Sonntag, 11. Februar 2018

Spielwarenmesse Nürnberg 2018

[Messe] Spielwarenmesse 2018
Donnerstag, 1. Februar 2018
Nürnberg


Da die SPIEL im letzten Jahr für mich leider krankheitsbedingt SEHR kurz ausgefallen war, hatte ich mir vorgenommen, in Nürnberg möglichst viel mitzunehmen. Gesundheitlich zwar immer noch nicht ganz auf der Höhe, aber hochmotiviert, organisierte ich Ende letzten Jahres bereits reibungslos Urlaub, Eintrittskarte und die Bahnfahrt. Dann stellte mich jedoch die Terminabsprache bei verschiedenen Verlagen vor unerwartete Probleme. Obwohl ich (für meine Verhältnisse) relativ früh anfragte, waren die meisten Slots am Donnerstag leider schon vergeben. So blieben mir drei wirklich feste Termine und die Hoffnung auf lockere Gespräche zwischendurch. Theoretisch würde mir das umso mehr Zeit lassen, um mich auf eigene Faust den Neuheiten zu widmen...
In den letzten Jahren habe ich mir den Weg ins Pressezentrum immer direkt durch die Hallen gebahnt. In diesem Jahr versuche ich die Wegstrecke abzukürzen und umrunde die Messehallen von außen. Aber schon nach wenigen Metern bereue ich diese Entscheidung, treibt mir doch der eisige Wind, der um die Gebäude pfeift, die Tränen in die Augen. Völlig durchgefroren erreiche ich den Eingang Ost und beeile mich ins angenehm beheizte Pressezentrum zu kommen. Nachdem die Formalitäten wie Messekatalog abholen und Schließfach anmieten erledigt sind, gönne ich mir noch schnell ein koffeinhaltiges Heißgetränk, bevor ich mich ins Getümmel stürze.

Nachdem ich in den letzten Jahren relativ planlos kreuz und quer über die Messe gelaufen bin, versuche ich es in diesem Jahr mit einer anderen Taktik. Diesmal will ich mich von hinten nach vorne durcharbeiten und beginne am anderen Ende der Messe, in Halle 12, meinen Streifzug.
 
Trotz der frühen Stunde sind die Warteschlangen bei LEGO, Playmobil oder Mattel lang und verstopfen praktisch komplett die Durchgänge. Und wie in jedem Jahr nehme ich mir vor, das nächste Mal zumindest beim dänischen Klötzchenhersteller einen Termin zu machen um mir die kommenden Veröffentlichungen anzuschauen. Das traditionelle Diorama am Halleneingang widmet sich in diesem Jahr wieder der (erstaunlich langlebigen) Serie Ninjago und kann mit Ninjas, Monstern und Gebäuden in beinahe Lebensgröße aufwarten. Nachdem ich einige Minuten ehrfürchtig davor gestanden habe, geht es zum Modellbauer Revell – dem eigentlichen Grund warum ich in der Halle bin. Quasi als Einstiegsdroge oder für den eiligen Modellbauer präsentiert der Hersteller das Easy-Click System. Dabei handelt es sich um neue, teils vereinfachte Bausätze, die zusammengesteckt werden und bei denen die Verwendung von Kleber optional ist. Die ausgestellten Modelle sind erstaunlich detailliert und lassen sich, einmal gebaut, von ihren regulären Gegenstücken praktisch nicht unterscheiden. Ebenfalls ein Thema ist natürlich der kommende Star Wars-Film Solo. Doch bis auf einige nichtssagende Verpackungen und alte Modelle des Millenium Falcon gibt es leider noch nichts aussagekräftiges zu sehen. Daneben steht die übliche Mischung aus anspruchsvollen Bausätzen, fernsteuerbaren Modellen und verschiedenen Merchandise-Modellen, beispielsweise für das Computerspiel Halo oder das Star Trek-Universum, in den Regalen.
Im Erdgeschoss der Halle tummeln sich vor allem zahlreiche kleine ausländische Aussteller, die ihre Produkte hier einem größeren Publikum präsentieren wollen. Die beiden eindrucksvollen Ausnahmen davon sind Hasbro und Ravensburger, die zusammen gefühlt die Hälfte der Ausstellungsfläche einnehmen. Da meine Zeit, eigentlich wie immer, viel zu knapp bemessen ist, muss ich mich für einen der beiden entscheiden. Schließlich fällt die Wahl auf den Puzzlehersteller, der allerdings auch das eine oder andere Brettspiel in seinem Portfolio hat. Dabei fällt mir Kakerlacula auf, ein aufwändiges Schnippspiel um blutsaugende Insekten. Bei Break Free müssen sich die Spieler dagegen aus Handschellen befreien – wechselnde Schwierigkeitsgrade und Zeitdruck erschweren die Angelegenheit zusätzlich. Beide Spiele sehen durchaus nett und unterhaltsam aus, allerdings bin ich nicht wirklich die Zielgruppe.
Dafür bleibe ich dann ein paar Meter weiter bei GraviTrax hängen, einer Kugelbahn. Die Anordnungen, die auf der Messe aufgebaut sind, sehen recht spektakulär aus und es ist ziemlich faszinierend, dem Weg der Kugel über Bahnen, Trampoline, Weichen, Wippen und andere Spielereien zu folgen. Schließlich werfe ich noch einen kurzen Blick in den Bereich mit den Puzzlen. Die Auswahl ist hier beeindruckend, vom klassischen Puzzle mit Landschaftsmotiv, über optische Effekte bis hin zu richtigen dreidimensionalen Puzzles.

Die Halle 11 durchquere ich relativ zügig und blicke mich nur flüchtig um. Hier haben sich fast ausschließlich die asiatische Spielehersteller nieder gelassen und preisen ihre Produkte an. Für mich gibt es hier nicht viel Interessantes zu sehen, und so lasse ich die Halle bereits nach wenigen Minuten hinter mir und schlage im Spiele-Café auf. Wie schon in den letzten Jahren haben sich Pegasus Spiele hier ziemlich breit gemacht und präsentieren einen eindrucksvollen Stand. Das Ganze ist entsprechend der letztjährigen Veröffentlichung Mein Traumhaus gestaltet. In jedem Raum werden einige Spiele präsentiert, teilweise gibt es Sitzmöglichkeiten, es werden Häppchen und Nachos gereicht - sehr eindrucksvoll und leider auch sehr voll. Daher begnüge ich mich mit einigen kurzen Gesprächen am Stand und schnappe einige Informationen zu den Neuheiten auf. Recht prominent wird Film ab! vorgestellt, ein Familienspiel über einen Kinobesuch. Optisch macht das Spiel schon einen sehr guten Eindruck und das Thema hat ebenfalls Potential - leider reicht meine Zeit nicht, für eine Testrunde. Ebenfalls in den Fokus der Besucher drängt sich das Pummeleinhorn. Hier zeigen die Friedberger eine ganze Reihe schon bekannter Spielideen, beispielsweise Mau Mau, Werwölfe oder Love Letter, die nun einhorngerecht neu aufgelegt werden. Cat Lady richtet sich dagegen, wie der Titel schon vermuten lässt, eher an die Katzenliebhaber unter den Spielern. Bei diesem Kartenspiel wetteifern die Beteiligten, wer seine Fellnasen am luxuriösesten verwöhnt – also ganz wie im richtigen Leben. Schließlich werfe ich noch einen Blick auf Dragon Master, in dem es darum geht, Drachen in möglichst gewinnbringenden Kombination auszulegen. Die restlichen Neuheiten und Prototypen kann ich leider nur flüchtig überfliegen, da mich eine Verabredung in Halle 10 erwartet.


Zu meinem Termin bei Iello schaffe ich es grade noch so - werde aber von meinem Gesprächspartner gerügt, weil ich zwei Minuten zu früh bin. Nach einer kleinen, sehr unterhaltsamen Diskussion über typisch deutsche und französische Charaktereigenschaften geht es schließlich an die Spiele. Sehr angetan, und sei es auch nur wegen des Retro-Feelings, bin ich von 8BitBox. Das Grundspiel lässt sich als eine Art Betriebssystem beschreiben, mit dem mehrere klassische Konsolenspiele umgesetzt werden. Eine sehr charmante Idee und eine kurze Runde Nicht-PacMan macht Lust auf mehr. Optisch deutlich hübscher ist dagegen Fairy Tile ausgefallen, bei dem Spieler aus unterschiedlichen Plättchen Landschaften aufbauen und mit Ritter, Prinzessin oder Drache darüber ziehen. Dabei müssen sie unterschiedliche Aufgaben erledigen, aus denen sich eine fortlaufende Geschichte ergibt. Beim Spielprinzip bin ich mir noch nicht ganz sicher – werde es wohl aber bei Gelegenheit sicherlich ausprobieren. Rennspiele sind eigentlich so gar nicht meine Sache, dennoch finde ich Downforce nicht uninteressant.

Das Spiel kombiniert das eigentliche Formel 1-Rennen, mit Management-, Versteigerungs- und Wett-Elementen. Das Ganze wird über einen einfachen Kartenmechanismus geregelt und dürfte sicherlich den einen oder anderen Anhänger finden. Der eigentlich Blickfang auf dem Stand ist jedoch Raids. Spiele mit Wikingerthematik gibt es zwar eigentlich genug, aber dieses folgt einem, zumindest für mich, neuen Ansatz. Die Spieler ziehen ihre Schiffe von Hafen zu Hafen, sammeln dort Waren, Männer oder Trophäen ein und erhalten dafür Punkte. Auf den ersten Blick liegen die Stärken des Spiel dabei im originellen Zugmechanismus und der flexiblen Verteilung der Aufgaben – auch die Grafik kann überzeugen. Ganz neu ist ebenfalls ein eigenes Spielelabel, das sich ausschließlich an Kinder richtet. Loki startet mit Farmini, einem Legespiel, bei dem die Spieler Tiere sammeln und hinter Zäunen vor dem Wolf in Sicherheit bringen müssen, sowie Troll & Dragon, einem Risiko-Würfelspiel um die Erkundung eines Verlieses. Etwas opulenter und (ein klein wenig) komplexer präsentiert sich SOS Dino – hier geht es darum, kooperativ die letzten Dinosaurier vor Lavaströmen und Meteoriteneinschlägen zu retten.
 
