Montag, 10. Februar 2014

Spielwarenmesse Nürnberg 2014

[Messe] Spielwarenmesse 2014
Donnerstag, 30. Januar 2014
Nürnberg


Da ich leider im letzten Jahr keine Gelegenheit hatte die Spielwarenmesse zu besuchen und auch mein Besuch auf der SPIEL in Essen nur recht kurz ausgefallen war, war ich froh darüber, dass ich spontan die Gelegenheit hatte, zumindest für einen Tag nach Nürnberg zu fahren und mir dort die Neuheiten der zahlreichen Spielwarenhersteller und Verlage anzuschauen zu können. Wie schon bei meinem Besuch vor zwei Jahren wollte ich auch diesmal mit der Bahn fahren, da eine Übernachtung in Nürnberg zur Messezeit unbezahlbar und auch eine Fahrt von über drei Stunden mit dem Auto nach einem langen Messetag nicht unbedingt erstrebenswert ist. Sowohl Reisezeit als auch die Kosten sind bei der Fahrt mit dem ICE noch akzeptabel, von daher war schnell das Ticket gebucht und auch die restlichen Reisevorkehrungen getroffen. Schließlich blieben mir noch knapp zwei Wochen Zeit um mich auf die Messe vorzubereiten, einige Anlaufstellen zu planen und vielleicht auch noch Gesprächstermine auszumachen. Und sogar mein Chef hatte ein Einsehen und genehmigte mir ganze zwei Tage Urlaub (der erste Urlaub seit Oktober).

Die restliche Wartezeit verging erstaunlich schnell, die Vorbereitungen waren soweit abgeschlossen und auch die Tasche gepackt. Als dann morgens kurz nach vier Uhr der Wecker klingelte, machte ich mich kurz darauf, wenn auch ein wenig zerknautscht, auf den Weg um meinen Zubringerzug nach Frankfurt zu erreichen. Im Gegensatz zu meiner letzten Zugfahrt vor einigen Wochen verlief anfangs alles völlig planmäßig und ich hatte auf dem Frankfurter Hauptbahnhof tatsächlich noch ein wenig Zeit für ein kurzes Frühstück und einen Blick in den gut sortierten Zeitschriftenhandel bis ich den ICE stieg, der mich nach Nürnberg bringen sollte.

Jedoch blieb schon kurz vor Hanau der Zug auf freiem Feld stehen, da sich „einige Personen im Gleisbereich aufhalten“. Die Bahnpolizei benötigte rund eine halbe Stunde, um das Problem zu beheben und es sollte auch nicht mehr gelingen diese Verspätung aufzuholen. Schließlich war ich gegen 9.20 Uhr am Nürnberger Hauptbahnhof und von dort war es nur noch eine kurze Strecke mit der U-Bahn zum Messegelände. Immerhin hatte die Verspätung doch einen großen Vorteil: Der erste große Besucherandrang hatte sich schon in den Hallen verteilt und so konnte ich sehr entspannt den Eingangsbereich passieren. Ich hatte mir vorgenommen direkt ins Pressezentrum der Messe zu gehen, da es hier die Möglichkeit gab eine Garderobe zu nutzen und vielleicht sogar eines der wenigen Schließfächer zu ergattern. Meine Jacke konnte ich hier zwar loswerden, doch sowohl die Schließfächer als auch die Sitzplätze waren schon von Kollegen in Beschlag genommen. So blieb mir nur, nach einer kurzen Stärkung, mich ins Getümmel zu stürzen, um meine To-Do-Liste abzuarbeiten.

Naturgemäß interessiere ich mich in erster Linie für Brett- und Kartenspiele, daher war auch die zweigeschossige Halle 10 mein erster Anlaufpunkt. Hier hatten sich viele der einheimischen Verlage niedergelassen, ebenso zahlreiche Aussteller aus dem benachbarten Ausland. Bei Kosmos, meinem ersten Ziel, drängten sich zahlreiche Schaulustige um die Neuheiten und auch die Vorführung eines Zauberkünstlers lockte viele Neugierige an den Stand, sodass hier dichtes Gedränge herrschte. Die Zaubertricks aus den verschiedenen Zauberschule-Boxen waren zwar schon recht interessant, allerdings wollte ich hier auch nicht unnötig Zeit verlieren. Daher machte ich mich auf den Weg in die entgegengesetzte Ecke der Halle, wo der Heidelberger Spieleverlag seinen Platz gefunden hatte und das aktuelle Verlagsprogramm sowie die kommenden Neuheiten ausstellte. Hier galt mein Interesse vor allem den Produkten von Fantasy Flight Games, deren Übersetzung und Vertrieb der Verlag im deutschsprachigen Raum übernimmt. Auf den neuen Ableger, aus der Arkham Horror-Serie, Eldritch Horror freute ich mich besonders, da ich generell ein großer Fan des Cthulhu-Mythos bin. Auch gab es die beiden großen Transportschiffe für das großartige Star Wars X-Wing schon zu sehen, die erst im Sommer dieses Jahres erscheinen werden. Mit diesen beiden Schiffen dürfte eine ganze Reihe an Neuerungen bei diesem Raumkampfspiel Einzug halten. Darüber hinaus hatte der Verlag einige sehr vielversprechende Prototypen von Spielen dabei, die erst im Laufe des Jahres erscheinen werden.

