einen schon eine sehr gute Verfilmung unserer Kollegen von der H.P. Lovecraft Historical Society. Ansonsten: Ja, ich habe da sicher eher ein Faible für die versponneren Geschichten. Und mir ist es auch immer wichtig, etwas Neues zu schaffen. Von The Colour Out of Space gab es ja bis zu unserem Auftreten keine wirklich adäquate Verfilmung mit einem visuellen Konzept für die Andersartigkeit der Farbe aus dem All, also hatte ich das Gefühl, dass wir hier Neuland betreten könnten. Und aus dem Traumlande-Zyklus wurde wiederum bisher noch nie filmisch etwas gemacht, es gibt nur ein paar animierte Kurzfilme. Auch hier besteht also die Chance etwas Neues zu erschaffen, zum ersten Mal bestimmte Orte und Geschehnisse zu erzählen. 

Du bist, neben Deiner Regiearbeit und der Produktion, auch für das Drehbuch zu Die Traumlande verantwortlich. Können wir eine werktreue Umsetzung der Geschichten erwarten oder lässt Du Dir selbst einen großzügigen kreativen Spielraum?
Wir haben nicht vor, die Geschichten eins zu eins zu verfilmen. Da würde auch keine kohärente Handlung herauskommen, denn die einzelnen Traumlande-Geschichten sind von Lovecraft ja auch eigentlich nie als zusammenhängendes Werk geplant gewesen. Sie spielen lediglich in derselben Welt und beschreiben sie uns. Von daher nehme ich mir da auf jeden Fall Spielraum, das ist auch sehr wichtig, um filmisch daraus etwas machen zu können.
Lovecraft selbst hat es Zeit seines Lebens ausdrücklich begrüßt, seine Werke aufzugreifen und weiterzuentwickeln. Und die Traumlande laden besonders dazu ein, da diese entrückte Traumwelt ohnehin ihren eigenen Gesetzen folgt.
 


Der fertige Film dürfte frühestens Ende 2016 auf den Markt kommen. Arbeitest Du in dieser Zeit noch an anderen Filmen oder investierst Du Deine gesamte Energie in die Umsetzung von Die Traumlande?
Ich denke da wird keine Luft für andere Projekte sein, da ich dann auch stark in die Postproduktion des Films involviert sein werde. Unsere Finanzierungsphase hat sich ja nun deutlich verlängert, ich schätze es wird daher wohl am Ende eher auf 2017 hinauslaufen.
 


Für die Finanzierung des Filmes hast Du Dich für eine Mischung aus Crowdfunding und "klassischen" Investoren entschieden. Wie schwierig ist es für solch ein kleines ambitioniertes Projekt wie Deines, kleine und große Geldgeber für die Realisierung zu finden?
Die Umstrukturierung hin zum Crowdinvestment war wichtig, da wir nicht die Reichweite besitzen, um eine wirklich breite Masse anzusprechen. Die regulären Medien berichten über so etwas eher nicht, H.P. Lovecraft ist dafür dann doch zu speziell. Aber es hat sich herausgestellt, dass es durchaus einige Fans gibt, die bereit sind für solch einen Film auch größere Summen zu investieren - wenn sie dafür an zukünftigen Einnahmen beteiligt werden. Das ist ein großer Vertrauensbeweis und ich schätze, dass die Qualität des Trailers dafür ausschlaggebend war, denn er zeigt gut, in welche Richtung der Film gehen wird und auf welchem Niveau wir uns mittlerweile seit
Die Farbe befinden. 


Ein Projekt dieser Größenordnung kann niemand alleine stemmen. Wer sind Deine wichtigsten Helfer und wie funktioniert die Arbeit im Team über solch einen langen Zeitraum?
Das Kern-Team von
Die Farbe ist auf jeden Fall wieder mit dabei, mal schauen wie wir dieses Mal die interne Kommunikation gestalten werden. Bisher haben wir das immer über ein Online-Forum gemacht, vielleicht wechseln wir für Die Traumlande auf ein Projekt-Management-Tool.  