Natürlich habe ich wieder mehr Zeit vertrödelt, als ursprünglich eingeplant. Dennoch bleibt mir – hoffe ich zumindest – noch genug Luft bis zu meinem nächsten Treffen. So kann ich in Ruhe die anderen Stände auf dieser Ebene abklappern. Auf meiner Runde komme ich zuerst am Stand von Ankama Products vorbei – hierzulande wahrscheinlich durch Krosmaster Arena bekannt. Mit Monster Slaughter wird ein Spiel vorgestellt, bei dem jeder Spieler eine Monsterfamilie anführt und Teenager meucheln muss. Eine mir sehr sympathische Thematik, mit hübschen Figuren und einem netten Spielprinzip. Daneben stehen das Rennspiel Kingdom Run, das etwas abstrakte Stellium und Dino Party, bei dem es darum geht, die Dinosaurier vor dem Aussterben zu bewahren – kommt mir jetzt bekannt vor... Allerdings fehlt mir die Zeit, mich intensiver mit den Spielen zu beschäftigen, zudem ist der kleine Stand grade ziemlich überlaufen. So folge ich weiter dem Gang zu Abacusspiele, die an gewohnter Stelle ihre Neuheiten aufgebaut haben. Mit Armed & Dangerous gibt es einen neuen Ableger für das Wild-West-Partyspiel BANG!. Die Deckscape-Reihe bekommt gleich zwei Fortsetzungen: Das Schicksal von London und Raub in Venedig greifen das Grundprinzip der derzeit beliebten Escape-Spiele auf und setzen es als Kartenspiel um. Die Spiele sehen zumindest recht hübsch aus und bieten hoffentlich den gleichen Spielspaß wie der erste Teil der Serie. Mit Pizza Monsters und Alles an Bord?! Gibt es dann auch noch Futter für den Spielernachwuchs – allerdings kann ich diese nicht richtig in Augenschein zu nehmen.
Wenn ich schon in der Gegend bin, kann ich auch gleich noch bei Queen Games vorbei schauen.
Den Charme der 1960er Jahre versprüht Franchise, in dem die Spieler versuchen, ihre Unternehmskette über die ganzen USA auszudehnen. Mal ein anderes, originelles Thema und relativ weit oben auf meiner Liste der zu spielenden Neuheiten. Etwas überfordert hat mich auf den ersten Blick Luxor. Die Suche nach der Grabkammer des Pharaos gestaltet sich recht bunt und mit vielen Komponenten. Hier muss ich irgendwann mit mehr Ruhe einen Blick darauf werfen. Mit Kobold darf auch ein nettes, kleines Kinderspiel nicht fehlen. Als namensgebende Wichte versuchen die Spieler allerlei Dinge aus dem Kinderzimmer zu stehlen, ohne dabei vom Schein der Taschenlampe ertappt zu werden. Auch dieses Spiel ist mir ein klein wenig zu bunt und zu voll, aber ich gehöre ja auch nicht zur Zielgruppe. Interessiert hätte mich auch noch Merlin, aber leider konnte mir niemand ein paar Sätze zum Spiel zu sagen.
Die Neuheiten bei Amigo Spiele kenne ich größtenteils bereits – einige Rezensionen finden sich bereits auf www.roterdorn.de. Eine liebgewonnene Institution ist die jährliche Erweiterung des Bohnanza-Universums; in diesem Jahr durch Marco Bohno. Mit diesen Karten wird das Grundspiel um bestimmte Aufgaben erweitert, die die Spieler neben der Bohnenernte erledigen müssen. Eine schöne Idee, die mich tatsächlich dazu bringt, mein altes Grundspiel wieder aus der Schublade hervor zu kramen. Auch das Kartenspiel All You Can Eat finde ich, jetzt wo ich es in natura sehe und kurz angespiele recht reizvoll. Eine Beschreibung fällt mir dagegen schwer, verbindet es doch Elemente aus Stich- und Bluffspielen zu einem funktionierenden Ganzen.

Langsam muss ich mir wieder Gedanken über meine Terminplanung machen und entschließe mich, dass Tempo ein wenig anzuziehen. Obwohl die Füße mittlerweile schmerzen geht es dann auch ohne Pause direkt weiter zu Schmidt Spiele (und natürlich deren Partnerverlagen). Hier fällt mir Race To The New Found Land ins Auge. Hinter dem etwas sperrigen Titel verbirgt sich eine gefällige Mischung aus Entdecker-, Handels- und Wirtschaftsspiel und ich lasse mir – entgegen meiner guten Vorsätze – das Spiel ausführlich erklären. Eher ein Spiel für den „ernsthaften“ Brettspieler und ein weiterer Kandidat für meine künftige Einkaufsliste. Am Tisch nebenan werfe ich einen Blick auf Agentenjagd, ein Deduktionsspiel, bei dem es gilt einen feindlichen Agenten aufzuspüren. Gesteuert wird das Ganze über eine App, die den Spielern Hinweise auf den Aufenthaltsort des Gesuchten gibt. Ohne mich jetzt näher damit auseinander zu setzen würde ich es als eine Mischung aus Scotland Yard und Where In The World Is Carmen Sandiego? einordnen. Schließlich passt Die Quacksalber von Quedlinburg dann auch sehr gut in die Serie der Spiele mit etwas umständlichen Titeln. Aus zufällig gezogenen Zutaten brauen die Spieler Tränke, ohne dass diese ihnen um die Ohren fliegen. Die Mischung aus Risikobereitschaft, Improvisationstalent und Taktik, zusammen mit den hübschen Illustrationen sprechen mich durchaus an. Den Rest des Standes muss ich mir leider sparen – es liegen immer noch einige große Brocken vor mir.
Einige Dinge, die bei HUCH & Friends in der Auslage liegen, hatte ich schon bei Iello gesehen.Doch es gibt noch eine oder zwei Sachen, die ich mir näher anschauen will. Dam It! sieht nach einem netten kleinen Legespiel aus, bei dem Biber darum wetteifern den höchsten Damm zu errichten. Nicht wirklich außergewöhnlich, macht aber einen ansprechenden, durchdachten Eindruck. Obwohl ich eigentlich ein großer Freund von Deduktionsspielen bin, kann ich dagegen mit Gangster City nicht übermäßig viel anfangen. Der Ermittlungsmechanismus kommt mir in diesem Falle doch sehr zufällig vor und auch die Wahlmöglichkeiten sind nicht soooo spannend – zumindest auf den ersten Blick. Viel besser gefällt mir dagegen Seikatsu, ein Spiel, bei dem ein Garten vor einer Pagode angelegt werden muss. Strategisch, ein wenig abstrakt und mit recht dezenten, asiatisch angehauchten Illustrationen gefällt mir das Spiel sehr gut; nicht nur wegen der Koi-Teiche. Von Spielidee und Aufmachung springt mir schließlich noch Greif zu! ins Auge. Hier geht es darum, einer Polizeirazzia zu entgehen und möglichst viel Beute zusammen zu raffen, die aus der Brieftasche des Paten gezogen wird. Ich denke, das dürfte ein recht spaßiges Spiel für eine größere Runde sein.
Schließlich liegt noch der Stand von Asmodee vor mir. Die Gänge sind verstopft, die eigentlichen Informationen bekommt man nur mit Termin (den ich natürlich, wieder einmal, nicht ausgemacht habe) und so begnüge ich mich, die wirklich zahllosen Neuerscheinungen zu überfliegen. Mehrere Spiele zu Star Wars sind dort ebenso vertreten wie das Brettspiel zu Fallout; die Arkham Horror-Serie wächst ebenfalls beständig. Hier am Stand fühle ich mich tatsächlich von der Masse der Veröffentlichungen komplett überfordert. Allerdings treffe ich hier im Gedränge einen Bekannten, der mir rät, es im Erdgeschoss der Halle am zweiten Stand zu versuchen – dort ist deutlich weniger los.

So drücke ich mich aus dem Gewühl heraus und schaue noch kurz bei Cool Mini Or Not vorbei, die gegenüber liegen. An dem kleinen Stand ist dagegen so gar nichts los und ein gelangweilter Eric M. Lang sitzt hinter dem Tresen. Ich nutze die Gelegenheit und lasse mir ein paar Details zu seinem A Song Of Ice & Fire geben, einem Tabletop-Spiel, dass in der Welt von Game of Thrones angesiedelt ist. Die Figuren sehen recht nett aus, und auch das Spielkonzept scheint durchdacht zu sein. Auch Council of 4 interessiert mich – ich habe eine Schwäche für Spiele mit höfischen Intrigen. Im Prinzip dreht sich alles um Lobbyarbeit, Korruption und lukrative Auftragsvergabe; allerdings in einem mittelalterlichen Königreich. Ich könnte mir vorstellen, dass sich das Spiel problemlos auch auf die eine oder andere aktuelle Regierung umsetzen lässt.
Den anderen Ständen kann ich leider nicht ganz so viel Aufmerksamkeit widmen, doch für einen kurzen Rundgang und ein paar Blicke in die Auslagen reicht meine Zeit dann doch noch. Schließlich kapituliere ich und gönne mir eine kurze, dringend notwendige Pause, bevor es ins Erdgeschoss geht.

Hier wartet eine wilde Mischung aus traditionellen (Holz-)Brettspielen, Buch- und Comicverlagen und auch kleinere Spielhersteller auf mich. Beim Moses Verlag gibt es nicht wirklich viel Neues zu sehen. Die black stories-Reihe werden nun um red stories erweitert, bei Yu-Ca-Tan müssen bestimmte Aufgaben erwürfelt werden und Schicht im Schacht lässt die Spieler Tunnel buddeln (Karten ablegen) um Punkte zu sammeln. Daneben gibt es wieder Mal- und Kinderbücher und viele hübsche Kleinigkeiten, die allerdings für mich weitgehend uninteressant sind. Bei Q-workshop stehe ich, wie eigentlich jedes Jahr, sabbernd vor der Auslage. Der polnische Hersteller bietet mittlerweile eine dermaßen breit gefächerte Auswahl an Würfel, dass es einem Angst und Bange wird. Es gibt Würfel für einzelne Pathfinder-Kampagnen, für obskure Brettspiele und Tabletops, exklusive Metall-Würfel und individuelle Sonderanfertigungen. Dazu kommen wirklich schicke Würfelbecher und -beutel, Unterlagen und Würfeltürme. Nicht, dass ich nicht schon Schränke voller Würfel zu Hause hätte, aber immer, wenn ich den Stand besuche, habe ich das dringende Bedürfnis neue Polyeder zu kaufen.