Direkt nebenan hatten sich die Friedberger von Pegasus Spiele niedergelassen und zeigten neben aktuellen Highlights, wie beispielsweise dem kooperativen Inselspiel Robinson Crusoe oder dem nicht ganz ernstgemeinten Rennspiel Camel Up auch einige weitere Spiele, die bisher nur als Dummies existieren. Das Würfelspiel zum Animationsfilm Der 7bte Zwerg war für mich eher unspannend, aber ich bin sicher, dass es seine Liebhaber finden wird. Viel interessanter fand ich dagegen das strategische Handelsspiel Istanbul, bei dem die Spieler wertvolle Handelsgüter, vor allem Rubine, an sich raffen müssen und die Verquickung von Eisenbahn- und Deckbuilding-Spiel die der Verlag mit Trains demnächst veröffentlichen wird.
Etwas verloren wirkte dagegen der Stand des polnischen Würfelherstellers Q-Workshop direkt gegenüber, deren liebevoll und individuell gefertigten Produkte nicht unbedingt etwas für die breite Masse sind. Mittlerweile bietet dieser Hersteller zahlreiche Lizenzprodukte an, beispielsweise Würfel für das Tabletopsystem Warmachine oder das Rollenspiel Pathfinder, aber auch eher ungewöhnliche Varianten, wie Metallwürfel in Steampunk-Optik befinden sich im Sortiment.
Zwischenzeitlich hatte sich die Lage bei Kosmos etwas entspannt und ich konnte einen relativ ausführlichen Blick auf die neuen Produkte werfen. Neben den obligatorischen Experimentier-Kästen und einem deutlichen Schwerpunkt auf Die drei ??? sah vor allem das Handels- und Piratenspiel Norderwind von Klaus Teuber sehr ansprechend aus. Auch ein weiteres Spiel aus der NichtLustig-Serie wurde vorgestellt, leider gab es jedoch für mich keine Möglichkeit das Würfelspiel Fäkalini vorab anzutesten.
Im ersten Stock der Halle 10 stattete ich zuerst Queen Games, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feiern, einen längeren Besuch ab. Da am Stand fast keine Besucher waren, nahm sich der nette Verlagsmitarbeiter ausgesprochen viel Zeit für mich und erläuterte mir ausführlich das Crowdfunding-finanzierte Zombiebrettspiel Dark, Darker, Darkest, das spaßige Kinderspiel Im Tal der Drachen, das eine gute Augen-Hand-Koordination sowie Teamwork erfordert, das eher unspektakuläre Piratenspiel Tortuga und das erst später im Jahr erscheinende Deckbuilding-Kartenspiel Greed. Auch Abacusspiele, die ebenfalls in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum feiern, hatten hier einen Platz gefunden, boten aber, von zwei Hanabi-Varianten abgesehen, wenig Neues. Für mich interessant waren lediglich die Würfelvariante des Wild-West-Partyspiels BANG! und das strategische Aufbauspiel Limes. Ein paar Meter weiter hatte der französische Verlag Iello seinen Stand aufgebaut und auch hier waren nicht wirklich viele Schaulustige zu sehen, sodass die Mitarbeiter ebenfalls Zeit hatten meine Fragen zu beantworten und mir ihre Neuheiten vorzuführen. Besonders von der Optik gefallen haben mir dabei The Three Little Pigs und Baba Yaga, unkomplizierte, schnelle Spiele, die sich gut als Familienspiele oder für zwischendurch eignen, für die aber noch nach einem deutschen Verlag gesucht wird. Ebenfalls zu sehen gab es den Prototyp von Zombie 15', dessen Finanzierung derzeit über eine Crowdfunding-Plattform läuft. Leider nur sehr wenig konnte mir der Verlagsmitarbeiter jedoch über das wahrscheinlich im vierten Quartal erscheinende King Of New York sagen, auf dessen Erscheinen ich doch sehr gespannt bin. Ebenfalls aus Frankreich kommen Asmodee, die vor einigen Jahren einen radikalen Image-Wechsel vollzogen haben und nun einer der führenden französischen Verlage für Gesellschaftsspiele sind. Hier war es leider kaum möglich einen Ansprechpartner zu finden, da ständig reges Treiben am Stand herrschte. Immerhin war ein Bekannter, der zufällig vorbei kam, in der Lage mir das Kommunikationsspiel Concept zu erklären, was durchaus reizvoll ist und sicherlich den Weg in meine Sammlung finden wird (Danke dafür Lutz!). Ansonsten gab es das obligatorische Zombiespiel, in diesem Fall Zombicide, aber auch natürlich die Aushängeschilder des Verlags wie Zug um Zug oder Small World mit ihren zahlreichen Ablegern. Glücklicherweise konnte ich einen der raren Kataloge ergattern, sodass ich weitere interessante Spiele hoffentlich nicht aus dem Blick verlieren werde und bei Gelegenheit noch einmal darauf zurück kommen kann. Nur unwesentlich ruhiger ging es nebenan bei Amigo, aus dem hessischen Dietzenbach, zu. Hier lag der Schwerpunkt der Veröffentlichungen vor allem bei Spielen, die sich eher an Kinder richten, beispielsweise Koboldbande, Banana Split oder Ene mene miste. Das war nicht ganz so interessant für mich, aber es gab auch noch die Jubiläumsausgabe von 6 nimmt! zu sehen sowie neues Material von Ultra Pro und einige Dinge mehr.
Da ich mich schon einige Stunden in der Halle aufhielt und noch einiges erledigen wollte, begnügte ich mich bei vielen anderen Ständen einfach damit, die verschiedenen Flyer und Kataloge mitzunehmen. So hatte ich immerhin etwas Lektüre für die Heimfahrt und konnte auch sicher gehen, dass ich keine wichtige Neuigkeit verpasste.

Mein Interesse galt, neben den Brettspielen, vor allem dem Modellbau und so machte ich nach einer weiteren kleinen Pause im Pressezentrum einen ausgedehnten Abstecher in die Halle 7. Meine erste Anlaufstelle, bei der ich auch relativ viel Zeit verbrachte, war der Stand von Acrylicos Vallejo, einem spanischen Hersteller für Acrylfarben, die ich seit einigen Jahren für die Bemalung meiner Miniaturen nutze. Neben einigen Farbsets gab es in diesem Jahr vor allem verschiedene Hilfsmitteln, die dem Maler seine Arbeit erleichtern, so beispielsweise das Chipping Medium, mit dem sich Modelle problemlos altern lassen oder die Model Wash-Serie, die interessante Verläufe ermöglicht. Nach einem ausführlichen Gespräch mit dem Standpersonal und einer Vorführung der neuen Produkte ging es weiter hinüber zu Airfix und Tamiya, die wieder eine Mischung aus Bausätzen, kleinen Kunststoff-Miniaturen und Zubehör für den Maler und Modellbauer im Gepäck hatten. Ansonsten lief ich relativ planlos durch die Halle, schaute mir die verschiedenen Neuheiten an und wechselte hier und da einige Worte mit den Herstellern. Etwas überrascht war ich vom 3D-Druck beziehungsweise dem Mangel daran. Nur zwei Hersteller waren mit ihren Produkten vor Ort um zu demonstrieren, wie sich Bauteile und andere feine Werkstücke auch in der heimischen Werkstatt in kleinster Auflage ausdrucken lassen. Die Ergebnisse waren zwar durchaus sehenswert, jedoch noch ein ganzes Stück von der Qualität entfernt, bei der dieses Produktionsverfahren für mich interessant wird. Hier hatte ich eigentlich mit einem deutlichen größeren Angebot gerechnet. Sehr häufig waren dagegen ferngesteuerte Fahrzeuge vertreten. Vor allem die Quadrocopter oder Flugdrohnen lagen dieses Jahr schwer im Trend und fast jeder Hersteller hatte verschiedene Varianten im Angebot. Aber auch eher traditionelle Vehikel wie Autos, Schiffe, Panzer und Flugzeuge gab es in großer Auswahl und für fast jeden Geldbeutel zu bestaunen und ich überlege ernsthaft in dieses Hobby einzusteigen.
Obwohl sich die Verkaufszahlen in den letzten Jahren eher rückläufig entwickelt haben, ist das Interesse an Modelleisenbahnen nach wie vor ungebrochen, wie ein kurzer Abstecher in Halle 4 deutlich zeigte. Neben den großen Herstellern wie Märklin, Faller oder Noch gab es zahlreiche kleinere Firmen, die eine Vielzahl von Bahnen und Zubehör präsentierten und bei denen fast überall recht großer Andrang herrschte. Die letzten Aussteller, die ich mir unbedingt ansehen wollte, befanden sich in Halle 12, ich musste also quer durch die komplette Messe laufen. Bei der Gelegenheit warf ich noch den einen oder anderen Blick auf die verschiedenen Stände, wo es mir vor allem die teils großartigen Masken und Kostüme angetan hatten. Nicht ganz so spannend waren dagegen die ebenfalls zahlreichen Feuerwerkshersteller und auch die Stände mit massenhaft (und offensichtlich billig) produziertem Kunststoffspielzeug waren nicht wirklich interessant. Eigentlich sind Plüschtiere und Puppen nicht unbedingt mein Ding, doch in Halle 1 gab es einige großartige Exemplare zu sehen. Angefangen bei einer Pflanzen vs. Zombies-Serie über knapp 3 m hohe Kuschelbären bis hin zum Pink Panther in allen Größenvarianten war die Auswahl umfassend. Besonders beeindruckt hat mich jedoch eine kleine Reihe von handgefertigten, limitierten Porzellan-Puppen, die tatsächlich lebensecht aussahen und die nur für eine gutbetuchte Klientel erschwinglich sind. Als ich schließlich den Eingang West mit den Hallen 11 und 12 erreichte, war es schon relativ spät und die ersten Besucher machten sich, schwer mit Infomaterial beladen, auf den Heimweg. Ich hegte (die vergebliche) Hoffnung, dass es möglich wäre einen ausführlicheren Blick auf die Stände von Playmobil, LEGO oder Mattel zu werfen. Doch die Leute standen hier immer noch Schlange und ich erhaschte nur einen kurzen Blick auf das aktuelle Großprojekt, The LEGO Movie, bevor ich weiter zum Revell-Stand ging und mir dort die neuen Bausätze anzuschauen. Wie schon in Halle 7 gab es hier viel Fluggerät und auch die Star Wars-Lizenz bringt anscheinend immer noch neue Modelle hervor. Was ich mit, zugegebenermaßen flüchtigen, Blick am Stand sehen konnte, waren einige hübsche Neuheiten, doch ein wirkliches Highlight war in diesem Jahr, zumindest für mich, nicht dabei.