Die deutsche Film- und Fernsehlandschaft wird dominiert von zumeist seichten Komödien, Beziehungsgeschichten und Krimis, phantastische Stoffe sind eher Mangelware. Wirft man jedoch einen Blick auf die Besucherzahlen der Herr der Ringe- Filme oder die Einschaltquoten von A Game of Thrones so zeigt sich, dass auch hierzulande ein Markt dafür vorhanden ist. Warum haben deutsche Regisseure und Produktionsfirmen so große Probleme mit diesem Genre?
 

Das liegt meiner Auffassung nach an zahlreichen geschichtlichen und kulturell-gesellschaftlichen Faktoren, auf der Website der Initiative Neuer Deutscher Genrefilm (www.genrefilm.net) gibt es hierzu eine Artikelreihe von mir, die sich unter anderem damit beschäftigt. Im großen Ganzen zeigt sich, dass Phantastik bereits seit der Kaiserzeit in Deutschland beziehungsweise dem Deutschen Reich schon immer als Kulturform niederen Rangs und über weite Strecken der deutschen Geschichte von den meisten Geistlichen, Lehrern, Politikern und sonstigen Ordnungshütern als schädlich und minderwertig betrachtet wurde. Auch in der Nachkriegszeit wurde es nicht besser, in den hochpolitisierten 60er Jahren warf man Tolkien faschistoide Tendenzen vor, Michael Ende wiederum wurde von Kritikern dafür angegriffen, Jugendliche und Kinder in Phantasiewelten zu entführen und ihrer Entwicklung zu schaden - mit frappierend ähnlichen Argumenten wie man in der Kaiserzeit Groschenhefte versucht hat von den Schulhöfen zu verbannen, oder später dann Comics.
Die deutsche Filmindustrie ist wiederum stark abhängig von staatlicher Finanzierung. Entsprechend kommt das eine zum anderen - wenn die Filmförderungen und Fernsehanstalten bestimmte Geschichten und Genres als weniger relevant betrachten, oder bei den seltenen Testballons und Ausflügen dann Filmemacher beauftragen, die in diesen Genres nicht wirklich zuhause sind oder auf der Höhe der internationalen Entwicklung stehen, kommt eben auch nichts Nachhaltiges heraus.
 


Die Traumlande wird auf englisch gedreht und erst nachträglich synchronisiert. Wie groß schätzt Du das Potential ein, dass der Film im Ausland haben wird? Lassen sich aus der Resonanz auf Die Farbe schon Rückschlüsse ziehen?
Wir haben vor allem aus den USA sehr großen Zuspruch erhalten, und das obwohl der Film überwiegend auf Deutsch ist. Die Entscheidung war nicht leicht, nun auf Englisch zu wechseln, aber vermarktungstechnisch macht es einfach mehr Sinn so. Wir können so ein viel größeres Publikum erreichen und deutsche Zuschauer sind synchronisierte Filme zum Glück ja gewöhnt. 


Wie sehen Deine weiteren beruflichen Pläne aus? Können wir auch in Zukunft mit ungewöhnlichen Literaturverfilmungen von Dir rechnen?
Gut möglich, dass ich weiter Lovecraft treu bleibe, aber ich stehe beispielsweise auch in Kontakt zu interessanten phantastischen Autoren aus hiesigen Landen, da gibt es noch viele ungehobene Schätze. Ansonsten gibt es auch noch einige andere eigene Stoffe, die derzeit im Hinterkopf herumschwirren und auf ihre Zeit warten. Ein reiner Science-Fiction-Film wäre z.B. auch mal was, das gab es hierzulande auch schon länger nicht mehr.



Huan, vielen Dank dafür, dass Du Dir die Zeit genommen hast meine Fragen zu beantworten. Ansonsten bleibt mir eigentlich nur noch Dir, und natürlich auch Deiner Crew, alles Gute für Die Traumlande zu wünschen und ich bin sehr gespannt wie der fertige Film dann letztendlich ausschaut. Zumindest die Trailer sind ja schon recht vielversprechend und machen Appetit auf mehr.
Wer weitere Informationen zum Film, zu den Beteiligten und zum Fortschritt der Dreharbeiten haben möchte findet all dies auf www.the-dreamlands.com. Natürlich gibt es dort auch schon die ersten Trailer zu bewundern.
 