Wie vorausgesagt ist am zweiten Stand von Asmodee praktisch gar nichts los. Drei Mitarbeiter stehen bereit, um Auskunft über die Neuheiten zu geben; allerdings ist die Auswahl an präsentierten Spielen etwas eingeschränkt. Hier steuere ich zielstrebig auf Watson & Holmes zu, ein – wer hätte es gedacht – Deduktionsspiel im viktorianischen London. Die Aufmachung mit Schuber und Buch ist fantastisch, das (nicht kooperative) Spielprinzip überzeugt nach einem kurzen Blick in die Regeln. Jetzt muss ich nur noch auf die Veröffentlichung im Sommer warten. Die charmante Dame am Stand nötigt mich anschließend auch einen Blick auf Photosynthese zu werfen. Bäumen beim Wachsen zuzusehen hört sich jetzt nicht wirklich nach einem spannenden Spielprinzip an, aber das Spiel hat durchaus Anspruch und hat mich, auch Dank der sehr engagierten Überzeugungsarbeit, nun doch neugierig gemacht. Bei Gelegenheit werde ich sicherlich eine Testrunde wagen. Mein liebstes Zombiespiel Winter der Toten bekommt mit Kampf der Kolonien eine zusätzliche Erweiterung. Endlich ist Schluss mit diesem lästigen kooperativen Spiel und ganze elf Spieler können sich nun den Zombies und natürlich ihren Mitspielern widmen. Auch auf diese Veröffentlichung freue ich mich. Bevor ich den Stand verlasse, bleibe ich an Stuffed Fables hängen - der heroischen Queste einiger Stofftiere, ihren Besitzer zu retten. Ein Buch dient dabei gleichzeitig als Regelwerk, Szenarienheft, Hintergrundgeschichte und Spielbrett. Ressourcenmanagement in Form von Würfel, die Zusammenarbeit der Spieler und die wirklich putzigen Figuren runden meinen ersten, sehr guten, Gesamteindruck ab.

Nachdem ich nun auf dem neuesten Stand, was Asmodee angeht, bin, klappere ich noch die anderen Gänge der Halle ab und schaue, ob irgend etwas meine Aufmerksamkeit erregt. Ich bin nicht wirklich weit gekommen, als ich auf den kleinen Stand von Dragon Dawn Productions aus dem fernen Lappland stoße. Hier ist es Perdition's Mouth, ein Fantasy-Dungeon-Crawler, der mich vom Weg abbringt. Es ist nicht so, dass ich nicht genug Spiele dieses Genres hätte, aber mein Jagd- und Sammelinstinkt wird direkt angesprochen. Die Grafik ist angenehm finster, die Figuren sind recht ansehnlich, wenn auch nicht herausragend, allerdings finde ich die Spielmechanik ein wenig umständlich, woran auch eine kurze Erklärung nichts ändert. Das zweite Spiel des Verlages, dass aktuell über eine Crowdfunding-Plattform finanziert wird, geht in eine völlig andere Richtung. In Darwinning! übernimmt jeder Spieler eine andere Tiergattung und versucht sich zu vermehren, weiterzuentwickeln und schließlich zur dominanten Rasse auf dem Planeten zu werden. Hier dreht sich vieles um Ressourcenmanagement und die Möglichkeit, den Mitspielern gehörig eins auszuwischen. Die Thematik spricht mich nicht wirklich an, aber mutierte fliegende Fische mit Schildkrötenpanzer haben einen gewissen Reiz. Zudem macht das Spielprinzip einen soliden, unterhaltsamen Eindruck.
Mittlerweile bin ich nicht mehr so ganz aufnahmefähig – zu viele Spiele, zu wenig Schlaf und nicht genug Koffein sind eine unschöne Mischung. Aber es hilft ja alles nichts, ich muss weiter. Am Hallenausgang wartet schließlich noch der Stand von Kosmos auf mich, an dem ich nicht vorbei komme. Die Catan-Serie bekommt, wie eigentlich jedes Jahr, einen neuen Ableger. Diesmal geht es mit Der Aufstieg der Inka nach Mittel-/Südamerika; neben dem neuen Setting gibt es aber auch tatsächlich im Spielverlauf Neuerungen, die frischen Wind auf den Spieltisch bringen. Neben neuen Waren ist es auch die Möglichkeit Städte wieder zu verlieren, die bei den Spielern zu einem Umdenken führen dürfte. Vielleicht bringt mich das Spiel ja dazu, nach langen Jahre der Abstinenz wieder ein bisschen zu siedeln. Hemmungslos shoppen können die Spieler dagegen bei Mercado – das nötige Kleingeld vorausgesetzt. Zumindest die Erklärung zum Spiel ist angenehm unaufgeregt und verspricht ein kurzweiliges und nicht übermäßig komplexes Spielvergnügen.

Die Exit-Serie wird um zwei Abenteuer erweitert, die das erfolgreiche Spielprinzip fortsetzen. Die Spieler müssen bei Die unheimliche Villa und Das mysteriöse Museum unter Zeitdruck ihren Weg aus dem jeweiligen Gemäuer finden und dürfen dabei auch gerne das Spielmaterial zerlegen. Leider habe ich es bisher noch nicht geschafft, auch nur einen Teil der Serie in Angriff zu nehmen – werde ich aber bei Gelegenheit ändern. Daneben veröffentlichen Kosmos wieder eine breit gestreute Auswahl an Experimentier- und Magiekästen, neues Zubehör für Die drei ??? und viele, viele kleine Spiele.

Mir bleiben nur noch knapp zwei Stunden um die Punkte auf meiner Liste abzuarbeiten. Natürlich begegnet mir auf meinem Weg nach Halle 7 noch ein Bekannter, den ich schon länger nicht mehr gesehen habe. Nach einem extrem kurzen Plausch verabreden wir uns später zum Essen – mich zieht es weiter. Die Hallen 9 und 8 durchquere ich zügig und versuche nicht vom Weg abzukommen. Dies gelingt mir leider nur so mittelgut und ich vertrödele ein paar Minuten damit, mir bei Mask World und anderen Kostümherstellern die Auslagen anzuschauen. Doch schließlich bin ich am Ziel angelangt und kann die letzten Punkte auf meiner To-Do-Liste abhaken.

In diesem Jahr haben sich erstaunlich viele (also insgesamt fünf) Hersteller hier niedergelassen, die für mich als Tabletop-Spieler und Miniaturenbemaler interessant sind. Den Anfang macht, wie gewohnt, der spanische Farbenhersteller Acrylicos Vallejo. Doch viel Neues bekomme ich hier nicht geboten – die Farbreihen werden punktuell um einzelne Töne ergänzt und das eine oder andere Hilfsmittel erweitert die Produktpalette. Komplett neue Farbreihen oder gar Bücher mit Anleitungen wie im letzten Jahr suche ich leider vergeblich. Dafür kann der Mitbewerber Mig Jimenez zwei Stände weiter mit einem recht innovativen Produkt aufwarten. Auch hier werden die Farbpaletten und Hilfsmittel sukzessive erweitert – aber wirklich fasziniert bin ich vom Oilbrusher. Dabei handelt es sich um eine kleine Kartusche mit Ölfarbe und integriertem Pinsel. Für Modellbauer und Miniaturenmaler eine enorme Erleichterung und ganz oben auf meiner Wunschliste. Wenn ich schon bei Farben bin, kann ich auch gleich weiter zu Green Stuff World. Die Spanier haben ihr komplettes Sortiment an Modelliermasse dabei, ebenso wie die "Teigrollen", mit denen sich die unterschiedlichsten Muster prägen lassen. Die wirkliche Messeneuheit ist allerdings die neue Farbreihe Chameleon, die aus irisierenden Acrylfarben für Pinsel und Airbrush besteht. Da ansonsten am Stand nicht viel los ist, nutze ich die Gelegenheit und lasse mir den Einsatz von Teigrollen und Farbe ausführlich erklären und an einigen Mustern zeigen. Auch ein Abstecher zum Tabletop-Produzenten Games Wokshop ist eingeplant – der Fokus des Standpersonals liegt jedoch eindeutig im Gewinnen von Händlern. Glücklicherweise ist auch ein Mitarbeiter vor Ort der froh ist, zumindest habe ich den Eindruck, auch über die Spiele und Figuren und nicht nur über Gewinnmargen und Absatzmöglichkeiten zu reden. Die Auswahl an Modellen in den Vitrinen ist leider eingeschränkt, aber immerhin kann ich mir in Ruhe die Figuren zu Necromunda: Underhive und Warhammer Underworlds: Shadespire. Fast bin ich wieder versucht, in beide Systeme einzusteigen – aber eben nur fast. Auch bei Para Bellum Wargames schaue ich kurz vorbei. Ich hatte die zypriotische Firma bereits auf der SPIEL gesehen und war angenehm überrascht von der Qualität der Figuren und der Artworks zu ihrem Tabletop Conquest. Auch an diesem Stand herrschte weitgehend Leere, so dass ich Zeit für ein kurzes Gespräch mit den Machern hinter dem Spiel habe. Obwohl Massenkampfsysteme mittlerweile vom Aussterben bedroht sind, wird hier versucht mit einem schlüssigen Konzept, einem recht eleganten Regelwerk und einem (so die Zahlen stimmen) absolut fantastischen Preis in einen eigentlich gesättigten Markt zu kommen. Ich bin auf den Erscheinungstermin im Sommer gespannt und werde das Spiel auf jeden Fall im Auge behalten. Mein restlicher Aufenthalt in der Halle muss sich leider auf einen Schnelldurchlauf verschiedener Stände beschränken: Pinsel von Leonhardy und Springer, Airbrush von Badger, Modellbau von Italeri, Heller und Zvezda.

Ein Blick auf die Uhr verrät, dass mir noch eine gute dreiviertel Stunde für sechs Hallen bleibt – eine durchaus sportliche Herausforderung. Letzten Endes beschränke ich mich auf die Halle 4 mit Modelleisenbahnen und dem passenden Zubehör. Die Bahnen sind zwar so gar nicht mein Bereich, dennoch schaue ich mir gerne die ausgestellten Anlagen an um daraus Inspirationen für eigene Projekte im Miniaturbereich zu ziehen. Auch in diesem Jahr werde ich fündig, sowohl bei den großen Herstellern wie Faller, aber auch bei den kleineren wie Woodland Scenics. Vor allem Noch hat dieses Jahr eine interessante Neuerung im Angebot: komplette Modelleisenbahnanlagen im handlichen Koffer. Außerdem sind bei dem Zubehörhersteller mittlerweile auch die Zombies (und Vampire) angekommen. Dazu passend gibt es ein Geisterhaus mit Friedhof, dazugehörige Licht- und Soundeffekte und einen ganzen Satz stimmiger Figuren. Wenn der recht stattliche Preis nicht wäre, hätte ich das Gelände wahrscheinlich sofort eingepackt. Das Merchandise-Geschäft macht auch vor dem Traditionshersteller Märklin nicht halt. So präsentiert dieser, recht aufwändig und eindrucksvoll mit der (lebensgroßen) Lok Emma eine Insel mit zwei Bergen, passend zum kommenden Film Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Die Anlage sieht richtig gut aus und kommt dem Original ziemlich nahe – ob sich damit aber Modelleisenbahnen neue Käuferschichten erschließen wage ich allerdings zu bezweifeln.