Da ich im 17.30 Uhr wieder am Pressezentrum sein wollte um an einem Meeting teilzunehmen, machte ich mich schon bald, ein klein wenig enttäuscht, auf den Rückweg. Allerdings konnte ich nicht am Stand von Atomax vorbei gehen, ohne mir die, zumeist handgefertigten, Sammlerfiguren anschauen und ein paar Worte mit dem Personal zu wechseln. Bei Preisen von 10.000 Euro oder mehr für eine Micky-Maus-Statue oder eine Tim-Figur musste ich dann allerdings doch etwas schlucken. Dagegen sind die knapp 150 Euro für 20 cm große Playmobil-Figuren tatsächlich noch erschwinglich. Mehr oder minder zufällig stolperte ich in der gleichen Ecke über den Stand des Nürnberger Pinselhersteller Leonhardy, der eine beeindruckende Auswahl an Pinseln, speziell für Miniaturenmaler, hat, die aber erstaunlich schwierig zu bekommen sind. In einem kurzen Gespräch konnte mir der Aussteller jedoch einige Bezugsadressen in meiner Umgebung nennen. Ich habe mich im Vorfeld zwar nicht näher damit auseinander gesetzt, aber im Vorbeigehen fielen mir mehrfach die mittlerweile zahlreich vertretenen LEGO-Klone, zumeist aus China, auf. Diese stoßen thematisch in Bereiche vor um die das Original schon seit Jahren, aus gutem Grund, einen weiten Bogen macht. Ob die Kinder nun wirklich US-amerikanische Marines oder chinesische Volksbefreiungssoldaten und deren Kriegsgeräte brauchen, um damit zu spielen, lasse ich dahin gestellt, ich zumindest war eigentlich mit meinen Rittern, Polizisten und Astronauten zufrieden. Insgesamt waren erstaunlich viele chinesische Verlage und Hersteller vertreten, gab es mit Best of China, gar eine eigene Ausstellung die sich mit dem Thema beschäftigte.

Natürlich war das nicht alles, was es in diesem Jahr in Nürnberg zu sehen gab. Allerdings blieb mir leider nicht annähernd so viel Zeit, wie ich benötigt hätte, um mir einen vollständigen Überblick zu verschaffen. Immerhin konnte ich alle Punkte auf meiner Liste abarbeiten und dazu tatsächlich noch das eine oder andere interessante Gespräch führen. Dabei hatte ich mehr als einmal den Eindruck, dass die Leute an manchen Ständen froh waren mit jemandem zu sprechen, der sich tatsächlich für ihre Spiele interessiert und nicht nur auf Handelsmargen, Umsatz und Einkaufskonditionen achtet. Zudem habe ich von vielen Herstellern ausreichendes Informationsmaterial mitnehmen können, das ich im Laufe der nächsten Tage und Wochen durchgehen und bei besonders spannenden Produkten nochmals nachhaken kann.

Den Abschluss meines Messe-Besuches bildete auch in diesem Jahr wieder das Pressemeeting im Hallenrestaurant. Hier bot sich die Möglichkeit mit den Kollegen aus zahlreichen in- und ausländischen Redaktionen ein kleines Schwätzchen zu halten und sich auszutauschen. Daneben konnte natürlich auch der leckere Rhubarb Bitter Toy verkostet werden, ein Cocktail, den die Nürnberger Barkeeper im Rahmen eines Wettbewerbes extra zur Messe kreiert haben.

Nur ein ganz klein wenig angesäuselt ging es dann zum Endspurt in Richtung Hauptbahnhof weiter, wobei ich mich deutlich mit der Zeit verschätzt hatte und noch fast eine Stunde überbrücken musste, bevor ich den ICE in Richtung Frankfurt besteigen konnte. Die Rückfahrt gestaltete sich dann auch angenehm ereignislos, wobei ich es überraschend finde, wie viele Leute zu solch nachtschlafender Zeit noch unterwegs sind. Schließlich erreichte ich, kurz nach 1.00 Uhr, meinen Zielbahnhof: müde, aber doch zufrieden und schwer beladen mit einer gewaltigen Menge an Merkblättern, Prospekten und Flyern und dem Kopf voller neuer Eindrücke.

Sonntag, 3. November 2013

SPIEL '13

[Messe] SPIEL '13
Donnerstag, 24. Oktober 2013 
Gruga, Essen


Die sonst eher beschauliche Ruhrmetropole Essen mutiert jedes Jahr, Ende Oktober, für vier Tage zum Wallfahrtsort für Spielbegeisterte aus aller Welt. Dort treffen sich Verlage, Spieleautoren, Zeichner, Fans und Geschäftsleute um Neuheiten vorzustellen, sich mit frischen Spielsachen einzudecken oder einfach nur miteinander zu spielen. Auch mich zieht es seit mittlerweile fast 20 Jahren jedes Jahr in die Gruga-Hallen um mir dort Spiele, Figuren, Comics und allerlei andere Dinge anzuschauen und natürlich auch fleißig zu konsumieren.

Nachdem jedoch aus meinem Bekanntenkreis in diesem Jahr zahlreiche Absagen kamen und meine eigene Motivation nicht übermäßig hoch war alleine auf die Messe zu fahren, hatte ich mich eigentlich schon damit abgefunden, die SPIEL nicht zu besuchen. Den schon genehmigten Urlaub konnte ich sicherlich anderweitig sinnvoll nutzen, und nebenbei auch noch Geld sparen. Wenige Tage vor Messebeginn bekam ich jedoch von einem Freund eine Mail, dass er noch jemand zum Aufbau für seinen Stand brauche und mir sowohl Mitfahrgelegenheit als auch Schlafplatz von Mittwoch auf Donnerstag stellen könnte. Kurzentschlossen warf ich daher meine guten Vorsätze über Bord und sagte zu.

Für gewöhnlich bereite ich mich schon Wochen vor der Messe akribisch auf den Besuch vor, stelle Listen von Spielen zusammen, die ich mir unbedingt anschauen möchte und vereinbare den einen oder anderen Gesprächstermin bei Verlagen. Da mir in diesem Jahr jedoch einfach die Planungszeit im Vorfeld fehlte, musste ich mich mit einem groben Hallenplan begnügen und vor Ort sehen, wohin mich die Besucherströme treiben würden. Erschwert wurde die Angelegenheit zudem durch den Umzug in einen anderen Hallenkomplex. Fand die Messe, zumindest so lange ich mich erinnern kann, immer in den Hallen 4 bis 12 statt, so verlagerte sich das Geschehen in diesem Jahr auf die wesentlich größeren Hallen 1, 2 und 3. Damit fielen auch noch einige Fixpunkte weg, an denen ich mich jahrelang orientiert hatte und die ich auch zur Not im Schlaf finden konnte.



War das Wetter die Tage vor der Messe von ungewöhnlich warmen Temperaturen und Sonnenschein geprägt, so gingen schon mittwochs morgens auf dem Weg zum Treffpunkt im hessischen Bischofsheim mehrere starke Regenschauer nieder. Hier musste noch, mittlerweile bei strömendem Regen ein Transporter mit allerlei Kleinkram und den notwendigen Utensilien für den Messestand bestückt werden. Unser, zugegeben optimistischer, Zeitplan war schon nach kurzer Zeit Makulatur und so machten wir uns erst gut anderthalb Stunden nach der geplanten Abfahrtszeit auf den Weg nach Essen. Die Fahrt gestaltete sich, trotz des immer noch regnerischen Wetters, recht ereignislos von dem obligatorischen Stau rings um Köln einmal abgesehen.

Nachdem wir gegen 14 Uhr an den Messehallen angekommen waren, mussten wir uns erst neu orientieren da, wieder bedingt durch den Umzug, die ganze Logistik eine andere war als in den Jahren zuvor. Das unerschütterliche Personal der Messe konnte jedoch alle offenen Fragen klären und so begannen wir mir den Vorbereitungen. 

Obwohl Teile des Teams bisher noch nicht miteinander gearbeitet hatten, gestaltete sich der Aufbau des Standes angenehm unproblematisch und schon nach rund zwei Stunden waren Blisterwände, Spielplatte, Dekoration und Vitrinen aufgebaut, so dass mir noch ausreichend Zeit blieb, durch die Hallen zu schlendern, mir die Stände anzuschauen und schon auf meiner imaginären Checkliste das eine oder andere Leckerli zu vermerken. Überrascht war ich allerdings doch von den vielen leeren Standflächen, die über sämtliche Hallen verteilt waren. Hier würde der eine oder andere Aussteller sicherlich noch eine Nachtschicht einlegen müssen um alles fertig zu bekommen.