Der Traumlande-Zyklus
Howard Philips Lovecraft hat keine einzelne große Geschichte zu den Traumlanden geschrieben, sondern auf viele kurze Stories gesetzt, die in diesem fantastischen Reich angesiedelt sind. Die Grundidee dabei war, dass es sehr jungen oder besonders begabten Träumern möglich ist, in eben jenes Land zu reisen und dieses auch mittels ihrer Gedanken zu beeinflussen, und die letztendlich sogar von der normalen Welt gänzlich in die Traumlande überwechseln können. Die einzelnen Geschichten haben, wenn überhaupt, nur einen lockeren Zusammenhang und lassen sich nur schwer mit seinen anderen Erzählungen vergleichen. Ein guter Einstieg für den Leser wäre beispielsweise
Der Silberschlüssel, aber auch Das merkwürdige hochgelegene Haus im Nebel (das eindrucksvoll im Trailer in Szene gesetzt wird) oder Iranons Suche, vermitteln einen guten Einblick in diese teils bizarre, teils idealisierte Welt.



Der Film
Die Traumlande nimmt nun Kernelemente aus einigen Geschichten die den Zyklus bilden und formt daraus den eigentlichen Plot um den Protagonisten Roland.
Hier die kurze, offizielle Beschreibung vom Film:
Roland, ein Waisenjunge mit einer schwierigen Vergangenheit, wird von einem mysteriösen alten Mann in eine andere Welt geführt, die über Jahrtausende hinweg von den großen Träumern der Menschheit im Schlaf erschaffen wurde. Dort herrscht der alte Mann als König und er möchte Roland zu seinem Nachfolger ausbilden.
Doch Roland gelingt es nicht den dunklen Schatten zu überwinden, der auf ihm lastet, und er muss sich entscheiden, ob er seine Fähigkeiten dafür einsetzen will, um die Traumlande weiter zu vergrößern, oder um zu zerstören, was andere errichtet haben.


Der Regisseur
Huan Vu, Jahrgang 1982, arbeitete von 2003 bis 2007 als Produzent, Autor und Regisseur an DAMNATUS, einem ambitionierten non-profit Warhammer 40.000 Fanfilm. Der fertige Spielfilm durfte jedoch am Ende aufgrund von urheberrechtlichen Bedenken seitens Games Workshops, dem Besitzer des Warhammer 40.000 Spiele-Universums, nicht veröffentlicht werden – trotz weltweiter Proteste der auf den Film wartenden Warhammer 40.000 Fans.
Danach begann Huan Vu während des Studiums an der Hochschule der Medien in Stuttgart-Vaihingen mit der Arbeit an Die Farbe, einer Verfilmung von H.P. Lovecraft’s The Colour Out of Space. Zunächst als Diplomfilm, doch als das Projekt zu groß für den Rahmen der Abschlussarbeit wurde, entschieden Co-Produzent Jan Roth und er es im Anschluss an das Studium mit eigenen Mitteln umzusetzen. Die Dreharbeiten fanden 2008 im Schwäbisch-Fränkischen Wald und Umgebung statt und Die Farbe wurde schließlich nach zweijähriger Postproduktion an Heimcomputern Ende 2010 fertiggestellt und im Eigenvertrieb sowie über Vertriebspartner in Nordamerika, Schweden und Finnland veröffentlicht. Bisher glücklicherweise ohne urheberrechtliche Streitigkeiten. Auf einschlägigen Festivals konnte der Film zahlreiche Auszeichnungen gewinnen und erfreut sich bei Fans nach wie vor großer Beliebtheit.
In Entwicklung befinden sich derzeit, neben Die Traumlande, ein skurril-erotisch-okkulter Abenteuerfilm in den Berliner und Wiener 20er Jahren, ein SciFi-DeepSpace-Thriller, ein deutsch-vietnamesischer MartialArts-Revenge-Gangsterfilm, ein Mystery-Krimi nach einem noch unveröffentlichten Roman von Kai Meyer, sowie ein Historiendrama vor dem Hintergrund der Deutschen Revolution von 1848/49.