Mittlerweile bin ich komplett durch – der Kopf schmerzt ebenso wie die Füße. Der Rucksack mit Prospekten zieht mich immer weiter nach hinten, die Zunge klebt am Gaumen und zur Toilette müsste ich eigentlich auch schon seit Stunden. Mit buchstäblich letzter Kraft schleppe ich mich zurück ins Pressezentrum und führe mir gesundheitsgefährdende Mengen Koffein zu. Zum Abschluss des langen Messetages fehlt noch das traditionelle Essen, für das ich mich mit meinem Bekannten verabredet habe. Allerdings haben die Veranstalter vor das Essen den Cocktail gesetzt. Dieser ist sehr fruchtig, sehr lecker und schmeckt ein wenig wie ein bekanntes Fruchtbonbon mit flüssiger Füllung. Nachdem ich die Wirkung des zweiten Glases bereits deutlich spüre, beeile ich mich, ans Buffet zu kommen.
Offensichtlich habe ich beim Essen (und der sich daran anschließenden Unterhaltung) doch mehr Zeit vertrödelt, als ich erwartet habe. Und so muss ich etwas überhastet meine Habseligkeiten zusammen suchen und mich verabschieden. Der Weg durch die Hallen in Richtung Bahnhof zieht sich, mit vollem Magen und schweren Beinen, endlos hin. Die Stände sind mittlerweile zum größten Teil mit Planen abgehangen und die Beleuchtung ist weit herunter gedimmt. In den Gängen kommen mir nur noch wenige Menschen entgegen und die Stimmung in den, vor kurzem noch vollen, Hallen hat etwas gespenstisches. Draußen vor den Toren der Messe ist dann doch deutlich mehr los und ich quetsche mich in die völlig überfüllte Straßenbahn. Am Bahnhof angekommen wird es etwas hektisch und mir bleibt grade noch genug Zeit, dass richtige Gleis zu erreichen – mein Zug ist wider Erwarten pünktlich.
Die Abteile sind fast komplett gefüllt; leider hatte ich, optimistisch wie ich bin, auf eine Sitzplatzreservierung verzichtet. Ich lasse mich gegenüber zweier Damen nieder, die offensichtlich auch zu den Messebesuchern zählen. Die beiden sind alle fünf Tage auf der Messe - fahren abends allerdings wieder zurück nach Aschaffenburg und morgens nach Nürnberg. Eine sportliche Leistung, wie ich finde, allerdings ziehen die Nürnberger Hoteliers zu Messezeiten die Preise auch weit über die Schmerzgrenze hinaus an. Die restliche Fahrt verbringe ich damit, ein wenig zu dösen und die Eindrücke zu verarbeiten, die den ganze Tag auf mich eingeprasselt sind. Letzten Endes war es wieder eine sehr schön, interessante Veranstaltung, bei der ich leider nicht halb so viel gesehen habe, wie ich wollte.


In den letzten Jahren waren es immer alles überragende Themen wie Zombies, Einhörner, Comichelden oder der neueste Star Wars-Film, die sich dem Besucher geradezu aufdrängten. Doch in diesem Jahr hatte ich den Eindruck, dass diese einseitige Dominanz fehlte. Natürlich gab es noch genug Merchandise und Lizenzprodukte, aber es war deutlich dezenter als in den vorangegangenen Jahren. Woran das liegt kann ich nicht sagen, auf jeden Fall fand ich es sehr angenehm nicht überall das Gleiche in unterschiedlicher Verpackung zu sehen.
Der Brettspiel-Sektor ist sehr stark, wächst weiter und bringt die Menschen dazu, sich zusammen an einen Tisch zu setzen, zu spielen und miteinander zu reden. Nach wie vor gibt es zaghafte Versuche traditionelle Brettspiele mit elektronischen Medien zu kombinieren, aber meist bleibt es bei Randerscheinungen und halbherzigen Konzepten. Dass dieses Vorgehen ein Spiel deutlich aufwerten kann, hatte der Heidelberger Spieleverlag seinerzeit mit Villen des Wahnsinns eindrucksvoll gezeigt. Allerdings ist mir seitdem nichts mehr begegnet, dass von dieser Verschmelzung ähnlich profitiert hätte. Auf jeden Fall gibt es auch in diesem Jahr wieder genug tolle, spannende, lustige und komplexe Spiele um die stetig wachsende Schar der Spieler zu beschäftigen.
Neben den eigentlichen Ausstellungsflächen haben es die Organisatoren wieder geschafft ein recht abwechslungsreiches Rahmenprogramm mit vielen Vorträgen und Diskussionen auf die Beine zu stellen – irgendwann schaffe ich es auch bestimmt einmal dorthin.
Der eigentliche Ablauf der Messe war, zumindest für mich als Besucher, angenehm entspannt: kein Gedränge am Einlass, hilfsbereites Personal an jeder Ecke, eine professionelle Organisation und viele Freiräume um kurz zu entspannen.

Während die Anzahl der Aussteller in diesem Jahr leicht angestiegen ist, war die Besucherzahl ein klein wenig rückläufig; so zumindest die offiziellen Zahlen des Veranstalters. Allerdings sind gut 71.000 Fachbesucher immer noch eine ziemlich solide Hausnummer.

Sonntag, 30. Juli 2017

Amphi 2017; Tanzbrunnen; Köln


[Festival] Amphi
22.-23. Juli  2017
Tanzbrunnen, Köln

Nach einigen Verwerfungen in meinem privaten Umfeld überlegte ich lange, ob ich in diesem Jahr überhaupt wieder auf das Amphi Festival nach Köln fahren sollte. Letzten Endes konnte ich mich dann allerdings doch zusammenreißen und meinen Festivalbesuch wie ursprünglich geplant antreten. Ein adäquate Unterkunft und die Akkreditierung hatte ich glücklicherweise schon lange im Voraus organisiert - auch meine Chefin erhob keine Einwände gegen meinen kurzfristigen Urlaubswunsch.


So kann ich dann, wenn auch ein wenig später als geplant, am Freitag meine Fahrt nach Köln antreten. Die gesamte Strecke ist praktisch eine einzige Baustelle, zumindest fühlt es sich bereits nach einigen Kilometern für mich so an. Dennoch komme ich sehr gut voran und erreiche die Domstadt am frühen Nachmittag, noch vor dem einsetzenden Feierabendverkehr. Nach kurzer Suche finde ich sogar noch einen bezahlbaren Parkplatz in unmittelbarer Nähe des Hotels. So spare ich mir die, deutlich teureren, Festivalparkplätze und vermeide auch das hoteleigene Parkhaus - das pro Tag mit sehr sportlichen 25 Euro berechnet wird, wie mir ein anderer Festivalbesucher mit entsetztem Gesichtsausdruck im Foyer beim Einchecken erzählt.


Mein Zimmer befindet sich im obersten Stockwerk, beinahe in der hintersten Ecke. Der Gang kommt mir bereits jetzt unendlich weit vor, als ich mein Gepäck hinter mir her schleife. Nach einer kurzen, aber dringend notwendigen, Pause steht traditionell noch ein kurzer Abstecher in die Kölner Innenstadt auf dem Programm. Ich bin nicht der einzige schwarz Gekleidete, der an diesem Tag über die Hohenzollernbrücke in Richtung der Domplatte schlendert und die Blicke der "normalen" Passanten sind durchaus interessant. In der Stadt selbst verläuft sich das Ganze dann ein wenig, wobei doch das eine oder andere ausgefallene Fetisch-Outfit die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Zum Abschluss des kleinen Stadtbummels verzichte ich auf das obligatorische Steak und gönne ich mir stattdessen ein sehr leckeres Buffet mit Pizza, Pasta und Salaten. Schwer beladen mit den notwendigsten Einkäufen (und gut gesättigt) schleppe ich mich zurück ins Hotel.


Jetzt fehlt nur noch ein adäquates Abendprogramm - zwei Optionen stehen dabei für mich zur Auswahl: Die grandiosen Der Fluch spielen in der Kölner Innenstadt im The Cage; alternativ gibt es natürlich die Warm-Up-Party für das Amphi. Da es doch schon relativ spät ist, fällt die Entscheidung dann letzten Endes doch auf die Veranstaltung am Tanzbrunnen, die fußläufig vom Hotel aus zu erreichen ist. Außerdem kann ich mir bei der Gelegenheit auch gleich mein Festivalbändchen abholen. Auch zu dieser vorgerückter Stunde stehen noch lange Schlangen vor den Kassenhäuschen. Die Dame bei der Presseakkreditierung sorgt für eine kurze Schrecksekunde, da sie meinen Namen nicht auf der Gästeliste findet. Nach längerer Suche taucht der Eintrag doch noch auf - allerdings nicht da, wo wir ihn vermutet hätten. Nachdem diese Formalitäten geklärt sind, besorge ich mir noch schnell eine Eintrittskarte für die Party, die im Theater schon in vollem Gange ist.


Warm-Up-Party mit Ronan Harris am Mischpult
Vor allem im Biergarten vor der Halle tummeln sich viele finstere Gestalten und nutzen das immer noch hervorragende Wetter, um zu trinken, zu rauchen und sich dem, in der Szene allgemein beliebten, Schaulaufen zu widmen. Als ich den, ebenfalls recht gut gefüllten, Innenraum betrete läuft grade eine wilde Mischung unterschiedlichster Stile "schwarzer" Musik - sehr gefällig, abwechslungsreich und durchaus tanzbar. Im Laufe des Abends verschiebt sich der Fokus jedoch immer weiter in Richtung harter Elektronik. Normalerweise habe ich damit weniger Probleme, doch heute bin ich nicht so richtig in Stimmung dafür, weswegen ich mich lieber unter das Volk draußen mische. Die Musik wird auch im weiteren Verlauf des Abends nicht wirklich besser und so breche gegen 3 Uhr in Richtung Hotel auf - immerhin habe ich noch zwei lange Tage vor mir...