Relativ entspannt machten wir uns anschließend im Feierabendverkehr auf den Weg ins benachbarte Oberhausen, wo wir unsere Zimmer bezogen und das weitere Vorgehen besprachen. Es mussten noch einige Vorbereitungen für den Messestand erledigt werden, doch zuerst stand das schon traditionelle Abendessen im CentrO an, allerdings fiel in diesem Jahr der Absacker im Pub aus, da im Hotel noch ein wenig Arbeit auf uns wartete. Außerdem wollte ich mich dann doch nicht ganz unvorbereitet ins Getümmel stürzen und stellte noch eine Liste mit möglichen Anlaufpositionen für den nächsten Tag zusammen.



Da ich glücklicherweise über einen Ausstellerausweis verfügte, konnte ich am Donnerstag, dem Tag der Messeeröffnung, schon kurz nach 9.00 Uhr die Hallen betreten, während sich draußen die ersten Besucherschlangen vor den Eingängen bildeten. Mittlerweile waren auch die letzten leeren Flächen in der Halle verschwunden, doch offensichtlich waren viele Aussteller von den neuen Aufbauzeiten überrascht worden und so wurde fast überall noch fleißig gebaut. Nachdem wir noch letzte Hand an den Stand gelegt hatten, ließ ich meine Freunde von Megalith Miniatures schließlich alleine mit ihrer Arbeit und machte mich auf den Weg durch die Halle 2.


Schon vielen seit Jahren ist einer meiner ersten Anlaufpunkte der Stand von Freebooter Miniatures. Und so führte mich auch diesmal der direkte Weg zu Werner Klocke und seiner Crew. Neben einigen frischen Miniaturen (einschließlich Zombie-Oktopussen) und einer neuen Fraktion für Freebooter's Fate galt mein besonderes Interesse vor allem der App Companero, mit deren Hilfe sich die Spieler ihre Mannschaften für dieses Skirmish-Tabletop problemlos per Smart Phone zusammenstellen können. Nach dem obligatorischen Kauf einiger Püppchen und einem netten, wenn auch viel zu kurzen, Plausch setzte ich meinen Weg fort.

Nur wenige Meter weiter hatten nämlich Green Eye Games ihr Lager aufgeschlagen. Da es noch immer recht früh war und ein Großteil der Besuchermassen sich noch im Eingangsbereich staute, nutzte ich die Gelegenheit um mit dem renommierten Spieleentwickler Sandy Petersen über Cthulhu Wars zu sprechen. Finanziert über eine Crowdfunding-Plattform soll dieses Spiel im ersten Quartal 2014 erscheinen und den Spielern die Möglichkeit geben als Große Alte aus dem Lovecraft-Mythos um die Weltherrschaft zu kämpfen. Bis ich das fertige Spiel in den Händen halten kann, muss ich mich also noch ein wenig gedulden, aber immerhin konnte ich hier schon den Prototyp in den Händen halten, die Spielfiguren streicheln und einige Goodies abgreifen.

Drei Stände weiter hatte die Belegschaft vom Uhrwerk Verlag ein Plätzchen gefunden und ich nutzte die Gelegenheit auch hier "Hallo!" zu sagen. Obwohl sie einige Neuheiten am Start hatten, beispielsweise Zombory, eine Memory-Variante mit Zombies, fehlte mir in diesem Jahr das wirkliche Highlight. Allerdings teilte sich der Verlag den Stand mit den Briten von Modiphius, die drei Rollenspiele vorgestellten. Sowohl Mutant Chronicles als auch DUST basieren eigentlich auf Tabletop-Systemen, deren Hintergründe nun auch für Rollenspieler zugänglich werden sollen, das dritte System war dagegen eine Eigenproduktion und für mich als alten Kultisten besonders interessant. Achtung! Cthulhu verlagert, wie sich vielleicht anhand des Titels schon vermuten lässt, den Kampf gegen die Große Alten in die Wirren des Zweiten Weltkriegs. Auch hier gab es leider nur einige Vorab-Muster anzuschauen, da das fertige Produkt, ebenfalls wieder über Crowdfunding finanziert, noch nicht fertig ist und mit etwas Glück Ende des Jahres ausgeliefert wird. Ebenfalls in der gleichen Ecke der Halle war der Mantikore Verlag untergebracht, der vor allem für seine Abenteuer-Spielbücher bekannt ist, doch diesmal stand das Game of Thrones-Rollenspiel im Mittelpunkt des Interesses. Im letzten Jahr hatte ich schon ein nettes Schwätzchen mit den Verantwortlichen bei Soda Pop Miniatures aus den USA, halten können. Diese hatten mit Super Dungeon Explore ein klassisches Dungeon-Crawl-Spiel mit ausgesprochen niedlichen Figuren und gewissen Anleihen an Computerspiele am Start, das mittlerweile auch schon einige Erweiterungen spendiert bekommen hat. Angesprochen auf Promo-Miniaturen, neue Szenarien oder ihr nächstes Projekt, das Tabletop Relic Knights, wurde mir gesagt, dass sämtliches Material für die Messe noch in einem chinesischen Hafen auf den Versand wartet. Sehr ärgerlich, vor allem für den Verlag selbst, da so die Chance auf eine großangelegte Präsentation in Europa wieder für ein Jahr vertan wurde. Ebenfalls gespannt war ich auf Wyrd Miniatures, die zum ersten Mal in Essen waren. Vor einigen Jahren hatte ich deren Steampunk-Horror-Western-Skirmish-Tabletop Malifaux recht intensiv gespielt, es allerdings irgendwann aus den Augen verloren. Hier gab es neben der zweiten Edition vor allem sehr ansehnliche neue Miniaturen, die mein Interesse an dem Spiel fast augenblicklich wieder anheizten. Auch das fiese Kartenspiel Evil Baby Orphanage musste, alleine schon wegen der Thematik, unbedingt in meine Sammlung. Bei Ulisses Spiele drehte sich, wie gewohnt wieder sehr viel um ihr Flaggschiff Das Schwarze Auge, aber auch die anderen Systeme des Verlags kamen nicht zu kurz. Das Standkonzept, mit dem sie schon auf der RPC anscheinend gute Erfahrungen gemacht hatte, wurde hier fortgesetzt und ich konnte relativ entspannt mit einigen der Verantwortlichen ein kurzer Schwätzchen halten.


Damit hatte ich fürs Erste genug Rollenspiele und Tabletops gesehen und wollte mich den Comics, ebenfalls in Halle 2, widmen. Zumindest meinem Empfinden nach war die Comic Action diesmal erheblich kleiner als in den Jahren zuvor. Natürlich hatten Panini Comics wieder einen großen Stand, an dem sich schon früh die Fans drängten um ein Autogramm eines der zahlreichen Zeichner zu ergattern. Auch Ehepa, Cross Cult und Splitter und einige weitere Verlage und Händler hatten sich wieder auf den Weg nach Essen gemacht und präsentierten dort ihre Neuheiten und Raritäten. Dennoch bin ich mir ziemlich sicher, dass es nicht nur die neue Hallenaufteilung war, die den Bereich der bunten Bildergeschichten so klein wirken ließ. Nach wie vor erfreute sich jedoch die „Zeichnerallee“ einer gewissen Beliebtheit, hatten sich hier doch viele Zeichner und Illustratoren niedergelassen und stellten ihre Arbeiten aus und zeichneten für die Besucher. Leider war, trotz intensiver Suche, meine Jagd nach einigen seltenen Comics und Bildbänden nicht von Erfolg gekrönt und so entschloss ich mich einen der kleinen Außenbereiche für eine kurze Pause zu nutzen.