Den Samstag lasse ich sehr langsam angehen – es war am Vortag wohl doch etwas später als geplant und letzten Tage stecken mir noch in den Knochen. Das Wetter kann sich nicht so wirklich zwischen strahlendem Sonnenschein, finsteren Wolken und Regenschauern entscheiden, was die Kleidungsauswahl zu einem Glücksspiel macht. Nach einem leichten Frühstück komme ich gegen Mittag am Tanzbrunnen an. Die Schlange am Eingang ist überschaubar – dankenswerterweise haben viele Besucher auf große Rucksäcke oder Taschen verzichtet. Das die Security dabei freundlich, entspannt, aber dennoch recht gründlich ist, verstärkt den ersten guten Eindruck. Eisfabrik sind grade mitten in ihrem Set, doch ich will mich erst ein wenig auf dem Gelände umschauen. Sowohl was die Essens- als auch die Getränkeauswahl angeht gibt es auf den ersten Blick keinen Grund zur Klage. Auch haben viele Händler mit Kleidung, Accessoires, CDs und allerlei anderem Schickschnack ihre Zelte aufgebaut. 
Gedränge vor der Hauptbühne
Neben vielen (überteuerten) Sachen von der Stange finden sich hier immer wieder sehr schicke, originelle Stücke, meist in Handarbeit gefertigt. Glücklicherweise bin ich grade in einem dieser Ausstellerzelte als der erste, und heftigste, Schauer des Tages herunterkommt. Innerhalb von wenigen Augenblicken ist das ganze Festivalgelände wie leer gefegt und jeder sucht Schutz vor den herab prasselnden Wassermassen. Genau so schnell ist der Schauer aber auch wieder verschwunden und die strahlende Sonne sorgt in kürzester Zeit für unangenehme Schwüle.
Anstatt mich ins Gewühl vor der Bühne bei Chrom zu stürzen, suche ich mir lieber ein bequemes Plätzchen am Sandstrand, nippe an meinem Getränk und genieße einfach den Tag. Aber irgendwann muss ich schließlich doch aufstehen und mich auf die Suche nach etwas Essbarem machen. Ich glaube, die Auswahl ist seit dem letzten Jahr gewachsen - von der schnöden Bratwurst über den vegetarischen Burger bis zum veganen Wrap aus regionalen Zutaten. Meine Wahl fällt auf Falafel mit Knoblauchsoße (meine Mitmenschen sollen schließlich auch etwas davon haben), der Stand befindet sich ein paar Meter außerhalb des eigentlichen Festivalgeländes am Rheinufer. Als Nachtisch gibt es dann noch ein kleines Eis – zu überraschend akzeptablen Preise und einen Schluck Wasser aus den dankenswerterweise aufgestellten Trinkwasserbrunnen. So gestärkt mache ich mich auf den Weg zur Main Stage, schließlich bin ich ja hier um Musik zu hören.
Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich das letzte Mal Tanzwut gehört habe, aber die Mischung aus Sackpfeifen, elektronischen Elementen und Gitarren gefällt mir immer noch ganz gut. Wenn ich mir die feiernden Menschen um mich herum anschaue, bin ich damit auch nicht alleine. Auch Frontmann Teufel hat sichtlich Spaß an seinem Auftritt, erzählt kleine Anekdoten zu den verschiedenen Stücken und stolziert über die Bühne als würde sie ihm gehören. Leider endet das Set schon nach einer guten dreiviertel Stunde und die Menge zerstreut sich recht schnell. Ich nutze die folgende Umbaupause, um mir den Festival-Sampler und einige andere, erstaunlich preiswerte, CDs zu kaufen - die Shirts sind leider alle schon ausverkauft, zumindest in meiner Größe...
Rechtzeitig zu Lord of the Lost bin ich dann wieder am Tanzbrunnen. Fürs Auge wird hier sicherlich etwas geboten, allerdings werde ich mit der Musik der Band nicht wirklich warm. Einige Stücke, wie beispielsweise „Six Feet Underground“ gefallen mir richtig gut, während sich mir bei anderen Liedern die Fußnägel rollen. So schaue ich lieber noch kurz an der Theater Stage vorbei, wo grade Frozen Plasma die Besucher mit ihrem sehr gefälligen Synthie-Pop recht gut unterhalten. Leider habe ich nur Zeit für zwei oder drei Lieder, bevor ich wieder an die Hauptbühne muss.
Es darf auch mal gerockt werden

Das erste (und bisher einzige) Mal hatte ich Diary of Dreams irgendwann im letzten Jahrtausend im Mainzer KUZ gesehen und war seinerzeit schwer beeindruckt gewesen. Nachdem ich sie dann einige Jahre komplett aus den Augen verloren hatte, gehört sie hier zu meinem Pflichtprogramm. Mal elektronisch, mal rockig aber immer spannend liefert die Band einige ihrer bekanntesten Stücke ab. Bei einigen Lieder, beispielsweise „The Curse“, gibt es dann auch Verstärkung von Torben Wendt, der kurz darauf mit seiner eigenen Band Diorama auf dem Schiff auftritt. Diary of Dreams sind tatsächlich so gut, wie ich sie in Erinnerung habe und liefern eine mitreißende Show.
Nach dem Auftritt von Adrian Hates und seinen Mitmusikern bleiben viele Besucher gleich an Ort und Stelle stehen. So kann ich mich nur mit Mühe weiter zu den Absperrgittern vorarbeiten, die ich dann tatsächlich auch mit massivem Schultereinsatz erreiche. Noch während die Techniker letzte Hand an die Instrumente legen, wabert dichter Nebel durch die ersten Zuschauerreihen. Untermalt von einem gesampelten Intro betreten endlich die Fields of the Nephilim die Bühne. Das Set beginnt mit dem langsam mahlenden, 10minütigen "Last Exit for the Lost" - eine ungewöhnliche Wahl, aber ich finde es großartig und lasse jegliche Zurückhaltung fahren. Die Band um Sänger und Frontmann Carl McCoy spielt sich in der folgenden Stunde durch ihre beinahe 35jährige Bandgeschichte. Praktisch jedes Stück, gleich aus welcher Schaffensperiode, wird gefeiert - dabei darf "Psychonaut" ebenso wenig fehlen wie "Mourning Sun" vom gleichnamigen 2005er Album.
Mein ganz persönliches Highlight

Nach diesem großartigen, aber leider viel zu kurzen, Set stellt sich mir die Frage, wo ich den Abend ausklingen lasse. VNV Nation auf der Main Stage sind zweifellos ein großartiger Live-Act, aber ich habe sie in den letzten Jahren schon sehr, sehr oft gesehen. Auf der Theater Stage sorgen Die Krupps für gepflegte Unterhaltung, allerdings empfinde ich die Atmosphäre in dem vollen Saal immer als etwas klaustrophobisch. Die dritte Option wäre noch der Abstecher auf die Orbit Stage auf der anderen Rheinseite. Nach kurzer Überlegung entscheide ich mich dann tatsächlich für den Clan of Xymox und drücke mich mit anderen wechselwilligen Festivalbesuchern in den Shuttle-Bus.
Die Haltestelle befindet sich auf dem Heumarkt, der zu dieser Uhrzeit noch stark von Einheimischen und Touristen frequentiert wird. Und auch hier gibt es wieder den einen oder anderen verstohlenen Blick auf die Gruppe der merkwürdigen Gestalten, die sich in Richtung Bootsanleger bewegen. Nach einer weiteren stressfreien Taschenkontrolle taste ich mich ganz vorsichtig die steile Gangway zur MS RheinEnergie hinab - dabei ist der Untergrund trocken, ich bin nüchtern und trage vernünftiges Schuhwerk. Andere Besucher haben mit diesem Abgang deutlich mehr Probleme…

Noch ist im Schiff relativ wenig los und die Umbaumaßnahmen nach dem Auftritt von Diorama sind noch in vollem Gange. Auf dem Mitteldeck besorge ich mir noch schnell ein Getränk bevor das eigentliche Gedränge startet. Gut versorgt werfe ich noch einen schnellen Blick auf das erstaunlich umfangreiche Merchandise-Sortiment der Band – allerdings ist jetzt nicht wirklich etwas Herausragendes dabei. Als ich mich dann losreißen kann und unten im Innenraum ankomme, habe ich bereits Probleme ein Plätzchen zu finden. Mit ein wenig Geschiebe und Gerücke arbeite ich mich an das Mischpult heran und habe von dort einen recht guten Blick auf das Geschehen. Während im Hintergrund stimmige Video-Projektionen laufen betreten Clan of Xymox die Bühne. Der Sound kommt glasklar aus den Boxen, nur leider hört man von Sänger Ronny Moorings praktisch gar nichts. Wildes Gestikulieren auf der Bühne und hektisches Drehen am Mischpult bringt leider keinerlei Besserung. Erst nachdem ein Techniker die Kabel auf der Bühne neu angeschlossen hat, ist der sympathische Niederländer vernünftig zu hören. Den Rest des Sets verbringe ich praktisch komplett mit geschlossenen Augen und lasse die ruhige, entspannte Musik auf mich wirken. Kurz vor 22 Uhr geht die Band nach nur einer Zugabe von der Bühne und es wird alles für die anschließende Party vorbereitet.



Bei mir stellen sich dagegen leichte Ausfallerscheinungen ein und ich entscheide mich für den Heimweg. Das Wetter hat sich mittlerweile beruhigt und es ist sommerlich warm, entsprechend tummeln sich noch viele Menschen auf der Uferpromenade. Daher verzichte ich auf den Bus und schlendere entspannt am Rhein entlang in Richtung der Hohenzollernbrücke. Vor mir flaniert eine Dame in weit ausladendem Kleid und mit beleuchtetem Horn auf der Stirn, und ich komme aus dem Schmunzeln nicht heraus als ich die Blicke der Passanten sehe.
Eine kleine Stärkung für den restlichen Weg wäre nicht schlecht, doch vor mir kamen anscheinend auch noch einige andere Leute auf diese Idee und die endlos lange Schlange bei der Burgerbraterei im Deutzer Bahnhofsgebäude schreckt mich ab. Glücklicherweise verfügt die Tankstelle direkt vor meinem Hotel aber über ein breit gefächertes Angebot an Leckereien - in flüssiger wie auch fester Form. Die Mitfahrer im Fahrstuhl hatten offensichtlich eine ähnliche Idee wie ich und haben sich reichlich mit Spirituosen (zu exorbitanten Preisen) eingedeckt. Nach einer kurzen, aber tiefgründigen, Unterhaltung über die Vor- und Nachteile fertig gemixter Cocktails trennen sich unsere Wege wieder und ich schleppe mich mit schweren Füßen und müdem Kopf durch den langen Gang meinem Bett entgegen.
Endlich angekommen genehmige ich mir noch einen kleinen Absacker, verstaue meine Neuerwerbungen und lasse den Tag Revue passieren. Auch ein Blick auf das Programm des zweiten Festivaltages muss noch sein, allerdings bin ich mir immer noch nicht sicher zu welchen Bands ich gehen soll.


Am Sonntag ist der Himmel über Köln bewölkt und offensichtlich hat es in den frühen Morgenstunden geregnet. Da ich nicht übermäßig fit bin lasse ich mir relativ viel Zeit bis ich mich auf den Weg auf das Festivalgelände mache. Da das Frühstücksbuffet im Hotel dieses Jahr mein Budget sprengen würde, nehme ich einen kleinen Umweg in Kauf und mache noch einen kurzen Abstecher zur bereits erwähnten Burgerkette. Um diese Uhrzeit herrscht hier deutlich weniger Betrieb und ich gönne mir ein ausgedehntes (und leicht dekadentes) Frühstück.


Stahlmann haben grade ihren Auftritt beendet als ich den Tanzbrunnen erreiche. Allem Anschein nach ist es heute deutlich voller und es herrscht dichtes Gedränge vor den Ständen und der Hauptbühne. Zum Aufwärmen drehe ich noch eine kurze Runde über das Gelände, komme aber rechtzeitig für den nächsten Auftritt wieder bei der Bühne an. Eigentlich bin ich kein sonderlich großer Fan von Das Ich, aber live ist die Band zweifellos etwas Besonderes. Die Show verzichtet zwar weitgehend auf spektakuläre Effekte und aufwändige Bühnenaufbauten, aber dennoch gelingt es den drei Bandmitgliedern das Publikum mitzureißen. Sänger Stefan Ackermann verlässt sogar während dem Klassiker „Gottes Tod“ die sichere Bühne, überwindet Graben und Absperrung nur um sich im Publikum feiern zu lassen. Die Musik sagt mir zwar immer noch nicht wirklich zu, aber der Auftritt war durchaus beeindruckend. Leider muss ich das Konzert kurz vor Ende verlassen, da schon die nächste Band wartet...
Es geht nicht nur musikalisch ganz schön finster zu

Nachdem ich schon mehrere Konzerte der Horror-Punks von The Other verpasst habe, will ich sie mir zumindest auf dem Amphi nicht entgehen lassen. Bisher habe ich die Theater Stage weitgehend gemieden, doch jetzt dränge ich mich mit den anderen Besuchern in den finsteren Saal. Nach dem hellen Außenbereich brauchen meine Augen eine Zeit lang um sich an die praktisch nicht vorhandene Innenbeleuchtung zu gewöhnen. Auf dem Weg in Richtung Bühne passiert es mir mehr als ein Mal, dass ich versehentlich Menschen anrempele – einfach weil ich sie nicht sehe. Als die fünf Musiker dann mit ihrem Set loslegen wird es auch nicht wirklich heller und ich habe Mühe die Bühnendeko zu erkennen. Sänger Rod Usher fühlt sich anscheinend wohl und führt gut gelaunt durch das nachmittägliche Programm, das sich in erster Linie um Mord, Totschlag und unappetitliche Ernährungsgewohnheiten dreht.
Als ich aus dem dunklen Raum in den gleißenden Sonnenschein trete, beginnen grade Hocico mit ihrer brachialen Industrial-Show auf der Hauptbühne. Das Programm ist mir für diese frühe Stunde dann doch ein klein wenig zu heftig, außerdem hatte ich erst vor wenigen Wochen die Gelegenheit ein komplettes Konzert der beiden zu sehen. Dann widme ich mich doch lieber den Auslagen der verschiedenen Händler, gab es da doch noch einige interessante Dinge zu sehen. Ich habe schon das Hauptzelt in Sichtweite, als auch schon ein weiterer Schauer herunter kommt, der in Intensität dem vom Vortag in nichts nachsteht. Im Zelt herrscht dementsprechend dichtes Gedränge und nur mühsam komme ich zwischen den Ständen voran. 
Mjam Mjam Mjam

Am Vortag war mir hier eine sehr schicke, modifizierte Getränkedose - natürlich mit Tentakel - aufgefallen. Leider war das gute Stück schon weg, als ich mich endlich zum Kauf entschieden hatte. Aber die nette Dame am Stand erklärt sich ohne Umschweife bereit (an dieser Stelle ein dickes Danke an Tanja von abARTig), mir im Laufe der nächsten Tage eine neue Dose zu basteln.
Der Schauer hält ungewöhnlich lange an und als ich das Zelt wieder verlasse, haben die beiden Mexikaner ihr Set bereits beendet. Mir steht der Sinn mittlerweile nach einer kleinen Stärkung, aber Haxe, Pulled Pork, Lachs oder Currywurst sind mir dann doch etwas zu mächtig. Stattdessen gibt es, ganz spießig, Kaffee, Crêpe und eine Waffel. Die Wartezeiten in der Schlange ziehen sich zwar endlos in die Länge, aber immerhin ergeben sich dabei Gelegenheit zu netten Gesprächen mit den umstehenden Festivalbesuchern. Schließlich ergattere ich mit meiner Beute sogar einen Sitzplatz, von dem aus ich zumindest einen Teil der Bühne sehen kann, wo grade Combichrist loslegen. Eigentlich möchte ich gar nicht mehr aufstehen – die Sonne scheint, ich bin gesättigt, sitze grade sehr gemütlich und unterhalte mich mit meinen Sitznachbarn. Aber es hilft alles nichts, ich muss weiter!

Es geht wieder zurück in das finstere, volle Theater, in dem es die Klimaanlage kaum schafft für ein wenig frische Luft zu sorgen. Nur wenige Strahler und zwei Fackeln erleuchten spärlich die Bühne, während der Innenraum in tiefste Finsternis getaucht bleibt. Ordo Rosarius Equilibrio zelebrieren ihren Auftritt und obwohl ich die Band schon ewig nicht mehr gehört habe, hat sie nichts von ihrer Faszination verloren. Ich schließe einfach nur die Augen und lasse mich mit Stücken wie „A World not so beautiful“ oder „Three is an Orgy“ treiben. Mir kommt es zwar deutlich kürzer vor, doch nach gut 45 Minuten verabschieden sich Tomas Pettersson und seine Mitmusiker und die Lichter werden ein klein wenig hochgedimmt. Ich schließe mich einem Pulk an, der in Richtung Ausgang drängt, die nächste Band steht bereits in den Startlöchern.
Stephan Groth hat die Menge im Griff
Glücklicherweise ist der Weg zur Main Stage nicht sonderlich weg, wo schon dichtes Gedränge vor dem Auftritt von Apoptygma Berzerk herrscht. Die Norweger um Stephan Groth liefern quasi eine Best-of-Show der letzten 20 Jahre ab. Das Publikum feiert jedes der Stücke und lässt sich dabei auch vom einsetzenden Nieselregen nicht sonderlich beeindrucken. Der Band gelingt es mit „Deep Red“, „In This Together“ und auch dem Cover von „Major Tom“ die Menge in Bewegung zu bringen und es gibt, soweit ich das sehen kann, niemanden der am Tanzbrunnen noch still steht. Leider kann ich nicht auf die Zugabe warten, denn für das letzte Konzert muss ich wieder auf die Orbit Stage.

Wieder geht es mit dem Shuttle auf die andere Seite des Flusses, wo Kirlian Camera das Festival für mich beschließen werden. Eine Kleinigkeit zu Essen wäre auch nicht schlecht, allerdings sind die meisten Speisen bereits ausverkauft und das Schnitzelbrötchen, auf das schließlich meine Wahl gezwungenermaßen fällt, ist eher trocken und geschmacksneutral, aber immerhin warm. Zumindest habe ich vom Sonnendeck einen großartigen Ausblick auf Köln, den Rhein und die vielen Menschen die an beiden Ufern entlang schlendern und den Tag genießen. Als immer mehr Festivalgänger auf den kleinen Anleger drängen, beeile ich mich wieder in den Innenraum des Schiffes zu kommen. Erstaunlicherweise hat sich dieser innerhalb weniger Minuten gefüllt – aber ich kann mir praktisch den gleichen Platz wie am Vortag sichern. Kurz darauf betreten die Musiker, stilsicher wie immer, in Sturmhaube, Anzug und mit Taschenlampe die Bühne. Lediglich Sängerin Elena Fossi hält sich noch vornehm im Hintergrund und kommt erst mit kurzer Verzögerung ans Mikrofon. Ich habe die Band in den letzten Jahren öfters live gesehen, trotzdem werden sie einfach nicht langweilig und Stücke wie „Full Eclipse“ kann ich mir wieder und wieder anhören.
Doch auch dieses Konzert endet leider viel zu früh und nach einem kurzen Abstecher zum Merchandise-Stand stellt sich für mich die Frage, ob ich nun zurück zur Theater Stage zur After-Show-Party oder doch lieber zurück ins Hotel gehe.

Letzten Endes entscheide ich mich dann doch dafür, den Abend auf meinem Zimmer ausklingen zu lassen. Wirklich fit bin ich nicht mehr und die kommende Woche verspricht stressig zu werden. Aber bevor ich ins Hotel zurückkehre gibt es noch ein Eis an der Tankstelle – das habe ich mir verdient!
In weiser Voraussicht hatte ich mich vor der Reise nach Köln mit fertig gemixten Cocktails aus der Dose eingedeckt. Zum Ausklang des Amphi werden einige davon, ganz stilvoll im Zahnputzbecher, verkostet. Die Geschmackserlebnisse reichen hier von absolut ekelhaft (Swimming Pool) über merkwürdig, aber nicht schlecht (Mojito) bis hin zu sehr lecker und fruchtig (Zombie). Als ich dann endlich das Licht ausmache ist es schon erschreckend spät und ich muss aufpassen, dass ich den Termin zum Aus checken nicht verpasse.


Immer diese Entscheidungen...
Ich mag das Amphi einfach! Die Bandauswahl ist immer recht gut durchgemischt und deckt eigentlich alle Aspekte der „schwarzen“ Musikszene ab; auch wenn es in diesem Jahr recht elektronisch zu ging. Das Festivalgelände hat eine angenehme Größe, weitläufig genug mit ruhigen Rückzugsorten, aber immer noch überschaubar um schnell die Örtlichkeit wechseln zu können. Dazu kommt die entspannte, familiäre Atmosphäre, das schicke Ambiente am Rheinufer mit Aussicht auf den Kölner Dom, die verschiedenen Shopping-Möglichkeiten auf dem Festivalgelände und die direkte Nähe zur Innenstadt. Kritikpunkte des letzten Jahres haben die Veranstalter behoben, beispielsweise einen Zugang zur Theater Stage direkt vom Festivalgelände aus eingerichtet; auch die Schließfächer waren eine recht gute Entscheidung. Das die MS RheinEnergie mit der Orbit Stage, bedingt durch den niedrigen Wasserstand, auf der anderen Rheinseite vor Anker gehen musste, war zwar ärgerlich, aber durch den Shuttle-Verkehr fiel dieser Umstand erstaunlich wenig ins Gewicht. Auch hier haben die Organisatoren sehr gute Arbeit geleistet und für einen reibungslosen Ablauf gesorgt. Das die Konzerte mittlerweile recht früh beginnen und enden liegt an den Vorgaben der Kölner Stadtverwaltung, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Besonders für die ersten Bands ist es extrem undankbar schon mittags (und meist bei strahlendem Sonnenschein) zu spielen. Generell fühlt es sich für mich immer ein klein wenig seltsam an, „dunkle“ Bands bei Tageslicht zu sehen; dafür war die Beleuchtung auf der Orbit Stage angenehm gedämpft und bei der Theater Stage praktisch nicht vorhanden.
Natürlich hatte ich auch in diesem Jahr wieder Überschneidungen und ich hätte zeitweise an drei Orten gleichzeitig sein müssen. Da die Klontechnologie leider noch nicht so weit fortgeschritten ist, musste ich Prioritäten setzen. Dies fiel mir meist nicht so schwer, eigentlich bedauere ich nur Rummelsnuff und Esben & the Witch verpasst zu haben. Sogar das Wetter war, von dem einen oder anderen wirklich heftigen Schauer abgesehen, deutlich angenehmer als in den Jahren davor.