Im Gegensatz zum Vortag hatte sich das Wetter wieder beruhigt und ich konnte die Herbstsonne und vor allem die frische Luft genießen. Einige übereinander gestapelte Paletten dienten mir als Sitzgelegenheit während ich meine bisherigen Errungenschaften auspackte und begutachtete. Außer einigen Miniaturen und einem kleinen Kartenspiel war die Ausbeute bisher doch eher bescheiden, was aber auch daran lag, dass ich mir die schweren, umfangreichen Brettspiele und Bücher für den Schlussspurt aufheben wollte. Nach einigen Gesprächen mit meinen Sitznachbarn und einem Blick auf meinen provisorischen Messeplan machte ich mich dann doch wieder etwas erholt auf den Weg. Hatte ich mich bisher ausschließlich in Halle 2 aufgehalten, sollte mich mein nächster Weg nun in Halle 1 führen, wo sich viele ausländische Spielerhersteller tummelten, aber auch einige einheimische Verlage ihren Platz gefunden hatten.



Der imposanteste Stand, und damit kaum zu übersehen, waren Queen Games, die eine ganze Reihe von Neuheiten im Gepäck hatten. Entsprechend gut besucht waren auch die Spieltische, wo die Besucher beispielsweise Lost Legends, Templar oder Dark Darker Darkest antesten konnten. Zumindest das letztgenannte, eines der unglaublich vielen Spiele mit Zombie-Thematik in diesem Jahr, hätte ich mir gerne näher angeschaut, doch angesichts der langen Schlange vor den Tischen gab ich diesen Plan praktisch sofort wieder auf. Etwas überschaubarer war die Situation bei den Bulgaren von Mage Company, die ihr märchenhaftes Brettspiel 12 Realms vorstellten, ein weiteres über Crowdfunding finanziertes Projekt. Zumindest optisch machte das Spiel einen sehr ansprechenden Eindruck und auch die Erklärung des Standpersonals konnten durchaus überzeugen. Schräg gegenüber hatten die US-Amerikaner von Global Games Distribution ihren Stand aufgebaut und konzentrierten sich bei ihrer Präsentation auf Krosmaster: Arena. Dieses, eigentlich französische, Spiel basiert auf einem Browser-Game und hatte mich schon vor zwei Jahren bei der Vorstellung des Prototyps interessiert. Hier nahm ich mir tatsächlich die Zeit für ein kurzes Testspiel, was in einer triumphalen Niederlage meinerseits endete. Letztendlich gefielen mir Aufmachung, Spielthematik und -ablauf jedoch so gut, dass ich mir ein englisches Exemplar sicherte. Leider merkte ich jedoch erst viel später, dass der eigentliche Hersteller, Ankama Products, ebenfalls auf der Messe war, wenn auch in einer anderen Halle und das Spiel in Deutsch dabei hatte. Da langsam die Zeit knapp wurde, musste ich mich bei vielen der anderen Verlage mit flüchtigen Blicken auf die Neuheiten begnügen. Vor allem fielen mir dabei The Witches von Treefrog Games ins Auge. Dabei handelt es sich um ein weiteres Brettspiel vor dem Hintergrund von Terry Pratchetts Scheibenwelt. Auch immer wieder lustig sind die Spiele von Czech Board Games, die nach Feier- und Trinkspielen in den letzten beiden Jahren nun das nicht ganz ernst gemeinte Krankenhauskartenspiel Dr. Hrubec vorstellten. Zwischendurch lenkte das Wrestling-Würfelspiel Luchador! mit seinen knallbunten Illustrationen meine Aufmerksamkeit auf sich. Glücklicherweise hatte ein Freund von mir sich das Spiel schon geholt und so könnte ich es später bei einem unserer regelmäßigen Spieleabende näher betrachten. Auf meinem Weg in Halle 3 blieb ich dann schließlich doch noch am Stand der Neuseeländer von Battlefront Miniatures hängen, die mittlerweile ein ganzes Sammelsurium an Spielen und Tabletop-Zubehör unter ihrem Dach vereinigen. Neben den obligatorischen Neuheiten für ihr zentrales Spiel Flames of War hatten sie einige hervorragend modellierte Miniaturen für das Dungeons & Dragons-Rollenspiel dabei und natürlich Figuren für das Weird-War-Tabletop DUST, dessen Lizenz sie erst vor kurzem erworben haben. Nur einen flüchtigen Blick konnte ich dagegen auf die Auslagen bei WizKids werfen, die neben vielen neu aufgelegten HeroClix-Figuren auch ein neues Spiel zum StarTrek-Franchise am Start hatten, bei denen sich die Spieler mit ihren Schiffen Raumschlachten liefern.



Mittlerweile war es schon nach 15 Uhr, ich hatte noch lange nicht alles gesehen, was die Messe zu bieten hat, mein Budget war, mir völlig unerklärlich, zusammengeschrumpft und zu allem Überfluss hatte sich meine Mitfahrgelegenheit für den Heimweg auch noch nicht gemeldet. Doch trotz der langsam aufkommenden Panik, musste ich noch eine kleine Pause einlegen. In den Ohren hatte ich einen beständigen Summton, erste Anzeichen einer Migräne machten sich bemerkbar und die Luft war, obwohl es der erste Messetag war, zum Schneiden. Nach einer Viertelstunde unter freiem Himmel, einem tiefen Schluck aus der Flasche und einigen Telefonaten um eine Heimfahrt zu organisieren, ging es mir erheblich besser und ich machte mich zum vermeintlichen Endspurt in Halle 3 auf.



Waren die anderen Halle schon voll gewesen, so war hier stellenweise an ein Durchkommen gar nicht mehr zu denken. Den eigentlichen Plan, meine Tour am imposanten Stand von Pegasus Spiele zu starten ließ ich fast augenblicklich fallen, da sich hier die Besucher dicht drängten. Wahrscheinlich war dies zu großen Teilen der neuen Shadowrun-Edition geschuldet, die ganz frisch unters Spielervolk gebracht wurde. Auch für Freunde des Cthulhu-Rollenspiels gab es neues Material, das ich nur von weitem sehen konnte und natürlich liefen die ersten Runde für das obligatorische Munchkin-Turnier. Direkt gegenüber weiter hatten Iello ihre Demoflächen aufgebaut und zeigten neben neuem Material für King of Tokyo die beiden umfangreichen Brettspiele Guardians Chronicles und Zombie 15. Auch an anderen Ständen hatten die Lebenden Toten die Kontrolle übernommen, beispielsweise die Zombies!-Reihe von Twilight Creations/Pegasus, Zombicide von Guillotine Games oder The Walking Dead von Z-Man Games. Nicht, das mir die Thematik nicht liegt, aber irgendwann stellt sich doch eine gewisse Übersättigung ein, vor allem, wenn ich den Eindruck habe, dass einige Verlage versuchen mit eher bescheidenen Spielen dem neusten Trend nachzuhecheln. Da ich schon in der Gegend war, stattete ich dem Sphinx Spieleverlag noch einen kurzen Besuch ab, der in diesem Jahr wieder ein kleines Spielchen aus seiner „Schwarzen Serie“ auf der Messe veröffentlichte. Die Ratten im Gemäuer orientiert sich thematisch an der gleichnamigen Erzählung Lovecrafts und entpuppt sich beim genaueren Hinschauen als interessante Variante des Mäxchen-Würfelspiels. Während ich noch die Reihen entlang schlenderte, zeigte mir ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass ich irgendwo in der Halle fast zwei Stunden Zeit verloren hatte und mir keine Stunde mehr blieb um die letzten Einkäufe zu tätigen und den Weg zum vereinbarten Treffpunkt einzuschlagen.