Sonntag, 14. Mai 2017

Welle:Erdball; Schlachthof; Wiesbaden

[Konzert] Welle: Erdball
Support: The Sexorcist
Samstag, 6. Mai 2017
Schlachthof, Wiesbaden
Wenn Welle: Erdball die bundesdeutschen Clubs und Hallen mit einer neuen Sendung bespielen, machen sie regelmäßig Station im Rhein-Main-Gebiet. So weit ich mich zurück erinnern kann waren sie dabei immer in der Opelstadt Rüsselsheim (von einem kurzen Abstecher nach Bingen abgesehen) zu Gast. Auf ihrer aktuellen Vespa 50N Special Tour bricht die Band mit dieser langjährigen Tradition und tritt in der großen Halle des Wiesbadener Schlachthofs auf, um ihre neue EP Gaudeamus Igitur dem geneigten Hörer vorzustellen.


Im Gegensatz zu vielen anderen Musikern legt die Band Wert auf Pünktlichkeit und so betritt exakt um 20 Uhr das Duo The Sexorcist die Bühne um das Publikum auf den Hauptact einzustimmen. So richtig will dieses Unterfangen mit Stücken wie „Brandenburg“, „Tokio“ oder „Vegan“ jedoch nicht gelingen. Die harten Beats zusammen mit den expliziten, provokanten (und nicht ganz Ernst gemeinten) Texten kommen nicht übermäßig gut an – immerhin haben eine Handvoll Besucher vor der Bühne sichtlich Spaß. Der Rest des Publikums hat sich über die gesamte Halle verteilt, redet, trinkt, oder hat sich gleich ganz vor die Tür der Halle verzogen. Das gut 45minütige Set endet schließlich mit einer sehr eigenwilligen Interpretation des NDW-Klassikers „Skandal im Sperrbezirk“ - für mich das beste Stück der Vorband.

Kaum ist der letzte Ton verklungen räumen Chris L. und Gunnar Kreuz die Bühne, während die hauseigenen Techniker hektisch letzte Hand an die Verkabelung und die Bühnendekoration legen, damit es ohne größere Verzögerung weiter gehen kann.


Tatsächlich ist die Umbaupause in Rekordzeit abgeschlossen und Welle: Erdball machen sich für ihren großen Auftritt bereit. An den Bühnenrändern knattern schon fröhlich (nach anfänglichen Startproblemen) die beiden Vespas mit denen die vier Bandmitglieder, ganz im Sinne des Tourmottos, auf die Bühne fahren. Derweil läuft „Gaudeamus Igitur“, der Titeltrack der neuen EP aus den Boxen. Nachdem die Musiker ihre Positionen eingenommen haben und das Konzert traditionell mit „Funkbereit!“ einleiten, sehe ich im Publikum viele fragende Gesichter. Auch ich bin etwas verwirrt, stehen dort oben mit Honey und Lady Lila nur 50 Prozent der bekannten Besetzung. Doch statt einer Erklärung folgen „Vespa 50N Special“ und „Nur mit mir allein“ vom neuen Tonträger, bei denen sich Honey und Lady Lila am Mikrofon abwechseln. Bei „Nerdfaktor 42“ hat dann endlich der Commodore C64, das eigentliche Aushängeschild der Band, seinen Einsatz. Zum ersten Mal an diesem Abend kommt tatsächlich Bewegung ins Publikum – es ist auch schwer sich dem minimalen, aber eingängigen Rhythmus zu entziehen. Das folgende „Stirb mir nicht weg“ entstand im letzten Jahr Jahr im Rahmen eines Workshops auf dem Amphi-Festival und gedenkt im Intro der prominenten Toten des Jahres 2016. Erst danach liefert Honey eine Erklärung für das Fehlen der beiden Bandmitglieder und stellt gleichzeitig den Ersatz auf der Bühne vor. Sowohl A.L.F. als auch Fräulein Venus stehen für die laufende Tour aus familiären Gründen leider nicht zur Verfügung, stattdessen übernimmt Andy Berberich, normalerweise der Mann im Hintergrund, die Tastenarbeit, während Emma Peel für Mikrofon und Moderation zuständig ist.
Schon ein paar Jahre ist das folgende „Der Türspion“ alt, das vom Publikum trotzdem nach Kräften gefeiert wird und vor allem mit einer gelungenen optischen Präsentation unterhalten kann. „Die letzte Chance zu leben“ liefert eine sehr spezielle Mischung aus Alleinunterhalter-Keyboards, einem Bubble-Gum-Refrain und einem beinahe schlagerhaften Vortrag von Honey. Eine sehr gewöhnungsbedürftige Nummer, die sich aber unbestreitbar im Gehörgang festsetzt und den ganzen Saal zum Tanzen bringt. Ähnlich eingängig aber deutlich ruhiger, und für mich eines der Highlights von Gaudeamus Igitur, ist das von Lady Lila vorgetragene „L'inconnue de la Seine“. Es folgt das stampfende „20.000 Meilen unter dem Meer“, bei dem vor allem der Refrain hängen bleibt. Schließlich endet der erste Teil des Sets nach einer guten Dreiviertelstunde mit „FanFanFanatisch“, der wohl bisher tanzbarsten, druckvollsten Nummer des Abends. In der, leider nur halb vollen, Halle gibt es zu diesem Zeitpunkt eigentlichen niemanden mehr der still steht.

Die sich daran anschließende Pause dürfte die kürzeste sein, die ich jemals auf einem Konzert erlebt habe. Während die beiden Moderatorinnen von der Bühne gehen, stöpseln Andy und Honey einige (zu kurze) Kabel um und verschieben Instrumente. Schon nach handgestoppten zwei Minuten geht es wieder mit der Sendung weiter.

Ganz in weiß und mit aufblasbaren Flügeln betritt Lady Lila die Bühne um den zweiten Teil mit „1000 Engel“ zu eröffnen. Hier ist es vor allem die Optik die überzeugen kann; dem Stück selbst fehlt, wie ich finde, das gewisse Etwas. Nach diesem etwas ruhigeren Intermezzo ziehen Welle: Erdball das Tempo mit „Wir wollen keine Menschen sein“ wieder deutlich an. Treibende Beats, eine einfach gestrickte Melodie und den eingängigen Text – mehr braucht es nicht um gut 600 Leute zum Tanzen zu bringen. Die Hymne der Verschwörungstheoretiker, „23“, darf natürlich nicht fehlen, ebenso wie „Die Liebe der 3. Art“. Hier bekommt der treue C64 eine kurze Verschnaufpause während die komplette Musik zu dem Stück von einem Nintendo DS geliefert wird. Über 20 Jahre alt ist mittlerweile „Wo kommen all die Geister her“ - und für mich immer noch eines der besten Stücke der Band. Das Theremin, mit seinem extrem charakteristischen Klang, hat an diesem Abend einen Wackelkontakt und gibt stellenweise merkwürdige Geräusche von sich und auch der Text wurde in einigen Passagen den aktuellen technischen Gegebenheiten angepasst. Mittlerweile wird jedes Stück gefeiert und das komplette Publikum bewegt sich im Takt der Musik.
 

Ein Standard auf Konzerten der Band ist schon seit vielen Jahren „Schweben, fliegen, fallen“, bei dem die beiden Moderatorinnen riesige Bälle ins Publikum werfen, die sich zu begehrten Trophäen entwickelt haben. Die Stimmung ist zu diesem Zeitpunkt großartig, die Besucher singen lautstark mit und auch die Band hat sichtlich Spaß an dem Auftritt. Eine kurze Verschnaufpause gibt es mit dem Frühwerk „Ich bin nicht von dieser Welt“ und „Alles Lüge“ vom 2006er Album Chaos Total. Als ein Ölfass auf die Bühne gerollt wird jubelt der Saal, denn die erfahrenen Konzertgänger wissen, dass nun „Arbeit adelt“ folgt. Extrem eingängig und tanzbar ist dieses Stück ebenfalls schon seit Jahren völlig zu Recht ein Publikumsliebling. Während sich Honey ein wenig zurückzieht übernehmen Emma Peel und Lady Lila das Mikrofon und sorgen mit dem „8-Bit-Märchenland“ für eine dringend benötigte Ruhepause. Zwischen „VW Käfer“ und „Feuerwerk“ darf der Hinweis auf die obligatorischen Unterschriftenlisten und Spendenaktionen am Merchandise-Stand nicht fehlen. Schon seit Jahren unterstützt die Band den Deutschen Tierschutzbund e.V. und die SOS-Kinderdörfer, so auch bei diesem Auftritt in Wiesbaden.


Nach knapp zwei Stunden kündigt Honey das baldige Ende des Konzertes an, allerdings wäre so ein kurzer Auftritt ungewöhnlich für die Band. Als dann der Sound von Triebwerke aus den Boxen dröhnt ist es Zeit für „Starfighter F-104g“, ein weiterer Fixpunkt bei den Auftritten. Während Papierflieger von der Bühne ins Publikum fliegen, werden in der Halle die letzten Reserven mobilisiert und ausgelassen getanzt. Anscheinend hat die Band immer noch Lust zu spielen und diesem vermeindlich letzten Stück folgt das von mir sehr geschätzte, zuckersüße „Poupée de Cire“ bei dem wieder Lady Lila das Mikrofon übernimmt. „Graf Krolok“, „Deutsche Liebe“ und das lautstark geforderte „Monoton & Minimal“ müssen ebenfalls gespielt werden, obwohl Honey jedes Lied als das wirklich allerletzte ankündigt. Schließlich geht die Sendung dann doch zu Ende und Welle: Erdball verabschieden sich mit „Es geht voran“ dann tatsächlich nach "nur" 2 1/2 Stunden in den Backstage-Bereich.