Noch immer dichtes Gedränge herrschte am Stand und den Verkaufsflächen des Heidelberger Spieleverlags, und da ich deren Angebot über den Spielehändler meines Vertrauens (bei der Gelegenheit vielen Dank an das Team vom Orcish Outpost in Mainz) beziehen kann, machte ich auch hier einen Bogen um die Menschenmassen. Wie geplant gönnte ich mir noch schnell einige Resin-Figuren für das nicht ganz ernst gemeinte Wrestling-Spiel Da Clash! von Ammon Miniatures und die neueste Ausgabe der Zeitschrift Tabletop Insider am Stand direkt nebenan. Leider reichte die Zeit nicht mehr für eine Demo des vielversprechenden und zumindest optisch eindrucksvollen Tabletops Dropzone Commander von Hawk Wargames, aber immerhin wanderte auch hier eine Notiz zur späteren Inaugenscheinnahme auf meine Liste. Viel früher am Tag hatte ich schon ein nettes Gespräch mit den Leuten von Warlord Games gehabt, die wieder einige ihrer Kunststoff-Miniaturen für die verschiedensten historischen Tabletop-Systeme im Gepäck hatten. Nun kehrte ich an den Stand zurück, um das massive Regelwerk für das Judge Dredd-Tabletop in Empfang zu nehmen, dass ich mir hatte zurück legen lassen. Jetzt blieb mir eigentlich nur noch, meine Beute, die ich vorher zwischengelagert hatte, bei den Kollegen von Megalith Games abzuholen, mich von diversen Bekannten und Freunden zu verabschieden und versuchen das Messegelände vor dem allgemeinen Besucherstrom zu verlassen.





Nur ein Tag für eine Messe dieser Größenordnung ist bei weitem nicht ausreichend und gerne hätte ich mir das eine oder andere Spiel intensiver angeschaut oder sogar Probe gespielt. Doch leider war dafür ebenso wenig Zeit wie für die sonst üblichen Gespräche mit Autoren und Verlagen. Dennoch habe ich an diesem Tag erstaunlich viele interessante Neuheiten gesehen und mir fleißig Notizen zur späteren Verwertung gemacht. Mit einigen dieser Spiele werde ich mich sicherlich in Zukunft noch intensiver auseinander setzen, auch wenn ich sie hier nur flüchtig oder gar nicht erwähnt habe. Als ich bei der Sichtung des Materials auch den Messe-Katalog durchblätterte, entdeckte ich zudem einige Verlage die ich anscheinend übersehen hatte, bei denen ich aber gerne vorbeigeschaut hätte. Das muss dann im nächsten Jahr besser werden.

Durch den Umzug in die neuen Hallen wirkt, zumindest auf mich, der ganze Aufbau erheblich strukturierter, so dass es kein Problem ist Stände wiederzufinden, eine vernünftige Marschroute zu planen oder sich anhand der Standnummern zu orientieren. Außerdem fiel mir auf, das einige bekannte, und liebgewonnene, Verlage in diesem Jahr darauf verzichtet haben, auf der SPIEL auszustellen. Ob dies der wirtschaftlichen Situation, den Standpreisen oder der wachsenden Bedeutung der RPC geschuldet ist, kann ich als Außenstehender jedoch nur schlecht beurteilen. Dafür gab es jedoch viele neue Gesichter, beispielsweise Wyrd Miniatures aus den USA oder den Games Workshop-Ableger Forgeworld. Natürlich fahren die großen, traditionsreichen Spieleverlage wie Kosmos, Amigo, Hasbro, Ulisses, Pegasus oder der Heidelberger Spieleverlag ein beeindruckendes Programm auf, doch viel spannender sind für mich die kleinen Verlage die nur hier die Gelegenheit haben, ihre Produkte einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen.

Montag, 23. September 2013

The Eden House; Das Bett; Frankfurt

[Konzert] The Eden House
Support: Jordan Reyne
Freitag, 20. September 2013
Das Bett, Frankfurt

Als ich mir vor einiger Zeit, auf die Empfehlung eines Freundes hin Smoke And Mirrors, das Debut-Album der Briten von The Eden House, zugelegt hatte, war ich angenehm überrascht. Druckvoll, gitarrenlastig und mit unterschiedlichsten Sängerinnen sowie Gastmusikern spielt die Band um Stephen Carey und Tony Pettitt soliden Goth-Rock, der seine Wurzeln in den frühen neunziger Jahren weder verleugnen kann, noch will. Diesem ersten Album folgten auch recht bald The Looking Glass und die EP Timeflows in meine Sammlung. Im Frühjahr veröffentlichte die Band schließlich ihr drittes Album Half-Life und Termine für einige Konzerte in Deutschland, zusammen mit den Dreadful Shadows, wurden angekündigt. Glücklicherweise war einer der Termine im Frankfurter Bett, einem der Clubs, die ich recht häufig besuche. Leider musste die Tour jedoch kurzfristig abgesagt werden und ich konnte mich nur mit der CD begnügen. Umso erfreuter war ich, als vor Kurzem zwei Deutschland-Konzerte der Band bestätigt wurden, einer davon sogar in Frankfurt.

So mache ich mich dann ein einem relativ sonnigen Freitagabend auf den Weg nach Frankfurt. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit habe ich diesmal sogar schon die Karten im Vorverkauf geholt, sodass dem Konzertbesuch eigentlich nichts mehr im Weg stehen sollte. Abgesehen vom freitäglichen Feierabendverkehr verläuft die Anreise dann angenehm ereignislos und auch die Parkplatzsuche vor dem Bett ist eigentlich auch kein Problem. Schließlich betrete ich, voller Vorfreude, kurz nach 20 Uhr den kleinen Club. Wirklich viel ist allerdings noch nicht los, was mir die Gelegenheit gibt, mich mit den nötigen Getränken zu versorgen. Da der Merchandise-Stand noch verwaist ist, mache ich es mir auf einem Barhocker vor den Mischpulten gemütlich. Das Equipment ist schon auf der Bühne verteilt und eigentlich sollten um 21 Uhr die Herren von Reptyle das mittlerweile etwas zahlreichere Publikum auf den Hauptakt einstimmen. Nach 20 Minuten ist immer noch nichts passiert, als eine zierliche, rothaarige und reichlich tätowierte Dame die Bühne betritt und sich als Jordan Reyne vorstellt. Derzeit ist sie als Sängerin mit The Eden House unterwegs, doch da die Vorband an diesem Abend leider krankheitsbedingt nicht auftreten kann, übernimmt sie kurzerhand auch noch alleine das Vorprogramm mit ihrem eigenen Material. Nur ausgestattet mit zwei Loop-Maschinen, einer akustischen Gitarre und einer beeindruckenden Stimme legt die Neuseeländerin direkt los, indem sie dank der Loops mehrstimmig mit sich selbst singt. In der folgenden Stunde spielt Frau Reyne ein recht abwechslungsreiches Set, mit einer Mischung aus rein akustischen Nummern, mit alltäglichen Soundschnipseln versetzten Acapella-Stücken bis hin zu wüsten Industrial-Klängen. Zwischendurch macht sie in erstaunlich gutem Deutsch immer wieder ihre Späße mit dem Publikum, erzählt etwas zur Entwicklungsgeschichte ihrer Stücke oder hadert mit dem Tontechniker, der wiederum den Sound nicht immer richtig in den Griff bekommt.
Offensichtlich bin nicht nur ich von diesem Auftritt begeistert, auch der Rest des Publikums applaudiert am Ende des Sets nach Kräften. Entsprechend sind die CDs von Jordan Reyne am mittlerweile gut bestückten Merchandise-Stand rasch ausverkauft, wobei ich das Glück habe die letzten Exemplare von The Annihilation Sequence und Children Of A Factory Nation zu ergattern.

Wie schon zuvor von ihr angekündigt kehrt Jordan Reyne nach nur ein paar Minuten Verschnaufpause wieder auf die Bühne zurück. Diesmal ist sie jedoch nicht alleine, sondern hat ihre Mitmusiker von The Eden House mit im Schlepptau. Da es bei der Vielzahl der beteiligten Musiker und Sängerinnen nie so ganz sicher ist, wer gerade zum aktuellen Live-Line-Up gehört, bin ich gespannt, wer an diesem Abend das Konzert bestreitet. Diesmal stehen an den Gitarren Stephen Carey und Rob Leydon, am Schlagzeug Simon Rippin und am Bass natürlich Tony Pettitt auf der Bühne. Jordan Reyne bekommt zudem am Mikrofon Verstärkung durch Laura Bennett, die beide auch auf der neuen CD zu hören sind.
Der Opener „Gods Pride“ vom Debut-Album beginnt relativ langsam, wird aber immer weiteren Verlauf immer druckvoller. Auch hier setzen sich die Probleme mit der Technik fort. Den Zuhörern fällt dies zwar kaum auf, aber die Band, und vor allem die Sängerinnen haben sichtlich mit den übermächtigen Gitarren zu kämpfen. Mit „Butterflies“ folgt ein Stück vom neuen Album und so langsam kommt auch etwas Bewegung in die Zuschauer. Zwischen den Stücken fungiert Frau Reyne immer wieder als Dolmetscherin zwischen der Band und dem Publikum und trägt dabei ihren Teil zur lockeren Stimmung im Saal bei. Um den Auftritt der Band auch optisch aufzuwerten werden, neben der Lightshow, auch Bilder hinter die Band an die Wand geworfen. Neben geometrischen Mustern und den Plattenartworks gibt es auch kleine Filmschnipsel zu sehen, die sich thematisch auf die einzelnen Songs beziehen. Waren die ersten beiden Stücke noch etwas gemächlich so rockt das folgende „Neversea“ ordentlich und die Musiker legen sich mächtig ins Zeug um dem Publikum einzuheizen. Darauf folgt, nicht ganz so rockig, aber durch den dominanten Bass ebenso druckvoll, „All My Love“, welches live mit zwei Sängerinnen tatsächlich besser ist als die Studioversion. Mittlerweile wiegt sich ein Großteil der Besucher im Takt zur Musik, was der Band augenscheinlich gefällt und ihre Performance noch mehr. Wieder mit der Technik zu kämpfen hat die Band bei „Wasted On Me“, bei dem die Gitarren den Gesang fast vollständig übertönen, was dem Stück viel von seiner Stimmung nimmt und offensichtlich auch für die Musiker nicht wirklich angenehm ist. 

Diese Probleme setzten sich auch bei „Remember“ fort, wobei es hier auch noch die eine oder andere störende Rückkopplung gibt. Glücklicherweise funktioniert die Technik bei „The Dark Half“ wieder etwas besser und die beiden Damen können die sinistren Lyrics in angemessenen Rahmen vortragen. Musikalisch geben hier vor allem das Schlagzeug und der Bass die Richtung vor, während die beiden Gitarristen eher zuarbeiten und sich auf eine unterstützende Funktion beschränken. Für mich der Höhepunkt des Sets und mein unbestrittenes Lieblingsstück ist das folgende „Timeflows“. In den knapp 10 Minuten ist es in erster Linie der treibende Bass, der das Lied trotz der Tempowechsel zusammenhält und dafür sorgt, dass es bis zum letzten Ton spannend bleibt. Gegen Ende schleichen sich jedoch auch hier wieder einige Rückkopplungen ein, von denen ich mir den Spaß an dem Stück jedoch nicht vermiesen lasse. Eher ruhig lässt die Band den regulären Teil des Konzertes mit „City of Goodbyes“ ausklingen, bei dem zum ersten Mal an diesem Abend die Vocals wirklich im Vordergrund stehen und die Musiker sich weitgehend zurück halten und erst zum Finale des Stückes etwas mehr aufdrehen.

Danach verlässt die Band die Bühne und verschwindet im Backstage-Bereich um sich ein bisschen vom Publikum feiern zu lassen. Wieder ist es Jordan Reyne die alleine zurück ins Rampenlicht kommt, um die Zuschauer noch ein bisschen anzufeuern. Schließlich hat auch der Rest der Band ein Einsehen und kommt für eine Zugabe zurück auf die Bühne. Im Vergleich zu den vorangegangenen Stücken ist „Sin“ geradezu langsam, kann aber trotzdem mit einer kraftvollen Instrumentierung aufwarten. Für das letzte Stück, das ausgesprochen eingängige „To Believe In Something“, legt sich die Band noch einmal richtig ins Zeug und auch die Technik spielt zur Abwechslung mit, sodass der Auftritt damit kurz vor Mitternacht einen würdigen Abschluss bekommt.
Die Band verabschiedet sich dann erneut von der Bühne, nur um wenige Minuten später wieder am Merchandise-Stand aufzutauchen. Hier haben die Besucher Gelegenheit ein bisschen mit den Musikern zu schwätzen, sich mit CDs und Shirts einzudecken und sich diese natürlich auch signieren zu lassen. Wer noch nicht müde ist, hat nun direkt im Anschluss bei der „Desperate Society Party“ im Bett die Möglichkeit zu Gothik- und Wave-Klängen noch ein paar Stündchen weiter zu feiern. Für mich ist das leider nichts, da ich am nächsten morgen früh raus muss und noch 70 km zu fahren habe.

Wirklich überrascht hat mich der Auftritt von Jordan Reyne. Ich kannte sie lediglich von Half-Life, wo sie schon bei einigen Tracks für die Vocals verantwortlich war. Die Musik, die sie in ihrem Solo-Programm spielt, unterscheidet sich zwar grundsätzlich davon, ist aber nichtsdestotrotz ausgesprochen beeindruckend. Vor allem die Arbeit mit den Loops und alltäglichen Geräuschen, die sie in ihre Stücke einfließen lässt, ist einfach großartig. Auch ist es erstaunlich, wo diese eigentlich recht zierliche Person die Kraft für ihre Stimme hernimmt. In jedem Fall ein toller Auftritt, der wohl nicht nur mich nachhaltig beeindruckt hat.
Dies war jedoch lediglich ein unerwarteter Bonus, denn ich war ja in erster Linie wegen The Eden House nach Frankfurt gekommen. Und auch hier wurden meine Erwartungen durchaus erfüllt. Die Musiker, allesamt Leute mit langjähriger Erfahrung in den verschiedensten Bands, beherrschen natürlich ihre Instrumente hervorragend. Allerdings ergibt sich daraus manchmal das Problem, das sie einfach ihr Set runterspielen und dann einfach im Backstage verschwinden. Nicht so hier: Die Band hatte augenscheinlich Spaß an dem Auftritt und auch am Zusammenspiel miteinander. Immer wieder wurden kleine Scherze (auch auf Kosten der Bandkollegen) gemacht, das Publikum mit einbezogen und auch die technischen Schwierigkeiten mit Humor genommen. Nach dem eigentlichen Auftritt tummelten sich die einzelnen Bandmitglieder entweder an der Theke oder am Stand und waren bester Laune und einem kleinen Plausch durchaus nicht abgeneigt.
Normalerweise haben die Verantwortlichen des Bett die Tontechnik eigentlich ganz gut im Griff, daher fand ich es merkwürdig, dass es sowohl bei Jordan Reyne als auch bei The Eden House öfter zu Problemen kam. Vor allem die Sängerinnen hatten im Verlauf des Konzertes sichtlich Probleme damit gegen die Gitarren anzukommen, die fast alles andere in den Hintergrund drückten. Die Projektionen im Hintergrund waren nett anzusehen, haben aber für meinen Geschmack zu viel vom Geschehen auf der Bühne selbst abgelenkt. Davon einmal abgesehen hat es das Team vom Bett wieder einmal geschafft eine tolle Band nach Frankfurt zu holen und den Besuchern damit einen gelungenen Abend zu bescheren.



Donnerstag, 12. September 2013

Emilie Autumn; Schlachthof; Wiesbaden

[Konzert] Emilie Autumn
Dienstag, 11. September 2013
Schlachthof, Wiesbaden

Emilie Autumn macht unbestreitbar recht gewöhnungsbedürftige Musik, teils klassisch, teils elektronisch, dabei immer etwas schräg mit einer Vorliebe für morbide Texte. Was ich bisher von der Dame gehört habe, ist zwar interessant, trifft aber eigentlich so gar nicht meinen Musikgeschmack. Allerdings wurde mir von einer Bekannten wärmstens ein Besuch der Live-Show angeraten, sollte sich diese Gelegenheit einmal bieten. Und da Frau Autumn im Rahmen ihrer aktuellen Fight Like A Girl-Tour einen kurzen Zwischenstopp in Wiesbaden einlegt, wollte ich mir dies nicht entgehen lassen.