Meist folgen die Konzerte von Welle: Erdball einem bestimmten Schema und auch dieser Auftritt im Schlachthof in Wiesbaden sollte dabei keine Ausnahme bilden. Der erste Teil des Sets konzentrierte sich weitgehend auf das Material der neuen Sendung, während der zweite, deutlich längere Teil einen Querschnitt durch das beinahe 25jährige Schaffen der Band bietet. Auch die Kostümwechsel der beiden Moderatorinnen, die zahlreichen Accessoires, Filmprojektionen und die nüchternen, lakonischen Moderationen von Honey gehören eigentlich schon lange zum Standardprogramm. Und obwohl ich im Laufe der Jahre schon bestimmt bei sieben oder acht Konzerten war, wird es dennoch nicht langweilig. Die Stimmung im Publikum war schlicht großartig, die Band hatte Spaß und die Setlist aus neuem Material und liebgewonnenen Klassikern schaffte es (fast) immer die Lieblingslieder der Zuhörer punktgenau zu treffen. Wirklich perfekt wäre der Auftritt noch mit „Die Moorsoldaten“ gewesen, aber ich will mich nicht beschweren – wo bekommt man noch so viel gute Unterhaltung für sein Eintrittsgeld geboten. Im Laufe der Jahre ist es Welle: Erdball gelungen die Mischung zwischen Musik, optischer Präsentation und Show zu perfektionieren. Natürlich muss man diese Art der minimal-elektronischen Musik mögen – dann bekommt man aber auch ein fantastisches Konzerterlebnis geboten.
Auch der dazugehörige technische Rahmen passte an diesem Abend. Die Leute hinter den Mischpulten hatten Sound und Licht hervorragend im Griff; einzig die Vocals der Moderatorinnen hätten stellenweise etwas lauter sein können. Ansonsten gab es, wie eigentlich in letzter Zeit immer im Schlachthof, rein gar nichts von dieser Seite auszusetzen.



Montag, 1. Mai 2017

Courtesans; The Water Rats; London

[Konzert] Courtesans
Samstag, 22. April 2017
The Water Rats,London

Ich steckte schon mitten in den Reisevorbereitungen für meinen diesjährigen London-Urlaub und den Besuch der SALUTE, als ich Mitte März eine ominöse Mail in meinem Posteingang fand. In dieser wurde ein „secret gig“ von The Raging Whoremoans angekündigt, einer Band von der ich bisher noch nie gehört hatte. Es dauerte einige Augenblicke bis ich realisierte, dass es sich dabei um die Courtesans, eine vierköpfige Band aus London handelt, deren beide Alben ich in der Vergangenheit rezensiert hatte. Im Hinterzimmer von The Water Rats, einem kleinen Pub in Kings Cross, sollte die Veröffentlichung der neuen EP Better Safe Than Sober mit einer Handvoll Gäste gefeiert werden. Da dies wunderbar mit meinen Urlaubsplänen zusammenpasste und die vier Damen wohl leider nicht in absehbarer Zeit zu einer Tour aufs Festland kommen, sagte ich natürlich gerne zu.


Nachdem ich schon seit 6 Uhr morgens auf den Beinen bin und den Großteil des Tages auf einer anstrengenden Messe verbracht habe, bleibt mir nur wenig Zeit mich im Hotel auszuruhen und durchzuschnaufen. Da ich mir nicht sicher bin wie lange der Weg quer durch die Stadt dauert, setze ich mich gegen 21.30 Uhr in die Bahn in Richtung Kings Cross. Die Fahrt geht erstaunlich schnell und ich habe vor Ort noch ein bisschen Zeit mich umzusehen. Natürlich bin ich zu früh am The Water Rats und der Türsteher schickt mich quer durch den gut gefüllten Pub in den Hinterraum. Bisher haben sich noch nicht übermäßig viele Besucher hierher verirrt und ich kann mir einen Platz an einem der Tische sichern. An der Bar muss ich dann zu meinem Entsetzen feststellen, dass hier Wodka mit Bitter Lemon praktisch unbekannt ist und der Barkeeper stattdessen Zitronenlimonade zum Mischen nimmt – eine traumatische Erfahrung.

Ich habe es mir grade gemütlich gemacht, da werde ich vom Tontechniker auch schon wieder aus dem Raum gescheucht; es müssten noch einige Vorbereitungen abgeschlossen werden. Die Wartezeit im Pub überbrücke ich mit einem weiteren Getränk, während aus den Boxen 1980er-Wave läuft – kurioserweise auch das unsägliche „99 Luftballons“. Kurz nach 23 Uhr ist dann anscheinend doch alles bereit und die Tür in den Hinterraum öffnet sich wieder. Die Stühle sind zwischenzeitlich alle besetzt und so suche ich mir eine gemütliche Ecke auf der anderen Seite des Raumes, unmittelbar an der Bühne. Die Stimmung ist erstaunlich locker und familiär; viele der Besucher sind deutlich jünger als ich und kommen anscheinend aus dem direkten Umfeld der Band.



Das Intro bestreitet die Singer-Songwriterin Cherie, die sich selbst auf der Gitarre begleitet. Vier Stücke, allesamt langsam, melancholisch und mit zerbrechlich wirkender Stimme vorgetragen, laden dazu ein, die Augen zu schließen und einfach zuzuhören. Wobei das für mich grade nicht ohne Risiko ist, bin ich doch nicht mehr wirklich fit. Bevor ich jedoch laut schnarchend unter die Bühne rutsche, besorge ich mir lieber noch etwas zu trinken – was mich dann wieder ein wenig aufweckt.
Nach einer kleinen Pause startet das Intro vom Band, doch schon nach wenigen Sekunden streikt die Technik und Sängerin Sinéad muss die Panne überbrücken. Nachdem die Probleme behoben sind, legen Bassistin Agnes, Gitarristin Saffire und Schlagzeugerin Vikki mit „Scream“, dem Opener des ersten Albums
1917, los – während die Sängerin vor der Bühne entspannt an ihrem Bier nippt. Während der Song langsam Fahrt aufnimmt ist die Band mittlerweile vollständig und liefert eine schöne Einleitung ab, auch wenn der Gesang doch sehr leise ist. Beim folgenden „Liberate“ kommen die Vocals deutlich kräftiger aus den Lautsprechern, und auch die Zuschauer trauen sich ein wenig weiter an die Bühne heran – allerdings erst nach expliziter Aufforderung. Danach kommt auch tatsächlich Bewegung in die gut 50 geladenen Besucher und die meisten wippen zumindest im Takt mit.
Während mir „Mesmerise“ in der Album-Version nicht ganz so gut gefällt ist die Live-Version eine ganz andere Angelegenheit. Hier schaffen es die vier Damen den Druck aufzubauen, den ich bei dem Stück vermisst habe. Ob dies nun an der Bühnenpräsenz der Band liegt, an der heimeligen Pub-Atmosphäre, an meiner eigenen Stimmung oder an einer Mischung dieser Komponenten kann ich nicht eindeutig festmachen – auf jeden Fall eins meiner Lieblingsstücke an diesem Abend. Für einen Gänsehautmoment sorgt anschließend „Lullaby“ das, praktisch nur von Bass und Schlagzeug getragen, mit mehrstimmigem Gesang aufwarten kann. Der ganze Raum lauscht andächtig und wiegt dezent im Takt mit, wahrscheinlich das atmosphärisch dichteste und intimste Stück an diesem Abend. Etwas schwungvoller geht es bei „Fubar“ zur Sache, das ich bisher noch nicht kannte. Ruhige und rockige Passage wechseln sich hier ab und es kommt wieder etwas mehr Bewegung in die Zuschauer. Zusammengehalten wird das Stück durch das Schlagzeug von Vikki Frances, die stoisch ihren leicht scheppernden Beat schlägt, während ihre Mitmusikerinnen ihre Parts drumherum drapieren. Es folgt mein ganz persönliches Highlight, „Genius“ vom Debüt, das vor allem durch den mehrstimmigen Gesang lebt. Wieder ist es das Schlagzeug, das hier dominiert, werden Gitarre und Bass nur sehr reduziert zum Einsatz kommen – von der Schlussphase des Stückes einmal abgesehen. „Knowhere“, „John Doe“ und „Feel the Same“ stammen von der neuen EP und sorgen dafür, dass das Publikum nach den vorangegangenen, etwas ruhigeren Stücken wieder etwas mehr Einsatz zeigt.
Auch das folgende „Monkey Logic“ habe ich bisher noch nicht gehört, allerdings gefällt mir das Stück recht gut. Wütend gerappte Vocals werden von gesampelten Sprachschnipseln und einem zuckersüßen Chorus unterbrochen, wechseln in normalen Gesang nur um dann wieder im Sprechgesang zu enden. Die Musik orientiert sich am Cross-Over der 1990er Jahre und kommt trotz einer gewissen Härte und Aggressivität doch sehr melodisch aus den Boxen. Die Band beschließt den Abend mit „A Little Bit Of Luck“, eigentlich eine Dance-Nummer aus dem Jahr 2000. Das Schlagzeug gibt den Rhythmus vor, während Bass und Gitarre sich zu Beginn auffällig zurück halten und erst später ihren richtigen Einsatz haben. Die Vocals pendeln zwischen verschiedenen Tonlagen und Geschwindigkeiten, ein schöner Kontrast, der gut zur Instrumentierung passt. Das Stück gefällt mir deutlich besser als das Original und liefert einen gelungenen, aber leider viel zu frühen, Abschluss für dieses Konzert.


Nach dem letzten Stück leert sich der Raum erstaunlich schnell und ich beeile mich die Damen am Merchandise-Stand zu treffen. Während ich darauf warte das jemand einen Stift zum Signieren organisiert, habe ich die Gelegenheit mich ein wenig mit Agnes und Sinéad zu unterhalten und mir das restliche Merch-Angebot anzuschauen. Schließlich habe ich die Unterschriften der vier Musikerinnen auf den CDs die ich für eine Freundin mitbringen soll und überlege ob ich noch zur After-Show-Party mit DJ Oestrogen bleibe. Bald sehe ich jedoch ein, dass ich mich langsam auf den Weg machen muss, will ich im Hotel ankommen.
Glücklicherweise fahren die Londoner U-Bahnen mittlerweile auch nachts, so dass ich mich nicht mit Nachtbus oder Taxi quer durch die Stadt quälen muss. Nach gut einer halben Stunde erreiche ich schließlich, mittlerweile ziemlich fertig, mein Hotel. Ich schaffe es grade noch mich ins Bett zu schleppen, wo ich dann auch einen Großteil des folgenden Sonntages verbringe.


Die Courtesans liefern an diesem Abend ein tolles und sehr familiäres, wenn auch leider viel zu kurzes, Konzert ab. Die Bandmitglieder sind entspannt, machen Späße mit dem Publikum, beklagen sich über den Biermangel und liefern einen guten, energiegeladenen Auftritt ab. Abgesehen von den kleinen Problemen zu Beginn des Konzertes macht der Tontechniker seinen Job sehr ordentlich und findet eine ausgewogene Balance zwischen Instrumenten und Stimmen. Der Sound ist deutlich rauer und dreckiger als auf CD, was den Stücken aber sehr gut zu Gesicht steht. Zwei, drei Stücke habe ich auf der Setlist vermisst; entschädigt wurde ich dafür aber unter anderem mit einer ziemlich guten Cover-Version von „A Little Bit Of Luck“ und dem wirklich überzeugenden „Mesmerise“.

Wer sich selbst einen Eindruck von der Musik der vier jungen Damen machen möchte, findet auf der Homepage der Band mehrere Lieder und Videos.