Um 19 Uhr öffnen sich die Tore des Schlachthofs und mir wird beim Anblick der langen Schlange etwas mulmig, da ich es (wieder einmal) versäumt habe, mir die Karten für das Konzert im Vorverkauf zu sichern. Doch meine anfänglichen Bedenken sind unbegründet. So ist die große Halle zwar gut besucht, aber noch ein ganzes Stück davon entfernt wirklich voll zu sein. Nachdem ich mir meine Karte gesichert habe, ist noch fast eine Stunde Zeit und so gehe ich wieder zurück ins 60/40, das Bistro des Schlachthofs. Zum Glück kann ich einen der Fensterplätze ergattern und habe so einen guten Ausblick auf die Besucher, die sich ihren Weg durch die großen Pfützen in Richtung der Halle bahnen: Herren im Anzug sind dabei genauso vertreten wie Damen in viktorianischer Abendgarderobe, Punks mit lustig hochtoupierten Haaren, einige Grufties in Lack und Leder und Menschen in normaler Straßenkleidung. Allein vom Publikum her dürfte es also zumindest ein interessanter Abend werden.

Kurz vor 20 Uhr gehe ich dann auch in Richtung der Halle, um mir noch einen ordentlichen Platz zu sichern. Das Gedränge am Merchandise-Stand hält sich im Rahmen, doch außer einigen Shirts und etwas Schmuck gibt es dort nichts Interessantes zu entdecken. Große Erwartungen weckt dagegen die Bühnendekoration: Ein Gestell mit einem schmiedeeisernen Tor dominiert die Bühne, rechts davon befindet sich ein kleiner Beistelltisch mit einer stilvollen Teekanne und einem Korb mit Muffins (wobei hier natürlich Scones passender gewesen wären). Auch links steht ein kleiner Tisch, dieser allerdings ohne größere Dekorationen. Pünktlich um 20 Uhr verlöschen dann die Lichter im Saal, lediglich die Beleuchtung der Notausgänge und die Laternen auf der Bühne sorgen dafür, dass die Halle nicht in völliger Finsternis versinkt. Als musikalische Untermalung läuft derweil eine Auswahl verschiedener Music Hall- und Vaudeville-Stücke aus den 20er und 30er Jahren und sorgt bei den Zuschauern für eine entspannte Atmosphäre. Im Nachhinein könnte man auch sagen, dass wir in Sicherheit gewiegt werden sollten, denn unvermittelt weicht die Dunkelheit grellen Stroboblitzen und die Musik wird durch heftiges Geschepper abgelöst. Nachdem sich so die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf die Bühne konzentriert, entert Emilie Autumn zu den Klängen von „Fight Like A Girl“, dem Titelstück des letzten Albums die Bühne. Verstärkung bekommt sie dabei von Captain Maggot und Veronica Varlow, beides Mitglieder ihrer Begleitband „The Bloody Crumpets“. Gekleidet sind die drei in eine wilde Mischung aus Pippi-Langstrumpf-Look, viktorianische Unterwäsche und Piratenkostüme und in jedem Fall ein Blickfang. Die Damen nehmen den Zuschauer an diesem Abend mit auf einen Besuch in das „Asylum for Wayward Victorian Girls“. Um diese Irrenanstalt und deren Insassen dreht sich alles in den folgenden beinahe zwei Stunden. Hat Frau Autumn zu Beginn des Auftritts noch einen imposanten Kopfschmuck, so wird sie dessen von ihren beiden Mitstreiterinnen im Laufe des bitterbösen und musikalisch heftigen „Time for Tea“ beraubt. Einen Ruhepunkt in dem bisher wilden Treiben setzt das beschauliche und fast ausschließlich mit Klavier und Violine instrumentierte „What Will I Remember?“.
Hier haben sowohl die Künstler als auch das Publikum Zeit, einen kurzen Moment zu verschnaufen. Ebenso ruhig ist „Take The Pill“ ausgefallen, bekommt aber durch das Geschehen auf der Bühne und den Text eine recht beklemmende Wirkung. So wird die Sängerin doch in eine Zwangsjacke eingeschnürt und der Song steigert sich zu einem irren Finale. Ebenfalls nicht unbedingt vor Lebensfreude sprüht das folgende „The Art Of Suicide“. An diesen doch eher düsteren Teil des Auftritts schließt sich ein etwas lockerer Part an. Dabei macht Captain Maggot ihre Späße mit dem Publikum und stellt ihre Mitstreiterinnen vor, während Veronica Varlow unter Zuhilfenahme von zwei Fächern mit Straußenfedern eine gelungene Tanzeinlage abliefert. Danach machen sich die drei Damen etwas über anzügliche Fan-Fiction lustig, was dann in dem „Ratty Game“ mündet, bei dem Veronica über eine der Zuschauerinnen herfallen darf. Damit wird das Publikum schließlich in die wohlverdiente Pause entlassen, bei der die Möglichkeit besteht, den Flüssigkeitspegel wieder aufzufüllen oder draußen ein paar Lungenzüge voll frischer Abendluft zu schnappen.

Wie angekündigt ist die Pause tatsächlich recht kurz und „Girls! Girls! Girls“, eine reinrassige Revue-Nummer, leitet den zweiten Teil der Show ein. Emilie Autumn ist mittlerweile in burschikose Kleidung geschlüpft und hat so erneut die Rollen gewechselt. Anstatt selbst den Part der Irren zu übernehmen, gibt sie den Zuhälter, der die Mädchen der Anstalt an gutsituierte Herren vermietet. Damit ist dann auch wieder Zeit für eine kleine Showeinlage, diesmal lässt Captain Maggot zu den Klängen von „We Want Them Young“ einen brennenden Reifen um Bauch und Hals kreisen, was den anderen die Gelegenheit zu einem neuerlichen Kostümwechsel gibt. Eines der Highlights für mich ist das bedrohlich aus den Boxen dringende „Scavenger“, das die lockere Atmosphäre in der Halle wieder durch Beklemmung ablöst. Verstärkt wird dieses Gefühl noch durch die finstere Gestalt, die auf Stelzen hinter der Sängerin herstakst und sie zum Finale des Stücks konfrontiert. Etwas versöhnlicher ist dagegen wieder „Gaslight“ angelegt, das klassisch instrumentiert, wieder mit Violinen und einen (wenn auch elektronischen) Spinett aufwarten kann. Langsam neigt sich der Abend seinem Ende und auch das Stück auf der Bühne steuert seinem Höhepunkt entgegen. In „The Key“ gelingt es den Insassen endlich aus den Zellen zu entkommen und sich gegen ihre Peiniger, die Ärzte und Pfleger zu erheben. Und in „One Foot In Front Of The Other“ marschieren sie letztendlich in die lang ersehnte Freiheit und damit dem letzten Stück des Auftritts entgegen.

Ich weiß nicht genau, wie ich den Auftritt beschreiben soll: Musical, Revue, Cabaret, Performance, Konzert oder alles zusammen. Eigentlich ist es nicht möglich, diesen Abend in Worte zu fassen und auch die Musik von Emilie Autumn auf CD kann nicht die Stimmung vermitteln, die in der Halle herrscht. Die Zuschauer hatten Spaß und auch die drei Damen auf der Bühne haben sich mächtig ins Zeug gelegt. Häufige Kostümwechsel, akrobatische Einlagen am Gerüst, das Spiel mit dem Publikum und auch die Muffinwürfe in den Zuschauerraum (Schokolade, sehr lecker!) zählten sicherlich zu den Highlights
 Das dabei die musikalische Untermalung dabei komplett aus dem Rechner kam, war zwar anfangs etwas befremdlich, hat aber letzten Endes gut zu diesem Auftritt gepasst. Ich hatte zwar zumindest das eine oder andere Violinensolo erwartet, doch von der Vorstellung eines „normalen“ Konzertes konnten sich die Zuschauer eigentlich schon nach der ersten Viertelstunde verabschieden. Stattdessen haben Frau Autumn und die „Bloody Crumpets“ eine, im wahrsten Sinne des Wortes, Show abgezogen, die ich und wahrscheinlich auch keiner der sonst Anwesenden so schnell vergessen wird.